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Ganz in Holz

Lebendige Tradition mit dem "Albatros"


Zwei Meter Spannweite und ganz in Holz - das ist der "Albatros" von Aerobel

Die Retrowelle ist in vollem Gange. Der Schweizer Anbieter Aerobel begegnet dem Trend mit einer neuen Konstruktion, die sehr stark an einen "Amigo" mit Zechmanntank erinnert: Philipp Gardemin hat den zwei Meter großen "Albatros" gebaut.

Mit schön gemachten Holzmodellen ist Aerobel angetreten, die Freude am Holzmodellbau wieder zu entfachen. Die kleine "Bleriot" (vgl. AUFWIND 2/2016) war da nur der Anfang. Der zwei Meter große Elektrosegler "Albatros" führt die Story nun fort. Seine Konstruktion ist der des "Bleriot" sehr ähnlich: So wurde die Tragfläche wieder in Jedelsky-ähnlicher Bauweise konstruiert. Auch das einfache Brettchen-Leitwerk und der Kastenrumpf zeugen davon, dass es sich hier um eine sehr einfach zu bewältigende Aufgabe handelt. Jedenfalls, wenn es um das Thema Holzmodellbau geht - nicht uninteressant auch für den Einsteiger in den Holzmodellbau.

So kam, was kommen musste: Der Bau des "Albatros" war die pure Freude. Mit Weißleim bewaffnet, ließ ich mich von der Bilderanleitung führen. Die Arbeitsschritte waren so durchdacht, dass ich eigentlich pausenlos durcharbeiten konnte und die einzelnen Bauteile jeweils Zeit zum Aushärten hatten. Sekundenkleber würde hier nichts beschleunigen, dem ganzen Bau nur eine gewisse Hektik verleihen. Es ist Jammern auf ganz hohem Niveau, wenn ich hier anmerke, dass ich mir die Nummerierung der Bauteile mehr in Reihenfolge des Bauablaufs wünschen würde.

Eine große Überraschung war, dass der Rumpf in mehreren Teilsegmenten aufgebaut und erst ganz zum Schluss zum großen Ganzen zusammengefügt wurde. Diese Konstruktionsweise ergibt kleine Bauteile, ein gutes Handling beim Bau und ermöglicht es, das Modell auch auf kleinen Bautischen zu errichten. Gleiches bei der Tragfläche, die in insgesamt vier Stücken auf zwei flach liegenden Holzbrettchen aufgebaut wurde. Der Steckungskasten besteht aus Sperrholz, die Rippen werden aufgesteckt, mit zwei Holmen versehen und schließlich vollflächig beplankt. Alle lasergeschnittenen Teile passten so gut ineinander, dass der ganze Bau wirklich wie von selbst von der Hand ging. Da überraschte dann das formschöne Brettchen-Leitwerk auch nicht mehr.

Wer erinnert sich noch an die legendären Zechmanntanks aus Kunststoff? Mit COX-Motoren versehen, konnten wir damit alle möglichen Segler in die Höhe ziehen - solange der Motor nur lief. Bei Aerobel hat man die Idee aufgegriffen und auch dem "Albatros" einen Motoraufsatz spendiert - selbstredend aus Holzteilen konstruiert. Der Fuß aus Flugzeugsperrholz erwies sich tatsächlich als steif genug und der simple Aufbau für Motor und Regler gelang wirklich formschön. Wie kommt ein Konstrukteur nur auf solche genialen Ideen?

Nach rund zehn Stunden gemütlicher Bastelzeit war der Rohbau des "Albatros" auch fertig. Dank der Brettchen-Bauweise musste nichts bespannt werden. Eine zweimalige Grundierung mit Schnellschliffgrund und 400-er Zwischenschliff reichten hier vollkommen aus. Dabei ist allerdings unbedingt Nitrolack zu verwenden, denn Lacke auf Acrylbasis könnten starke Verzüge des Modells verursachen. In meinem Fall habe ich dann noch ein paar farbige Papierstreifen aufgeklebt und abschließend das Ganze noch einmal mit Schnellschliffgrund gestrichen. Die dann abschließende geringe Rauigkeit habe ich belassen, was die gutmütigen Flugeigenschaften unterstützt.

Das Antriebsset für das Modell hatte ich direkt von Aerobel mitbestellt, ebenso die zwei kleinen Servos. Ein 3s-LiPo mit 2.200 Milliamperestunden fand seinen Platz in der Modellnase und ermöglichte so, ohne Trimmblei auszukommen. Auch ein fertig konfektioniertes Verlängerungskabel für die Stromversorgung des Motors und die Ansteuerung des Reglers lag bei. Es wurde bei der Modellfertigstellung an der Hinterkante des Aufsatzes in den Rumpf verlegt und mit einer Kunststoff-Clipleiste fixiert. Dass der Produzent des Kabels aus Versehen beidseitig Buchsen an das Kabel angelötet hat, sehe ich ihm nach. Das konnte ich schnell korrigieren, wie auf dem Foto gezeigt.

Ein einfacher 6-Kanal-Handsender von JR dient mir als gemütliche Alternative zum großen Pult bei diesen Modellen. So auch beim "Albatros". Programmieren und Einstellen ist natürlich eine Sache von Minuten. Mischer oder Flugzustände sind Fremdwörter in diesem Fall.

1.010 Gramm Fluggewicht und ein stiller Abend im Spätsommer - der "Albatros" wurde in seinen Erstflug geschickt. Den Motor auf Halbgas und die ganze Fuhre wurde mit einem leichten Schubs aus der Hand in die Luft befördert. Nach wenigen Metern war die Hand am Gasknüppel und die Motorleistung auf 100 Prozent. Wesentlich zügiger als erwartet zog der "Albatros" nach oben und stellte einen stabilen und sicheren Steigflug ein. Nach einer halben Minute hieß es Motor ausschalten weitersegeln. In gemütlicher Schrittgeschwindigkeit glitt das Modell einfach so dahin. Dabei mit dem Seitenruder die Richtung bestimmen, das Höhenruder wurde eigentlich nicht gebraucht. In großen Runden segelte der "Albatros" nun über den Platz. Ich freute mich wie ein Schneekönig über das herrliche Flugbild, die Flugeigenschaften und das tolle Flugverhalten. Nur ab und zu regelte ich den Antrieb hoch um wieder ein paar Meter zu steigen. Und irgendwie fühlte ich mich dabei wieder wie 1984 auf dem Stoppelacker in Norddeutschland.

Der "Albatros" ist für ruhige Tage gemacht, darauf weist Aerobel auch explizit hin. Und ich kann es nur bestätigen: Leichte Winde sind noch okay, aber alles was auffrischt und turbulent ist, ist tabu. Das eher kleine Seitenruder hat dann schon erhebliche Probleme, die Richtung gemäß Pilotenwunsch einzuhalten. Es ist ein Modell zum Relaxen und Genießen - und wann geht das besser, als an einem ruhigen Abend auf der Wiese, vor untergehender Sonne und mit ganz viel Ruhe? Der "Albatros" ist das ideale Begleitmodell dafür und bietet zudem noch viel Raum für eigene Kreationen, Modifikationen und Ausbaumöglichkeiten.

Philipp Gardemin
Fotos: Philipp Gardemin, Pascal Fempel


Fakten

"Albatros" von Aerobel
Ein ganz simpler Elektrosegler

Spannweite: 2.000 mm
Länge: 1.060 mm
Gewicht: 1.010 g
Fläche: 33,5 qdm
Flächenbelastung: 30,1 g/qdm
Preis: 189,- sFr
Bezug bei Aerobel
Tel.: 0041/61/9014549
www.aerobel.ch


Gut gemachte und hochqualitative Holzteile kommen da aus der Schweiz

Die Konstruktion ist simpel und durchdacht.

Eine gute Idee ist der mehrteilige Aufbau des Rumpfes.

Der Steckungskasten und die ersten zwei Rippen einer Tragflächenhälfte stellen eine Einheit dar

Das Brettchen-Leitwerk wird an exponierten Stellen mit kleinen Aufdopplungen verstärkt

Die ganze Tragflächenhälfte hat als Basis ein durchgehendes Balsabrett

Auch der Motoraufsatz besteht aus Holz. Hier mit den, von Aerobel empfohlenen Antriebskomponenten

Mit Halbgas locker aus der Hand, ist der Start des "Albatros" eine ganz einfache Sache

Die Gleitflugleistungen sind dem Modell angemessen, die Optik ist umwerfend

Trotz des eher kleinen Seitenruders ist die Wendigkeit ausreichend und das Modell immer gut unter Kontrolle zu halten

Tiefflüge mit und ohne Motorkraft sind eine Augenweide, insbesondere bei ganz ruhigem Wetter

Zur Landung einfach "hereinsegeln". Korrekturen sind an diesem Punkt nicht mehr nötig

Die Papierstreifen und das klar lackierte Holz heben den Retro-Charakter hervor

Der Motoraufsatz mit dem frei liegenden Außenläufer. Die Kabel sind auf der Hinterkante heruntergeführt



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 1/2017

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