TECHNIK

Große Neuauflage

Der legendäre "Urubu" mit 2,7 Metern Spannweite


Zwei Meter Spannweite hat der neu aufgelegte "Urubu"

Rückblick auf die Modellsegelflug-Weltmeisterschaft 1952 in Graz: Die deutsche Mannschaft mit K.-H. Denzin, M. Hacklinger, G. Sämann und H. Pegel reiste damals mit dem Tauernexpress an, der so voll war, dass die Modellkisten kaum zu verstauen waren und es gerade mal für einen Stehplatz reichte. Schließlich tauschte man abschnittsweise die Sitzplätze mit den Mitgliedern der Nationalmannschaften von Großbritannien und Neuseeland, die sich bereits im Zug befanden. Gestartet wurde an beiden Wettbewerbs-tagen um 5 Uhr früh. Bis 7 Uhr waren zwei Durch- gänge zu fliegen um thermische Einflüsse auszuschalten. Es ging also darum, das letzte an Sinkgeschwindigkeit herauszuholen um die Maxi- malzeit von 300 Sekunden zu erreichen. Dazu wurden die Modelle "ausgehungert" soweit es gerade ging. Gestartet wurde im Laufstart mit 100 Metern Schnurlänge. Max Hacklinger benutzte einen sehr dünnen Perlonfaden um auf maximale Ausklinkhöhe zu kommen, denn der Widerstand der Schnur ging stark in die Ausgangshöhe ein. Allerdings spielte der Wind nicht mit. Er blies am Startplatz in entgegengesetzter Richtung als in der Ausklinkhöhe - eine äußerst schwierige Bedingung. Letztlich kristallisierte sich heraus, dass das Rennen zwischen Gunic (Jugoslawien) mit dem "BG-44" und Max Hacklinger entschieden werden sollte. Max Hacklinger erreichte mit seinem "Urubu" am Ende den zweiten Platz. Im Otto Maier Verlag (Spiel und Arbeit, Band 225) kam 1952 ein Bauplan des Modells heraus, jedoch mit 1,78 Metern Spannweite, statt mit zwei Metern wie beim Grazer Meisterschaftsmodell.

62 Jahre später ist der "Urubu" wieder auferstanden. Ich entschied mich für einen Nachbau mit 2,7 Metern Spannweite. Dabei sollte die Flächenbelastung nicht über 15 Gramm pro Quadratdezimeter liegen und das bei einer Profil- dicke von 4,2 Prozent. Diese Vorgabe erforderte umfangreiche Überlegungen hinsichtlich der Statik, sollte das Modell doch über eine ausreichende Festigkeit für den Start mit einer kleinen Elektrowinde verfügen. Letztlich entschied ich mich für eine Profildicke von fünf Prozent und einen geschlossenen Torsionskasten aus 1-mm-Quartergrain-Balsa mit einem innenliegenden Kohle-Sandwichträger. Nach außen hin ist nur die Balsa-Oberfläche sichtbar - was der historischen Korrektheit geschuldet ist. Das Flügelgewicht wurde mit 300 Gramm angestrebt. Kleinere kosmetische Änderungen in der Optik sollten dem Modell nicht schaden: Die Einfach-V-Form wurde deshalb in eine Dreifach-V-Form mit leicht abgeknickten Ohren umgeändert, wobei die Höhe der V-Stellung an den Spitzen erhalten blieb. Nach meinem Empfinden hat sich die Optik hierdurch verbessert, wenngleich das Modell ein etwas verändertes Gesicht erhielt. Dem Kreisverhalten sollten die etwas steileren Ohren allemal gut tun. Für den Bau wurde nur bestes Balsa ausgesucht, Dichte circa 100 kg/m³.

Es gleicht schon der Quadratur des Kreises einen steifen Flügel mit fünf Prozent Profildicke zu realisieren. Die Lösung bot eine Torsionsbox mit beplanktem Styrokern, verstärkt durch ei-nen CF-Sandwichträger. Als Kern habe ich das stark gewölbte Originalprofil mit 4,2 Prozent Dicke verwendet. Die zusätzliche 1-mm-Beplankung stellte die aus statischen Gründen notwendige Aufdickung dar, denn die Biege- und Tor- sionsmomente sind bei dem größeren Modell um einiges höher. Faller-Frästechnik hat das Originalprofil digitalisiert und einen exakten Styrokern geschnitten. Damit war auch die Unterseitenhelling für den Flügelbau vorhanden. Ich habe nur den vorderen Teil des Kerns für die D-Box und die hintere Fahne für die laminierte Endleiste verwendet. Der Kohleträger schließt rückseitig mit einer 2-mm-Balsaleiste ab. Ich habe sie einen Millimeter tief genutet und in die Nuten die hinteren Teilrippen eingesetzt. Der Kohleträger besteht aus einem Balsakern, oben und unten genutet. In den Nuten wurden oben und unten je vier CF-Rovings eingelegt. Das Ganze wurde im nassen Zustand in einen dünnen Kohleschlauch (4,5 g/m) von EMC-Vega gesteckt und unter circa zwei Kilogramm Zug ausgehärtet. Bei Belastungstests stellte sich jedoch heraus, dass der Kohleverbundträger mit acht Millimetern Gesamthöhe für einen Windenstart noch zu schwach war. Deshalb habe ich im gefährdeten Bruchbereich auf der Oberseite des Trägers zusätzliche CF-Holmstücke aufgeklebt. Die 1-mm-Balsabeplankung habe ich dazu an diesen Stellen ausgespart. Der Flügel hat inzwischen viele Starts mit einer zuggeregelten Dost- Kleinwinde überstanden und genügt den gestellten Anforderungen.

Die Rumpfkeule wurde nicht maßstabsgerecht vergrößert, da sich sonst eine überdimensional wirkende Form ergeben hätte. Auch wurde die Keule etwas schmäler gehalten. Im Hintergrund stand dabei immer die Einhaltung der Gesamtoptik. Der Dreiecks-Rumpfträger besteht aus 0,6-mm-Sperrholz, an den Ecken mit Kiefer verstärkt. Auch hier wurde nicht maßstabsgerecht vergrößert, sondern der Querschnitt des 2-m-Urubu beibehalten. Das Höhen- leitwerk wurde nach Plan vollständig aus Balsa aufgebaut und wiegt unbespannt nur 30 Gramm. Es liegt im vorderen Bereich auf einem Aluwinkel auf. Die Profilvorderkante ist der Drehpunkt. Das Leitwerk wird mit Gummis nach oben gezogen. Eine Zugleine zum Servo zieht das Leitwerk gegen den Gummizug nach unten. Damit wurde in minimalistischer Weise ein Pendelruder realisiert. Das Seitenleitwerk habe ich etwas vergrößert, um auch bei langsamer Fluggeschwindigkeit eine ausreichende Kurvenwirkung zu be- kommen. Die Wirkung hat sich jedoch als so gut herausgestellt, dass die Ruderfläche eigentlich etwas reduziert werden könnte. Das Seitenruderservo mit 3,5 Gramm Gewicht habe ich gleich an Ort und Stelle in den feststehenden Teil des Leitwerks eingebaut.

Max Hacklinger verwendete einen vorgespannten Turbulator. Das war ein Gummifaden mit gedehnter Dicke von circa 0,6 Millimetern der frequenzmäßig abgestimmt wurde um Grenz- schichtwellen anzuregen. Der vorgespannte Turbulator wirkt wohl am besten von allen, ist aber bei Landungen etwas problematisch. Deshalb habe ich beim großen "Urubu" einen Zackenbandturbulator aus dem Segelflugzeugbau mit 0,6 Millimetern Dicke etwa 20 Millimeter von der Flügelvorderkante entfernt aufgeklebt.

Der Schwerpunkt liegt bei 35 Prozent und kann noch etwas nach hinten geschoben werden. Das Modell liegt damit sehr ruhig in der Luft und besitzt einen überaus majestätischen Flugstil. Die Sinkrate liegt bei unter 30 Zentimetern/Sekunde. Bei Windgeschwindigkeiten von vier Metern/Sekunde steht das Modell oft minutenlang im Wind. Das Kurvenverhalten ist - auch als Folge der Dreifach-V-Form - als einwandfrei zu bezeichnen. Wenn man mit der Trimmung eine Kurve einstellt, kann man bei ruhigem Wetter im Gras liegend minutenlang die selbstständige Thermiksuche des Modells beobachten. Sobald sich eine Flügelhälfte hebt, dreht es selbst- ständig ein.

Dieses langsame Fliegen ist nicht jedermanns Geschmack. Das Modell verkraftet aber ohne weiteres eine leichte Brise von zwei bis vier Metern pro Sekunde und verharrt oft sehr lange im Standflug, da es geringste Aufwindwellen (beispielsweise hinter einer Baumreihe) nutzen kann. Form und Flugstil des neuen "Urubu" lassen Erinnerungen an frühere Zeiten aufkommen, als man noch viel Zeit zum Hinschauen und Genießen hatte.

Dr. Heinrich Eder
Fotos: Gunther Strobel, Dr. Heinrich Eder


Max Hacklinger belegte mit seinem 2-m-Modell den 2. Platz bei den Weltmeisterschaften in Graz 1952


Der Torsionskasten des neuen Modells besteht aus einem Styroporkern mit CFK-Sandwichträger


Beplankt und mit Rippen und Endleiste versehen ist der Eindruck eines klassischen Rippenflügels perfekte


Zusätzlich wurden CF-Holmstücke im gefährdeten Bruchbereich auf der Oberseite des Trägers aufgeklebt


Das Pendelhöhenleitwerk wiegt nur 30 Gramm und wird über Gummizug und einseitiger Anlenkung gesteuert


Diese Ansicht des Flügelträgers gibt einen guten Eindruck wie dünn und gewölbt das Profil des Modells ist


Das aufgebaute Modell sieht dem Original von 1952 zum Verwechseln ähnlich.


Die schon legendäre Fahrradwinde ist wie geschaffen für ein Modell wie den "Urubu"


Bei Windgeschwindigkeiten von vier Metern pro Sekunde steht das Modell oft minutenlang im Wind



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