TEST

Härtetest

Der "Mini Vision" von MiBo-Modeli


AUFWIND-Autor Klaus Löcker ist zufrieden mit seinem "Mini-Vision"

Zugegeben, meine Farbwahl trifft nicht jeden Geschmack und ist in dieser Kombination eigentlich auch nur bei dem größten deutschen Briefzusteller zu finden. Aber dass hier nicht die Post drin steckt, sondern garantiert die Post abgeht, das durf-te ich bereits beim Erstflug in der Nähe der Wasserkuppe erleben. September 2011, die Herrentour der Albatrosse: Hier wurde geflogen was Mensch und Material hergaben, jeder so viel er wollte und konnte. Gut zehn Modelle waren eigentlich immer in der Luft. Dass so ein belebter Platz natürlich nicht die Idealbedingung für einen Erstflug darstellt, versteht sich von selbst. Dennoch war der Reiz, den nagelneuen "Mini Vision" über die Kante zu werfen einfach zu groß.

Also schnell noch alle Ruderausschläge überprüft, die Haube zu und einen ruhigen Moment abgewartet. Mit reichlich Schwung ging es über die Kante und in Richtung Tal wurde Fahrt aufgebaut. Dann links herum in den Hangaufwind und Höhe gewinnen. Wie ich es erwartet hatte glitt der "Mini Vision" absolut ausgewogen, war mit minimalen Ausschlägen in der Spur zu halten und flog wie auf Schienen mit ordentlicher Geschwindigkeit durch die Luft. Das begeisterte alle Anwesenden auf Anhieb. Es folgte gleich der erste Härtetest: Mit dem Wissen wie knallhart die Flächenkonstruktion in Spread-Tow-Technologie ist, ging es mit Vollanschlag durch die nächste Kurve. Bei den hier auftretenden Kräften hätte wohl jede Balsa- beziehungs- weise Balsa/Styro-Konstruktion sofort nachgegeben. Doch beim "Mini Vision" bogen sich die Flächen nicht einmal ansatzweise durch. Das änderte sich auch bei noch abrupteren Wenden und höheren Geschwindigkeiten nicht.

Schön anzusehen ist dieser Flugstil natürlich nicht, zeigt aber, was das Modell so einstecken kann. Aber war das alles? Nein, sicher nicht: Die Wölbklappen um vier Millimeter nach unten (positiv) gestellt und sofort ging es im "Slow Motion Modus", auf der Flächenspitze gedreht in der näch-sten Thermikblase ganz nach oben. Das knackige Gelb der Flächen war dabei immer super zu erkennen. Jetzt die Klappen leicht nach oben (negativ) und im hohen Tempo aus dem Himmel geschossen von rechts an der Kante vorbei. Durch die Düse ging es dann weiträumig wieder raus. Es folgte Härtetest Nummer zwei: In leichter Schräglage passierte das, was man immer vermeiden will. Ein HLG in Styro-Abachi-Bauweise kreuzte "unangekündigt und erbarmungslos" den Weg. Rumms! Der HLG ging in zwei großen und mehreren kleinen Teilen zu Boden! - Und der "Mini Vision"? Optisch habe ich nicht einmal ein Schütteln des Mo- dells wahrgenommen. Auch das Flugverhalten änderte sich nicht. Sofort einlanden war natürlich Pflicht.

Die Tragfläche des HLG war auf einer Seite mittig durchtrennt und auch der Rumpf in Mitleidenschaft gezogen. Natürlich schade, aber reparabel. Bei meinem Modell sah man erst unter Reflexion des Sonnenlichts ganz leichte Kratzer. Diese waren aber mit Politur zu beseitigen. Sonst hatte der "Mini Vision" nichts abbekommen. Und da der "gegnerische Pilot" aus dem gleichen Verein kam, war alles problemlos zu regeln.

Der dritte Härtetest hatte bereits schon vor den ersten Flügen stattgefunden: der Transportweg! Der Versand vom Hersteller zum Kunden kann nämlich einem Modell dieser Art schon so einiges abverlangen. Deshalb sorgt MiBo hier auch für exzellenten Schutz. Die Kartonage ist super stabil und alle Modellteile sind sauber in Luftpolsterfolie verpackt. Wer dauerhaft die Schönheit des Modells erhalten will, bestellt am besten die passenden Flächenschutztaschen gleich mit. Auch bietet der Online-Shop natürlich das notwendige RC-Equipment wie Servos, Servohalterungen und einen speziellen Kabelbaum an.

Rechtzeitig vor meinem Geburtstag und drei Wochen vor der besagten Rhöntour kam das Paket im Münsterland an. Die Fertigstellung dieser Modelle ist ja meist in wenigen Stunden erledigt. Beim Betrachten der Einzelkomponenten überlegte ich kurz, ob das auch diesmal zutrifft. Leider fehlten nämlich die Öffnungen in der Tragflächenoberseite für die Durchführung der Ruderanlenkungen. Und das kostet erfahrungsgemäß Zeit und erfordert sorgfältiges Arbeiten. Dennoch sollten ein paar Abende reichen um den "Mini Vision" startbereit herzurichten.

Begonnen habe ich mit den Tragflächen: Die Oberfläche hochglänzend und durch die schwarzen Streifen scheint das Kohlegewebe in Spread-Tow-Technologie. Mit dieser diagonal gewebten Gewebematte wird eine enorm hohe Festigkeit erreicht. Die Verarbeitung ist allerdings kein Kinderspiel, da es beim Verlegen zu keinem "Verzug" kommen darf. Dieser Umstand und die recht ho- hen Materialkosten sind natürlich auch ein Grund für den etwas höheren Modellpreis. Alle Ruder sind als Elasticflap angeschlagen und mit montierten Ruderspaltabdeckungen versehen. Die Servoschächte sind freigelegt, passende Abdeckungen werden mitgeliefert. Als Flächenservos eignen sich Futaba-"S-3150". Wer Servohalterungen verwendet baut diese am besten mit dem montierten Servo ein. Mit Frischhaltefolie als Trennschicht lässt sich das Servo dann nach dem Aushärten des Harzes ganz einfach wieder demontieren. Um die Öffnungen der Ruderanlenkungen genau auszuloten sollten auch die Servohebel bereits montiert sein. Mit einem Bleistift wird dann das genaue Maß der Anlenkungsposition von der Unterseite auf die Oberseite übertragen. Mit Hilfe einer kleinen Maßscha- blone habe ich die Aussparungen schnell angezeichnet (7x18 mm). Für das Ausfräsen bitte einen sehr feinen Fräser benutzen. Wer hier grobes Werkzeug ansetzt, hat schnell ein zu großes Loch "gerissen". Hier dürfte MiBo gerne die Arbeit überneh- men und den Vorfertigungsgrad erhöhen. Auch musste für die Ruderanlenkungen noch ein kleines Loch in den Stützsteg gefräst werden. Einkleben sollte man den Ruderhebel dann mit 5-Min.-Epoxy bei montierter Anlenkung. Da alle Ruder von oben anzulenken sind, ergaben sich folgende Hebellängen: elf Millimeter bei den Wölbklappen, acht Millimeter bei den Querrudern. Dies sind die Maße von der Servohebelachse bis zum gebohrten An-lenkloch. Bei den Wölbklappen musste ich die Abdeckungen etwas ausarbeiten, so konnte ich sie sauber montieren. Die Abdeckungen klebte ich nun mit einer dünnen Silikonnaht auf. Alles in al-lem kam ich auf einen Bauaufwand von rund einer Stunde pro Tragflächenservo.

Der Rumpf ist für den Einsatz von 2,4-GHz-Systemen ausgelegt, im vorderen Rumpfbereich wurde auf den Einsatz von Kohlefaser verzichtet. Ich lege aber die Antennen immer nach außen und verstärke den vorderen Bereich lieber mit reichlich Kohlerovings. Damit wird die Rumpföffnung so stabil, dass der "Mini-Vision" problemlos auch die eine oder andere Stecklandung verkraftet. Das mitgelieferte Servobrett war schnell eingeharzt und passte wie angegossen. Die Servoausschnitte sind für gängige Bauformen vorbereitet. Das Höhenruder wird nun mit einem "S-3150 digital" und das Seitenruder mit einem "S-3156" angelenkt. Die Anlenkung des Seitenruders erfolgt mittels Bowdenzug. Dieser ist werkseitig bereits montiert. Die Anlenkung des Höhenruders erfolgt nun mit einer CFK-Anlenkstange. Die musste ich aber selbst erstellen. Im Seitenleitwerk war eine Öffnung eingearbeitet, durch die ein Umlenkhebel einzuharzen war. Grundsätzlich könnte hier auch ein Servo eingearbeitet werden, allerdings sind in der Tiefe nicht einmal zehn Millimeter Platz vorhanden. Das schränkt die Auswahl der Servos natürlich enorm ein. Die Position des mitgelieferten Umlenkhebels ist rechts unten im Schacht. Zur Einstellwinkeldifferenz habe ich die Hinterkante des Höhenruders vom Boden gemessen auf 104 Millimeter eingestellt.

Die Öffnungen der Tragflächensteckung sind bereits ab Werk vorhanden. Der 11x11 Millimeter große Kohlefaserverbinder ist mittig leicht gewinkelt und gibt so die geringe V-Form der Tragflächen vor. Das hintere Loch für den rechten Zentrierstift musste ich mit einer kleinen Schlüsselfeile ganz leicht nacharbeiten damit die Steckung sauber passte. Nun ging es an die Verkabelung der Tragflächen mit dem Rumpf: Ein Multiplex-Hochstromstecker wurde im Rumpf eingeharzt, in den Tragflä- chen blieb das Kabel lose um den Stecker mechanisch nicht zu belasten. Zur Sicherung der Tragflächensteckung reichen normale Klebebandstreifen am Rumpfübergang.

Erstmals zusammengesteckt wirkte der "Mini Vision" nun gar nicht so klein wie der Name vermuten lässt. Auf jeden Fall sieht er super schick aus! Der Zeitpunkt war nun gekommen, um die erste Schwerpunktkontrolle zu absolvieren: Unter Verwendung eines 2s-LiFe-Akkus 2.300 mAh waren noch rund 130 Gramm Blei erforderlich, um die angegebenen 85 Millimeter ab Tragflächenvorderkante zu erreichen. In Summe brachte das Modell so knapp 1.600 Gramm auf die Waage. Das ist für die Spannweite von 2.200 Millimetern kein absolutes Leichtgewicht, für den geplanten Einsatzzweck am Hang vielleicht sogar zu wenig. Alle Ruderwege habe ich nach Vorgabe des Herstellers eingestellt. Erfahrungsgemäß passen diese bei MiBo immer. Auf eines sollte man wirklich Wert legen: Die Wölbklappen müssen in der Butterflystellung wirklich fast senkrecht nach unten stehen. Die Wirkung der Klappen ist dann so brutal, dass Landungen auf engstem Raum immer gelingen.#

Für den Erstflug auf dem heimischen Modellflugplatz fehlte die Zeit. Daher kam der "Mini Vison" im Neuzustand mit in die Rhön. Fliegerisch überraschte das Modell nicht, denn Modelle in dieser Bauform funktionieren - zumindest bei MiBo - immer. Was mich aber wieder einmal begeisterte war der große Geschwindigkeitsbereich, mit immer ausgewogenem Flugverhalten. Vom Hangrocken bis zum Kunstflug war mit diesem Modell alles drin. Und fehlte der Aufwind an der Kante, ging es in der nächsten Thermikblase ganz gemütlich bis zur Sichtgrenze in den Himmel. Weiträumiges Fliegen war trotz der Größe kein Problem. Natürlich ist die kräftige Farbe dabei ein großer Vorteil.

Das Modell ist natürlich nicht den Segelfliegern allein vorbehalten. Der "Mini Vision" darf gern auch elektrifiziert werden. Der Rumpf ist groß ge-nug damit auch 4s-LiPo-Akkus Platz finden. Zum Kürzen der Rumpfschnauze liefert Mibo eine Maßschablone mit.

Klaus Löcker

Fakten:
"Mini Vision" von Mibo
Ein handliches Allroundmodell

Spannweite: 2.200 mm
Länge: 1300 mm
Gewicht: 1.600 g
Fläche: 36,7 qdm
Flächeneblastung: 43,6 g/qdm
Profil MT-25750-L
Ruderausschläge:
Höhenruder: +15/-10 mm
Seitenruder: +/-15 mm
Querruder: +12/-20 mm
Thermik:
Querruder: +2 mm
Wölbklappen: +5 mm
Speed:
Querruder: -1 mm
Wölbklappen: -2 mm
Höhenruder: -1 mm
Landung:
Querruder: -5 mm
Wölbklappen: maximal
Höhenruder: +5 mm
Schwerpunkt: 85 mm
Preis: 539,- Euro
Bezug bei Mibo Modeli
Tel.: +386/1/7590100
www.mibomodeli.com


Der Umlenkhebel musste selbst montiert werden. Rechts unten ist die ideale Position für ihn


Eine Schablone diente zum Anzeichnen der Fräsbereiche. Der Anlenkhebel wurde mit montiertem Gabelkopf eingeharzt um ihn sauber ausrichten zu können


Die Servohalterungen wurden mit montiertem Servo eingeharzt


Die Kabelbäume wurden in Eigenleistung erstellt und sind genau auf das Modell abgestimmt


Mit reichlich Schwung über die Kante


Von schnell bis langsam und von rockig bis zahm - der "Mini Vision" konnte überzeugen


Stehen die Wölbklappen senkrecht ist die Wirkung brutal. Genau richtig für Landungen auf engstem Raum



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