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Neuheit 2015

Der "Heron" von Multiplex


Sauwetter im Dezember - aber das Fliegen mit dem Erlkönig macht Spaß

Passend zur bevorstehenden Flugsaison hat Multiplex die Elapor-Modellreihe durch einen neuen Elektrosegler erweitert. Auch wenn der Name "Heron" im englischen die Bezeichnung für "Reiher" ist, so hat der Neuling mit dem bekannten, historischen Segelflugzeug mal gar nichts zu tun. Hier ist "modern" angesagt.

Auf den ersten Blick ähnelt das aktuelle Modell dem "Solius", der im vergangenen Jahr auf der Multiplex-Neuheiten-Liste stand. Auf den zweiten Blick fallen der Vierklappenflügel und die etwas andere Art der Winglets auf. Auch die Spannweite ist mit 2,4 Metern ein Stück größer. Erhältlich ist der "Heron" in zwei Varianten: Da wäre der klassische Bausatz "BK" genannt, bei dem die RC-Komponenten nicht mitgeliefert werden. Das ist wie "Lego-Technik" für Modellflieger: Alles passt, und zwar ganz genau. Dieser Modellversion liegt auch eine Seglernase bei, für den der den "Heron" ohne Motor fliegen möchte. Die zweite Variante nennt sich "RR". Das für eine bereits gebaute Version, bei der nur noch der Empfänger, der Sender und ein Antriebsakku erforderlich sind - alles andere ist bereits eingebaut! Selbst bei fehlenden Sender-Programmierkünsten ist so ein RR-Modell in wenigen Minuten flugfertig.

Zwei Tragflächen, ein Rumpf, ein Höhenleitwerk, ein kleiner Beutel Zubehör und eine ausführliche Anleitung - das war's! Die Oberflächen sind perfekt, keine Lunker, keine hässlichen Klebespuren, ein super aufgebrachtes Dekor und vor allem: sehr sauber gebaut. Nicht einmal die Auslässe der Spritzdüsen sind direkt sichtbar. Die Tragflächen wirken enorm stabil. Ein Grund ist der bis vor das Winglet durchgehende Vierkantholm, eine Mischung aus Kohlefaserrohr und Aluminium. Dieser Holm ist durchgängig verklebt und macht die Tragfläche sehr biegefest und verwindungssteif. Das hätte man mit einer sonst üblichen, losen Rundsteckung nicht hinbekommen. Alle Klappen sind zusätzlich mit Rohrprofilen stabilisiert.

Das genialste Konstruktionsmerkmal ist aber die Holmbrücke. Sie dient der eigentlichen Tragflächenbefestigung. Die Vierkantholme greifen - in Verbindung mit den speziellen Kunststoffwurzelrippen - wie bei einem echten Segelflugzeug ineinander. Zur Sicherung dient ein Bolzen mit entsprechender Halterung an jeder Tragflächenhälfte. Der Bolzen wird innerhalb des Rumpfes eingesteckt und für den Transport wieder gelöst. Doch damit nicht genug: Die Bolzenhalterungen sind "offen" ausgeführt und mit einem starken Gummi gesichert. Da löst sich im Flug nichts, sie geben aber bei harten Stößen definitiv nach und vermeiden daher den einen oder anderen Schaden. Um das Einfädeln der Holmbrücke zu erleichtern, empfiehlt es sich, die Alurohre etwas zu entgraten. In null Komma nichts ist das Modell montiert, beziehungsweise wieder demontiert. Alle Servos sind sauber eingebaut, die Kabel sind verlegt und mit Klebeband verdeckt. Bei den Wölbklappen sind die Anlenkungen in Gegenrichtung montiert, was für die Butterflystellung große Ausschläge verspricht.

In der RR-Variante sind die wesentlichen Konstruktionsmerkmale des Rumpfes nicht zu erkennen. Das liegt daran, dass die meisten Ver- stärkungen auf der Innenseite der Rumpfhälften montiert sind. Dünne GFK-Gurte - auch Polystahl genannt - sind an den wichtigsten Stellen vollflächig in entsprechenden Nuten eingeklebt. Teilweise überlappen sich die Gurte, wenn form-bedingt eine Unterbrechung notwendig ist. Ein Alu-Sechskantrohr, das durch den gesamten hinteren Rumpf bis ins Leitwerk verklebt ist, bildet ein weiteres Merkmal der "M-Space" genannten Technologie. Der Rumpf wird durch diese Maßnahmen enorm biege- und torsionsstabil. Sollte die Belastung einmal über das normale Maß hinausgehen, lässt sich - in bestimmten Grenzen - durch Zurückbiegen einiges heilen.

Höhenruder- und Seitenruderservo ("Nano- S") finden beide im Leitwerk Platz, was sich positiv auf das mögliche Anlenkspiel auswirkt. Das Mehrgewicht ermöglicht es, den Antriebsakku weit vorn in der Rumpföffnung zu platzieren. Die Kabel der Servos sind im Alurohr geführt. Besser kann man es an dieser Stelle nicht machen. Je ein weiterer Polystahl links und rechts im Leitwerk gibt dem Seitenruder entsprechende Stabilität. Das T-Leitwerk wird seitlich in eine Anlenkhülse geschoben und mit zwei 5-mm-Kunststoffschrauben befestigt. Es lässt sich schnell und problemlos montieren und demontieren. Auch im Höhenleitwerk findet man die Polystahl-Gurte. Das ist auch gut so, da die auftretenden Kräfte bei einem T-Leitwerk im Verhältnis zu anderen Leitwerkstypen fast am höch- sten sind. Es ist offensichtlich, dass die gesamte Konstruktion das Ergebnis einer jahrelangen Erfahrung im Bereich der Schaummodelle darstellt.

Als Antrieb kommt ein "Permax BL-O 3516" (850 U/Volt) zum Einsatz. In Verbindung mit einer 12x6-Zoll-Klappluftschraube und einem 3s-LiPo 2.200 Milliamperestunden ist es auch kein Problem, den "Heron" schnell in die Luft zu bringen.

Die tolle Klarsichthaube wird nach alter Multiplex-Manier aufgedrückt. An dieser Stelle ein kleiner Tipp: Der sehr kurz angebrachte Ferritkern am Regler erschwert es, den Akku liegend zu montieren. Ein senkrecht stehender Akku ist ­- wie in meinem Fall - oftmals zu hoch, um die Haube wirklich sicher zu fixieren, es fehlen nur wenige Millimeter. Mit einem Lötkolben, hier bitte vorsichtig arbeiten, ist an der Position des Ferritkerns aber schnell eine kleine Vertiefung eingebrannt. Anschließend passt der Akku liegend sehr gut und die Haube hält perfekt. Weiteres Blei ist zum Erreichen der vorgegebenen Schwerpunktlage nicht erforderlich. Die Schwerpunktlage kann durch zwei kleine Erhöhungen an der Fläche erfühlt werden.

Jetzt erfolgt das Programmieren des Senders. Der Vierklappenflügel mit "Tiny-S"-Servos darf gerne als Butterfly programmiert werden, um den Landeweg, gerade an kleinen Plätzen wie am Hang, deutlich zu verringern. In diesem Fall lege ich den Antrieb immer auf einen seitlichen Taster und steuere mit dem Gasknüppel die Butterflystellung. Die - von Multiplex - empfohlenen Ausschläge passen für den Allroundpiloten auf Anhieb. Also starten wir mit diesen, und dem Erstflug steht nichts mehr im Wege. Doch halt! Safety First: Mit dem kleinen Inbusschlüssel bitte noch alle Anlenkungen kontrollieren und bei Bedarf nachziehen.

Das Wetter war Ende Dezember alles andere als gut geeignet um einen Erstflug zu absolvieren: regnerisch, ruppiger Wind, Kälte. Auch der Wetterbericht für die kommenden Tage versprach keinen Wintertraum. Also war die Devise: den Erstflug starten, eine passende Lücke abwarten und raus damit. Nicht senkrecht, aber mit vollkommen ausreichender Leistung zog das Modell gegen den Wind in die Höhe. Mit starkem Rückenwind ging es zügig über den Platz. Dabei ein leichtes Pfeifen, wie man es im Regelfall nur von Voll-GFK-Modellen kennt. Recht agil zog der "Heron" motorisiert durch die Luft. Was direkt auffiel: die Tragflächen bogen sich trotz der harten Bedingungen wenig durch. Und die Wölbklappen? Ja, machten sich bemerkbar, da die Flug- und Sinkgeschwindigkeit abnahm. Wie sie sich in der Thermik verhalten werden, bleibt abzuwarten. Es würde mich aber schon sehr wundern, wenn sie nicht den gewünschten Effekt bringen würden. Immer wieder ging es gegen den Wind in die Höhe und immer wieder "runtergeheizt" über den Platz. Die erste Landung erfolgte ohne Butterfly, was bei dem starken Wind auch problemlos möglich war. Wieder ging es mit reichlich Kraft nach oben und gegen den Wind die Bremsfunktion erprobt: Butterfly voll ausgefahren, da ging sofort die Nase runter und selbst die Tragflächen gingen etwas aus der V-Form in die waagerechte Lage. Doch in diesem Fall kann man getrost den Ausschlag und die Tiefenruder-Zumischung reduzieren. Das ist reine Einstellsache und wurde deshalb auf bessere Wetterbedingungen verschoben.

Über einen Schalter können die Wölbklappen nun auch der Querruderwirkung zugeschaltet werden. Damit nimmt die Wendigkeit deutlich zu. Das Modell wird richtig agil und geht so auch problemlos durch die Rolle. Eines muss man dem "Heron" allerdings absprechen: Die gewonnene Fahrt nach einem schnellen Abstieg baut das Leichtgewicht auch relativ zügig wieder ab. Aber gut, es ist kein Hotliner, sondern soll sich eher in der Thermik wohlfühlen.

Multiplex hat - zugegebenermaßen nicht unerwartet - mit dem "Heron" wieder eine Neuheit, die in Größe, Qualität und Funktionalität den Elapor-Erfolg weiter ausbauen wird. Die Konstruktionsdetails, die daraus entstehende Stabilität, gepaart mit tollen Flugleistungen haben bisher alle begeistert, die teilhaben durften, an den ersten Flugerprobungen mit dem Erlkönig aus Niefern.

Klaus Löcker


Fakten:

Spannweite: 2.400 mm
Länge: 1.100 mm
Fluggewicht: 1.530 g
Fläche: 41,3 qdm
Flächenbelastung: 38 g/qdm
Schwerpunkt: 65 mm
Preis: auf Anfrage
Bezug im Fachhandel
www.multiplexrc.de


Die aufwändige Konstruktion der Tragflächenhalterung ermöglicht eine Montage in wenigen Sekunden


Die Steckverbindungen sind in bewährter Multiplex-Ausführung realisiert. Das funktioniert prima.


Die zentrale Komponente der Flächenbefestigung ist die gut konstruierte Wurzelrippe mit Vierkantholm und Bolzen für die Holmbrücke


In der RR-Version sind die Servos sauber eingebaut und verkabelt


Das Höhenleitwerk wird aufgeschoben und mit zwei Kunststoffschrauben gesichert/strong>


Mit der "Royal SX16" ist die Programmierung des "Heron" in wenigen Minuten erfolgt


Die Stromaufnahme liegt im Stand bei knapp über 27 Ampere


Die Flugleistungen sind dynamisch und das Flugbild top


Im Design erinnert der neue "Heron" an einen modernen GFK-Hochleister



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