REPORTAGE

Eine echte Rarität

Eigenbauprojekt "SZD 12 Mucha Sto" im Maßstab 1:4


Mit ihren 3,75 Metern Spannweite ist die "Mucha" ein stolzes, aber noch handliches Scale-Modell.

Der Eigenbau eines vorbildgetreuen Segelflugmodells - mit dieser Idee habe ich mich schon lange beschäftigt. Es sollte mein erstes Modell dieser Art sein. Ich gehöre zu der Kategorie der Modellflugsportler, die ihre Ideen in der Werkstatt verwirklichen, um sie auf dem Flugplatz zu bestätigen. Für das neue Projekt galt es ein paar Randbedingungen zu berücksichtigen: Es sollte ein Oldtimer sein, das heißt Konstruktion, Bau und Flug des Originals sollte nach Möglichkeit vor 1965 erfolgt - und das Modell nicht schon unzählige Male auf entsprechenden Plätzen geflogen sein. Der Bau der Hauptkomponenten sollte mit den gleichen Materialien erfolgen, wie dies beim Original der Fall war, also nach Möglichkeit keine GFK oder Styro/Abachi Komponenten.

Unter Berücksichtigung dieser Vorsätze und nach dem Studium vorhandener Unterlagen habe ich mich für den Bau der polnischen "SZD 12 Mucha Sto" - auch als "Mucha-100" bezeichnet - im Maßstab 1:4 entschieden. Es handelt sich um eine Konstruktion der SZD-Werke aus den Jahren 1952/1953, die zu Trainings- und Leistungsflügen dienen sollte. Die ersten Flüge des manntragenden Prototyps fanden im November 1953 statt. Es handelt sich um eine Holzkonstruktion mit einem ovalen, mit Sperrholz beplankten Rumpf. Die Kabinenhaube aus Plexiglas wird zur Seite geöffnet. Der Flügel ist zwei- teilig, jeweils mit einem Haupt- und einem schräg geführten Hilfsholm. Der vordere Teil des Flügels ist mit Sperrholz beplankt, der hintere mit Stoff. Das Höhenleitwerk, ebenfalls mit Sperrholz beplankt, ist mit Hilfe eines Bolzens am Rumpf befestigt. Das Höhenruder ist zweiteilig, die Hälften werden durch eine, sich im Seitenruder befindende Vorrichtung betätigt. Höhen- und Seitenruder sind mit Stoff bespannt. Alle Flugzeuge dieses Typs wurden werk- seitig in oranger Farbe ausgeliefert. Dekorlinien, Beschriftung sowie Immatrikulation waren Schwarz gestaltet. Auf der "Mucha-100" wurden zahlreiche Rekordflüge und Bedingungen zu Leistungsabzeichen erflogen. Allgemein war es bis weit in die siebziger Jahre hinein ein populäres und beliebtes Fluggerät unter den Piloten. Insgesamt wurden in Polen etwa 350 Stück gebaut, von denen 70 für den Export bestimmt waren. Einige Exemplare wurden nach Frankreich, Finnland, Österreich, Schweiz, Italien, in die damalige DDR und Sowjetunion sowie nach Indien verkauft.

Kommen wir zum Modell: Die mir zu Verfügung stehenden Zeichnungsunterlagen hat mir mein Freund Pawel Wozniak aus Polen zugestellt. Ausgearbeitet wurden die Unterlagen aus den meisterhaften Zeichnungen von Marian Gibas, der bereits eine stattliche Anzahl davon für verschiedene Flugzeugtypen erstellt hat.

Der Bau des Rumpfes erfolgte ohne besondere Schwierigkeiten. Ich konnte mich weitgehend an die in der Zeichnung gemachten Angaben halten. Die Spanten wurden aus Flugzeugsperrholz erstellt und auf einer Helling mit den vier Längsträgern verleimt. Vorne im Rumpf wurde, in Anbetracht der kurzen Nase, eine voluminöse Bleikammer vorgesehen. Wie sich später herausstellte, wurde deren Größe richtig geschätzt. Da der Maßstab von 1:4 die Befestigung der Flügel am Rumpf mit Beschlägen wie beim Original kaum erlaubt, habe ich das mit zwei Flach-stählen 2x14 Millimeter realisiert. Beplankt wurden der Rumpf mit 0,6-mm-Birkensperrholz und das Seitenleitwerk mit 0,4-mm-Birkensperrholz. Das Seitenruder habe ich mit "Oratex"-Bügelgewebe bespannt, das Höhenruder-Servo im Rumpf unmittelbar vor der Seitenruderflosse platziert. Empfänger und Seitenruder-Servo kamen direkt hinter den Pilotensitz. Im Vorderteil des Rumpfes habe ich dann noch eine Schleppkupplung eingebaut.

Der Bau der Tragflächen startete mit der Profilewahl. Sollte ich das auch am Original verwendete "Gö-549" gestrakt auf das "NACA M12" am Außenflügel verwenden? Oder sollte ich mich nach einem moderneren und leistungsfähigeren Profil für diesen Nachbau umsehen? In verschiedenen Ausgaben von AUFWIND habe ich Publikationen und Berichte über angewendete Profile von Norbert Habe gelesen. So glaubte ich, hier einen kompetenten Berater in der vorliegenden Angelegenheit gefunden zu haben. Kurzentschlossen nahm ich Kontakt mit ihm auf und schilderte ihm in einer E-Mail mein Problem, mit klarem Hinweis, dass es sich um die "Mucha-100" handelt. Auf die Antwort musste ich nicht lange warten: Norbert Habe schrieb mir, dass er während seiner aktiven Segelflugkarriere selbst über hundert Flüge auf diesem Flugzeugmuster absolviert hatte und gerne bereit ist, mir bei der Lösung des Problems zu helfen. In einem Telefongespräch wurden die Randbedingungen wie Verwendungszweck des Modells, Reynoldszahl und Geschwindigkeit, gewünschte Profildicke, Wölbung usw. besprochen. Einige Tage später lagen die Angaben über das anzuwendende Profil bei mir auf dem Tisch. Norbert Habe schlug das durch ihn berechnete "HN-886" vor. Es weist eine Dicke von 11,35 Prozent und eine Wölbung von zwei Prozent auf, sodass dem Bau eines Holzflügels in Bezug auf Festigkeit nichts mehr im Wege stand. Nochmals vielen Dank an Norbert Habe für seine großzügige Unterstützung!

Die Flügelgeometrie mit Anordnung der Holme, der Rippenaufteilung, der Querruder usw. entspricht der Geometrie des Originals. Im Bereich der Tragflächensteckung habe ich die Rippen aus 3-mm-Flugzeugsperrholz geschnitten, gefolgt von drei Rippen aus 4-mm-Pappelsperrholz und den übrigen aus 2,5-mm-Balsaholz. Im Bereich der Querruderanlenkung wurden die Rippen verstärkt. Die Kiefer-Hauptholmgurte mit vier Millimetern Dicke verlaufen konisch von 18 Millimetern an der Wurzelrippe bis auf acht Millimeter an der Außenrippe. Beplankt wurde wieder mit 0,6-mm-Birkensperrholz, zusätzlich erhielten alle Rippen vier Millimeter breite Aufleimer. Die Sturzflugbremsen, die beim Original an Ober- und Unterseite herausfahren, konstruierte und baute ich ebenfalls selbst. Zu guter Letzt wurden Imitationen der Positionslichter angebracht und alles mit "Oratex" bespannt.

Auch die Geometrie von Höhenleitwerk und -ruder habe ich genau nachgebaut, profiliert mit einem "NACA 0009". Die zentralen Befestigungsrippen bestehen aus Sperrholz, die übrigen aus Balsa. Nasenleiste, Holme und Endleisten sind aus Kiefernholz, beziehungsweise Sperrholz. Das zweiteilige Höhenruder wird beidseitig von einem Servo über eine Vorrichtung im Seitenleitwerk mitgenommen. Bis zu den Holmen ist das Höhenleitwerk 0,4-mm-Birkensperrholz beplankt, die Ruder habe ich wieder mit "Oratex" bebügelt. Auf dem Rumpf befestigt wird das Ganze mit einer Schraube und vier Fixierbolzen. Als kleines Scaledetail bekam das rechte Höhenruder noch die Imitation der Trimmklappe.

Letztlich habe ich das Modell dem Original entsprechend Orange lackiert. Dekor und Beschriftung sind Schwarz. Leider konnte ich mein Ziel, deutlich unter sechs Kilogramm zu bleiben, nicht erreichen. Bedingt durch die kurze Rumpfnase musste ich, um den Schwerpunkt auf 32 Prozent der Flügeltiefe zu bringen, 670 Gramm Blei in der Ballastkammer unterbringen. Das Gesamtgewicht betrug somit 6.400 Gramm.

Das Eigenbauprojekt der "Mucha" kann ich abschließend als Erfolg bezeichnen. Das Verhalten des Modells im Fluge ist gut, stabil und präsentiert ein sehr realistisches Flugbild. Selbst in der Thermik steht das Modell seinem grossen Vorbild in nichts nach. Ich glaube, mir ist hier "ein guter Wurf" gelungen und ich hoffe, damit noch sehr viel Freude zu haben. Sollte jemand unter den AUFWIND-Lesern Interesse am Bau dieses schönes Modells haben, bin ich gerne bereit die Zeichnungsunterlagen sowie Fotos vom Original zur Verfügung zu stellen. Kontakt bitte über die Redaktion.

Fakten
"Mucha 100" 1:4
Ein Oldtimersegler im Eigenbau
Spannweite: 3.750 mm
Länge: 1.750 mm
Gewicht: 6.400 g
Fläche: 94 qdm
Flächenbelastung: 68,1 g/qdm

Ernst Stenzel
Fotos: Ernst Stenzel, Kirsten Stenzel Maurer


Mit ihren 3,75 Metern Spannweite ist die "Mucha" ein stolzes, aber noch handliches Scale-Modell.


Auch die Leitwerke wurden in ihrer Geometrie dem Original exakt nachempfunden.


Das Höhenleitwerk wird durch die lange Schraube im Rumpf befestigt.


Auch die Sturzflugbremsen entstanden im Eigenbau und fahren vorbildgetreu oben und unten aus.


Die Kabinenhaube öffnet wie beim Original seitlich.


Es sind die Details, die an dem Modell faszinieren. Gut zu erkennen ist hier der Anschluss für die Höhenruder.


Die Farbgestaltung entspricht dem Original. Ab Werk wurden sie alle in den Orange lackiert.


In der Luft zeigt das Modell hervorragende Flugleistungen und -eigenschaften sowie ein fantastisches Flugbild.


Dank der Sturzflugbremsen lässt sich die Landung ganz entspannt angehen.



Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 1/2012

Das komplette Inhaltsverzeichnis 1/2012
Zur Heftbestellung bitte hier entlang.

©AUFWIND 2012