REPORTAGE

ES-49 im Maßstab 1:2,5

Ein außergewöhnlicher Oldtimer


Die „ES-49“ mit ihren 6,4 Metern Spannweite ist ein imposantes Stück Flugzeug geworden.

Dieses Segelflugzeug wird den meisten Lesern – erfahrene Kenner der Oldtimerszene einmal ausgenommen – wahrscheinlich eher unbekannt sein: Die Buchstaben ES deuten auf eine Konstruktion von Edmund Schneider hin. Der hatte 1930 bereits das heute ebenso berühmte wie beliebte „Grunau Baby“ konstruiert.

1949 machte er sich daran, einen leistungsfähigen Doppelsitzer zu konstruieren – die „ES-49“. Dieses Segelflugzeug wurde bei Alexander Schleicher in Poppenhausen in Serie gebaut, ist ein abgestrebter Hochdecker, hat 16 Meter Spannweite und null Grad V-Form. Die Kabinenhaube des Holzrumpfes mit sechseckigem Querschnitt ist voll verglast. Edmund Schneider übernahm seinerzeit einige konstruktive und bewährte Details von seinem „Baby“, wie zum Beispiel die Leitwerke, die nur etwas größer ausgelegt wurden. Im August 1951 – kurz nach der Wiederzulassung des Segelfluges in Deutschland – erfolgte der Erstflug der „ES-49“ mit dem Kennzeichen D-4302. Insgesamt wurden bei Alexander Schleicher nur acht Exemplare gebaut. Die Vereine bevorzugten damals nämlich robuste Stahlrohrrümpfe. Übrigens baute Edmund Schneider 1933 auch das berühmte Einzelstück „Moazagotl“ für Wolf Hirth, nach einem Entwurf von Friedrich Wenk in seiner Werkstatt in Grunau im Riesengebirge (heute: Polen). Edmund Schneider übersiedelte mit seiner Familie bereits 1950 nach Australien. Dort entwickelte er die „ES-49“ weiter zur „ES-49B Kangaroo“ mit einer Spannweite von 18 Metern und einer geänderten Tragflächengeometrie sowie einem eleganteren Rumpf. Außerdem konstruierte er in Australien noch weitere leistungsfähige Segelflugzeuge, bis hin zur „ES-57 Kingfisher“ im Jahre 1957.

Von der „ES-49“ existiert meinem Wissen nach nur noch ein Exemplar, im Besitz des Deutschen Segelflugmuseums auf der Wasserkuppe und im flugfähigen Zustand. Diese „ES-49“ mit der Werk-Nr. 15/52 war die sechste bei Schleicher gebaute Maschine und wurde als Vorbild für meinen Modellnachbau im Maßstab 1:2,5 ausgewählt. Schon das Original ist für einen Doppelsitzer sehr groß und wuchtig, man hat eher das Gefühl einem amerikanischen Dreisitzer gegenüberzustehen. Aus diesem Grund wirkt auch das Modell mehr wie ein Nachbau im Maßstab 1:2.

Mit dem Modell hat alles vor circa drei Jahren in der Werkstatt von Ralf Jüde angefangen. Er hatte die Idee einen Oldtimer in seine Modell-Palette aufzunehmen. Auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Vorbild stieß er auf die besagte „ES-49“. Wahrhaftig hatte man dieses Segelflugzeug als Modellnachbau bis jetzt auf keinem Flugplatz gesehen. Bei Alexander Schleicher Segelflugzeugbau in Poppenhausen konnte Ralf jede Menge kopierter Originalpläne erwerben.

Das Modell sollte aber abweichend vom Original einen GFK-Rumpf erhalten. Folglich galt es, das Rumpf-Urmodell zu erstellen: Das Rumpfgerüst wurde auf einer Helling mit Spanten, Stringern und Gurten aufgebaut. Anschließend wurde der Rumpf komplett mit 1,5-mm-Flugzeugsperrholz beplankt, gewachst und abgeformt. Die Holzmaserung des Sperrholzes hat sich so auf dem GFK-Rumpf abgebildet. Bei der Fertigstellung des GFK-Rumpfes wurden noch einige Spanten in den Rumpf geharzt. Dazu war der Original-Rumpfplan eine sehr wertvolle Hilfe. Der Spoiler hinter dem Landerad wurde extra gebaut und ist abnehmbar. Und die Kufe vor dem Rad bis zur Rumpfspitze entstand in einer Art Pressform aus sieben Lagen 1,5-mm-Flugzeugsperrholz mit jeweils einer Lage 163-g/qm-Gewebe dazwischen und alles mit 24-Stunden-Harz verklebt. Der Haubenrahmen entstand mit Leisten und Sperrholzspanten und wurde segmentweise mit 0,8-mm-Vivak beklebt. Lediglich für das vordere Formteil wurde ein Tiefziehklotz hergestellt. Vivak wurde im Backofen erhitzt und über diesen Klotz gezogen. Zum Schluss wurde der Rumpf mit Zwei-Komponenten-Lack lackiert, die Kennungen und Dekore wurden mit selbst klebender Folie aufgebracht.

Der Flügel wurde ganz konventionell in Rippenbauweise erstellt. Die Realisierung der Beplankungsstöße und Rippenabstände kann durchaus als Semi-Scale bezeichnet werden. Lediglich die Querruder sind ein Rippenfeld kürzer als beim Original. Denn aus Transportgründen wurde die Tragfläche dreiteilig gebaut. Bei null Grad V-Form bietet sich das gerade zu an. Im Mittelteil haben alle Rippen die gleiche Länge. In den Außenteilen verjüngt sich die Tragfläche zum Randbogen. Um in diesem äußeren Steckungsbereich die Tragflächenteile noch ordentlich arretieren zu können, wurde das Querruder um ein Rippenfeld gekürzt. Die Holmgurte bestehen mehrlagig aus Kieferleisten 20x5 Millimeter, die Rippen aus 3-mm-Pappelsperrholz und Beplankung und Aufleimer aus 2,5-mm-Balsa hart. Mit zwei Rohren von 30 Millimetern Durchmesser werden die Außenflügel an das Mittelteil gesteckt, mit sechs Millimeter starken Verdrehsicherungen aus Stahl. Zum Finish wurde die Tragfläche mit Robbe-„Solartex antik“ und „Oracover weiß“ gebügelt. Die Zierlinien in Rot wurden entsprechend dem Original auf der Wasserkuppe mit selbstklebendem Band aufgeklebt. Als Servos wählte ich für Höhen- und Seitenruder sowie die Querruder die „Rhino Digi“ von Multiplex, für die Störklappen und die Schleppkupplung „Tiger MG“, auch Multiplex.

Als Störklappen wurden zum ersten Mal die Premiumprodukte von Florian Schambeck (www.klapptriebwerk.de) eingebaut. Diese sind das zurzeit wohl Perfekteste, was es zu kaufen gibt. Selbst wenn man sie mechanisch im ausgefahrenen Zustand nach vorne oder hinten blockieren will, fahren sie noch ein und aus als wären sie überall kugelgelagert.

Gleich zwei dicke Enttäuschungen ließen mich an dem ehrgeizigen Projekt zweifeln: Beim ersten Zusammenstecken der drei Tragflächenteile mit dem Rumpf ließ das Modell gewaltig die Ohren hängen, zumindest sah es so aus. Das lag wohl an den null Grad V-Form. Ich war schockiert! Das sah nicht gut aus. Letztendlich habe ich das Tragflächenmittelteil in der Mitte durchgesägt und ihm eine V-Form von insgesamt 1,5 Grad verpasst. Erleichternd an dieser Stelle war, dass die Tragfläche zum Rumpf hin abgestrebt ist. Beide Streben greifen jeweils an den Holm unmittelbar vor der letzten Rippe des Mittelteils. Die zweite Enttäuschung kam beim Auswiegen: Sage und schreibe 4,6 Kilogramm Blei verschwanden im Rumpf, das Gesamtgewicht summierte sich nun auf 26,2 Kilogramm – zu schwer für den deutschen Luftraum! Beim Bau der Leitwerke hatte ich es bei den Dicken und Querschnitten des Holzes zu gut gemeint. Alleine das Höhenleitwerk hat eine Spannweite von 1,4 Metern und eine Tiefe in der Mitte von einem halben Meter. Joachim Nestler von Nestler-Tragflächenbau versprach mir ein Höhenleitwerk in leichter Styro/Abachi-Bauweise: Das neue Leitwerk wog dann flugfertig gebügelt nur noch 700 Gramm. Auch ein neues leichteres Seitenruder habe ich gebaut, mit Rippen aus 4-mm-Roofmate mit Aufleimern aus 0,8-mm-Balsa. Letztendlich konnte das Trimmgewicht in der Nase auf 3,2 Kilogramm reduziert werden, mit dem das Modell ein eidesstattlich erklärtes Abfluggewicht von 24,75 Kilogramm erreichte – also 250 Gramm unter dem Limit von 25 Kilogramm.

Der Erstflug des neuen Schmuckstücks erfolgte auf dem IGG-Treffen in Herten (vgl. AUFWIND 6/2010). Nach rund zehn Flügen bewerte ich die Flugeigenschaften so: Die „ES-49“ fliegt sehr langsam. Beim Start im F-Schlepp ist das Modell nach circa zehn Metern frei, will aber ständig hinter der Schleppmaschine her gesteuert werden. Kleinere und leichtere Segler braucht man oft nur mit den Querrudern gerade halten und die Richtung wird vom Schlepper vorgegeben. Das ist in diesem Fall mit der „ES-49“ nicht möglich. Wenn ich bewusst leicht aus der Richtung heraus steuere fliegt die „ES-49“ voraus und der Schlepper hinterher. Beim Landen kann man mit etwas erhöhtem Schritttempo neben dem Modell herlaufen – ein ganz besonderes Gefühl! Nach dem Stillstand kann man das Modell bei leichtem Gegenwind mit den Querrudern aufrichten und in der Balance halten.

Bernd Straßburger


Das Flugverhalten der „ES-49“ ist der Lohn für die Baustunden. Das Farbschema wurde vom Original im Segelflugmuseum Wasserkuppe übernommen.


Es ist diese Flugbild der Segelflugzeuge aus den 30-er bis 50-er Jahren, das Segelflugfans in aller Welt entzückt.


In der Thermik fühlt sich der mächtige Oldtimer-Doppelsitzer zu Hause.


Die „ES-49“ im Landeanflug. Das Modell überzeugt mit äußerst gutmütigen Langsamflugeigenschaften.


Dank der langen Kufe mit dem relativ weit hinten liegenden festen Rad kommt das Modell kurz nach dem Aufsetzen sanft zum Stehen.


Das Modell ist weitestgehend nach den Originalplänen entstanden. Lediglich beim Höhenleitwerk in Styro/Abachi-Bauweise wurde vom Original aus Gewichtsgründen abgewichen.


FAKTEN

Spannweite: 6.400 mm
Gewicht: 24,75 kg
Profil: Gö-549/Gö-676
Preis auf Anfrage; Bezug bei Billstein-Modellbau, Tel 02051/312657, www.modellbau-billstein.de.



Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 3/2011

Das komplette Inhaltsverzeichnis 3/2011
Zur Heftbestellung bitte hier entlang.

©AUFWIND 2011