REPORTAGE

Schwäbische Tradition

Die Erfolgsnummer Teckpokal


Mangels Hangaufwind ging es in diesem Jahr wieder mit der Seilwinde in die Luft

Versetzen wir uns mal einen Augenblick in die Lage eines Spaziergängers, der nicht viel von der Modellfliegerei versteht. Der an einem sonnigen Spätsommerwochenende an der Teck vorbei kommt und dessen Weg mitten durch das Geschehen des legendären Teckpokals führt.

Auf der einen Seite haben es sich die Piloten und ihre Teams auf Klappstühlen gemütlich gemacht, bewachen die Hi-Tech-Fluggeräte wie ihren Augapfel, reden über Landepunkte, Streicher und die Frage, ob der neue Explorer mit 3,8 Metern Spannweite oder der alte mit 3,5 Metern besser für den Wettbewerb geeignet ist. Auf der anderen Seite - mit Blick ins Tal - werden genau diese Modelle im Minutentakt von drei Hochstartwinden in die Höhe befördert. Dann beginnt eine merkwürdig erscheinende Prozession in Richtung Landefeld. Dabei schauen die Piloten in die Luft, jeder begleitet vom Teamhelfer und einem Zeitnehmer. In knapp zwei Minuten ist der Weg zum Landefeld geschafft. Dann die Landung des Modells, eine Unterschrift beim Punktrichter abholen und zurück auf die Klapp-stühle. Und das ohne Pause! Start, Prozession, Landung. Fast 900 Mal an diesem Wochenende.

Unser Spaziergänger wird sich das Ganze eine Weile lang betrachten, etwas verwundert feststellen, dass eigentlich immer nur das Gleiche passiert und dann weiter marschieren, Richtung Mittagessen oder Kaffee und Kuchen. Wenn ihm nun dort jemand erzählt, dass der Teckpokal der traditionsreichste Hangflugwettbewerb der Welt ist, wird er ein ziemlich schiefes Bild vom Hangflug haben. Wenn unser Spaziergänger Glück hat, wird ihm sein Sitznachbar dann noch erzählen, dass Hangwind und Thermik auch bei diesem Teckpokal zu schwach waren, und es deshalb einmal wieder keine Alternative zum Hochstart gab - mit einer Ausnahme: Geschätzte fünf Starts erfolgten aus der Hand, allerdings mit F3K-Modellen, die nach dem Schleuderstart auf eine Ausgangshöhe von rund 60 Metern kamen, die für die Flugdauer von drei Minuten locker ausreichten.

Selbst wenn die Außenperspektive auf den Teckpokal ein leicht merkwürdiges Bild abgeben mag: Je näher man kommt, desto spannender wird es. Beispielsweise, wenn man sich den Veranstalter, den Modellsport-Club Kirchheim/Teck e.V. - kurz MSC - betrachtet: Seit 1975 organisiert der Verein den Pokal, die Kameraden und ihre Helfer (insgesamt 35 Frauen und Männer pro Tag) legen sich quer, damit alles klappt. Das fängt mit dem Organisationsteam mit Hansi Gölz und Uli Trautwein an, geht mit den Zeitnehmern und Punktrichtern weiter. Das Team am PC, das die Ergebnisse auswertet und verdammt schnell ist, wenn es darum geht die Zwischenergebnisse auszudrucken und für jedermann zugänglich zu machen. Da sind die Starthelfer, die an den beiden Pokaltagen viele Kilometer laufen, um die Hochstartseile im Minutentakt zurück zum Start zu bringen und da sind dann natürlich auch die Starter.

Einer von ihren ist Jochen Muff, selbst F3B-Pilot beim MSC. Am Ende der Veranstaltung hat er geschätzte 600 Modelle per Hochstart in die Luft gebracht. Dabei waren alle Starts gut verlaufen. Und fragt man ihn dann, ob er Muskelkater hat, lacht er und meint: Nein, das sei er ge- wohnt. Er sieht aus, als wäre er entweder Maurer oder als schinde er sich mindestens dreimal pro Woche bis zur Erschöpfung in der "Muckibude". Stimmt aber beides nicht! Er ist Werkzeugmacher und seine Vereinskameraden haben eine ganz einfache Erklärung für seine Konstitution: "Er isch halt ein Tier."

Eine andere Geschichte ist die vom Team Austria aus der Steiermark. Sechseinhalb Stunden haben sie im Auto verbracht, um jetzt zwei Tage lang in ihren Klappstühlen zu sitzen, unterbrochen von ein paar Drei-Minuten-Flügen. Einer von ihnen ist Michael Bene, gebürtiger Rheinländer mit Wahlheimat Graz. Mit 83 Jahren ist er ältester Teilnehmer beim Pokal. "Ich wollte we- nigstens einmal beim Teckpokal mitmachen", erzählt er. Daraufhin sei er im vorigen Jahr mit seinen Kumpels zum ersten Mal dabei gewesen. Und nun auch dieses Jahr, "weil es so gut war." Bei den Österreichern kommt es, wie bei vielen, auf die Begeisterung an, nicht aufs Material. Sie fliegen nicht die aktuellen F3J-Rennmaschinen, sondern ein paar ältliche Rippenflügler oder Modelle mit Styro-Abachi-Flächen. Dabei sein ist eben alles, auch beim Teckpokal.

Eine weitere Geschichte ist die von Theo Arnold. Eigentlich ist der Mann mit der dicken Zigarre im Mund mit seinen Sechs-Meter-Modellen der Platzhirsch auf der Teck. Da diese Modelle mit einem Gewicht zwischen zehn und 15 Kilo für den Teckpokal denkbar ungeeignet sind, hat er sich bei Tangent einen Kult "geleast" und damit eine Woche lang Drei-Minuten-Flüge und Landungen auf den Punkt und die Sekunde geübt. Trotzdem fliegt er das Modell bei seiner ersten Landung gegen seinen Fuß. Null Punkte, ein Streicher. Späte Genugtuung soll er noch bei der letzten Runde, dem Fly-Off der besten 50 bekommen. Da machte er 1.000 Punkte - Rundenbester! Am Ende Platz 19.

Überhaupt kommt es beim Teckpokal am Ende vor allem auf die Landung an. 50 Landepunkte sind zu holen, aber 30 Zentimeter daneben sind es im schlimmsten Fall nur noch 30, bei einer Drehung von mehr als 90 Grad sogar noch weniger, und bei Fußberührung gibt es eben null Punkte. Und Landen war in diesem Jahr besonders anspruchsvoll: Teilweise wehte leichter Rückenwind. Entsprechend interessant war es, dabei zuzuschauen. Kühne Luftsprünge, weil das Modell eben doch zu weit rutschte, laute Flüche, weil die Landung im Grunde ganz genau gepasst hätte, aber es wegen einem Tick Tiefenruder zu viel eine Stecklandung wurde. Null Punkte! Und dann auch noch die hilfreichen Kommentare der Teamhelfer nach einer fast gelungenen Landung: "Du Schafsäckel, du bisch sieben Sekunden zu früh!"

Vorne, im Bereich der ersten fünf Plätze, wird die Luft dünn. Hier müssen eben alle Landungen in allen Durchgängen passen - mindestens 40 Punkte. Vorjahressieger Markus Briesenick war gut, aber bei den ersten Landungen in diesem Jahr nicht in Topform, daher Platz 5 (immerhin hat sein Team "Pura Vida" bei der Teamwertung zweimal abgeräumt). Florian Muff wäre gern besser gewesen, wegen der beschriebenen Stecklandung im Fly-Off wurde er am Ende Vierter. Stefan Böhlen aus der Schweiz, Altmeister im F3B-Geschäft, schaffte den dritten Platz und Matthias Althammer (ausgerechnet mit der Startnummer 13) und Dirk Hanebutte wurden (mit nur 0,05 Prozent Unterschied) Erster und Zweiter. Beeindruckend wie cool und auf stetig hohem Niveau die beiden durch die neun Runden gekommen sind.

Beim Teckpokal 2014 gab es eine ganze Reihe von Piloten, die sich im Laufe des Wettbewerbs - nach einem mäßigen Beginn am Samstagmorgen - deutlich gesteigert haben. Und einige von ihnen sagten am Sonntagnachmittag Sätze wie: "Jetzt bin ich bereit, jetzt könnte der Teckpokal losgehen." In diesem Fall war es zu spät, aber der Teckpokal kommt wieder. Nachdem die Teilnehmerzahl nach einem Tief im Jahr 2013 wieder deutlich angestiegen ist, steht fest: den Teckpokal gibt es auch 2015 wieder! "Und zwar", so Hansi Gölz, "voraussichtlich am 12. und 13. September."

Am Ende der neun Durchgänge gab es in diesem Jahr gegen 15 Uhr noch ein kleines Schaufliegen. Graupner/SJ präsentierte seine Schaumwaffelflotte, Tangent die beeindruckende "ASG-29" mit sechs Metern Spannweite und heulendem Impellerantrieb, und die neue "Alpina 4001" mit Sechs-Klappenflügel, optimierten Ruderanlenkungen und (endlich) einem Carbon-Vierkantverbinder. Nur leider machte sich hier beim Vor- fliegen nach einer knappen Minute Flugzeit der Propeller selbständig. Zum Glück standen die Piloten etwas abseits, sodass keiner der Zuschauer und keiner der Sonntagsspaziergänger auf dem Rückweg vom Kaffeetrinken den anschließenden Fluch von Tangent-Chef Steffen Wiesner hören konnte.

Michael Brandt


Ergebnisse Teckpokal 2014:

Sieger Senioren:
1. Matthias Althammer
2. Dirk Hanebutte
3. Stefan Böhlen

Sieger Junioren:
1. Michael Kress
2. Timo Welzel
3. Luis Tack

Sieger "Edelsenioren":
1. Gerhard Schwinn
2. Hans Haller
3. Kurt Genkinger

Teamwertung:
1. Pura Vida 1
2. Pura Vida 2
3. Tangent Suisse

Ältester Teilnehmer: Michael Bene (83)
Jüngster Teilnehmer: Tim Kühne (10)


Mangels Hangaufwind ging es in diesem Jahr wieder mit der Seilwinde in die Luft


Bastian Hummel, im Hause Graupner unter anderem für die Modellentwicklung zuständig, ließ es sich das Dabeisein nicht nehmen



Tangent-Chef Steffen Wiesner flog die neue "Alpina 4001"


Es müssen nicht immer Hi-Tech-Modelle für die Teilnahme am Teckpokal sein


Das weitläufige Gelände der Teck ist seit vielen Jahren Schauplatz des legendären Teckpokals


Direkt nach dem Start geht der Teilnehmer mit dem Zeitnehmer an der Seite zum Landepunkt


Bei den richtigen Bedingungen entscheidet letztendlich die Landung über die finale Platzierung


Mit voller Konzentration steuert Theo Arnold sein Modell in das Landefeld


Organisator Hansi Gölz, "Mr. Teckpokal"


Auch die Jugend war wieder mit Feuereifer bei der Sache


Dass Modellflug kein reiner Männersport ist, wurde auch wieder bewiesen


Tim Kühne, 10, war der jüngste Teilnehmer des Teckpokals 2014



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