TEST

Pure Energie

"Energija 2V" von SW-Composites


Die "Energija" ist ein Hochleistungsmodell, das robust genug auch für den Alltagsbetrieb ist.

Nicht nur Wettbewerbspiloten, auch viele Hobbypiloten sind von den Flugeigenschaften moderner F3B-Modelle begeistert. Ob als Thermikallrounder in der Ebene oder als schneller Hangsegler - diese leistungsfähigen Modelle mit ihrem unkomplizierten Handling und überlegenen Flugleistungen sind eigentlich der perfekte Flugbegleiter. Die Angebotsvielfalt in diesem Segment ist mittlerweile sehr groß, der Kunde hat die Qual der Wahl. Die meisten der angebotenen Modelle sind aber logischerweise an die Rahmenbedingungen und den Anforderungen der Wettbewerbspiloten angepasst.

Für mich als ambitionierten Hobbypiloten, der ein Modell für alle Tage und Bedingungen suchte, spielten die Attribute Alltagstauglichkeit, gesteigerte Robustheit und nochmals gesteigerte Festigkeit sowie Steifigkeit eine gewichtige Rolle. Die Firma SW-Composite hat auf Basis eines aktuellen Top-F3B-Modells konsequent die Anforderungen an ein robustes und außerordentlich stabiles Hangflugmodell umgesetzt. Basis für dieses Modell ist die auf F3B-Wettbewerben erfolgreich eingesetzte "Energija 2V", eine Konstruktion von Sven Hollenbeck. Das Modell ist - wie nahezu alle aktuell erfolgreichen Entwürfe - auf Strecken- und Speedflug optimiert und mit einem speziell ausgelegten, aber leider nicht näher spezifiziertem Profil mit 1,5 Prozent Wölbung und 7,8 Prozent Dicke versehen.

Doch was unterscheidet die "Energija 2V" von SW-Composite von anderen Modellen? Zum einen handelt es sich bei diesem Modell, bis auf den 2,4-GHz-freundlichen Konusbereich, um ein echtes Voll-Kohle-Modell. Das heißt, sowohl die Tragfläche als auch das zweiteilige V-Leitwerk sind als stützstofflose Hartschalenversion aufgebaut. Aufgrund dieses Schalenaufbaus kann es zu keiner Delamination zwischen Stützstoff und Gewebe kommen. Dadurch wird das extrem robust und ist prädestiniert für den rauen Alltagseinsatz. Die Kunst, trotz fehlendem Stützstoff die geforderte Beulsteifigkeit zu erreichen, liegt vor allem in einem belastungsgerechtem Lagenaufbau. Die Schale der Tragfläche besteht aus mehreren Lagen Kohlegewebe, dessen genauer Aufbau jedoch Firmengeheimnis ist. Einzig als Schlichtlage kommt in der "Standard-Hangversion" Glasge- webe zum Einsatz. Optional kann hier aber, so wie in meinem Fall geschehen, auch noch eine Spread-Tow-Version bestellt werden. Das in der Außenlage eingebrachte Spread-Tow steigert die extrem gute Torsionsteifigkeit nochmals. Wer diese Tragflächen mal in den Händen gehalten hat, wird über die enorme Druckfestigkeit und die sehr hohe Steifigkeit erstaunt sein. Damit der Flügel aber nicht nur über die notwendige Torsionssteifigkeit verfügt, wurde auch beim Holm nicht gespart: Die Holmgurte sind aus dem edlen und leider teurem M46JB-Hochmodulgelege aufgebaut. Als Holmsteg kommen mehrere abgestufte CFK-Schlauch-Stege zum Einsatz. Insgesamt ist der Holm der Hangversion deutlich steifer dimensioniert als in der F3B-Version. Darüber hinaus sind sowohl die Flächenabschluss-Stege als auch die Ruderstege ebenfalls in Kohleschlauch-Bauweise erstellt - dies ist gerade beim Rudersteg enorm wichtig, um die geforderte Torsionssteifigkeit zu erreichen.

Doch was nützt einem eine steife und stabile Fläche, wenn der Rumpf nicht mithalten kann? Darum wurde auch hier nicht an Material gegeizt. Um das Gewicht des Kohlerumpfes nun aber nicht unnötig in die Höhe zu treiben, wird der Rumpf in der Form aufgeblasen und somit das überschüssige Harz herausgepresst. Dank des nun nahezu optimalen Faservolumengehalts ist ein leichter aber dennoch steifer und fester Rumpf erreichbar.

Der sehr hochwertige und aufwändige Aufbau des Modells ist auch sehr gut am Tragflächenverbinder erkennbar: Um hier die volle Bauhöhe ausnutzen zu können, kommt kein normaler Rechteckverbinder, sondern ein geometrisch konischer Verbinder zum Einsatz. Die Breite beträgt 32 Millimeter, die Höhe nimmt von 15 in der Mitte auf 13 Millimeter ab. Die Querkräfte der Flächen werden über 6-mm-Kohlebolzen auf den Rumpf übertragen. Die Steckung des zweiteiligen Leitwerks ist durch einen 5x5-mm-Kohleverbinder sichergestellt.

Dass die erwähnten festigkeits- und steifigkeitssteigernden Maßnahmen kein Nullsummenspiel sein können und sich trotz der aufwändigen Verarbeitung im Gewicht niederschlage müssen, ist wohl kein großes Geheimnis und sollte jedem klar sein. So wiegt der Rohbau dieses Modells runde 2.340 Gramm. Das Gewichts-Steifigkeitsverhältnis ist bei diesem Modell jedenfalls sehr gut - und das ist ja letztlich das Bewertungskriterium. Jeder der es leichter möchte, kann auch zu einer der beiden ebenfalls angebotenen F3B-Wettbewerbsversionen greifen.

Wie bei nahezu allen Voll-GFK/CFK-Modellen ist auch bei der "Energija 2V" der Vorfertigungsgrad sehr hoch. Der zeitaufwändigste Bauschritt ist bei mir immer der saubere Einbau der vier Flächenservos samt Ruderanlenkung. Deshalb kamen auch diesmal Servos der Firma MKS vom Typ "6125 Glider" zum Einsatz. SW-Composite bietet für diesen Servotyp auch sehr leichte Rahmen mit Gegenlagern an. Die Überkreuz-Anlenkungen sollten möglichst gewissenhaft ausgeführt werden, um später auch bei ho-hen Geschwindigkeiten kein Flattern zu provozieren. Um das Optimum aus dem Servo herauszuholen und nichts von der hohen Kraft, Auflösung und Spielfreiheit zu verlieren, ist eine der bekannten Grundregeln ja die Ausnutzung des vollen Servoweges. Das heißt, die Übersetzung von Ruder- zu Servohebel wird grundsätzlich vom gewünschten Ruderausschlag bestimmt. Demnach werden in der Regel ein kleiner Servoarm und ein größeres Ruderhorn verbaut. Zugunsten der besseren Aerodynamik findet man im F3B-Bereich tendenziell eher kleine Hebellängen. Diese Anlenkungen sind dann in der Regel zwar spielarm aber noch nicht wirklich hart. Bei der "Energija" - wie auch bei meinen anderen Hangmodellen - tendiere ich dazu, die Hebellängen unter Bei- behaltung der optimalen Übersetzung beidseitig etwas zu vergrößern. Dies geht zwar zu Lasten der Aerodynamik, verschiebt aber durch die bessere Anlenkung die Flattergrenze nach oben. Die dem Bausatz beiliegenden Ruderhörner waren mir demnach etwas zu kurz und wurden gegen selbstgeschnittene GFK-Hebel ausgetauscht. Als Anlenkungsgestänge verwendete ich auf Empfehlung von Kollegen 2,34-mm-Fahrradspeichen, da diese deutlich steifer sind als der sonst im Modellbau übliche Anlenkungsdraht. Ein weiterer Vorteil dieser Art der Anlenkung ist die Tatsache, dass auch bei kurzen Servohebeln der volle Servoweg ausgenutzt werden kann. Die Servokabel in der Tragfläche wurden vom Hersteller bereits eingezogen und mussten nun nur noch an die Servos angelötet werden.

Am Leitwerk blieb eigentlich so gut wie nichts mehr zu tun, die Steckung passte auf Anhieb. Lediglich der bereits eingeklebte Ruderhebel musste noch passend abgelängt und mit einem kleinen Kugelkopf versehen werden.

Der Rumpfausbau sollte dank beiliegendem Servobrett schnell erledigt sein, solange man keine Sonderwünsche anstrebt. Als Vario-Begeisterter musste dieses natürlich auch in dem schlanken "Energija"-Rumpf seinen Platz finden. Mit etwas Geduld konnte ich dann letztlich auch wirklich eine passende Anordnung der Komponenten finden: Ganz vorne in die Rumpfspitze passte perfekt ein LiFe-Akku mit 1,6 Amperestunden. Gleich dahinter sitzt der Futaba-Empfänger "R6008" und direkt darüber das "Piccolario"-Vario. Für die Servos der Leitwerksruder habe ich die Graupner-"DES 488MG" gewählt. Die Anlenkungen bestehen aus Kohlerohren. Als Abstützung der Rohre im Rumpf liegen dem Bausatz zwei Stützlager aus EPP bei. Als Spannungsregler verwende ich ein BEC von Castle-Creations. Dieses wurde direkt hinter dem Servobrett in den Rumpf geschoben, die Ausgangsspannung liegt bei 5,5 Volt. Um den Schwerpunkt an den richtigen Platz zu bekommen, liegt dem Bausatz ein passend in Form gegossener Bleiklotz bei. Vervollständigt wurde der Rumpfausbau noch mit einem Flitschen- und einem Hochstarthaken. Am Ende war ich doch wieder über- rascht, was so alles in dem dünnen Rumpf Platz fand - Mission completed!

Mit einem Fluggewicht von 3.050 Gramm wartete das Modell nun auf seinen Erstflug in der Ebene an der Flitsche. Zwei parallele F3B-Gummis waren ausreichend, um das Modell auf runde 80 Meter zu schießen, ohne dabei ans Limit der Gummis gehen zu müssen. Die Flitschenhakenposition liegt runde 94 Millimeter hinter der Rumpfspitze. Eingestellt nach den praxiserprobten Herstellervorgaben, flog das Modell erwartungsgemäß schon beim Erstflug ohne Probleme. Weitere Flüge dienten dem Erfliegen meines Grundsetups. Für mich persönlich hat sich ein Schwerpunkt von 103 Millimetern als optimal herausgestellt. Kollegen fliegen teilweise aber auch bei 105 Millimetern. Bei meiner Schwerpunktlage muss minimal auf Tiefe getrimmt werden. Mit dieser Einstellung fliegt das Modell sehr gutmütig, kreist willig und ist dennoch sehr agil. Wendigkeit und Handling machen es dem Piloten sehr einfach, die Thermik zu zentrieren und schließlich auszukurbeln. Beim bodennahen Kreisen macht sich das erhöhte Gewicht des Modells natürlich bemerkbar. Es kann nicht ganz so langsam und vor allem eng wie mit einem F3J-Modell gekreist werden. Die "Energija" verlangt hier einen etwas anderen und minimal flotteren Flugstil. Insgesamt ist die "Energija" aber dennoch so thermikgierig, dass ich auch aus der Flitsche in der Ebene immer meinen Spaß damit habe. Hammerbedingungen sind also definitiv nicht erforderlich, um nach oben zu kommen. Ist die Thermik gefunden und zentriert, kommt mir persönlich das etwas schwerere Modell entgegen. Es liegt einfach satter und stabiler in der Luft. Am Hang ist das Gewicht sowieso nicht verkehrt, denn hier spielen ja die Streckenflug-Eigenschaften beim Flug von Bart zu Bart meist eine wichtigere Rolle als ein minimal mögliches Abfluggewicht. Selbst bei stärkerem Wind und vielen Ablösungen macht die "Energija" negativ verwölbt sehr gut Strecke und marschiert sauber.

Ballastiert man das Modell auf, wird der Turbo gezündet: Durch die Möglichkeit des Flächenballastes kann hier ein Abfluggewicht von 4.880 Gramm erreicht werden. Hat man mit dem Gewicht erst einmal die nötige Ausgangshöhe getankt, kommt man so schnell nicht wieder zur Landung rein. Am meisten Spaß machen Highspeed-Anflüge aus sehr großen Höhen. Aus der gewonnenen Fahrt zieht die "Energija 2V" einfach gigantisch durch. Die Dynamik, mit der das Modell durch riesige Loops oder knackige Wenden geht, begeistert mich immer wieder. Egal welches Manöver man auch fliegt, das Modell ist unbeeindruckt und vermittelt nicht das Gefühl, die Grenzen erreicht zu haben.

Zum Fliegen gehört aber auch das Landen. Die gute Butterflywirkung hilft dabei ungemein. Da ich bei meinem Modell zugunsten einer steiferen Anlenkung nur einen relativ geringen Butterflyausschlag der Wölbklappen zur Verfügung habe, ist die Butterflywirkung bei meinem Modell nur befriedigend, aber absolut ausreichend. Durch die Verwendung der serienmäßigen Ruderhörner sind aber deutlich größere Ausschläge und damit eine deutlich bessere Bremswirkung erreichbar.

Wie es sich für ein F3B-Modell gehört, wurden natürlich auch ein paar Starts an der Winde absolviert. Da ich keine Wettbewerbsambitionen hege, war mir ein sicheres Startverhalten am wichtigsten. Anfangs bin ich relativ häufig aus dem Seil gefallen, dieses Verhalten konnte aber durch eine deutlich vergrößerte Verwölbung in der ersten Startphase behoben werden. Die Höhen waren danach für meine Verhältnisse sehr gut, gerade aus dem Schuss wird durch den steifen Aufbau viel Energie mitgenommen. Der Hochstarthaken sollte für den Wettbewerbseinsatz auf 116,5 Millimeter hinter der Kante des Nasenkonus eingestellt werden.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass jeder, der die psychologische Schwelle der etwas höheren Flächenbelastung verdrängt, mit einem besonderen Fluggerät belohnt wird. Nicht nur aufballastiert überzeugt die "Energija" mit grandiosem Durchzug und herrlichem Speed. Das Handling ist selbst mit dem maximalen Gewicht noch astrein. Dass das Modell aber weit mehr als ein reines Bolzgerät ist, beweisen auch die Thermikeigenschaften, absolute Floaterbedingungen jedoch sind naturgemäß nicht das Metier der "Energija 2V". Sobald es aber auch nur ansatzweise nach oben geht, kann man ins Rennen um die beste Thermik einsteigen. Und alles "Made in Germany".

Fakten
"Energija 2V" von SW-Composite
Ein Voll-GFK/CFK-Hochleistungs-Segelflugmodell
Spannweite: 3.020 mm
Länge: 1.445 mm
Fluggewicht: 3-4,9 kg
Fläche: 61 qdm
Flächenbelastung: 50-80 g/qdm
Ruderausschläge:
Höhenruder: +/-7 mm
Höhenruder Speed: +/-6 mm
Seitenruder: +/-8 mm
Querruder: -18/+8 mm
Querrduer Speed: -18/+14 mm
Thermikstellung
Querruder: +1,5 mm
Wölbklappen: +2,5 mm
Wölbklappen: +2,5 mm
Querruder: -1,5 mm
Wölbklappen: -1,5 mm
Butterfly:
Querruder: -15 mm
Wölbklappen: +42 mm
Höhenruder: +4,5 mm
Schwerpunkt: 103 mm
Preis: 1.500,- Euro (Light F3B), 1.500,- ? (High Competition F3B), 1.350,- Euro (Hangflug/DS); Bezug bei SW-Composite, Tel.: 07023/749885, www.sw-composite.de.

Stephan Schötz


Die Flächenservos werden in den optional angebotenen Servorahmen samt Gegenlager verbaut. Durch die Verwendung von Fahrradspeichen lassen sich sehr steife Anlenkungen realisieren.


Die MKS-Servos sind ideal für diese Art von Modellen.


Das aus Kevlar gefertigte Rumpfboot bietet ausreichend Platz für die Komponenten. Selbst ein Vario ließ sich unterbringen.


Die V-Leitwerksanlenkung erfolgt über Kohleschubstangen die mit Kugelköpfen mit dem Ruder verbunden sind. Durch eine passende Abdeckung kann die Anlenkung aerodynamisch verkleidet werden.


Zugunsten einer steifen Anlenkung wurden relativ lange Ruderhörner verbaut.


Die Steckung des V-Leitwerks erfolgt über bereits eingeklebte Kohleverbinder. Dadurch ist die EWD des gedämpften V-Leitwerks fest vorgegeben.


Dass das Modell weit mehr als ein reines Bolzgerät ist, beweisen auch die Thermikeigenschaften.


Dank dunkler Unterseite plus zusätzlicher Kontraststreifen ist das Modell trotz schlanker Silhouette auch in großen Höhen recht gut sichtbar.


Die Energija ist ungeachtet des relativ hohen Gewichts einfach zu landen.



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