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Der "Lilienthal 40 RC" von Aeronaut


Kleine Holzsegler können mächtig Spaß machen - der "Lilienthal 40 RC" kann es

"Horst, ich glaube, ich hab´ da was für dich...", wenn AUFWIND-Redakteur Philipp Gardemin mich mit diesem Satz am Telefon begrüßt, bedeutet das: Er hat wieder einmal Beschäftigung für einen Spielfreund wie mich gefunden. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich bevorzugt mit kleinen, einfachen Segelflugmodellen beschäftige, die viel Spaß für wenig Geld versprechen. Groß- und Jetmodellfans würden sagen: "Spielzeugflieger".

Aeronaut ist seit langem bekannt für gut durchdachte Holzbausätze. Besonders jedoch für ihr Engagement in der Jugendarbeit. Die speziell hierfür konzipierten Baukästen sind perfekt geeignet für Schul- und Gruppenprojekte. Damit Lust nicht schnell in Frust umschlägt, muss so ein Modell einfach zu bauen, die Anleitung verständlich und anfängergerecht sein. Und was den Nachwuchs begeistert, sollte auch alten Hasen noch Spaß machen.

Als Projekt für den Werkunterricht ist vor allem die preiswerte Freiflugvariante interessant, die garantiert nicht weniger Spaß als die RC-Version verspricht. Damit das Modell nach einem Hochstart nicht auf und davon fliegt, hat der "Lilienthal 40" eine "Kurvenautomatik" eingebaut: Während des Startvorgangs, das heißt solange das Modell am Seil hängt, bleibt das Seitenruder in Neutralposition. Sobald die Seilspannung nachlässt und sich der Hochstartring aus dem Haken löst, zieht ein Gummiring das Ruder in Kurvenflugposition.

Nun aber zum Bau: Schon der erste Eindruck war sehr positiv: Die Qualität der lasergeschnittenen Balsateile ist erste Sahne. Eine dreisprachige Anleitung in Form eines Booklets begeis- tert mit farbigen 3D-Zeichnungen, die den Bau step-by-step beschreiben. Und um noch einen drauf zu setzen, hat Aeronaut auch gleich eine maßgeschneiderte Helling und diverse Schablonen beigelegt. Sie vereinfachen nicht nur den Bau, sondern können Fehler so gut wie ausschließen. Der "Lilienthal 40" kann als Freiflugmodell oder RC-Segler gebaut werden. Erstere Version lässt sich sogar nachträglich leicht auf RC umrüsten. Da hat man wirklich an alles gedacht. Ganz offensichtlich hat das Team von Aeronaut nicht nur viel Wissen, sondern auch eine gute Portion Spaß investiert. Jetzt musste ich nur noch die beste Modellfliegerfrau von allen überzeugen.

Ich versprach ihr, dass beim "Lilienthal 40 RC" nichts gesägt, geraspelt oder gehobelt werden muss. Soll heißen, dass sich keine Staubwolke aufs frisch polierte Mobiliar niederlassen wird. Somit durfte ich an meinem Arbeitstisch im Wohnzimmer basteln. Ich musste mich also nicht in den Hobbykeller - von meinem Schatz liebevoll "Man Cave" getauft - verziehen. Die Anleitung beginnt mit dem Rumpfboot, das aus 3- und 5-mm-Balsa in "Schichtbauweise" aufgebaut wird, beginnend mit der rechten Seitenwand. Als Klebstoff empfiehlt Aeronaut "UHU- hart". Eigentlich bin ich überzeugter Weißleim-Fan, doch mit der blauen Tube geht es eindeutig schneller. Zwei Arretierungsstifte und eine Winkelschablone garantieren präzisen Sitz der einzelnen Lagen. Bevor das Rumpfboot geschlossen wird, werden das CFK-Rumpfrohr und die zwei Führungsröhrchen für die Bowdenzüge eingeleimt. Auch hier sorgt eine spezielle Scha-blone aus Depron für exakten Sitz. Genial ist die Konstruktion der (ebenfalls in Schichtbauweise erstellten) Kabinenhaube: Sie ist am vorderen Ende "selbstarretierend", am hinteren wird sie später vom Flügel fixiert. Nach einer kurzweiligen und durchweg erfreulichen Bastelaktion hieß es dann doch noch: Abschied vom Schreibtisch nehmen und raus auf den Balkon. Rumpfboot und Haube wollen nämlich formschön verschliffen werden. Auch meine Frau fand das Ergebnis gelungen. Der Nachbar vom unteren Balkon meinte am folgenden Tag, das mit dem "Sahara-Staub" hätte der Wetterbericht gar nicht vorhergesagt. Der kleine Schleifklotz aus dem Baukasten hatte offenbar ganze Arbeit geleistet.

Das Kreuzleitwerk besteht aus 2,5-mm-Balsa, auch hier lässt die 3D-Anleitung keine Fragen offen. Für einen passgenauen Sitz sorgt eine spezielle Bauhelling - wie genial ist das denn! Auch wenn das Rumpfrohr im Bereich des Leitwerks vor dem Aufkleben angeraut werden muss, gehe ich dennoch auf Nummer sicher. Dafür wähle ich Zwei-Komponenten-Harz als Klebstoff, mit dem sich auch die Übergänge Leitwerk/Rohr gut vermuffen lassen. Laut Anleitung sind Höhen- und Seitenruder zuvor mit dem beiliegenden Gewebeband anzuschlagen. Da ich das Modell später jedoch nicht nur grundieren, sondern auch mit Klarlack streichen will, lege ich die Ruderflächen erst mal bei Seite. Sie werden erst später mit Tesafilm fixiert.

Der Jedelsky-Flügel mit der typischen offenen Unterseite hat sich spätestens seit "Airfish-Tagen" als besonders gutmütig und baufreundlich erwiesen. Vielfach belächelt, muss er sich mit seinen Flugleistungen dennoch keineswegs verstecken. Das Mittelteil und die beiden Ohren werden mithilfe einer sehr cleveren Helling aufgebaut. Dazu werden zuerst die Rippen in die vorgeschnittenen Schlitze der Unterlage aus 3-mm-Depron gesteckt. Anschließend erfolgt die Beplankung, beginnend mit dem Profilbrett. Auf ausreichende Verklebung ist unbedingt zu achten, hier ist Weißleim (Ponal Express) erste Wahl. Ein in das Profilbrett eingesetzter Kiefernholm sorgt für zusätzliche Biegesteifigkeit. Schließlich ist der "Lilienthal 40 RC" auch für Hochstart konzipiert (und Anfängerfehler bedingte "Belastungsproben").

In gleicher Weise werden nun die beiden Flügelenden erstellt. Die Knickstellen zwischen Mittelteil und Ohren umlaufend mit Gewebeband verstärkt. Auch hier kommt Weißleim zum Einsatz. Der Flügel sollte vor dem finalen Verschleifen noch einmal gründlich auf mangelhafte Klebestellen untersucht werden. Wenn erforderlich die Stellen nachbessern. Die geschwungenen Winglets verleihen dem Modell zusätzliche Eleganz und sorgen darüber hinaus für ein Plus an Flugstabilität. Anfängerfreundlichkeit wird hier ganz groß geschrieben.

Für das Finish empfiehlt Aeronaut die Behandlung des verschliffenen Modells mit Porenfüller. Dadurch wird das Holz gegen Feuchtigkeit imprägniert und die Oberfläche gehärtet. Das gute Zeug enthält freilich Lösungsmittel, also Fenster auf und für Durchlüftung sorgen! Nach der abschließenden Behandlung aller Teile mit sehr feinem Schleifpapier (1.200-er Körnung) kann man sich erstmal entspannt zurück lehnen und das vollbrachte Werk genießen.

Da ich mit meinen Modellen nicht immer zimperlich umgehe (ausgenommen für Testberichte), bekam der "Lilienthal 40 RC" noch eine Schicht Klarlack (seidenmatt) spendiert. Ach richtig, meine absolute Lieblingstätigkeit nicht zu vergessen: Das Aufbringen der Aufkleber. Meine Frau hätte sich als Motiv eher Blümchen oder Herzchen gewünscht. Ich habe ihr versprochen, den Vorschlag an Aeronaut weiterzuleiten.

Wie bereits erwähnt ist der "Lilienthal 40 RC" für Standard-Mini-RC-Komponenten konzipiert. Die Aussparungen für die Servos geben 10 Millimeter Breite und 20 Millimeter Länge vor. Dem Bausatz liegen zwei Bowdenzugröhrchen bei, sowie 0,8-mm-Stahldraht zur Anlenkung der Ruder. Die Bowdenzugrohre werden durch das Rumpfboot nach draußen am Rumpfrohr entlang geführt und - ganz easy - mit Klebeband fixiert. Ruderseitig wird der Stahldraht rechtwinklig abgeknickt, am Ruderhorn eingehängt und anschließend mit einem Röhrchenstück gegen Herausrutschen fixiert. Zur Sicherheit sollte man dieses mit einem Tröpfchen Uhu oder Sekundenkleber sichern.

Neben zwei passenden 5-g-Servos fand ich auch noch einen kleinen Empfänger nebst vierzelligem 400-mAh-Akku in meiner Restekiste. Alle Komponenten passten perfekt. Schönster Nebeneffekt: Der Schwerpunkt stimmte auf Anhieb, kein Gramm Trimmblei war erforderlich. Das erlebt ein Modellbauer in seiner Karriere nicht oft!

Erfreulich auch das Abfluggewicht: 260 Gramm. Wer die "Drohnenverordnung" auswendig gelernt hat, weiß natürlich die Antwort auf die Fra-ge, was fehlt noch? Richtig: die Adressplakette aus feuerfestem Material, die ab 250 Gramm Abfluggewicht Vorschrift ist.

Es war der vielleicht letzte schöne Spätherbsttag im vergangenen Jahr, mit Sonnenschein und schwachem Wind aus Nord-West, der genau auf unseren Haushang stand. Also ideales Einflugwetter! Modell und Pilot waren bereit, und Jonas, mein Fotografen-Azubi im zweiten Lehrjahr, hatte die Kameratasche mit allem gepackt, was der Fotoschrank so hergab. Tja, er hatte eindeutig mehr zu schleppen als ich. Wer von uns beiden wohl zuerst "startklar" war?

Mein "Lilienthal 40" war bereits aufgerüstet, dank kofferraumfreundlicher Abmessungen. Dass ich zu faul war, einen Schalter einzubauen, rächte sich nun und mein kostbarer Vorsprung war dahin: Um den Akku anzustecken musste ich erst den Flügel, dann die Haube abnehmen. Dann den Akku anstecken, Kontrolle, Haube wieder drauf, Flügel aufgeschnallt - 1:0 für Jo-nas, er hatte die Kamera bereits im Anschlag.

Ein leichter Schubs aus der Hand, schon schwebte der kleine Segler mehrere Meter über uns. Das Jedelsky-Profil setzte den schwachen Aufwind sofort in Steigen um. Keinerlei Korrekturen in der Trimmung waren erforderlich, die Einstellung passte auf Anhieb. Es war förmlich zu spüren, dass das Modell auch ein idealer Freiflieger ist. Die nächsten Würfe wurden beherzter, und sogar ein Looping "aus dem Stand" gelang - mit anschließender Fanglandung. Jonas war auf Zack und hielt den Moment im Bild fest. Der "Lilienthal 40 RC" reagiert feinfühlig auf alle Steuerbefehle, die allerdings, typisch für Zweiachser mit V-Form, beim Ausleiten von Kurven ein gewisses Vorausdenken erfordern. Landeanflug gegen den Wind, kurz vor dem Aufsetzen noch mal das Höhenruder gelupft - butterweich wie ein Schmetterling setzte sich der Segler ins Gras. Am Ende des Flugnachmittages waren Fotograf und Pilot mit den Ergebnissen zufrieden: Starke Bilder, tolles Modell! Ich werde auch noch einen Schalter einbauen - nächstes Mal bin ich Erster!

Ja, der "Lilienthal 40 RC" ist eine rundherum gelungene Konstruktion und der ideale Einstieg ins Hobby. Die Anleitung ist vorbildlich, die Montage einfach. Ausstattung und Vorfertigungsgrad des Baukastens sind top. Einen Verbesser- ungspunkt hätte ich dennoch: Der aufgeschnall- te Flügel verrutscht leicht, da Unterseite und Flächenauflage glatt sind. Abhilfe schaffen hier zwei schmale Streifen aus dünnem Schaumstoff.

Horst Fenchel
Fotos: Horst Fenchel, Jonas Rossel



Fakten

"Lilienthal 40 RC" von Aeronaut
Ein Wurfgleiter für Freiflug und RC

Spannweite: 1.190 mm
Länge: 830 mm
Gewicht: 190-260 g
Profil: Jedelsky
Preis: 39,90 Euro
Bezug im Fachhandel
www.aeronaut.de


Sieht nach mehr Arbeit aus, als es ist: der Baukasteninhalt


Hier bleiben wirklich keine Fragen offen: So wünscht man sich eine Bauanleitung


Das Rumpfboot wird in "Schichtbauweise" aufgebaut. Für präzisen Sitz sorgen Passröhrchen und eine Winkelschablone


Schief war gestern, denn auch beim Einkleben des CFK-Rumpfrohres kommt eine Schablone zum Einsatz


Rumpfboot mit Haube vor dem Verschleifen. Letztere passt wie angegossen


Formschön: Der beigefügte Schleifklotz hat ganze Arbeit geleistet


Weitere Hilfsschablonen verhindern schiefes Aufkleben des Kreuzleitwerks


Praktisch: Die Helling aus Depron macht den Flächenbau zum Kinderspiel


Das Aufkleben der Endfahne kommt einem Nadelkissen gleich, jetzt muss der Weissleim nur noch trocknen


Durchdachtes Detail: Die Flügelrippen werden in die Schlitze der Helling gesteckt, und nach der Fertigstellung des Flügels die Haltestege einfach abgetrennt


Sogar für Randbögen und Winglets liegt eine Montageschablone bei


Die Behandlung aller Holzflächen mit Porenfüller ist viel mehr als nur Kosmetik - und riecht auch stärker


Passt, wackelt nicht und hat Luft: Die RC-Komponenten, hier noch beim provisorischen Einbau


Sogar eine Schwerpunktwaage wird mitgeliefert. Den Auflagepunkt markiert der eingravierte Pfeil


Ein leichter Schubs, schon schwebt der Kleine von dannen


Auch Bodenturnen macht mit dem "Lilienthal 40" Spaß




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