TEST

Zickige Diva

Die "Ka-6cr" von Valenta


Die "Ka-6" ist ein handliches Modell, zeigt jedoch deutliche Mängel in der Auslegung

Dieser einsitzige Hochleistungssegler in Holzbauweise flog im Original erstmals 1956. Insgesamt wurden in zahlreichen Versionen über tausend Exemplare gebaut, von denen heute noch über 400 allein in Deutschland im Einsatz sind. Das von Rudolf Kaiser konstruierte Segelflugzeug ist bei den Piloten vor allem wegen der sehr harmonischen Ruderabstimmung beliebt.

Die Umsetzung von Valenta in ein handliches 2-m-Modell erfolgte in GFK-Bauweise, statt - wie das Original - in Holz. Hauptgrund dafür dürfte wohl die sehr rundliche Form des Rumpfes und der im Original gut ausgearbeitete Flächenübergang gewesen sein, der sich in Holzbauweise nur sehr aufwändig herstellen ließe. Es fehlt auch der - für die cr-Version der "Ka-6"-typische - Hornausgleich am Seitenruder. Geliefert wurden Rumpf, Tragflächen, Leitwerke und Servoschacht-Abdeckungen in Gelb eingefärbtem GFK, eine tiefgezogene Kabinenhaube und ein sparsam ausgestatteter Kleinteilebeutel. Die Qualität der GFK-Teile war gut, eine Nacharbeit nur an einigen Stellen an den Nähten erforderlich. Als Bauanleitung diente ein Blatt mit Ausschnittzeichnungen der vorderen Rumpfsektion. Man sieht, dass der Bausatz sich an den fortgeschrittenen Modellbauer wendet. Nicht so schön allerdings, dass als einziger Einstellwert die Schwerpunktlage mit 56 bis 66 Millimetern ab Profilnase angegeben ist. Einstellwinkeldifferenz, Ruderausschläge oder Querruderdifferenzierung? Fehlanzeige!

Als ersten Schritt in der Vorbereitung eines solchen Projektes lege ich immer die Einzelteile auf die Waage:

Rumpf: 273 g
Tragfläche links: 215 g
Tragfläche rechts: 213 g
Leitwerk: 61 g
Kabinenhaube: 20 g
Beschläge und Kleinteile: 58 g
In Summe also 840 Gramm. Die gleichmäßigen Gewichte der Tragflächen und das relativ günstige Gewicht des voluminösen Rumpfes sprechen für die Güte der GFK-Fertigung bei Valenta. Allerdings kann das im Prospekt ausgelobte Fluggewicht von 930 Gramm sicher nicht erreicht werden - eine Momentenrechnung ergab mindestens 250 Gramm Flugakkugewicht, beziehungsweise Blei in der Nase. Nun gut, das ist bei Scale-Seglern normal und kein Grund zur Besorgnis. Anlass zu Falten auf der Stirn gab eher die nach kurzem Zusammenstecken ermittelte Einstellwinkeldifferenz von 3,2 Grad. Das schien mir doch etwas hoch und mahnte zur Vorsicht beim späteren Erstflug.

Den Bau habe ich mit der Montage der Kabinenhaube begonnen: Drei präzise gefräste Pappelsperrholzteile waren sauber zu verkleben. Die Befestigung erfolgt bei mir vorne mit einem 2-mm-Kohlestift und hinten mit drei Neodymmagneten. Ich habe die Holzteile noch gespachtelt und lackiert, ein ausgedrucktes Original-Instrumentenbrett aus dem Internet eingeklebt, dann durfte Testpilot "Charlie" Platz nehmen. Die Haube wurde mit Silikon verklebt und der Rahmen lackiert. Der Einbau der RC-Anlage erfolgte recht konventionell: Um das Servo für die Schleppkupplung ("HS-45HB" von Hitec) möglichst weit nach vorne zu bringen, habe ich es über Kopf unterhalb des Servobretts zwischen den Servos für Höhen- und Seitenruder ("HS-5065MG" von Hitec) eingebaut. Die Anlenkung des Seitenruders habe ich mit Seilen realisiert, die beiden Höhenruderklappen mit einer CFK-Schubstange und einem innenliegenden Umlenkhebel versehen. Die ganze Konstruktion ist jedoch seitens Valenta sehr ungewöhnlich gestaltet und nur dann spielfrei, wenn man die Verbindungsstange zwischen den beiden Höhenruderklappen fest verklebt. Allerding ist das Höhenleitwerk damit leider nicht mehr abnehmbar. Letztlich habe ich noch den Abschluss-Spant des Seitenleitwerks eingeharzt, dann das Seitenruder mit seinen Scharnieren befestigt.

Die elektrische Verbindung zu den Tragflächenservos ("HS-5065MG" von Hitec) läuft bei mir über fest eingeharzte, graue Multiplexstecker, sodass die Verbindung beim Zusammenstecken automatisch hergestellt wird - so viel Komfort muss sein. Die Tragflächenservos habe ich eingeschrumpft und mit Silikonkleber in ihre Aussparungen geklebt. Für Servorahmen war hier kein Platz und dicker als 12 Millimeter dürfen die Servos auch nicht sein. Zur Stromversorgung habe ich ein 2s-LiPo mit 2,3 Amperestunden ganz vorne in der Rumpfspitze platziert. Damit war wenigstens ein Teil des Ballastgewichtes als Stromquelle an Bord.

Beim Fahrwerk habe ich etwas gegrübelt: Die "Ka-6" gab es mit gedämpfter Kufe und in späteren Versionen mit starrem Rumpfrad. Sogar Umbauten mit Kufe und Rad sind bekannt. Ich habe mich letztlich für die klassische Version mit Kufe entschieden. Ich habe sie aus 1,5-mm-Flugzeugsperrholz angefertigt, mit Glas überzogen und gelb lackiert.

Nach etwa 30 gemütlichen Baustunden war die kleine "Ka-6" komplett. Zum Einstellen des Schwerpunktes auf 56 Millimeter wanderten nun noch 90 Gramm Ballast in die Nase, somit blieb die Waage bei 1.270 Gramm Abfluggewicht stehen. Das ist nicht leicht, aber 40 Gramm/Quadratdezimeter Flächenbelastung sollten in Ordnung gehen.

Bei strahlendem Sonnenschein und beinahe windstiller Luft ging es zum Erstflug auf den Platz. Bereits die ersten Gleitflugversuche bestätigten, was sich beim Vermessen schon angedeutet hatte: die EWD war zu hoch und der Segler mit dem angegebenen Schwerpunkt kaum zu fliegen. Also zurück in die Werkstatt! Nun habe ich an der Nasenkante des Höhenleitwerks zwei Millimeter Hartbalsa unterlegt - das hat die EWD von 3,2 auf 1,7 Grad reduziert - und zusätzlich weitere 70 Gramm Trimmblei in die Nase gepackt. Der Schwerpunkt lag nun deutlich unter dem vom Hersteller angegebenen Maß. Damit sollte ich auf der sicheren Seite sein.

Jetzt gelangen Gleitflüge aus der Hand schon ganz gut und die zickige Lady musste ans Schleppseil. Als Schleppmaschine kam eine "Fun-Cub" von Multiplex zum Einsatz, pilotiert von meinem Sohn Christoph. Brav ging es auf gut 150 Meter Ausgangshöhe. Doch schon bei den ersten Kurven zeigte sich, dass die Reaktion um die Querruder deutlich zu träge, und außerdem eine kräftige Differenzierung erforderlich war. Natürlich war das Modell jetzt kopflastig - aber das wollten wir ja so. Also kurz eingeschwebt zu einer sicheren Landung, 15 Gramm Blei entnommen und die Querruderausschläge vergrößert und differenziert. Der nächste Schlepp bestätigte, dass wir uns auf dem richtigen Weg befanden. Die Ruderreaktionen waren deutlich lebhafter, das Kreisen schon recht ordentlich und mit der reichlich vorhandenen Sommerthermik ging es auch gut nach oben.

Mit der Zeit machte uns die "Ka-6" richtig Spaß. Allzu langsam sollte sie nicht gekreist werden, um nicht über eine ihrer schlanken Flügelspitzen abzukippen. . Die V-Form ist aber ausreichend zum entspannten Kreisen. Als Landehilfe habe ich die Querruder auf den Gasknüppel gelegt, und konnte sie so dosiert nach oben fahren, um die Sinkrate zu erhöhen. Störklappen sind vom Hersteller nicht vorgesehen und werden auch nicht benötigt.

Das Flugbild mit der charakteristischen Silhouette war einfach zum Verlieben. Acht Schleppflüge absolvierten wir an diesem Tag und gingen zufrieden nach Hause. In den folgenden Wochen hatten wir noch Gelegenheit am Feintuning des Modells weiterzuarbeiten. Wir hatten den Schwerpunkt auf 54 Millimeter zurückgenommen, nun lag das Fluggewicht bei 1.275 Gramm. Der Schwanz des Seglers hing noch immer etwas durch. Zur Klärung dieser unbefriedigenden Situation habe ich AUFWIND-Autorenkollegen Tobias Pfaff angesprochen. Der hat sich spontan bereit erklärt, die Valenta-"Ka-6" aerodynamisch zu berechnen. Über die Ergebnisse und die weitere Flugerprobung erfahren die Leser in einer späteren Ausgabe.

Trotz alledem, die Valenta-"Ka-6cr" ist ein wunderschön aussehendes Scalemodell in guter Voll-CFK-Qualität. Leider ist die vom Hersteller in der Form festgelegte Grundgeometrie völlig daneben geraten und das Modell so nicht zu fliegen. In den Händen eines erfahrenen Modellbauers, der sich durch die fehlende Bauanleitung nicht abschrecken lässt und um die genannten Probleme weiß, entwickelt sich die "Ka-6" jedoch zu einem akzeptabel fliegenden Segler mit beeindruckendem Flugbild. Mein Sohn und ich bleiben jedenfalls dran und werden zusammen mit Tobias Pfaff weiter berichten.

Dietrich Lausberg

Fakten

"Ka-6cr" von Valenta
Ein handlicher Scalesegler

Spannweite: 200 cm
Länge: 96 cm
Gewicht: 1.275 Gramm
Flächenbelastung: 40 g/qdm
Schwerpunkt 54 mm ab Nasenleiste
Preis: 259,- Euro; Bezug bei Valenta-Handelspartnern, www.valentamodel.cz.


Der Lieferumfang: GFK-Teile für Rumpf, Tragflächen und Leitwerk sowie Kabinenhaube und Zubehörteile


Die Anlenkung der Höhenruder mit einem Umlenkhebel ist verdeckt. Die Verbindungsstange der Ruderhälften muss mit Epoxidharz befestigt werden, um übermäßiges Spiel zu vermeiden


Das Gespann aus Multiplex-"Fun-Cub" und der Valenta-"Ka-6" beim Erstflug. Schleppstarts sind völlig problemlos


Das Flugbild des kleinen Scale-Modells ist fantastisch und regelrecht zum Verlieben


Allzu langsam darf das Modell nicht gekreist werden, sonst kippt es über eine der schlanken Flügelspitzen weg


Die "Ka-6" im Landeanflug, die in Eigenregie angebrachte Gleitkufe ist gut zu erkennen. Pilot "Charlie" ist voll konzentriert bei der Sache


Unmittelbar vor dem Aufsetzen: Die zum Bremsen noch hochgestellten Querruder sind schon fast in Normalstellung



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