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Die "Taube 40" von Balsa-USA/Kavan

Die meisten meiner Vereinskollegen des MV Müswangen kennen dieses Bild gar nicht mehr: Der Markus mit einem kleinen Motormodell, dazu noch zweiachsgesteuert? Was ist passiert?

Die Geschichte begann in Schwabmünchen auf der Segelflugmesse, als AUFWIND-Redakteur Philipp Gardemin zu mir kam und mich fragte, ob ich Lust an einem kleinen Projekt hätte. Es sei genau das Richtige für einen Holzwurm wie mich. Ich stimmte zu! Mit einem Grinsen im Gesicht drückte er mir dann den Baukasten der "Taube 40" in die Hand. Er selbst behielt eine "Fokker"-ähnliche Konstruktion für sich, über die er in der voraussichtlich nächsten Ausgabe berichten wird. Die Modelle werden von dem amerikanischen Unternehmen Balsa-USA hergestellt und sind - zusammen mit weiteren Konstruktionen - seit kurzem bei Kavan im Vertrieb.

Kaum zu Hause angekommen, öffnete ich den Baukasten und fühlte mich gleich um 30 Jahre zurückversetzt: Balsabrettchen und -leisten, gestanzte Teile - autsch, das sah nach Arbeit aus. Ein großer Plan und eine sehr ausführliche, englischsprachige Baubeschreibung waren auch noch mit dabei. Soweit so gut. Die Sache mit meinem Defizit an Englisch war nicht schlimm, schließlich habe ich auch früher schon das Geschriebene in den Comics ignoriert und nur die Bilder angeschaut. Das klappte auch jetzt sehr gut. Schwieriger war es da schon, die richtigen Leisten zu verwenden, wenn man nicht gewohnt ist mit Zoll- oder Inch-Maßen zu arbeiten. Aber auch da wusste ich mir zu helfen: Ich habe die Leisten einfach auf den Plan gehalten und geguckt ob es passt. Das Raustrennen der Stanz- teile war eine Geduldsprobe. Es sollte in jedem Fall mit der nötigen Sorgfalt geschehen. Mit ei- nem großem Brett, einem scharfen Cutter, et-was Schleifpapier und einer Feile habe ich mich vor den Fernseher gesetzt und in aller Ruhe die Teile bearbeitet. Die Rippen vom Flügelinnenteil habe ich nachträglich nochmal im Blockverfahren bearbeitet, um Differenzen auszuschließen.

Woran man das Alter des Baukastens auch erkennen kann? Sehr dicke Linien auf dem Plan, die zum Teil echt so krumm sind, so schief kann man unmöglich bauen. Kompromisse machen und improvisieren, dann kommt es schon gut.

Die Tragfläche besteht lediglich aus zwei Hälften, die ich gleichzeitig auf dem Plan aufgebaut habe. Sobald die Teile vorbereitet und die Leisten auf dem Plan fixiert waren, ging das Ganze ziemlich schnell voran und sah auch bald ganz ordentlich aus. Wichtig: Falls eine Leiste nicht sauber passen sollte, lieber einmal mehr die Feile zur Hand nehmen und etwas nacharbeiten, um kein Teil durch "Reinwürgen" kaputtzumachen. Als die Flügelhälften rohbaufertig vor mir lagen, hob ich durch Unterlegen einen Randbogen an und klebte die Tragflächenhälften im vorgegebenen Winkel zusammen. Mit Aufbringen der Beplankungsteile in der Mitte und der Verstärkung für die Flügelbefestigung war der Rohbau der Tragflächen schon beinahe abgeschlos- sen. Nun wurde geschliffen was das Zeug hält. Keine große Sache, denn die groben Leisten hatte ich zuvor bereits mit einem Hobel bearbeitet. So war wirklich nur noch der Feinschliff erforderlich.

Leider war das Balsaholz im Baukasten sehr hart und schwer. Da ich das Modell auf Elektro umbauen und nicht wie vom Hersteller vorgesehen mit einem Verbrenner betreiben wollte, musste ich mir dann doch Gedanken über eine Schlankheitskur für das Täubchen machen. Am Leitwerk konnte ich wahrscheinlich kein Gewicht einsparen - oder etwa doch? Das Höhenleitwerk ist lediglich aus Leisten aufgebaut, nur das Ruder war als Balsabrett vorgesehen. Diesem verpasste ich ein paar Löcher, frei nach dem Motto: Bringt es nichts, so schadet es auch nicht. Beim Rumpf konnte ich wirklich ein paar Gramm abspecken. Den Spanten verpasste ich gleich zu Anfang eine Diät und auch den Füllklötzen am Heck und den Seitenruderteilen bin ich mit dem Dremel zu Leibe gerückt.

Nun musste ich mir noch Gedanken über den Antriebsstrang und die Servos machen. Kompromisslos wie ich bin, schlachtete ich einen havarierten Nano-Racer aus. Balsa gegen Schaum, einer muss weichen, mein Favorit stand klar fest. Die Servos würden für die kleinen Ruder vollkommen ausreichen und der 20-Ampere-Regler sollte den herrschenden Strömen auch gewachsen sein. Beim Motor entschied ich mich dann für einen "E-flite 480"-Außenläufer, kombiniert mit einem 10x7-Zoll-APC-E-Propeller. Diesen verwendete ich früher schon bei einer "Taylorkraft" und schaffte damit problemlos Modelle um ein Kilogramm. Als Stromquelle habe ich einen 3s-Lipo mit 1,1 Amperestunden verpflichtet.

Die Servos wurden so weit wie möglich vorne im Rumpf platziert. Mein Bauchgefühl sagte mir bereits eine heftige Hecklastigkeit voraus. Leider sollte mein Bauch Recht behalten. Auch die Stahldrähte für die Ruderanlenkungen mussten weichen und wurden durch 2,5-mm-CFK Stäbe ersetzt. Nun spendierte ich der Taube noch ein Motorhäubchen, denn die Öffnung aus der planmäßig der Verbrenner rausschauen sollte, wollte ich nicht offen lassen.

Nun das Finish: Für die Flügel wählte ich wei-ße Oratex-Gewebefolie. Die eigentlich silberfarbenen Bereiche ersetzte ich durch eine titanfar- bene Bügelfolie. Das Bespannen mit der Gewebefolie ging fix, leider war die andere Folie nicht so toll. Die unterschiedlichen Verarbeitungstemperaturen waren ein Problem. Die Oratex-Folie brauchte rund 30 Grad mehr als die andere, konventionelle Folie. Dies führte beim Nachspannen der Gewebefolie dazu, dass die angrenzende, konventionelle Folie teilweise schmolz. Meine Motivation war schlagartig verflogen. Ich stand vor der Wahl: Runterreißen der ganzen Folie oder kaschieren mit schwarzen Zierstreifen. Ich habe mich für die schwarzen Zierstreifen entschieden. Und eine Pilotendame wollte ich mir auch nicht verkneifen - als Tüpfelchen auf dem "i".

Ein kleiner Wehrmutstropfen blieb: Der 480-er Elektromotor kommt mit Regler und LiPo nicht an das Gewicht eines 6,5-ccm-Verbrennermotors mit zugehörigem Gas-Servo heran. Obwohl ich Akku mit Regler und Empfänger ganz vorne in der Modellschnauze verbaut habe, brauchte es dann noch rund 300 Gramm Blei bis der Schwerpunkt stimmig war.

Auf nach Müswangen zum Erstflug: Frisch gemähter Rasen, 60 Meter Hartbelag-Piste und leichter Wind auf die Nase. Begleitet von meiner Freundin, die sich mit der Fotokamera bewaffnet gleich mal mitten auf die Piste setzte, rollte die Taube vor mir her zum Start. Höhe, Seite und Gas - alles funktionierte einwandfrei. Wegen des vielen Trimmbleis war ich skeptisch, ob die Motorleistung ausreichen würde um die "Tau-be" in die Luft zu befördern. Doch schon mit Halbgas setzte sich das Modell in Bewegung und hob zu meinem Erstaunen schon nach fünf Metern ab. Kurz nachgetrimmt - passt! Die "Taube" flog und zog mit Drittelgas ihre Kreise über dem Platz. Die Gleitleistung war einiges besser als erwartet. Mit Vollgas war sogar einfache Akrobatik möglich, ich meine, was man halt mit Seiten- und Höhenruder so alles hinkriegt: Turns, Loopings und so etwas Ähnliches wie eine Fassrolle ging ebenfalls. Es war schon ein seltsames Gefühl, wieder einmal nur mit zwei Achsen zu fliegen. Aber es machte richtig Spaß. Das Täubchen gehorchte allen Steuerbefehlen und verhielt sich auch bei der Landung absolut problemlos. Mit voll durchgezogenem Ruder setzte es sanft auf - ich bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Ich glaube jeder der schon einmal so ein Holzmodell gebaut hat, weiß wovon ich spreche, wenn ich sage: Es macht einfach Spaß, so ein Projekt zu realisieren. Vor allem jetzt, wo der Winter mit seinem nasskalten Wetter Einzug gehalten hat, gibt es nichts Schöneres als sich mit dem warmen Baustoff Holz zu beschäftigen. Die Baukästen von Balsa-USA sind zwar "von vorgestern" und längst nicht so perfekt wie die heutigen CNC- und lasergeschnittenen Kits, machen aber genau so viel Spaß wie anno dazumal. Die "Taube" wird bei mir sicher nicht gleich verstauben, vielleicht spendiere ich ihr ein Paar Skier für die nächsten Monate.

Markus Frey
Bilder: Markus Frey, Milena Polinelli


Fakten

"Taube 40" von Balsa-USA
Ein Evergreen im Vertrieb von Kavan

Spannweite: 1.575 mm
Länge: 1.120 mm
Preis: 169,- Euro
Bezug im Fachhandel
www.kavanrc.de


Ja, so sah Modellbau auch schon früher aus: Ein Pappkarton mit ganz viel Holz verspricht Modellbauspaß pur


Die Stanzteile waren durchweg in Ordnung, mussten aber an ihren Kanten nachgearbeitet werden


Mit dem Sortieren der Teile und dem Zurechtlegen von Leisten beginnen die Bauschritte


Die Tragfläche wird in zwei Hälften direkt auf dem Plan aufgebaut


Das Höhenleitwerk besteht aus Leisten. Das Ruder wurde später noch mit Ausschnitten versehen


Auch die Sperrholzspanten des Modells wurden großzügig ausgesägt um ein paar Gramm Gewicht zu sparen


Die Füllklötze im Leitwerksbereich wurden mit dem Fräser ausgehöhlt


Auch wenn es nach viel Arbeit aussieht, unterm Strich braucht es nur wenige Stunden bis zu diesem Anblick


Die Seitenleitwerksflossen wurden ebenfalls noch ausgeschnitten um Gewicht zu sparen


Eine kleine Motorhaube wurde aus Sperrholzresten gebaut. Verwendet man einen Verbrennungsmotor, ist das natürlich nicht notwendig


Die "Taube" fliegt gutmütig und zieht mit Drittelgas ihre Kreise über dem Platz. Das Flugbild begeistert



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 1/2015

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