TEST

Der Hang ruft

"Tigra 1.4" von Hempel-Modellflugwelt


1,4 Meter Spannweite und hervorragende Gleitleistungen sind die Eckwerte des schönen Modells

Die Sonne schickt sich an unterzugehen. Der Flugleiter baut den Windsack ab und sammelt die noch fehlenden Frequenzmarken ein. Ein ganz leichter Wind schiebt sich aus dem Tal den Hang hinauf. Jetzt sind die Leichtwindsegler gefragt. Gefühlvoll starte ich den "Tigra" und gleite an der Hangkante des Weiherbergs entlang. Wie auf dem Teller dreht das Modell die Kurven, ohne dabei auch nur annähernd Höhe zu verlieren. Das Orange der Flächenspitzen gleicht jetzt fast der Farbe des Sonnenuntergangs. Immer wieder kommt das Modell vorbei und besticht durch sein fantastisches Äußeres und den hervorragenden Flugeigenschaften.

"Was ist das denn für ein Flugzeug?" - Die Frage meines Sohnes unterbricht meine eher träumerischen Gedanken beim Lesen der Werbeanzei-ge. Genau wie beschrieben stellte ich mir gerade die Flugstunden mit dem "Tigra 1.4" des polnischen Herstellers Arthobby vor. Aber, ob sich das wirklich so abspielen wird? Die Zukunft sollte es zeigen! Kurzerhand habe ich das preiswerte Modell bei Hempel-Modellflugwelt in Braunschweig bestellt. Auch passende Servos, einen Empfängerakku und einen Spannungswandler fand ich in dem Online-Shop.

Der Lieferumfang des Modells war recht übersichtlich: Zwei Tragflächenhälften, zwei Rumpfteile, Anlenkhörner, Verstärkungen, eine große Übersichtszeichnung und eine englischsprachige Bauanleitung. Wer die englische Sprache nicht beherrscht, wird auch mit der ausführlichen Bebilderung gut klarkommen. Der Vorfertigungsgrad ist wie bei allen Modellen dieses Herstellers nicht ganz so hoch, aber die Arbeit lohnt sich!

Die Tragflächen sind mit 174 Gramm recht leicht, profiliert mit einem modifiziertem "JK 3780". Die Nasenleiste war bereits angebracht und im Bereich der Ruderaussparungen dienen eingearbeitete Balsastege der Verkastung. Mit den ersten Arbeitsschritten trennte ich nun die Ruderblätter ab und legte die Servoschächte frei. Alle Schnittstellen sind angezeichnet. Aber bitte nur vorsichtig mit einem sehr scharfen Messer arbeiten und ein Stahllineal zur Führung nutzen! Die Größe der Servoschächte sollte man natürlich entsprechend den verwendeten Servos anpassen. Der Styroporkern ließ sich prima mit einem Lötkolben entfernen. Zur Stabilisierung habe ich dann noch die untere Beplankung der Servoschächte mit einer leichten GFK-Matte verstärkt und rundum schmale Holzleisten eingearbeitet. Mit dem Auflegen der Flächenteile auf das kleine Rumpfboot ließen sich auch die Bohrungspunkte für die Tragflächenschrauben übertragen. Auch hier kam wieder der Lötkolben zur Anwendung um die Aussparungen für die Schraubverstärkungen einzupassen. Nach dem Zusammenkleben der Tragflächenteile und dem Freilegen der Kabelöffnung ließ sich der Schaumstoff spielend wieder entfernen. Nach einigen Trockenübungen sorgte eine Mischung aus Zehn-Minuten-Epoxyd und Microballoons für die dauerhafte Verbindung der beiden Tragflächenhälften und den perfekten Sitz der Verstärkungen. Entsprechend der Bauanleitung habe ich später die Nahtstelle noch mit dem beiliegenden Glasgewebe verstärkt. Nach dem Anbringen der beiden Randbögen waren dann die wesent- lichen Klebearbeiten erledigt.

Schleifen? Natürlich noch schleifen - und zwar in mehreren Arbeitsschritten: Das Ziel ist eine Oberflächenqualität wie man es von GFK-Modellen kennt. Je feiner die Körnung, desto besser auch das Ergebnis. Für das Finish eignen sich Klarlacke oder der bekannte Clou-Schnellschleifgrund. Letzterer hat den Vorteil, dass das Ganze mit einem Pinsel recht einfach zu erledigen und sich auch prima "glattschleifen" lässt. Insgesamt waren es bei mir drei Clou-Gänge bis ich mit der Qualität zufrieden war. Normales Scharnierband auf der Oberfläche reichte, um die Ruder anzuschlagen. Das Einkleben der Servos, die Montage der Anlenkungen und das Verlegen der Kabel schlossen die wesentlichen Arbeiten an der Tragfläche ab. Bei den Servos habe ich mich für das Hitec-"HS-A5076HB" entschieden. Es hat ein spezielles Karbonite-Getriebe, das durch die integrierte Rutschfunktion bei Überlast ausweicht und dann wieder in die gewünschte Position fährt. Einen besseren Schutz kann man hier nicht vorsehen.

Es folgten die Arbeiten am kleinen GFK-Rumpf: Die Schraubbefestigungen für den Tragflügel waren bereits eingearbeitet, lediglich die Löcher in der Tragfläche waren noch zu bohren um den Rumpf anzupassen. Das hintere Rumpfteil wird auf das vordere aufgeschoben - soweit so gut, nur passte das nicht auf Anhieb. Mit einem Schleifklotz wurde abgeschliffen was das Zeug hielt, doch das Ergebnis war ernüchternd: Ich musste so viel abgetragen, dass ich von innen wieder verstärken musste. Und es passte dennoch nicht. Der Durchmesser war einfach zu groß. Dabei wäre die Lösung so einfach und kam zu guter Letzt auch noch zum Einsatz: Auftrennen! Mit einem schmalen Trennblatt habe ich einen Längsschnitt gesetzt, der Rumpf gab im Klebebereich nun ein wenig nach und passte damit auf Anhieb. Ausgerichtet wurde das Ganze natürlich mit montierter Tragfläche.

Der Hersteller sah noch die Montage eines flachen Hochstarthakens vor. Wer allerdings wie ich mit dem Modell ausschließlich am Hang fliegen möchte, der kann getrost auf diesen verzichten. Mit einem 2s-LiPo-Akku 500 mAh, einem kleinen "RX5"-Empfänger und 30 Gramm Blei ließ sich der Schwerpunkt auf 107 Millimeter einstellen. In Sum- me brachte der "Tigra" damit gut 390 Gramm auf die Waage. Da haben die letzten zehn Gramm an Farbe auch keine Rolle mehr gespielt und das Modell bekam noch ein oranges Finish.

Der erste Wurf des neuen Modells am heimischen Flugplatz bestätigte meine Erwartungen: Problemlos glitt das Modell über die gesamte Platz- länge. Nur etwas ziehen musste ich. Also ein paar Gramm Blei wieder raus und erneut versuchen - jetzt passte es. Da man diese Art von Nurflügler durch den Halt am Rumpf schon recht gut werfen kann, gelang sogar ein Vollkreis.

Konstruktionsbedingt habe ich das Modell für die anstehende Rhön-Tour erst gar nicht auseinandergebaut. Es passte problemlos auf die hintere Autoablage und war so für den Flug direkt griffbereit. Nur der Wind spielte am ersten Tag leider nicht ganz so mit, wie ich es mir erhofft hatte: Ganz leichter Nordwest-Wind! Also war es nicht der Weiherberg, sondern der Arnsberg, auf dem der "Tigra" erstmals richtig Luft unter den Flügel bekommen sollte. Mit leichtem Schwung ging es über die Kante. Action? Nein, eine Mischung aus Eleganz und Ruhe war nun angesagt: Gleiten, auf dem Teller drehen, gleiten, gleiten, gleiten und gleiten. Dann auch mal drehen, drehen und drehen. Und immer wieder am Hang vorbei. In der leichten Thermik ging es natürlich hoch hinaus. Der "Tigra" kurbelte auch den kleinsten Bart in aller Gemütlichkeit aus. Anschließend konnte ich dann auch mal Gas geben, Loopings fliegen, wendig die Kante vermessen, hoch hinauf und tief herunter. Und kurz vor der Hektik verfiel ich dann wieder ins Gleiten. Das Flugbild war auf Anhieb perfekt. Die Ruderfolgsamkeit bestätigte die im Plan angegebenen Einstellwerte - der Lohn für ein bisschen mehr Bauaufwand. Da kommen in China geschäumte Gleiter nicht annähernd ran! Dies bestätigte sich zusätzlich durch das recht große Interesse der anderen Modellflieger. Auch die Landung forderte mich nicht wirklich heraus: Durchziehen bis das Modell fast steht und anschließend absetzen. Es war, als hätte ich nie ein anderes Modell geflogen. Einziger Nachteil: die Adrenalinpumpe kommt hier nicht wirklich in Betrieb.

Der "Tigra" ist ein fantastisches Modell für ausgeglichene Flugstunden. Der Hang ist sein Zuhause, leichte Aufwindfelder und flaches Ver- messen der Kante machen Freude. Auch mit nur wenig Übung ist das Modell leicht zu beherrschen und ein herrlicher Ausgleich zu GFK-Hangrockern und Schaummodellen. Das kunstvolle Erscheinungsbild am Boden und in der Luft bestätigt den Hersteller auf ganzer Linie.

Klaus Löcker

Fakten

"Tigra 1.4" von Arthobby
Ein Nurflügel zum Entspannen
Spannweite: 1.420 mm
Rumpflänge: 635 mm
Ruderausschläge:
Höhenruder: +/-5,5 mm
Querruder: +6/-10,5 mm
Schwerpunkt: 107 mm
Preis: 129,- Euro; Bezug bei Hempel-Modellflugwelt, Tel.: 0531/2424555, www.modellflugwelt.de.


Im Baukasten fehlt eigentlich nichts. Lediglich Klebstoff und RC-Anlage werden zusätzlich benötigt


Die Position der Servoschächte ist werksseitig angezeichnet, dann sind Cuttermesser und Lötkolben gefragt


Im Schmelzverfahren legt man auch die Bereiche für die Schraubverstärkungen frei


Zugegeben, die Servoschacht-Abdeckungen sind "etwas unkonventionell". Aber das Mittel heilt den Zweck


Der 2s-LiPo als Empfängerakku passt prima in das kleine Rumpfboot


Modelle in der Auslegung wie der "Tigra" sind wahrlich nichts Neues, aber das hier fliegt auch noch ganz prima


Der "Tigra" ist am Hang zuhause und überzeugt durch seine Floatereigenschaften



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