REPORTAGE

Abenteuer Alpen

"Schweizer-Tor"- Fliegen hochalpin


Am Startplatz "Schweizer-Tor" mit Blick auf das Schweizer Eck der Drusenfluh Süd-Westwand.
Mit dabei die Modelle "Freebaze NT", "Ripp-off" und "K-10", viel zum Trinken und ein bisschen Schokolade.


Schon so manches Mal fragte ich mich beim Betrachten der AUFWIND-Fotos von Gerald Zauner, ob ich mir nicht auch einmal den Traum vom hochalpinen Fliegen erfüllen könnte. Als Jugendlicher verbrachte ich während der Sommerferien immer zwei Wochen in der Schweiz, eine so genannte Freizeit, die meine Eltern mit Schülern durchführten. Abgeschieden auf 1.700 Metern Höhe wohnten wir in einer Hütte ohne Strom und fließend Wasser. Während dieser Zeit haben wir viele Wanderungen und auch Flüge auf dem benachbarten Grashügel unternommen.

Seither sind über 20 Jahre vergangen. Und nun versprach mitten im August eine Hochdruckzone hervorragendes Flugwetter. Spontan machte ich mich mit meiner Frau und unseren beiden Töchtern auf den Weg in die Ost-Schweiz, genauer gesagt ins Rätikon. Die Anfahrt durch das Rheintal bis nach Grüsch/Schiers brachten wir schnell hinter uns. Dann folgte eine 20 Minuten dauernde Fahrt über eine teils sehr steile und enge, oftmals nur einseitig befahrbare Serpentinenstraße nach Schuders. Hier, in über 1.200 Metern Höhe musste das Auto abgestellt werden. Vor uns lag nun - mit den Flugzeugen im Rucksack - eine fast zweistündige Wanderung durch den lichter werdenden Tannenwald auf einem Alpweg bis in 1.600 Meter Höhe.

Oberhalb der Baumgrenze ist das ersehnte Ziel zu erkennen: Das "Schweizer-Tor", ein Felseinschnitt auf rund 2.200 Metern Höhe zwischen den Südwänden der Drusenfluh (2.990 Meter, rechts) und der Kirchlispitze (2.500 Meter, links). Dort oben ist ein kleiner Grasstreifen im Grenzverlauf zwischen Österreich und der Schweiz sichtbar. Dann bricht die Wand 200 Meter senkrecht nach Süden hin ab. "Da müsste doch in modellfliegerischer Hinsicht was zu machen sein", ging es mir durch den Kopf.

Nach dem "Grüscher Älpli" führt der Weg weiter Richtung "Schweizer-Tor". Laut Beschilderung in 45 Minuten zu bewältigen. Ich verabschiedete mich von meiner Familie, verließ die Baumgrenze und den Alpweg und begann über einen - nur mit gutem Schuhwerk begehbaren - Pfad durch Alpenrosen und Gestrüpp den weiteren Aufstieg. Die Sonne leistete gnadenlos ihre Arbeit. Wer bis hierher noch nicht schwitzt, der holt es spätestens jetzt nach. Weiter geht der Weg an der Quelle des Älpli-Baches vorbei (Tipp: unbedingt Trinkwasser auffüllen!) und verläuft am Fuße der Drusenfluh - einer etwa 450 Meter hohen senkrechten Felswand - in einer großen Schleife den Berg hinauf zum "Schweizer-Tor".

Einige kurze Flugversuche an den steilen Schuttbändern ließen schon zu dieser frühen Stunde Thermik vermuten. Nun kam die spannende Frage: Was ist mit der Kletterstelle? Beruhigend, dass eine Eisentreppe diese Stelle entschärft. So konnte ich mit dem Styropor-Nurflügel "Freebaze NT" (www. extremflug.de) in der Hand den Weg bis zum Grasband fortsetzen. Oben angekommen, machte ich nach einem anstrengenden viereinhalb Stunden Marsch ausgiebig Pause. Ich genoss den Fernblick und versuchte, meine Aufregung in den Griff zu bekommen.

Nachdem ich noch zwei Kletterer über die Abbruchkante aussteigen sah, sollte nun das Abenteuer seinen Höhepunkt erreichen: Bei den ersten Flugversuchen fiel mir auf, dass das Modell viel schneller unterwegs und abrisskritischer zu fliegen war, als zu Hause. Deshalb entschloss ich mich, noch fünf Gramm Blei auf die Nase zu kleben. Dann stand ich auf dem Grasband, nur 20 Meter entfernt von dem 200 Meter tiefen Abgrund. Brauch- bare Notlandeplätze sind 400 Meter tiefer und mit einem nur 1,2 Meter großen Modell letztlich nicht zu erkennen.

Mit klopfendem Herzen schob ich den "Freebaze" in sein Element und musste erst einmal beobachten, wie der Nuri kleiner wurde - allerdings unter der Hangkante! War ich zu früh gestartet, die Thermik noch nicht voll aktiv? Durch meine alpinen Erfahrungen wusste ich, dass man in einem solchen Fall "einfach" Geduld zeigen, warten und - raus ins Tal fliegen muss. Denn: wo "Saufen" herrscht, da muss es auch Steigen geben! Endlose Sekunden verstrichen, bis plötzlich das Jeti-Vario in ein sagenhaftes Dauerpiepsen überging. Keine vier Kreise später war die Starthöhe erreicht. Was nun folgte, war der Wahnsinn schlechthin: Steigen mit fünf bis sechs Metern/Sekunde und Kunstflug bis zum Abwinken. Vor allem das Fliegen vor den über 400 Meter hohen Felswänden der Kirchlispitzen und der Drusenfluh begeisterte mich. Diesen Anblick vergesse ich nie. Nach einer halben Stunde die ersten Landeversuche: Das Lee war ziemlich verwirbelt. Doch erst einmal durch diese Wirbel hindurch geflogen, war die Landung selbst ohne Bremshilfe kein Problem. Genau an der Landesgrenze setzte ich auf. Was für ein Erlebnis! Es folgte noch ein überraschungsfreier Flug mit einem "Ripp- Off", der durch zusätzliches Klebeband hochgebirgstauglich auf 900 Gramm Fluggewicht "gemästet" wurde.

Nach einer Stunde Flugbetrieb musste ich allerdings wieder an den Rückweg denken, schließlich wartete in Almnähe am Bach meine Familie auf ihren verrückten Papa. Außerdem musste der gesamte Rückweg ja auch noch zurückgelegt werden. So verließ ich den herrlichen Flugplatz mit einem erhöhten Adrenalinspiegel, jedoch nicht ohne ei-nen weiteren Traum vor Augen zu haben: Wenn es am "Schweizer-Tor" so gut zu fliegen ist, was für eine Thermik müsste auf dem Gipfel von Kirchlispitze oder Drusenfluh zu erwarten sein?

Martin von Kietzell

P.S.:
Einen Videozusammenschnitt meines Abenteuers habe ich unter www.youtube.com/watch?v=WMAn3syZfOk online gestellt.

Eine Bitte zum Schluss
Sicherlich wird der eine oder andere AUFWIND-Leser durch diesen Bericht ermutigt eine ähnliche Expedition in Angriff zu nehmen. Es gilt aber zu bedenken, dass man sich bei solchen Aktionen im hochalpinen Gelände bewegt. Es sind die gängigen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. So ist beispielsweise auch im Sommer ein Temperatursturz mit Schnee möglich. Es ist immer die Bergflora und -fauna zu respektieren sowie beim Modellfliegen Rücksicht auf andere Personen zu nehmen. Im Zweifelsfalle sollte nicht gestartet werden! Ein mitgeführtes Mobiltelefon um Hilfe zu holen ist kein Freifahrtschein für glücklich verlaufende Rettungsaktionen der Bergwacht. Selbstüberschätzung ist tödlich, umkehren ist oftmals die gesündere Alternative!


Der Weg ist das Ziel! Links die Gipfel 5, 6 und 7 der Kirchlispitzen (2.552m), rechts die Drusenfluh (2.827 m) sichtbar bis Westgipfel, in Bildmitte der Startplatz "Schweizer-Tor" (2.139 m). Die Aufstiegsroute erfolgt am Wandfuß des "Schweizer-Tor", später dann auf dem "Grasband" am Drusenfluh-Abbruch rechts im Bild.


Erst wenige Minuten liegen der Startplatz und die Eisentreppe in der prallen Morgensonne. Doch der weitere Aufstieg wird nun zur Hitzeschlacht.


Noch 20 Minuten bis zur Startstelle. Zum Glück ist die Kletterstelle durch eine Eisentreppe entschärft. Der "Freebaze NT" freut sich schon.


Der Aufstiegsweg am Fuße der Südwand der Drusenfluh vom Startplatz aus gesehen. Den selben Weg geht es dann auch wieder zurück.


Von hier sind es 20 Meter bis zum 200 Meter tiefen Abgrund! Der Blick geht direkt in Startrichtung Süden zur Grüscher Alp.



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