REPORTAGE

Retroplane

Das Familientreffen der Oldtimerfans


67 Modelle wurden bei der schon traditionellen Rumpfpräsentation gezeigt

Eingeschworen kann man sie nennen, die Mitglieder der Retroplane-Szene. Alljährlich treffen sich Fans aus vielen Ländern um gemeinsam die Modelle zu fliegen. Wolfgang Wachtler war wieder für AUFWIND mit dabei, diesmal im italienischen Polsa.

Eigentlich wollte ich eine "kreative Pause" bei Retroplane einlegen und mich auf das Treffen in Vauville 2017 vorbereiten. Dort wird es sich ja um eine besondere Herausforderung handeln: Es sollen Neukonstruktionen an den Start gehen, deren Vorbilder vor 1925 gebaut wurden. Doch zu meiner angedachten Pause: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Im Rückblick sieht es so aus: Der Weg zu einem Kurzurlaub führte "rein zufällig" am Gardasee vorbei. Dort, genauer etwas nördlich, liegt in den Bergen Polsa, der Austragungsort für das Treffen Mitte Juli 2016. Der Campingplatz auf über 1.000 Meter Höhe, die Startstellen auf gut 1.400 Metern - also war heuer alpines Fliegen angesagt. Der Haupthang, gegen Süden gerichtet, fällt steil bis ins Tal hinunter - kaum eine Möglichkeit für Außenlandungen - ich war einigermaßen skeptisch.

Außerdem gab es ein weiteres, kleines Problem: Ich hatte kein passendes Modell! Laut Reg- lement kann man mit dem gleichen Modell maximal drei Mal bei Retroplane starten. Meine "alten" Oldtimer waren da deutlich drüber, das aktuelle Modell wurde 2015 auf der Wasserkuppe geopfert. Es stand wohl eine Teilnahme als Besucher bevor - oder ließe sich in der verbleibenden Zeit etwas machen?

Also habe ich überlegt, gesucht und geplant. Wie könnte ich es schaffen in vier Monaten ein neues Modell zu bauen, das den Regeln und meinen eigenen Ansprüchen genügt? Das Ergebnis meiner Überlegungen: "Willow Wren" im Maßstab 1:4, ein CNC-Bausatz von AR-Flugmodelle. Ich habe spontan Kontakt mit Firmenchef Roman Fraisl aufgenommen. Der Frästeilesatz wurde Ende Februar 2016 geliefert. Unter dem Titel "Race to Polsa" habe ich einen Bauthread bei Retroplane eröffnet und sofort losgelegt. Der Bau des Modells machte mir viel Freude. Alle Bauteile haben sehr gut gepasst und die durchdachte Konstruktion von Roman hat den Aufbau in vier Monaten ohne Stress ermöglicht. Ich habe darauf verzichtet, die Tragflächen mit Sperrholz zu beplanken. Das Modell sollte ja leicht werden und auch bei schwachen Bedingungen gut einsetzbar sein. Außerdem fehlten mir einige Details bei den Beschlägen mit denen ich das Modell etwas mehr in Richtung Vorbild trimmen wollte. So wurde die Landekufe mit den Metallbeschlägen neu konstruiert und die Gurte wie beim Original an der Rückwand befestigt. Die Leitwerke habe ich noch mit Verstärkungsecken versehen und - wie die Tragflächen - mit Diacoy bespannt.

Der "Willow Wren" war also Anfang Juli flugfertig und ich konnte ihn in Polsa präsentieren. Bei unserer Ankunft am Campingplatz war es sonnig, aber für Mitte Juli ziemlich frisch. Eine ausgeprägte Nordströmung hatte die Tage zuvor kalte Luft und heftige Gewitter gebracht - das hat dann leider auch die fliegerischen Möglichkeiten für das Wochenende beeinflusst. Am großen Südhang war das Fliegen nicht möglich. Wir mussten also auf einen Nordhang ausweichen, der durch den sehr böigen und kalten Wind nur wenige und riskante Flüge zuließ. Trotzdem war die Stimmung gut und am Freitag wurden bei der abendlichen Rumpfpräsentation 67 Modelle gezeigt! Es gab also mehr als genug zu begutachten, zu diskutieren und zu bestaunen. Das ist doch einigermaßen erstaunlich in Zeiten, in denen der klassische Modellbau im-mer wieder totgesagt wird!

Samstag und Sonntag verhinderte die starke Nordströmung weiterhin Flüge am Südhang. Der Ausweichplatz Richtung Norden war geprägt von starkem, aber sehr böigem Wind ohne nennenswerte Thermik. Einige der sehr erfahrenen Piloten starteten trotz der schwierigen Bedingungen und zeigten beeindruckende Flüge. Die eine oder andere Außenlandung war so unvermeidlich, größere Schäden sind glücklicherweise ausgeblieben.

Ein besonderes Ereignis bei jedem Retroplane-Treffen ist immer wieder die Verlosung der Preise und das gemütliche Beisammensein - den vielen Sponsoren sei Dank.

Es bleibt mir, die Leser einzuladen auf Retroplane.de vorbeizuschauen und auf den Link "Vauville 2017" zu achten. Dort sind die aktuellen Bauberichte für das Treffen 2017 verlinkt - eine tolle Übersicht mit Modellen die wahrlich nicht alltäglich sind. Und was 2016 angeht, so habe ich ein paar schöne Augenblicke im Bild festhalten können.

Wolfgang Wachtler


Der beeindruckende Südhang in Polsa, während des Treffens leider mit Nordwind

Details satt: Das Leitwerk einer ungarischen "Vöstök"

Ein 5-m-"Rhönsperber" versucht sein Glück am Nordhang

Das Starten war nicht immer leicht, hier ein fünf Meter großer "L-Spatz"

Ein selten zu sehender Oldtimer, aber wunderschön: "Hall Cherokee"

Es müssen nicht immer riesige Spannweiten sein, so wie hier bei dem eher handlichen "Doppelraab"

Und wenn schon über seltene Konstruktionen geredet wird, darf der "Nitra 3" von 1925 nicht unerwähnt bleiben

"Ivanoff Camel" wurde 1937 in England erbaut und flog noch bis 1951



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