REPORTAGE

AGEAndensegler

Fliegen und leben in einer anderen Gebirgswelt


Erkundung eines kleinen Hangs in der Nähe von San Antonio de Pereira.

Wintersonnenwende um halb sechs am Morgen - es dämmert! Unser Grundstück liegt 1.700 Meter hoch in den kolumbianischen Anden. Pünktlich wie immer beginnt unser einheimischer Wecker - eine Art Zaunkönig - von seiner Warte im Mandarinenbaum aus sein Morgenlied zu schmettern. Zeit zum Aufstehen und frischen Kaffee zu brauen. Den Hochland-Kaffee kaufe ich grün beim Nachbar Don Alfonso und röste ihn selbst. Mein Blick fällt auf das Thermometer: 18 Grad und klare Sicht - das wird heute gutes Flugwetter geben. Fast so pünktlich und zuverlässig wie der Zaunkönig am Morgen kommt gegen ein Uhr nachmittags der Wind auf. Es herrscht fast immer Nordwind, passend für den Hang unterhalb unseres Grundstücks. Mittlerweile ist die Temperatur auf 26 Grad Celsius gestiegen.

Mein "Big Ceres Strong" von Jiri Baudis wartet schon zusammengebaut mit vollem Akku auf seinen nächsten Flug. Ich könnte von unserer Terrasse aus starten, aber landen wäre mit diesem Modell hier nicht möglich. Das geht nur mit leichten und langsamen Modellen hangaufwärts bei Windstille. Außerdem würde das gegen meine eigenen Sicherheitsregeln verstoßen, da das vier Kilo schwere CFK-Modell beim Start genau über Haus und Garten von Nachbar Don Alfonso hinweg in den Hangaufwind fliegen müsste. So lange nichts passiert würde das allerdings in Kolumbien niemand interessieren.

Wie es sich also für einen anständigen Modellflieger gehört, trage ich mein Modell die paar Minuten über die Landewiese zur Startstelle. Das wäre auch etwas für meine anderen CFK-Modelle, wie zum Beispiel des "Pace F4H"oder den "SRTL". Aber der "Big Ceres" ist mir heute am liebsten, da bei dieser Wetterlage weit vor dem Hang die Thermik am besten und der große "Ceres" besser zu sehen ist. Rausfliegen, hochkurbeln - und dann geht der Spaß los und hört nicht auf bis es um sechs Uhr am Abend zu finster wird zum Fliegen. Zurück auf der Terrasse zeigt das Thermometer noch 23 Grad.

Hört sich wie ein Paradies an? Ja, hier kann es genauso paradiesisch sein wie zum Beispiel in den Alpen oder der Rhön. Aber halt anders, nämlich andin statt alpin.

Wie anders ist es denn? Was wäre, wenn ich speziell den Hang vor unserer Türe so beschreiben würde: "Hier kann man immer fliegen, weil der Wind immer den Hang anbläst und das vorgelagerte Tal immer Thermik erzeugt." Übertrieben? Aber klar! Allerdings weniger als man denkt: Ich schätze, dass etwa 250 bis 300 Tage im Jahr hier Flugwetter herrscht. Laut meiner Aufzeichnungen bin ich zum Beispiel von Juni 2010 bis März 2011 an 100 Tagen geflogen. Das ist praktisch jeden dritten Tag, und das trotz der Tatsache, dass Kolumbien von Juli 2010 bis Januar 2011 die schlimmste Regenperiode seit den Wetteraufzeichnungen überstehen musste. Obendrein kann ich ja nicht an jedem passenden Tag zum Fliegen gehen, und ganz schön verwöhnt bin ich außerdem: Ich fliege am liebsten meine schweren und schnellen Segler und lasse Tage verstreichen, die "nur" für leichtere Modelle geeignet sind.

Doch wo kommt dieses schöne Hangflugwetter her, hier unten in den Tropen? Das Klima hat viel damit zu tun. Aber da sind auch noch die Topografie und die Meereshöhe, zusammen mit dem Breitengrad. Ein paar Worte zum Klima: Mild ist es; sechzehn Grad ist die niedrigste Temperatur die ich vorm Haus je gemessen habe, und 28 Grad war die bisher höchste. Unter solchen Bedingungen hat halt alles immer Idealtemperatur: das Klebeband zum Kleben, die Farbe zum Spritzen, der Akku zum Stromversorgen und der Hangwind zum Tragen. Apropos Hangwind, und das muss auch mit dem Tropenklima zusammenhängen: Mit wenigen Ausnahmen kommt der Wind immer von Norden auf unseren Hang. Der Hang steht diesem Nordwind genau im Weg. Flussaufwärts kommend muss die Luftströmung etwa 100 Höhenmeter sanft ansteigen um dann auf den Fuß des 200 Meter höher gelegenen Hügels zu treffen. Auf dem Weg dorthin gilt es Baumreihen und Bodenwellen zu überwinden, die gern und zuverlässig Thermikblasen ablösen. Etwas weiter vorgelagert sind Hügel so positioniert, dass sich bei bestimmten Wetterlagen ein paar hundert Meter vor dem Hang eine Welle bildet. Da geht es dann sprichwörtlich "wie im Fahrstuhl" rauf.

Zu Meereshöhe und Breitengrad: Wir befinden uns in einem Gebirgstal der Anden, das Valle de Aburrá (Aburratal) heißt. Der Talboden liegt auf 1.350 Meter Höhe und die Startstelle am Hang ist 300 Meter höher. Umgeben sind wir von Bergrücken, die zwischen 2.100 und 2.400 Meter hoch sind. Dass auf solchen Höhen im Januar T-Shirt-Wetter herrscht liegt daran, dass wir auf sechs Grad nördlicher Breite liegen, knappe 700 Kilometer vom Äquator entfernt. Dieser Breitengrad, zusammen mit der Meereshöhe in den Anden, schafft das ganzjährig angenehme Klima. Fährt man nämlich hinunter in die tieferen Flusstäler östlich oder westlich von uns, können einem 40 Grad Hitze den Atem nehmen.

Diese Faktoren - Klima, Topografie, Meereshöhe und Breitengrad - ergeben ausgezeichnete Flugbedingungen, die meiner Meinung nach dem Vergleich mit anderen berühmten Hangfluggebieten durchaus standhalten.

Tatsächlich scheint der Aufwind hier zuverlässiger zu sein: Direkt am Hang trägt der Hangwind und weiter draußen die Thermik. Diese ist so großflächig, dass man nicht mehr von einem Schlauch, einem Bart oder einer Blase sprechen kann. Das sind ganze Aufwindfelder, die da aufsteigen. Diese Felder schweben sanft aber stetig nach oben. Es gibt keine so genannte "Scheunentor-Thermik" wie wir sie in Europa kennen, aber dafür fehlen auch die "Backstein-Abwinde". Es geht halt rauf, mal schneller, mal langsamer. Über plötzlich auftretendes starkes Saufen muss man sich hier keine Sorgen machen.

So gesehen ist dieser Hang schon ziemlich einmalig, meine ich. Aber andere Hänge in unserer Gegend sind auch sehr gut. Einige sind über 2.000 Meter hoch gelegen. Je höher die Startstellen, desto alpiner scheinen die Bedingungen zu werden. Im-mer mehr Thermik und weniger Hangwind bestimmen das Geschehen. Und mehr Saufen gibt es auch, eben in etwa so, wie wir es in unseren nördlicheren Breitengraden auch erwarten würden.

Über gute 1.200 Kilometer erstrecken sich die drei Gebirgsketten der Anden durch Kolumbien. Das Gebirge ist vulkanischen Ursprungs und es gibt mehrere Vulkane die über 5.000 Meter hoch sind. Der höchste im Norden - genannt Sierra Nevada de Santa Marta - erreicht 5.885 Meter. Schnee trifft man erst ab etwa 4.300 Meter. Außerdem gibt es mehrere Vulkane die man bis an die Schneegrenze mit dem Auto befahren kann.

Es muss also noch unzählige unerschlossene Möglichkeiten zum Gebirgssegelflug in Kolumbien geben, vom Rest Südamerikas ganz zu schweigen. So schön es auch ist, ein erstklassiges Fluggebiet vor der Nase zu haben, irgendwann werden wir wohl den Huckepack-Campingaufsatz wieder auf den Pickup laden und eine Hangflugsafari durch Kolumbien antreten.

Dieter Mahlein
www.shredair.com



Dieser Blick auf den Hang von Osten vermittelt einen Eindruck seiner Größe.


Drei Kilos "SRTL" wollen dynamisch gestartet werden.


Bei Windstille kann man Flüge von der Terrasse aus genießen.


Fliegen an einem Hang mit Blick auf den internationalen Flughafen von Medellín.


Der "Pace F4H"von Daniel Leskymag den Aufwind in 1.700 Metern über Meereshöhe.


An unserem Haushang können wird das ganze Jahr fliegen. Das geht am besten von Dezember bis März, wenn es auch am sonnigsten ist.


Zu Besuch kam Keith Thomson aus Kanada. Der war schon über zehn Jahre nicht mehr geflogen und wollte sich "entrosten". Kaum zurück in Kanada, schaffte er es in die kanadische F3J-Mannschaft!


Kolumbien erweckt vielerorts den Eindruck eines südeuropäischen Landes irgendwo in den 60er Jahren.


Eine nette Flugschülerin aus der Nachbarschaft versucht sich im Hangflug bei idealem Wetter.


Eine "fliegende" Bronzestatue im Ort ElPeñon.


Mein Fliegerfreund Jorge mit seinem ersten 2-m-Nurflügel, dem "Andensegler".



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