SPECIAL

Neustart bei Graupner

Der Weg zur Übernahme des Traditionsunternehmens gleicht einem Krimi


Der Standort in Kirchheim/Teck soll erhalten bleiben

Es hätte auch schiefgehen können, dann gäbe es Graupner heute nicht mehr. Am Ende hat es knapp gereicht und jetzt sieht es so aus, als hätte Graupner unter dem neuen Namen Graupner SJ trotz des schwierigen Marktes eine gute Chance auch langfristig zu überleben.

Die Anzeichen waren schon vorher nicht zu übersehen: Anfang 2011 gab es eine erste Kündigungswelle, die Belegschaft wurde von rund 170 auf 120 Mitarbeiter verringert. Im Dezember 2012 wurde beim Amtsgericht Esslingen ein sogenanntes Schutzschirmverfahren eingeleitet. Das bedeutet, dass die Geschäftsführung nur noch mit Billigung der Banken Geld ausgeben darf. Auf der Spielwarenmesse in Nürnberg Ende Januar war Graupner nur mit einem winzigen Stand vertreten.

Graupner ging es nicht gut. Das Unternehmen hatte immer einen großen Teil seines Umsatzes mit Fernsteuerungen gemacht. Doch bei der Umstellung auf 2,4 GHz war fast alles schief gelaufen. Erst die missglückte Zusammenarbeit mit Spektrum, dann mit Weatronic, dann das hauseigene und mängelbehaftete IFS-System - die Modellflieger jedenfalls wandten sich in Scharen von Graupner ab und die Jahresumsätze gingen in den Keller. Von 40 Millionen Euro im Jahr 2007 auf plötzlich nur noch 29 Millionen. Zunächst halfen die Banken, aber als kein Ende zu sehen war, zogen sie die Notbremse und so platzte am 13. Februar 2013 die Bombe: Die Johannes Graupner GmbH & Co. KG musste beim Amtsgericht Esslingen vorläufige Insolvenz anmelden. Die Firma war nicht mehr zahlungsfähig, die Geschäftsführung hatte nichts mehr zu sagen, ab sofort entschied ein Insolvenzverwalter über den weiteren Verlauf. In diesem Fall der erfahrene Stuttgarter Insolvenzanwalt Wolfgang Bilgery.

Grundsätzlich gibt es in so einer Situation zwei Möglichkeiten: Entweder das Unternehmen wird zerschlagen, wie zum Beispiel der Drogeriediscounter Schlecker. Oder es findet sich ein Investor, der eine Chance sieht, das Geschäft mit neuem Geld und neuen Ideen weiterzuführen. In jedem Fall musste es schnell gehen, denn es gab kein Geld mehr für die Mitarbeiter und wer kauft schon Produkte von einem Hersteller, den es möglicherweise bald nicht mehr gibt.

Graupner hatte Glück, ein Investor war schnell gefunden: Die koreanische Firma SJ Inc., mit der Graupner 2010 das erfolgreiche 2,4 GHz-System "HoTT" entwickelt hatte, zeigte Interesse an einem Einstieg. Geschäftsführer Ki Soo Kim kam aus Seoul nach Deutschland, um über eine gemeinsame Zukunft zu sprechen. Allerdings gab es ein großes Problem. Das gleiche Problem übrigens, an dem die Schlecker-Rettung letztlich gescheitert war: die Arbeitsplätze.

Es war klar, dass Graupner auch mit den noch 120 Mitarbeitern und einer eigenen Produktion in Kirchheim keine Chance hat. Die Herstellung in Deutschland ist viel zu teuer, zumal Graupner in der Regel nicht direkt, sondern über den Fachhandel vertreibt. Aber das war auch die Chance der Insolvenz. Denn unter den Bedingungen des Insol- venzrechtes gibt es Möglichkeiten, Arbeitsplätze abzubauen, die sich im Normalbetrieb nicht bieten. Und die sollten genutzt werden. Eine solche Möglichkeit ist eine sogenannte Transfergesellschaft, eine Gesellschaft, die von der Arbeitsagentur und aus der Insolvenzmasse finanziert wird. Sie hat drei Aufgaben: Erstens soll sie entlassene Mitarbeiter in den kommenden Monaten über Wasser halten. Zweitens soll sie dabei helfen, neue Jobs oder einen Weg in die Selbstständigkeit zu finden. Und drittens, und das ist hier das Wesentliche, soll sie verhindern, dass die Ex-Mitarbeiter gegen Graupner auf Weiterbeschäftigung oder auf eine Abfindung klagen. Solche Klagen sind zwar nicht unbedingt erfolgversprechend, aber für ein Unternehmen ein großes finanzielles Risiko. Im Fall Graupner einigten sich Investor, Insolvenzanwalt und alte Geschäftsführung jedenfalls darauf, dass 82 der 120 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen. 38 Mitarbeiter aus dem Entwicklungs- und Servicebereich sollten auch nach der Übernahme dabei bleiben. Und die Bedingung der Koreaner war: "Nur wenn alle 82 bei der Transfergesellschaft unterschreiben, unterschreiben wir und sichern der Firma so das Überleben."

Es gab eine Betriebsversammlung bei der Bilgery sagte, wie es ist, und es gab einen Termin. Am 28. Februar, ihrem letzten Arbeitstag um 12 Uhr, sollten alle 82 unterschrieben haben, dann würde SJ am darauf folgenden Freitag den Kaufvertrag unterschreiben. Es unterschrieben aber zunächst nur 75. An den fehlenden sieben Unterschriften konnte die ganze Sache scheitern. Und das wäre das Ende von Graupner gewesen.

"Es war knapp", sagt Betriebsratschef Mario Hesse im Rückblick und es stand - wie gesagt - viel auf dem Spiel: Für Graupner auf der einen Seite, für die Mitarbeiter auf der anderen. Denn zahlreiche der 82 waren seit vielen Jahren, andere auch seit Jahrzehnten dabei. Sie betrachteten "den Graupner" als ihre erweiterte Familie. Und die Fir-ma, insbesondere natürlich der 2010 verstorbene Seniorchef Hans Graupner, hatte sie wie Familienangehörige behandelt. Viele waren schon in ihrer Jugend zu Graupner gekommen und hatten dann ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sie waren zwar Modellbauprofis durch und durch, aber teilweise ohne einen regelrechten Berufsabschluss. Denn eine Ausbildung zum Flugmodellbauer gibt es nicht, sodass völlig unklar war, welche Chance der Arbeitsmarkt bieten würde.

Auf der einen Seite also stand der berechtigte Wunsch der Mitarbeiter nach Sicherheit. Auf der anderen Seite die Firma, die für alle mehr als nur ein einfacher Arbeitgeber war. Es würden noch Gespräche stattfinden, ließ der Insolvenzverwalter dann am Freitag wissen und die Gespräche dauerten dann bis zum Montagmorgen. Es war für alle ein unruhiges Wochenende. Am Ende haben sie unterschrieben, haben ihr persönliches Wohl hinter das Wohl der Firma gestellt. Am Montagvormittag (4. März) wurde der Kaufvertrag mit dem Koreaner unterzeichnet, an ihrem Arbeitsplatz in Kirchheim/ Teck erschienen nur noch die verbliebenen 38 Mitarbeiter.

Neuer Geschäftsführer ist der frühere Entwicklungschef Ralf Helbing, der mit SJ zusammen das HoTT-System entwickelt hat. Jetzt wird zwar einiges beim Alten bleiben, aber auch vieles neu werden. Beim Alten bleibt ein großer Teil des Sorti- ments, der Vertrieb über den Fachhandel, natürlich die HoTT-Fernsteuerungen, und - ganz wichtig - die Serviceabteilung. Auch die Entwicklungs- abteilung bleibt in Kirchheim, nur dass die Modelle künftig nicht mehr hier, sondern ausschließlich in Fernost gefertigt werden. Und das ist dann auch die wichtigste Veränderung: Bei Graupner in Kirchheim wird nicht mehr produziert, die neue Firma Graupner SJ ist ein reines Handelsunternehmen.

Michel Brandt


Im Gespräch mit Ralf Helbing
AUFWIND: Was wird sich für den Modellflieger nach der Übernahme von Graupner durch SJ Inc. ändern?
Ralf Helbing: Die Fertigung von Flugzeugen und Schiffen hier in Kirchheim wird es so nicht mehr geben. Wir werden aber versuchen, die Artikel, die bis dato bei uns gefertigt wurden, künftig von Lieferanten in dieser Qualität zu bekommen. Wir versuchen, unser Sortiment - soweit möglich - zu behalten.

AUFWIND: Der neue Eigentümer, die südkoreanische Firma SJ Inc. war bislang Graupners Technologiepartner bei der Herstellung der HOTT-Fernsteuerung. Wird es das HOTT-System weiterhin geben und wird es auch weiter entwickelt?
Ralf Helbing: Da wird sich nichts ändern. Die Fernsteuerungen werden weiter verkauft, die Baureihe wird weiterentwickelt und an den jeweils neuesten Stand der Technik angepasst und nach den Bedürfnissen unserer Kunden um weitere Elemente ergänzt. Im Bereich Service musste eine Stelle abgebaut werden, ansonsten ist der Bereich komplett übernommen worden. Für den Kunden, der seinen Sender zu uns bringt oder schickt, wird sich nichts ändern.

AUFWIND: Wie sieht es mit dem Vertrieb aus. Bleibt da alles beim Alten?
Ralf Helbing: Ja, nach außen hin schon. Trotz verkleinerter Mannschaft beliefern wir die Fachhändler und haben unseren hauseigenen Webshop. In den nächsten sechs Monaten müssen wir unser heutiges Lager räumen. Daher werden dort in den kommenden Wochen sicher auch einige zusätzliche Artikel zu bekommen sein. Aber nicht die HOTT-Fernsteuerungen, die bleiben dem Fachhandel vorbehalten.

AUFWIND: Neben dem Service bleibt ja auch die Entwicklung in Deutschland erhalten. Das bezieht sich auf Modelle und auf Elektronik. Um was geht es da genau?
Ralf Helbing: Es wird auch künftig Modelle geben, die von Graupner entwickelt sind. Nur hergestellt werden sie künftig hauptsächlich in Asien oder werden als Handelsartikel bezogen. Auch hier werden wir verstärkt mit SJ zusammenarbeiten. SJ hat in China rund 300 Mitarbeiter einschließlich technischer Zeichner und CAD-Entwickler. Wir werden von Deutschland aus die Vorgaben machen, dann gehen die Projekte nach China und hier werden dann die Endprodukte verbessert.

AUFWIND: Was wird mit den Tangent-Modellen, die in den vergangenen Jahren bei Graupner in Kirchheim gefertigt wurden?
Ralf Helbing: Tangent als Hersteller ist bei Graupner SJ nicht mehr dabei, da die Produktion geschlossen wurde. Stand der Dinge ist heute, dass sich Tangent vermutlich wieder selbstständig machen will. Und Graupner SJ ist gerne bereit die Modelle auch künftig im Programm zu führen und zu vertreiben. Die Tangent-Modelle, die wir noch auf Lager haben, werden wir ganz normal verkaufen.

AUFWIND: Seit zwei Jahren verkauft Graupner wieder Klassiker aus den 70er und 80er Jahren, wie "Amigo" oder "Dandy". Wird diese Produktlinie weitergeführt?
Ralf Helbing: Selbstverständlich. Diese Modelle werden bereits jetzt fertig bezogen.

AUFWIND: Wie geht es mit den Gebäuden in Kirchheim weiter. Die Produktionshallen werden ja nicht mehr gebraucht, wenn die Fertigung vor Ort eingestellt wird?
Ralf Helbing: Über diese Frage muss der Insolvenzverwalter entscheiden. Das Fertigungsgebäude wird wohl verkauft werden. Auch das heutige Lager- und Verwaltungsgebäude soll verwertet werden. Allerdings prüft Graupner SJ, ob es eventuell Sinn macht, es aus der Insolvenzmasse zu kaufen. Wenn das nicht klappt oder zu unrentabel ist, müssen wir uns nach einem anderen Standort umschauen.

AUFWIND: Was passiert mit der Logistik? Wird Graupner seine aufwändige Lagerhaltung aufrechterhalten können?
Ralf Helbing: Unserem koreanischen Eigentümer wäre es am liebsten, wenn die Logistik in Kirchheim bleiben könnte, da diese hier sehr gut funktioniert. Es kann aber auch sein, dass wir die Lagerhaltung an ein externes Unternehmen abgeben müssen.

AUFWIND: Sie haben in den vergangenen Tagen viele Stunden mit den neuen Eigentümern verbracht. Sind es angenehme Verhandlungspartner?
Ralf Helbing: Ich kenne Ki Soo Kim, den Geschäftsführer von SJ Inc., schon seit vielen Jahren. Er ist ein super Geschäftsmann. Einerseits knallhart, wenn's um Zahlen geht, andererseits sehr mitarbeiterorientiert. Er ist wirklich fair und seine Ideen stimmen mit meiner Vorstellung von der Zukunft von Graupner/SJ weitgehend überein.

AUFWIND: Warum haben sich die Koreaner für Sie als Geschäftsführer entschieden?
Ralf Helbing: Ich habe mit SJ schon jahrelang Kontakt gehabt bei der Entwicklung der Ladegeräte und des HoTT-Systems. Wir haben auch bei den Besprechungen in Korea immer wieder schwierigere und einfachere Probleme zu lösen gehabt und konnten die eigentlich immer gemeinsam schnell lösen. Das war wohl der Hauptgrund, warum sie mich als Geschäftsführer wollten. Der bisherige Geschäftsführer Stefan Graupner wird als externer Berater für Graupner SJ tätig sein.

AUFWIND: Wird Graupner auch künftig Vereine und Wettbewerbe unterstützen? Wird es den Teckpokal weiterhin geben?
Ralf Helbing: Den Teckpokal wird es bestimmt weiter geben. Ausgetragen wurde er ja vom örtlichen Verein. Graupner SJ wird versuchen solche Veranstaltungen auch in Zukunft den Möglichkeiten entsprechend weiter zu unterstützen.


Ralf Helbing ist der neue Mann an der Spitze des Traditionsunternehmens


Dem koreanischen Eigentümer wäre es am liebsten, wenn die Logistik in Kirchheim bleiben könnte


Da Sortiment wurde bereits gestrafft


Wichtig für die "HoZZ"-User. Der Service bleibt in Deutschland!



Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 3/2013

Das komplette Inhaltsverzeichnis 3/2013
Zur Heftbestellung bitte hier entlang.

©AUFWIND 2013