TEST

Unwiderstehlich

"Piranha" von MG-Modellbau


Der "Piranha" ist ein formschönes und attraktives Hochleistungsmodell.

Vor etwas mehr als einem Jahr saß ich in ei-nem dänischen Ferienhaus und schrieb über ein fantastisches Modell: "Vikos" von MG-Modellbau (vgl. AUFWIND 6/2010). Nun sitze ich wieder hier, bei Wein und Kaminfeuer. Natürlich war die Zeit nicht stehen geblieben, der "Vikos" hat ein neues Zuhause in der Rhön und ich war bereit für etwas Neues. Meine Anfrage bei MG-Modellbau blieb nicht ungehört und wenig später lag der "Piranha" bei mir. Ein reinrassiges F3B-Modell, ein gelungener Kompromiss aus Wendigkeit und sehr hoher Geschwindigkeit. Doch ist das neue Modell auch alltagstauglich, robust und gut in der Thermik? Mein erster Eindruck: funktionell und sehr gut gelungen.

Der "Piranha" ist ein typisches Vier-Klappen-Voll-GFK/CFK-Modell, quasi fertig gebaut. Auffällig ist das Seitenleitwerk mit relativ geringer Streckung und großer Fläche in Haifischflossen-Form. Daran befestigt ein spielfrei angelenktes Pendel-Höhenruder. Die Anlenkung im Rumpf mit CFK-Stoßstangen. Die Nase des Rumpfs ist leicht nach unten gezogen und die Kabinenhaube relativ kurz. Die beiden Tragflächen-Hälften werden mit einer schwimmenden Befestigung am Rumpf angebracht. Als Verbinder fungiert ein sehr robuster Kohlestab, der in seinen Hohlräumen vier Messingvierkant-Ballaststücken genügend Platz für bietet. Der Ballast wurde zum Modell konfektioniert mitgeliefert. Wer sich schon einmal auf die Suche nach passender Meterware für Ballast machen musste weiß das zu schätzen. In den Tragflächen kann man zusätzlich noch zwei zwölf Millimeter starke Messingrundstücke unterbringen. Genügend Möglichkeiten also, das Modell an alle möglichen Wetterbedingungen anzupassen.

Der CFK-Tragflächenverbinder passte auf Anhieb saugend, kraftschlüssig und leichtgängig in die Tragflächenhälften. Die beiden Verdrehsicherungen, die bei einer schwimmenden Tragflächenbefestigung sehr robust sein müssen, sorgen für ausreichend Halt gegen das Abziehen der Tragflächen vom Rumpf während des Fluges. Somit erspart man sich die Fixierung der Tragflächen am Rumpf, beispielsweise mit Klebeband. Für das Lö-sen der Tragflächen vom Rumpf braucht man keinen Trennkeil, das Abziehen ist mit moderatem Kraftaufwand möglich.

Dass solch ein herrliches Modell auch das beste RC-Equipment verdient, versteht sich von selbst: Beim "Piranha" habe ich erstmals Hoch-Volt-Equipment genommen, also eine Bordspannung von 7,2 Volt. Die wird durch zwei 1.600-mAh-LiIon-Zellen geliefert. Diese Zellen sind mit 16 Millimetern Durchmesser fast schon zu dünn und eigentlich auch zu leicht. In dieses Modell würden wohl die 2.000-mAh-Zellen (bei entsprechend weniger Blei-Einsatz) hineinpassen. Eine Spannungsregelung kann man sich ja nun zum Glück sparen. Als Empfänger dient ein Multiplex-"M-Link light". Anfangs hatte ich Mühe adäquate Hoch-Volt-Servos für die Querruder zu bekommen, da hier höchstens elf Millimeter dünne Exemplare hineinpassen. Fündig wurde ich dann bei Staufenbiel in Hamburg: So sind nun zwei "JR DS 179 HV"-Servos an den Querrudern im Einsatz. Die anderen Servos Modelle kamen direkt von Graupner, vier Stück "HVS 930 BB MG" (13 mm).

Auf den Empfängerschalter möchte ich an dieser Stelle noch einmal besonders eingehen: Es handelt sich um den so genannten "Info-Switch" vom SM-Modellbau. Dieser bietet ein paar Besonderheiten, auf die ich in Zukunft nicht mehr verzichten möch-te. Erst einmal gibt es mit den 7,2Volt der Bordspannung keine Probleme. Dann gibt es eine Aus- schaltsicherung per "Doppelklick" auf den kleinen Taster. Super ist auch die permanente Spannungsanzeige, egal ob das Modell an- oder ausgeschaltet ist. Im ausgeschalteten Zustand beträgt die Stromaufnahme lediglich 40 Mikro-Ampere, sodass der Akku immer angeschlossen sein kann. An den blinkenden LED kann man die Restkapazität des Akkus ablesen. Nebenbei gibt es noch viele weitere Funk- tionen des Schalters, die in der Praxis hilfreich sind. Ein Blick in die hervorragende Bedienungsanleitung erklärt alles, auch ein Ladekabel fehlt nicht. Es ist schon beruhigend, wenn man nach längerer Flugpause lediglich einen Blick auf den inaktiven "Info-Switch" werfen muss, um zu wissen, ob ein Nachladen vor dem nächsten Flug angebracht ist. Ein echtes Sicherheits-Plus.

Zurück zum Modell: Den Kabelbaum musste ich selbst löten. Die Stecker dazu lagen bei, die Kabel nicht. Auch die Ankenkungsteile lagen zum Teil bei. Nach dem Einharzen der Augschrauben in die Klappen wurden die Anlenkungen mit 2,5-mm-Gewindestangen erstellt und die Servos eingebaut. Die Querruderservos ließen sich aufgrund der für Flächenservos vorteilhaften, um 90 Grad gedrehten Montageösen besonders leicht montieren. Da reichten zwei eingeklebte Holzleisten als Lager. Das war bei den Wölbklappenservos etwas komplizierter, da diese noch die konventionellen Befestigungsösen haben. 90 Grad Klappenausschlag ließen sich bei den Wölbklappen realisieren. Da ich mehr Wert auf geringes Spiel lege, habe ich die Ausschläge - bei vollem Servoweg - bei 80 Grad belassen. So konnten kürzere Servohebel Verwendung finden. Die beiliegenden Servoschacht-Abdeckungen - alternativ mit oder ohne "Beule" - pass- ten gut und wurden jeweils mit vier kleinen Schrauben befestigt. Jetzt wurden noch die Multiplex-Stecker für die elektrische Rumpf-Flächenverbindung in die dafür vorgesehenen Öffnungen in Rumpf und Flächenwurzel geharzt. Fertig waren die Tragflächen. Im Rumpf selbst wurden lediglich noch die bereits montierten Stoßstangen abgelängt und mit Gabelköpfen versehen. Hier lagen bereits angeraute Einsatzstück mit Gewinde bei, die lediglich mit etwas eingedicktem Sekundenkleber in die Kohlerohre für Seiten- und Höhenruder geklebt werden mussten. Nun wurden noch zwei Servos eingebaut und angeschlossen. Die dazu vorgesehenen Servoausschnitte im Servobrett passten perfekt. Etwas Blei wanderte noch in die Spitze, um den empfohlenen Schwerpunkt von 108 Millimetern einzustellen. Empfänger und der "Info-Switch" fanden hinter dem Akku eine Bleibe.

Der "Piranha" war von Anfang an ein sehr unkritisch zu fliegendes Modell. An der Flitsche mit 30 Metern Seil und sieben Metern F3B-Gummi ging es flott auf rund 60 Meter Höhe. Die wurden erst einmal souverän abgeglitten, um anschließend weitere Einstellungen zu machen. Dabei erwiesen sich die eingestellten 108 Millimeter für den Schwerpunkt als eine hintere Schwerpunktlage. Ich habe den Schwerpunkt um wenige Millimeter nach vorne genommen, weil dann das Kreisflugverhalten stabiler wurde. Die Butterflystellung ist sehr effektiv, benötigt aber deutliche Tiefenruderbeimischung. Die Landung ist damit absolut kein Pro- blem und selbst ein Fangen des Modells ist, aufgrund der niedrigen Landegeschwindigkeit, leicht möglich. Das Kreuzleitwerk des "Piranha" mit dem großen Seitenleitwerk bietet eine hohe Kursstabilität: Die einmal eingeschlagene Linie wird stoisch gehalten, was meines Erachtens besonders am Hang und beim Hochstart Sicherheit vermittelt. Auch kreist der "Piranha" in stiller Luft sowie bei Wind ähnlich harmonisch und fast so effizient wie ein gutes F3J-Modell.

In der Thermik und bei leichtem Wind am Hang bietet der "Piranha" ein ausgewogenes Bild. Besonders hervorstechend sind das Kreisflugverhalten und das "Durchgleiten" der Kurven mit sehr geringem Höhenverlust. Somit beste Bedingungen für enge Kreisflugradien und damit die Fähigkeit, auch enge Thermikbärte mitzunehmen. Die Kurvenstabilität zeigt sich besonders bei windigen Verhältnissen in der Thermik. Strömungsabrisse beim Kurven sind selten, das Modell kommt gut mit den wechselnden Strömungsbedingungen an der Tragfläche zurecht. Somit wird auch die gelungene Wahl des Profils sichtbar, denn das Modell fliegt nicht nur bei optimalen Bedingungen gut, sondern auch bei den eher alltäglichen, nicht so optimalen. Das "AH-106"-Profil von Andreas Herrig ist ein Garant für Topleistung bei gutem Handling. Deshalb kann ich den "Piranha" auch den Piloten empfehlen, die noch nicht so geübt sind. Das Modell verzeiht viele Fehler.

Für die Erprobung bei Starkwind kam der "Piranha" an der rund 50 Meter hohen Steilküste von Bovbjerg (Dänemark) zum Einsatz. Die Bedingungen waren rau, die Böen gingen mit sieben Windstärken schräg auf den Hang. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, das Modell über die Hangkante zu werfen, so sehr zerrte der Lee-Rotor am Modell. Wichtig sind in solchen Situationen feste Ruderanlenkungen, denn die Turbulenzen wären durchaus in der Lage, ein Modell bereits vor dem Abwurf zu beschädigen. Jetzt hieß es aber nicht lange gefackelt und mit einem beherzten Wurf wurde der "Piranha" seinem Element übergeben. Was nun folgte war super: eine Dynamik wie man sie sich nur wünschen konnte, kombiniert mit perfekter Steuerbarkeit und einem satten Einrasten bei Mehrzeitenfiguren. Präzision war hier das Stichwort. Die Steu- erfolgsamkeit war schon eine ganz eigene Liga. Obwohl das Modell nicht voll ballastiert (nur im Verbinder) war, waren die erreichbaren Überhöhungen beim Turn am Hang beeindruckend - ein Beweis für den sehr geringen Gesamtwiderstand des Modells. Übrigens lief der "Piranha" am Hang mit der Speedstellung der Wölbklappen und Querruder deutlich am besten, sodass diese unbedingt programmiert werden sollte. Mit einer zusätzlichen Snap-Flap-Programmierung wurden auch die Wenden sehr "knackig". Das optional geschaltete Mitnehmen der Wölbklappen bei Querruderbewe- gungen ist sehr zu empfehlen, erhöht es doch die Rollwendigkeit beträchtlich. Selbst bei schwachen Bedingungen am Hang darf man dann auch in Bodennähe eine Rolle wagen, da das Modell schnell genug herumkommt.

Kurzum, der "Piranha" verbindet viele positive Eigenschaften, für die man sonst mehrere Modelle braucht: ohne Ballast ein Kurvenspezialist in der Thermik, mit Ballast in dem Kohleverbinder ein Hangflugexperte. Mit programmierter Snap-Flap wendet der "Piranha" explosiv und kontrollierbar. Und mit vollem Ballast kann das Modell auch bei schweren Bedingungen am Hang bestehen. Auch an der Winde verhält es sich vorbildlich, bei hohem Druckaufbau und guten erzielbaren Maximalhöhen. Die Oberflächenrobustheit erwies sich ebenso als gut, denn nach intensivem Flugeinsatz sieht der "Piranha" immer noch gut aus. Der "Piranha" ist ein waschechtes F3B-Allroundgenie, mit dem man auch den Einstieg in die F3B-Wettbewerbsszene starten könnte. Auch in F3J oder F3F wird er gut funktionieren. Doch im Alltagsbetrieb ist das Modell kaum zu toppen und mit den großen Ballastreserven den allermeisten andern Segelflugmodellen in Sachen Flexibilität und Wendigkeit deutlich überlegen.

Volker Kaul


Das große geschwungene Seitenleitwerk ist optisch ein Highlight.


Die Wurzelrippe mit saugend passender Aufnahme für den Kohleverbinder, elektrischer Verbindung, Ballastrohr und Verdrehsicherung.


Der massive Kohleverbinder hält! Für die Wölbklappen wurde am Rumpf ausgespart.


Im Rumpf ist viel Platz, erstmals wurden HV-Servos von Graupner und Staufenbiel eingesetzt. Ein gelungenes Experiment!


Mit Schwung geht's in den dänischen Aufwind.


In der Luft überzeugte das Modell mit seinen Allroundeigenschaften.


Aufballastiert kann es flott zur Sache gehen, hier in einer Wende beim geprobten F3F-Einsatz


Dank effektivem Butterfly gelingen auch Landungen in die Hand.


Am Hang sind "Piranha" und Pilot in ihrem Element.



Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 2/2012

Das komplette Inhaltsverzeichnis 2/2012
Zur Heftbestellung bitte hier entlang.

©AUFWIND 2012