REPORTAGE

Retroplane 2017 - Auf dem Hangfluggeläne von Vauville in Frankreich

Die Herausforderung der Segelflugpioniere


"Andre Thomas" von 1923

Das Treffen der Freunde historischer Segelflugmodelle ist jeweils ein Highlight des Jahres. Die Vorbereitungen für die Veranstaltung 2017 auf dem Hangfluggelände von Vauville in Frankreich begannen bereits zwei Jahre zuvor: Organisator Vincent Besancon hatte die Teilnehmer aufgefordert, ein Modell zu konstruieren, dessen Original vor 1925 gebaut wurde.

Über 30 Projekte wurden in diesen zwei Jahren verwirklicht und im Retroplane-Forum dokumentiert. In Vauville waren dann 27 Modelle am Start. Viele Teilnehmer nutzten zur Suche nach einem passenden Vorbild die Webseite von Claude Lacombe (www.j2mcl-planeur.net). Die bietet unzählige Dokumentationen und bewahrt damit seltene Baumuster vor dem Vergessen. Die Spannweiten liegen meist bei bis vier Metern, was am Hang noch gut zu händeln ist - die "Spannweitenmonster" werden wieder weniger.

Ich habe als Vorbild eine tschechische Maschine gewählt: eine "Haller ZA2" im Maßstab 1:4. Diese Konstruktion finde ich besonders reizvoll, weil die Bauunterlagen nur aus einer Dreiseitenansicht und wenigen Bildern bestehen - das lässt viel Spielraum für die eigene Kreativität. Mein Ziel war es, dem Modell den Charakter der Zeit zu geben, also möglichst wenig moderne Baustoffe und eine auf den Zweck ausgerichtete Konstruktion. Außerdem wollte ich unbedingt dieses "Erstfluggefühl" erleben: Ich habe mir oft vorgestellt, wie es den Erbauern und Piloten damals wohl ergangen sein mag, die nach langer Bauzeit ihre Flugzeuge zum Hang gebracht und dort auf den Start gewartet ha-ben. Pioniere, die unter Einsatz ihres Lebens ihre Träume verwirklichen wollten.

Zurück nach Vauville: Der Wind bläst dort vom Meer mit gut 40 Stundenkilometern über das Hangplateau - perfekte Startbedingungen. Ein "Abrial - Levasseur A1" von 1925 war startbereit am gespannten Gummiseil. Frederic Maix hatte das Modell für diesen Augenblick gebaut. Es herrschte eine besondere Stimmung am Hang, die Anspannung war spürbar, Pilot und Starter riefen sich knappe Befehle zu und gaben den "Abrial Levasseur" frei. Die Räder rumpelten kurz, dann ging das Modell über die Kante. Es sah gut aus. Das Modell gewann sofort an Hö-he - die ersten Kurven wurden geflogen. Der Pilot strahlte - das passte!

Für mein Modell habe ich den Handstart gewählt. Ich hatte alles nach bestem Wissen eingestellt. Dennoch machte mir die Stellung des großen Pendelhöhenruders Sorgen. Mein Starter hielt das Modell gegen den Wind um eine Tendenz zu spüren. Ich bekam zwei drei Anweisungen zur Trimmung, dann das Kommando - und auch mein "ZA2" schaffte die Kante. Meine Knie wackelten ordentlich. Nach einigen Metern fühlte ich: alles geht gut. Die Anspannung ließ nach und ein Triumphgefühl stellte sich ein. Es wurde ein schöner Flug!

Was da in Vauville in jenen Tagen geflogen wurde war einmalig! Jeder einzelne hat eine herausragende Leistung geboten. Es gab auch ganz besondere Modelle, die in Technik und Bauausführung absolut einzigartig sind. Unser Wissensdurst war da kaum noch zu stillen: Wie wird ein Tandemflügler eingestellt und gesteuert? Reicht der Wind für einen Doppeldecker und ist ein Doppeldecker mit Flächenverwindung wendig genug für den Hangflug? Wie fliegt ein Kastenrumpf mit einem dreieckigen Flügel und wie macht sich ein mehrfach geschwungener Flügel im Aufwind? Wurde das richtige Profil gewählt? Auf diese und noch mehr Fragen ha- ben wir an diesem Wochenende Antworten bekommen!

"Die goldene Rippe" ging in diesem Jahr an Johannes Vannahme. Er hat das "Stehaufchen" aus Dresden im Maßstab 1:3 nachgebaut. Ein Doppeldecker, gesteuert über Flächenverwindung aus dem Jahre 1921. Johannes hatte kurz vor dem Treffen noch einige Gummiseilstarts in der Ebene gemacht und das Modell dabei beschädigt. Er hat es dann in einigen Nachtschichten wieder repariert und an den Start gebracht. Ein Modell, das nicht nur in der Bauausführung begeistert, es wurde auch perfekt vorgeflogen.

Jindrich Stejsskal ist in der Szene bekannt für seine hohe Baukunst. Er brachte eine "Landes-Derouin" von 1922 an den Start. Der geschwungene Flügel ist bautechnisch eine echte Heraus- forderung und die Umsetzung perfekt gelungen - das Flugbild dementsprechend ein Traum!

Roger Vettorel hatte im Vorfeld des Treffens großes Pech: Sein "Espenlaub E5" von 1924 ging bei einem F-Schlepp zu Bruch. Er hatte "Ersatz" dabei: einen wunderbar gebauten Doppeldecker aus dem Jahr 1922. Der polnische "Potez P-VIII" wurde am Gummi gestartet und ist vermutlich besser geflogen als es das Original je tat!

Auch Vincent de Bode hat einen besonderen Doppeldecker gebaut. Seine "Fokker FG2" war sowohl am Boden als auch in der Luft ein echter Hingucker. Er hat ebenfalls einen Sonderpreis erhalten. Bauausführung und technische Lösungen sind bei dem Modell auf höchstem Niveau - man steht staunend davor und kann sich nicht sattsehen.

Gert König aus Österreich war wieder einmal besonders mutig und hat sich an einem "Lohner Umlauff Rodelgleiter" versucht. Der Schwerpunkt hat leider nicht gepasst - inzwischen hat das Modell in Kärnten die ersten Flüge absolviert.

Die Retroplane-Teilnehmer haben bautechnisch einen sehr hohen Level erreicht. Die Arbeit mit Sperrholz als Beplankungsmaterial ist inzwischen Standard, auch bei kleineren Modellen. Rippen und Spanten werden oft in Stäbchenbauweise mit Kieferleisten gebaut. Für die Rippen werden dazu Schablonen aus Sperrholz gefräst. Bügelgewebe wird nur noch selten verwendet. Zum Einsatz kommen Gewebe wie Diatex oder Koverall, die mit Spannlack aufge- bracht werden. Neu war bei einigen Modellen die Endleiste aus Spanndraht, was beim Bespannen viel Mühe macht. Die Konstruktion der Rippenflächen muss dabei den Gegebenheiten angepasst werden: damit die Endleiste gerade wird, müssen die Rippen hinten auf jeden Fall gegeneinander abgestützt werden. Dazu wird im letzten Profildrittel ein Hilfsholm eingezogen. Ich habe erstmals zwei "Leiterholme" verbaut. Diese Konstruktion aus Kieferleisten ist sinnvoll, wenn zum Beispiel die Torsionsbeplankung vorne sehr schmal ist. Die Rippen werden zum Flächenaufbau einfach aufgefädelt und nach dem Ausrichten verleimt. Je nach Einsatz wird der Leiterholm vorher entsprechend verkastet. Auffällig bei den sehr alten Baumustern sind die zum Teil seltsamen Landegestelle, die teilweise mit Rädern ausgestattet sind. Meine Holzkonstruktion sieht zwar interessant aus, war aber dem rauen Hangflugbetrieb nicht gewachsen. Gleiches gilt auch für Flächenstreben, die im Alltagsbetrieb oft Probleme bereiten. Wer bei der Landung damit hängen bleibt darf zu Hause reparieren. Ich fand es bemerkenswert, wie problemlos und einfach manche Modelle geflogen wurden. Das wird wohl auch der Verwendung "moderner" Profile geschuldet sein. Das "MS 535" war wieder häufig vertreten. Auch Profile von Helmut Quabeck machen sich bei Oldtimern optisch ganz gut und brachten auch bei unseren "fliegenden Widerständen" erstaunliche Flugleistungen.

Alle Konstruktionen in diesem Jahr sind auf der Teilnehmerliste mit den entsprechenden Bauthreads verlinkt. Einfach bei www.retroplane.net auf "Vauville 2017" klicken - es lohnt sich!

Walter Wachtler


"Avrial Levasseur"

"Haller ZA 2"

"Landes Derouin"

"Peyret Tandem"

"Fokker FG2" (1922) von Vincent DeBode

Der Vorbereitungsraum in Vauville. Im Vordergrund der "Potez PVIII" von Roger Vettorel

Leider ging es nicht immer gut aus: Der "Mira 3" wird beim Start von einer Böe erfasst und geht zu Bruch

"Tikhonravov Aral" von 1923

"Potez P VIII"

"Stehaufchen" von Johannes Vannahme - eine Meisterleistung!

"Lohner Rodelgleiter"



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 1/2018

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