REPORTAGE

Erlebnis Schweiz

Zum Hangfliegen in die Alpenrepublik


Weite Wiesen, beeindruckende Bergpanoramen - so stellt man sich das Hangfliegen in der Schweiz vor und wird meist auch nicht enttäuscht

Anlässlich der Jet-Modellflug WM in Meiringen in der Schweiz im Sommer 2013 reifte bei mir die Idee, einen Hangflugurlaub in der Schweiz zu machen. Viel gelesen hatte ich schon darüber und wollte es nun auch einmal selbst probieren. So begab ich mich mit meiner Frau im August auf den Weg von Hamburg aus immer in Richtung Süden. Auf der Fahrt dorthin legten wir noch einen Zwischenstopp auf der berühmten Wasserkuppe ein. Hier bot sich die Gelegenheit meine Modelle probezufliegen und erste Hangflugerfahrungen zu sammeln.

Zum eigentlichen ersten Hangflugziel ging es dann weiter in die Schweiz. Die Route führte uns über Luzern, mit einem Abstecher zum Vierwaldstättersee und einer Passfahrt über den Susten Pass zur Axalp, 700 Meter über dem Brienzersee gelegen. Die Axalp dürfte vielen ein Begriff sein, da hier im Oktober das alljährliche Fliegerschießen der Schweizer Luftwaffe stattfindet. Wir konnten hier vor drei Jahren das Spektakel nach einem anstrengenden Aufstieg von der Axalp zum Axalphorn erleben. Dabei kamen wir auch an dem potentiellen Hangflug-Hang vorbei, was mir zur damaligen Zeit natürlich nicht bewusst war, da ich mich erst später mit der Materie Hangflug befasste. Die Axalp liegt auf 1.470 Metern Höhe oberhalb des Brienzersees im Berner Oberland. Man erreicht sie über eine schmale, serpentinenreiche Straße die am Brienzersee startet und in etwa 15 Minuten in das Dorf führt. Die Alm ist nach Nord und Nordwest ausgerichtet. Im Westteil wird die Axalp durch den Gießbach und das Gießbachtal begrenzt. Dadurch ergeben sich gute Thermik- und Hangaufwindbedingungen.

Schon von Deutschland aus hatten wir eine günstige Unterkunft gebucht, das Bärghuus mit den Gastgebern Peter Rubi und Michaela Schade. Vierbettzimmer mit Hochbetten und eine Gemeinschaftsküche lassen hier ein Berghausfeeling aufkommen und wir fühlten uns gut aufgenommen. Peters Sohn ist auch Modellflieger und so erhielt ich gleich schon ein paar gute Tipps für die kommenden Tage. Bei Peter im Lädli bekommt man auch für 10 Schweizer Franken die Vignette zum Befahren der privaten Axalpstraße, die zu dem Hangfluggebiet führt. Die Vignette ist für das ganze Jahr gültig. Man benötigt sie für die 3,6 Kilometer Autofahrt von der Axalp zum Chüemad. Alternativ kann man auch den Sessellift nehmen, der beim Sportshop Axalp startet und ober- halb der Chüemad Hütte endet. Allerdings ist der Betrieb im Sommer nicht gewährleistet. Fährt man nun mit dem Auto die Axalpstraße hoch, passiert man einige Weidezäune, lässt die Abzweigung zum Restaurant Hilton links liegen und erreicht nach den 3,6 Kilometern die Chüemad-Hütte. Hier gibt es neben dem Bergweg Parkmöglichkeiten, da es nun zu Fuß einige Meter den Hang hinauf geht. Dabei orientiert man sich nach links und folgt dem Feldweg etwa 400 Meter, wobei man das Axalphorn im Rücken hat. Auf der Anhöhe angekommen öffnet sich der Hang nach West und Nordwest.

Die Wiese bietet gute Landemöglichkeiten, da keine Felsen oder Steinbrocken den Landebereich behindern. Allerdings fordern Kuhfladen und Lehmhügel erhöhte Aufmerksamkeit und ein möglichst langsames Landen und sachtes Aufsetzen. Der Hang trägt bei West- und Nordwestwinden, wobei ich hauptsächlich in den Genuss von Thermik kam. Diese ist vor allem am Nachmittag ausgeprägt, wenn die Sonne um das Axalphorn herumkommt und das Gießbachtal erwärmt. Die erwärmten Luftmassen steigen dann Richtung Chüemad-Hütte und Hangflug-Hang auf und bescheren genussvolle Flüge mit Blick auf den Brienzersee und die umliegende Alpenregion. Die Thermik reicht aus um seinen Flieger hochzukurbeln und dann die gewonnene Höhe mit Manövern wieder abzubauen. So konnte ich mit mei- nem "Airon" einige Kunstflugeinlagen fliegen und einige Stunden die Thermik ausnutzen.

Doch welche Modelle können hier nun geflogen werden? Mein "Airon" mit 3,37 Metern Spann- weite von Valenta Modellbau in Voll-GFK-Bauwei-se ist hier schon die ideale Wahl, wobei auch Segelflieger bis vier Meter zum Einsatz kommen könnten. Allerding ist hier schon eine stabile Bauart zu empfehlen. Auf das Gewicht sollte in jedem Fall geachtet werden, um die Thermik gut und sicher nutzen zu können. Dazu noch nähere Daten zu den von mir eingesetzten Fliegern. Ideal sind sicher auch reine Hangflugsegler und Nurflügler, oder reine, leichte und kleine Thermiksegler.

Ich hatte mir Anfang des Jahres einen "Airon" von Valenta Modellbau zugelegt. Der "Airon", den ich in der Elektroversion mit Plettenbergmotor gebraucht aus Süddeutschland in sehr gutem Zustand erworben hatte, wird mit einem 4S Lipo Akku versorgt und wiegt bei 3,37 Meter Spannweite circa 3.200 Gramm. Die D-Box Variante bietet hier noch zusätzliche Festigkeit und mit dem Elektromotor musste ich keine "Absaufer" befürchten und kann das Modell darüber hinaus auch im hohen Norden als Thermiksegler optimal nutzen.

Trotz des Gewichtes von 3.200 Gramm musste ich den Motor beim Flug am Hang nicht einsetzen und so dürften Segler in der Bauart für die Hänge an der Axalp eine hervorragende Wahl sein. Außerdem hatte ich noch vor Antritt der Reise einen "Tigra 1,4" von Hempel (siehe auch AUFWIND 1/2013) bestellt, der noch rechtzeitig vor Reiseantritt fertig wurde, und der am Hang auf der Axalp zum ersten Mal zum Einsatz kam. Der "Tigra" bewies dabei hervorragende Thermikeigenschaften. Er stieg im Hang über dem Gießbachtal weit hinauf, sodass ich mit einigen Manövern wieder Höhe "vernichten" musste. Die durchaus robuste Bauweise des "Tigra" kam den Bedingungen am Hang entgegen. Es klappten alle Manöver und auch diverse Landungen auf der ruppigen Wiese. Insgesamt können die Hangflugbedingungen an der Chüemad-Hütte als sehr gut angesehen werden. Genussvolle, stundenlange Thermikflüge und Hangaufwinde bei entsprechenden Windbedingungen sind garantiert. Im Sommer profitiert der Hang sicherlich von der Sonneneinstrahlung und der exponierten Lage über dem Brienzersee. So bleibt jeder Flug in guter Erinnerung.

Nach vier Tagen auf der Axalp sollte, genauer gesagt musste es dann doch weitergehen. Diesmal legten wir einen Zwischenstopp in Meiringen ein, um die Jetmodellbauer und -flieger der Welt zu bestaunen. Die Modelle boten einen unglaublichen Detaillierungsgrad und die ganze Weltmeisterschaft präsentierte eine beeindruckende Show, die schon alleine die Reise wert war. Nichtsdestotrotz ging es dann weiter nach Grindelwald. Auch dieses Gebiet war uns aus dem Herbstbesuch vor drei Jahren bekannt und so freute ich mich auf die Eiger Nordwand, auf Wetterhorn, First und Große Scheidegg. Die Große Scheidegg sollte dann auch das nächste Hangfluggebiet sein, das ich mit meinen Modellen erkunden wollte.

Leider spielte in den folgenden Tagen das Wetter nicht mit, sodass ich erst am vorletzten Tag unsere Reise in den Genuss kommen sollte, meinen "Airon" und den "Tigra" in die Luft zu bringen. Aber das Warten hatte sich gelohnt, die Ku- lisse vor Wetterhorn und Eigernordwand ist einfach atemberaubend. Diesmal waren wir in einem Hotel in Grindelwald untergekommen, das zentral im Ort liegt. Der Weg auf die Große Scheidegg führt nur mit dem Postbus, der pro Tour und Person satte 17 Schweizer Franken kostet. Eine Überlegung wäre daher, auf der Großen Scheidegg direkt zu übernachten. Dies wäre auch mit der Erlaubnis verbunden, den Weg mit dem Privatwagen zu befahren.

Nun aber zum Hang selbst: Von der Großen Scheidegg läuft man in Richtung First circa 20 Minuten, vorbei an mehreren Weidezäune. Da im- mer mal wieder Kühe auf den Almen weiden, kann man sich aussuchen auf welcher Seite des Zaunes man bleibt um ungestörte Landemöglichkeiten zu haben und nicht um die Kühe herumfliegen zu müssen. Der Hang fällt hier leicht Richtung Grindelwald ab und hat eine Westausrichtung. Die Wiese ist steinfrei und relativ ebenerdig, sodass gute Landemöglichkeiten bestehen. Im weiteren Verlauf des Hanges sind einige Bäume und steilere Klippen, was die Außenlandemöglichkeiten begrenzt.

Obwohl kein oder nur kaum Wind aufkam startete ich meinen "Airon" in Richtung Westen und kam, ähnlich wie auf der Axalp, in den Genuss von Thermik. Dabei konnte ich den gesamten, weitläufigen Hang ausnutzen und hatte einen berauschenden Blick Richtung Tal und Grindelwald sowie auf die grandiose Bergkulisse von Wetterhorn und Eiger. Ich denke die Bilder sprechen für sich. Auf der Großen Scheidegg kann aber auch bei Ostwindlagen geflogen werden. So sollte es im Sommer eigentlich jederzeit möglich sein, Hangflug zu betreiben. Die geographische Lage der Großen Scheidegg zwischen First und Wetterhorn begünstigt dabei den Düseneffekt. Mit entsprechendem Fluggerät kann somit bei leichten und mittleren Winden geflogen werden.

Das Resümee zog ich während der langen Rückfahrt: Axalp und Große Scheidegg bieten sehr gute Bedingungen für den Hangflug und Segelflugpiloten kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten. Weitere Hänge wie First oberhalb von Grindelwald oder auch Lungern oberhalb vom Lungerer See machen das Gebiet um den Brienzersee zu einem idealen Ort für alle Hangflugpiloten und bieten immer wieder neue Möglichkeiten.

Joachim Faelske


Am Hang auf der Axalp oberhalb der Chüemad-Hütte


Ein Blick hangaufwärts auf der Axalp oberhalb der Chüemad-Hütte


Start meines "Tigra 1,4" am Hang des Axalp


Der Modellflugrucksack war eine große Hilfe bei den Wanderungen, bestückt mit "Tigra 1.4" (Arthobby) und "Airon" (Valenta)


Der Blick vom Flughang ins Tal und auf Eiger und Eigernordwand


Beim Besuch der Jet-WM traf ich den Weltmeister Vitaly Robertus (links)


Mein "Airon" kratzt an der Spitze des Eigers, ein fantastisches Erlebnis!



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