TECHNIK

ARF-freie Zone

Der "Airtractor AT-802a" von Modellbau Letmathe


Diese Agrarflugzeuge muss man lieben oder hassen - optisch "irgendwie anders" sind sie allemal.

Agrarflugzeuge? Damit verbinden die meisten von uns doch nur die alten Blechkisten aus den 60er- und 70er Jahren, die meist in osteuropäischen Ländern unterwegs waren um auf den Kolchosen ihre Dienste zu leisten. Ich selbst habe noch im Sommer 1996 in Rumänien eine "Antonov AN-2" neben der Landstraße auf dem Feld starten und landen sehen, wo sie Arbeiter abgesetzt und aufgenommen und dazwischen Sprühdienste geleistet hat. Dass es auch in westlichen Ländern eine Agrarflugzeug-Kultur geben hat, wird dabei oft vergessen. Nur ein Beispiel: Der US-amerikanische Flug- zeughersteller Air Tractor Inc. beliefert seit Jahrzehnten den internationalen Markt mit Agrarflugzeugen. Das aktuellste Modell ist der Typ "AT-802a", der außerdem als "Fire Boss" angeboten und unter anderem in Spanien zur Waldbrandbekämpfung eingesetzt wird. Dieses 18 Meter große Flugzeug ist ein faszinierendes Stück Luftfahrt. Wer mehr wissen will: www.airtractor.com.

Für mich stand so ein Agrarflugzeug schon lange auf meiner Wunschliste. Die Auswahl ist bekanntlich groß, doch so richtig gefallen hatte mir keines. Bis, ja bis ich den besagten "Airtractor" sah: Zwischen 2,5 und drei Metern Spannweite, ganz in Holz und mit funktionierender Sprühvorrichtung - das wäre ein Ding! Und es wäre eine schöne Aufgabe für einen langen Winter, das Modell zu konstruieren und zu bauen. Doch wie so viele andere Pläne, verschwanden auch diese zunächst in der Schublade.

Umso erfreuter war ich, als ich auf der Internetseite von Modellbau Letmathe einen Holzbausatz des "Airtractor" sah, hergestellt von dem südkoreanischen Hersteller Estarmodels. Mit 126 Zentimetern Spannweite und für nur 88,- Euro wäre dieses Modell eine schöne Aufgabe für ein paar gemütliche Bastelabende und die richtige Einstimmung auf den großen Bruder.

Gedacht, bestellt: Die kleine Pappkiste war randvoll mit 22 Brettchen sowie einigen Leisten und Kleinteilen. Außerdem eine tiefgezogene Cockpit- und Motorhaube aus Klarsichtmaterial (!), ein gerollter (!) Bauplan und eine deutsche Anleitung von Letmathe. Alle Holzteile waren sauber gelasert und ließen sich mit nur ein paar Schnitten aus ihren Brettchen lösen. Praktisch ist auch, dass alle Holzteile auch ihre Bauteilnummern eingelasert haben. Damit gehörten in diesem Fall das Suchen, Vergleichen und Rätsel raten beim Zusammenbau der Vergangenheit an. Nur ein paar ganz wenige und sehr kleine Teile waren durch die eingelaserte Beschriftung so geschwächt, dass sie beim Herausnehmen und dem Weiterverarbeiten zerbrachen.

Der eigentliche Bau des Modells ging mit dünnem und dickem Sekundenkleber zügig vonstatten. Alles passte und es machte riesigen Spaß, dieses kleine Modell wie ein Puzzle zusammenzusetzen und die Entstehung zu verfolgen. Die südkoreanischen Konstrukteure hatten ganze Arbeit geleistet: Egal, ob die Durchführungen für die Bowdenzug-röhrchen, die Magnetbefestigung für den Rumpfdeckel oder auch die Tragflächensteckung und -schraubsicherung mit Holzlaschen - überall waren gute Ideen zu finden, die man leicht auch für eigene Projekte umsetzen kann. So waren beispielsweise die Beplankungsstücke der Tragflächen so ineinander verzahnt, dass beim Aufbau keine Fehler gemacht werden konnten. Gleiches galt für den Aufbau der Leitwerke. Kurzum: Wer Holzmodellbau in Perfektion erleben will, ist mit diesem Bausatz bestens beraten! Auch derjenige, der noch wenig Erfahrung im Holzmodellbau hat. Mein Rohbau stand nach gut zehn Stunden gemütlichen Bauens.

Eine herausragende Besonderheit dieses "Airtractor" ist die Tragfläche: Sie wurde zweiteilig und zudem mit großen Landeklappen in vorbildgetreuer Hohlkehlenlagerung konstruiert. Auch die Scharniere aus Sperrholz wurden so konstruiert, dass ihr Drehpunkt unterhalb der Tragfläche liegt. Vier Servos "HS-55" von Hitec übernehmen die Ansteuer-ung. Einzig deren Einbau habe ich anders gemacht. Laut Bausatz sollten die Servos stehend montiert werden. Da ich aber keine herausstehenden Servogehäuse mag, habe ich die Servos kurzerhand liegend auf Deckel aus 1,5-mm-Flugzeugsperrholz montiert, die wiederum in einen Rahmen aus 3-mm-Pappelsperrholz geschraubt wurden. Auch die Ruderhörner für Querruder und Landeklappen lagen aus gelasertem Sperrholz bei, waren aber - auch wegen der eingelaserte Beschriftung - so brüchig, dass ich sie schließlich durch abgeschnittene Servohebel ersetzt habe.

Für die Motorisierung empfiehlt der Hersteller einen 400-er Getriebe-Bürstenmotor. Das funktioniert(e) bestimmt, ist aber nicht mehr ganz zeitgemäß. Durch eine Internetrecherche fand ich einen Bericht über diesen "Airtractor" auf RCgroups.com. Durch diesen Bericht wurde ich auf den "Eflite Park 450"-Motor aufmerksam, der dank eines speziellen Zubehörteils von Eflite sogar direkt an dem originalen Motorträger befestigt werden konnte. In Deutschland sind Motor, Regler und das Zubehörteil über Horizon Hobby erhältlich: "Park 450 Brushless Outrunner Motor 890Kv", "30-Amp Pro Switch-Mode BEC Brushless ESC" und "Outrunner Stick Mount". Es lebe die Globalisierung!

Das Finish eines Modells wie dieser "Airtractor" ist immer ein wenig tricky: Normale Bügelfolie mit ihrer glatten Oberfläche wirkt sich meist nachteilig auf die Flugeigenschaften aus, vor allem die Langsamflugeigenschaften leiden und Strömungsabrisse werden kritischer. Für eine Papierbespannung und richtige Lackierung jedoch hatte ich weder Zeit noch Muße. Des Rätsels Lösung hieß daher "Oratex"-Bügelgewebe. Ich hatte da noch zwei Meter im Farbton "Antik" liegen. Kurzerhand bebügelte ich das kleine Schmuckstück damit. Als Vorlage wählte ich das typische Design eines "Airtractor", mit der Grundfarbe Gelb und weiteren Zierlinien. Letztere pinselte ich mit Revell-Farben auf. Die Cockpit- und die Motorhaube lackierte ich aus der Spraydose Gelb, nachdem ich sie mit 400-er Schleifpapier gut angeschliffen hatte. Damit war ein zwar kunterbuntes, aber nicht gerade unattraktives Fliegerchen entstanden. Als Empfänger kam ein "AR-7000" mit sieben Kanälen von Spektrum zum Einsatz, denn wegen des Vierklappenflügels galt es nun sechs Servos und einen Regler zu bedienen. Mit einem 2,1 Amperestunden großem Flugakku und einer selbstgebauten Akkuwanne ließ sich der Schwerpunkt perfekt einstellen.

Und da stand er nun bereit zu seinem Erstflug, der kleine "Airtractor". Die Landeklappen auf 10 Grad und Vollgas. Nach wenigen Metern hob das Modellchen ab und flog direkt geradeaus, im Steigflug mit 45 Grad. Die Motorleistung war also mehr als ausreichend. Die erste Kurve zeigte, dass dieses Modell mit viel Seitenruder geflogen werden will, dann sieht das alles sehr vorbildgetreu aus. Die Ruderwirkungen waren ausgeglichen und direkt, aber nicht nervös. Alles prima soweit. Dann der Anflug zur ersten Landung: Motor auf Leerlauf, die Landeklappen auf 80 Grad und . hoppla! Das Modell ging in einen Sturzflug und ließ sich nur mit vollem Höhenruder abfangen. Nur mit Vollgas und sofort wieder eingefahrenen Klappen konnte ich mein kleines Schmuckstück retten. Die Wirkung der Klappen war unerwartet brachial. Also ein zweiter Versuch: Motor auf circa 30 Prozent stehen lassen, Klappen voll raus und erneut angeflogen. Nun konnte allein mit dem Höhenruder der Anflugwinkel gut gesteuert werden. Kurz vor dem Aufsetzen dann die Motorleistung ganz zurück und das Modell setzte in Dreipunktlage auf. Das hat doch jetzt schon mal richtig Spaß gemacht!

In vielen weiteren Flügen machte ich mich mit dem "Airtractor" vertraut und gewann richtig viel Freude damit. Dank der Landeklappen ist das Modell in einem Geschwindigkeits- und Leistungsspektrum zu fliegen, wie es bei Modellen ver- gleichbarer Größe und Ausführung unbekannt ist. Bodennahe Überflüge mit dynamischen Wendemanövern - so wie ich es in Videos des "Airtractor" gesehen habe - sind beeindruckend und sehen fantastisch aus: Nach einem tiefen Überflug wird mit einem kurzen Vollgasstoß gestiegen, nach einem eng geflogen Bogen zurückgestürzt, abgefangen und wieder tief über den Platz gejagt. So werden Bahnen abgeflogen, als würde die Wiese gesprüht. Die Landungen imponieren besonders, wenn man direkt über dem Platz aus großer Höhe senkrecht abstürzt, kurz vor dem Boden abfängt und wenige Meter später schon aufsetzt. Mit voll gesetzten Klappen ist das kein Problem. Reine Genussflüge sind aber genauso möglich: Knapp die Hälfte der Motorleistung reicht aus um gemütlich herumzufliegen, mal hoch, mal niedrig, mal eng, mal weit - und immer fasziniert mich das eigenwillige Flugbild des "Airtractor". Dank des sparsamen Motors (Vollgasstrom: 16,2 Ampere) und des 2,1 Amperestunden großen Akkus geht das auch bis zu 30 Minuten lang so.

Der "Airtractor" von Modellbau Letmathe ist ein Volltreffer! Dann wollen wir doch mal sehen, wann ich an den großen Bruder gehe - der nächste Winter kommt ja bestimmt.

Philipp Gardemin
Fotos: Alexander Fromm, Philipp Gardemin



Dank eines perfekt konstruierten Stecksystems war der Aufbau des Modells in wenigen Stunden passiert und machte zudem viel Spaß.


Selbst die Beplankungen waren passend ausgelasert und konnten direkt mit dickflüssigem Sekundenkleber aufgesetzt werden.


Die Tragflächen wurden direkt auf der unteren Beplankung aufgebaut.


Eines der vier Flächenservos, die entgegen der Anleitung liegend eingebaut wurden.


Schon der Rohbau macht einiges her. Motor- und Cockpithaube bestehen aus Klarsichtmaterial.


Die Flugeigenschaften und -leistungen sind beeindruckend.


Einfacher Kunstflug ist dank der hohen Wendigkeit problemlos, ausgedehnte Rückenflüge machen ebenso viel Spaß.


Mit voll gesetzten Landeklappen sind kurze und steile Anflüge möglich.


Mit seinen 126 Zentimetern Spannweite ist der "Airtractor" ein handliches und attraktives Elektro-Motorflugmodell.



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