REPORTAGE

Hangflugtour 2015

Slowenien, Italien, Bosnien und Herzegowina


Die Tour begann am Vremscica-Hang, im Bild die "DG-1000S" von Vlado Kobilica

Wie kann man am besten seinen Urlaub ausnutzen? Das haben sich zwei Freunde in Slowenien gefragt. Drei Hänge in drei Ländern waren das Ziel der 2.000 Kilometer langen Reise mit Adria-Überquerung. Uros Sostaric berichtet.

Schon lange interessierte ich mich für die Berghänge Umbriens (vgl. AUFWIND 3/2014) in Mittelitalien. Die Hänge sind groß und grasbewachsen. Jeder der Hänge bietet etwas Einzigartiges, so ist es notwendig, jeden davon zumindest einmal zu testen. Die Region Umbrien liegt in der Nähe der italienischen Küstenstadt Ancona an der Adria, gegenüber der kroatischen Stadt Split. Von dort aus ist es nicht weit nach Livno und Kupres in Bosnien und Herzegowina. So legte ich den Reisetermin in Übereinstimmung mit unserem traditionellen Großseglercamp "Aerozaprege.si" in Livno fest, vom 6. bis 13. Juni. Meinen Freund Radivoje Lenardon aus Triest hatte ich schnell überzeugt, mich zu begleiten.

Vorbereitet haben wir unsere Reise an einem schönen Nachmittag in Mai am Hang von Vrem-scica in Slowenien. Dieser Hang ist sehr beliebt bei österreichischen, italienischen und slowenischen Modellbauern und ermöglicht ausgezeichnete Flugbedingungen bei Südwestlagen. Auch die Bedingungen für die Landung der größten Modelle sind ideal. Radivoj und ich haben hier die letzten Details unserer Tour besprochen.

Die Wettervorhersage versprach eine sonnige und warme Woche, so durfte es zu keinen Verzögerungen kommen. Kollegen, die direkt nach Livno fuhren, haben unsere Großsegler zum F-Schlepp mitgenommen. Wir wollten nämlich auf unserer Tour durch Italien nur die Hangflugmodelle mitnehmen. Es galt, Modelle für unterschiedliche Wetter- und Geländebedingungen mitzunehmen. Meine Wahl fiel auf die "DG-1000" (5 m), einen "Xplorer 4000 Elektro" und einen "Limit K"-Segler. Radivoj entschied sich für einen "Pilatus B4" (4 m) und einen "Pike Elektro". Das Auto war am Samstagmorgen mit Modellen und allem was noch mit sollte gepackt.

Die Reise führte uns an einem schönen Vormittag über den Apennin und schnell erschienen die ersten Cumulus-Wolken. Um die Mittagszeit kamen wir auf den Sattel unterhalb des mächtigen Monte Vettori (2.476 m), wo der Weg zu dem kleinen Dorf Castellucio di Norcia führt, im Herzen des Nationalparks der Monti Sibillini. Wir hatten Zimmer in dem Berghaus "Refugio degli Alpini nei Monti Sibillini" reserviert, das in einer Höhe von 1.560 Metern über dem Meeresspiegel liegt. Hier gehen Modellflieger ein und aus - alles zu einem sehr günstigen Preis. Gleich hinter dem Ferienhaus ist ein Hügel, der schöne Flüge bei Nordwest- bis Südostwinden ermöglicht. Die Flugbedingungen waren wirklich toll mit starker Thermik und genau der richtigen Intensität an Hangwind. Die Landung ist auf der linken Seite des Sattels möglich. Das Gelände ist felsig, aber nicht zu steil. Im Hintergrund der mächtige Monte Vettori, Anfang Juni noch mit Schnee bedeckt.

Nach zwei Tagen zogen wir weiter in die Taverna Castellucio in Castellucio di Norcia - quasi im Zentrum der für uns wunderschönen Landschaft. Die umliegenden Grashänge sind ideal für alle Hangflugsportarten. Die Stadt ist sehr angenehm, Ende Juni verwandeln sich die Felder rund um die Stadt in eine farbenprächtige Palette von Blumen. An diesem dritten und letzten Tag ergab sich noch ein unvergesslicher Flug am Vormittag. Denn für diesen Montagabend hatten wir im Hafen von Ancona einen reservierten Platz auf der Fähre "Marco Polo". Die kroatische Reederei Jadrolinija unterhält hier eine regelmäßige Verbindung zwischen Ancona und Split. So sparten wir die 1.200 Kilometer lange Reise rund um die Adria. Die Fahrt mit der Fähre dauerte die ganze Nacht und am Morgen wachten wir in Split auf, von wo aus es nicht mehr weit nach Livno in Bosnien und Herzegowina ist (ca. 90 km).

Bosnien Herzegowina ist kein EU-Mitglied, es gibt noch Grenz- und Zollkontrollen. Die Flugmodelle müssen angemeldet werden, das Verfahren ist einfach und schnell. Auf dem Flugplatz Livno lief zu diesem Zeitpunkt bereits das traditionelle Großsegler-Camp "Aerozaprege.si" und wir wurden von Freunden aus Slowenien und den einheimischen Modellfliegern begrüßt. In Livno fühlen wir uns wie zu Hause. Der Aeroclub bietet uns eine komplette Infrastruktur. Die ganze Woche gab es nichts anderes als Modellfliegen. Der Flughafen bietet Unterkunft, sanitäre Einrichtungen, ein Restaurant, Platz für Modelle in einem Hangar und natürlich eine luxuriöse Grasbahn. Mit der Hilfe von EU-Mitteln wurden bereits eine Zufahrt mit Parkplatz gebaut, Zäune rund um den Flughafen und ein zusätzlicher Hangar. Aktuell im Bau ist auch eine neue Asphaltpiste mit Verbindung zum Hangarvorplatz. Auch in Livno hatten wir das fantastische Wetter, wie schon auf unserer Reise. Die "Livno-Thermik" von morgens bis abends ist legendär. Ältere Modellbauer werden sich noch an die Europa- und Weltmeisterschaften im Freiflug Mitte der 80er-Jahre erin- nern. Wir kehren gerne jedes Jahr zurück auf diesen wunderbaren Flugplatz. Mein großer "Arcus" von Radim Horky war schnell zusammengebaut und der Schlepper wartete schon am Start. Der erste Flug dauerte fast zwei Stunden und erreichte eine Maximalhöhe von etwas über tausend Metern. Zum Camp kamen 12 Modellbauer aus Slowenien und Italien mit über fünfzig Segel- und Motorflugzeugen.

Nach einigen Tagen fuhren wir nach Kupres, rund eine Stunde Fahrt von Livno entfernt. Die umliegenden Hänge sind ideal zum Hangfliegen bei allen Windrichtungen. Mit dabei auch Armin, ein Modellbauer aus dem deutschen Oberstdorf. Wir flogen am Hang Gradina, ein eher niedriger Hügel mit einem Höhenunterschied von gut 100 Metern, aber einer guten Thermik und mit der Dynamik des Nordwindes. Die Erreichbarkeit ist einfach, der Platz für die Landung ausreichend groß für alle Arten und Größen von Modellen. Die Bedingungen waren großartig und die zwei längsten Flüge dauerten knapp vier Stunden.

Wir trafen uns nun mit Mate, einem Pionier des Gleitschirmfliegens in Kupres. Jetzt ist er Ranchbesitzer und im Reittourismus tätig. Er möchte auch den Modellflugtourismus in den Wiesen und auf den Hängen rund um Kupres entwickeln. Mate und sein Team bereiten jedes Jahr ein tolles Abendessen mit bosnischen Spezialitäten - vor allem Fleisch vom Grill. Diese Tage bildeten nun auch den Abschluss unserer Tour. Ich hoffe, sie in diesem Jahr wiederholen zu können, mit neuen Hängen und Geländen.

Uros Sostaric
Fotos: Damjan Romih, Gorazd Pisanec, Zdenko Gacar, Uros Sostaric


Einen ganzen Tag flogen wir am Monte Vettori auf dem östlichen Hang bei perfekten Bedingungen

Der "Limit K" vor dem mächtigen Monte Vettori. Von hier kann man die Adriaküste sehen

Mit der Fähre ging es von Ancona (Italien) nach Split (Kroatien). Eine gemütliche und ruhige Nachtfahrt durch die Adria

Der neue Hangar des Aeroklubs Livno wurde zum Lagern der 50 Modelle des Camps genutzt

Ein Blick aus der Ferne über das Livansko-Flugfeld während des Schleppbetriebs lässt die Weite des Geländes erahnen

Radivoi (links) mit seinem Lieblingsmodell "K6", zusammen mit Uros Sostaric (mitte) und Zdenko Gacar. Die gute Laune ist den drei Freunden anzusehen

Mehrere Flüge führten auf über 1.000 Meter Höhe - aber das geht natürlich nur mit einem dafür geeigneten Modell

Zdenko (links) mit seinem "Ventus 2ax" und Uros Sostaric (rechts) mit seinem "Arcus" nach einem Flug von über 1.200 Metern Höhe in zwei Stunden. In der Mitte Dejan Labos mit seiner Eigenbau-" Super Cub" als Schlepper

Am Abend genossen wir ein paar Flüge mit dem "Ventus 2ax" (6 m, Jure Marc). Im Hintergrund der Gebirgszug Dinara, die Grenze zwischen Kroatien, Bosnien und Herzegowina

Essen ist ein wichtiger Teil unserer Zusammenkunft in Livno. Hier kocht Zdravko ein ausgezeichnetes Gulasch im echten Kessel

Mehrere Tagesausflüge führten uns zu den Hängen rund um Kupres

Die Teilnehmer des Camps "Aerozaprega.si" in Livno mit Hangfliegen über Kupres



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 2/2016

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