REPORTAGE

Ein Jahr nach der Insolvenz

Die Situation bei Graupner/SJ stabilisiert sich


Geschäftsführer Ralf Helbing sieht die neu aufgestellte Firma Graupner/SJ auf einem guten Weg

Ein Jahr ist die Insolvenz der alten Firma Graupner her. Anfang 2013 stand es "Spitz auf Knopf" ob die Traditionsfirma überhaupt überleben wird. Aber Dank des koreanischen Investors SJ und der Bereitschaft der meisten der damals noch rund 150 Mitarbeiter, ihre Stellen aufzugeben und in eine Beschäftigungsgesellschaft zu wechseln, hat die Rettung am Ende geklappt: Mit neuem Na-men (Graupner/SJ), neuem Eigentümer und nur noch einem Drittel der Mitarbeiter hat das Unternehmen die schwerste Krise in seiner Geschichte überlebt. Es herrscht wieder Optimismus. Alle glauben fest daran, dass es jetzt wieder aufwärts geht und die ersten positiven Zahlen gibt es auch schon.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die die großen Probleme machen. In diesem Fall sind es Spritzgussteile aus ABS: Hochstarthaken, Scharniere, Distanzhülsen, Verbindungstücke oder Ruderanlenkungen. Jeder Modellbauer kennt die kleinen Dinger, die in transparenten Plastikbeuteln mit einer roten Pappmanschette mit dem Graupner-Aufdruck verkauft wurden und im Lauf der Jahre unentbehrlich geworden sind, wenn man ein Modell aufbaut. Vor der Insolvenz wurden die Teile im Hause Graupner hergestellt, in Spritzgussformen aus Stahl. Jede Form vom Format her etwa wie eine Mehltüte, Gewicht um die zehn Kilo. Neu ist ein Problem bei Graupner jetzt: Bei der Räumung der alten Fertigungsgebäude wurden die Formen zusammengepackt und abtransportiert, aber nicht beschriftet. Und von außen sieht man ihnen nicht an, was für ein Teil mit welcher Form hergestellt wird. Nun ist die Firma Graupner/SJ also Eigentümerin von fünf LKW-Ladungen mit solchen Formen, weiß aber nicht, aus welcher was für ein Teil kommt und ob sie genau dieses Teil auch in Zukunft noch im Sortiment behalten will.

"Zum Glück", so Bastian Hummel, Produktmanager und Entwicklungschef im Bereich Flugzeuge, "haben wir eine Firma gefunden, die uns die ABS-Teile künftig herstellt." Aber der Weg ist dennoch mühsam: "Aus jeder einzelnen Form müssen Probeexemplare gemacht werden. Die liefern sie an uns und wir entscheiden, ob wir das Teil noch brauchen oder nicht." Das dauert zwar am Ende ein paar Wochen und ist nervig, aber in Vergleich zu der Aufgabe, die Graupner/SJ in den vergangenen Monaten zu bewältigen hatte, sind es dennoch Peanuts.

Das größte Problem nach der Insolvenz war, dass die Firma mit dem neuen Namen kein Dach mehr über dem Kopf hatte. Der Gebäudekomplex in der Henriettenstraße wurde, wie Insolvenzverwalter sagen, "verwertet". Mit anderen Worten, die Hallen wurden verkauft und mit dem Verkaufserlös wurden die Forderungen der Gläubigerbanken zumindest teilweise erfüllt. Aber Graupner/SJ hatte Glück in Unglück: Käufer der Immobilien war die benachbarte Firma Sprimag, ein Hersteller von Lackier- und Pulverbeschichtungssystemen, der mehr Platz brauchte. Allerdings auch nicht den gesamten Graupner-Kom- plex. Und so hat man sich darauf geeinigt, dass Graupner/SJ den Gebäudeteil, in dem Logistik, Versand und Service untergebracht waren, behält. Als diese Einigung feststand, fiel allen verbliebenen Graupner-Mitarbeitern ein dicker Stein vom Herz. Denn die Vorstellung, das funktionierende Logistik-Zentrum einschließlich eines automatisierten Hochregallagers für zehntausende von Kleinteilen umzuziehen, ist Stoff für Albträume. Das Neusortieren der Spritzgussformen ist im Vergleich dazu - wie gesagt - Peanuts.

Aber dennoch ist das System mit den Spritzgussformen sinnbildlich für vieles von dem, was im vergangenen Jahr passiert ist: Die guten (Formen) ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. "Das gesamte Sortiment", so Graupner/SJ-Geschäftsführer Ralf Helbing, "wurde auf den Prüfstand gestellt". Dabei wurden alle in Deutschland hergestellten Modelle aus Kostengründen aus dem Programm genommen. Unter anderem das gesamte Großseglersortiment. "Bedauerlich", sagt Helbing dazu, "aber es freut mich, dass Tangent weiter Modelle produziert" - denn tatsächlich haben sich eine ganze Reihe ehemaliger Graupner-Mitarbeiter ein paar Kilometer weiter selbstständig gemacht und stellen praktisch das gesamte frühere Graupner/Tangent-Sortiment her.

Wenn man sich allerdings den neuen Katalog und den Auftritt von Graupner/SJ auf der Spielwarenmesse in Nürnberg ansieht, stellt man fest, dass das Sortiment so klein auch nicht geworden ist. Im Bereich Flugzeuge sind viele alte Bekannte noch immer oder wieder im Programm. Die komplette Schaumwaffelflotte mit "Discus", "Rookie", "Elektro-Junior", "Motortrainer" und Jets sind noch da, bei den Holzmodellen ist es der "Starlet" in drei Größen, es gibt eine "Monsun" und zwei "Jodel Robin", wiederum mit unterschiedlichen Spannweiten. Bei den Seglern sind die Klassiker "Amigo" und "Dandy" - inzwischen aus vietnamesischer Produktion - noch immer zu haben.

Das wirklich Interessante ist aber, dass es trotz der knappen Zeit auch Neuheiten gibt. Und zwar, so betont Entwickler Bastian Hummel, nicht irgendwelche Fernostmodelle, die auf irgendwelchen Modellbaumessen in Shanghai oder Shen- zen palettenweise eingekauft werden. Sondern zwei neue EPP-Modelle ("HoTT Fan" mit Huckepack-Impeller und "Viper Jet 720") und eine Eigenentwicklung aus Holz, den sogenannten "HoTT-Trainer". Letzterer ist ein etwas kastenförmiger Motorflieger aus Holz mit 1,6 Metern Spannweite, der sowohl mit Verbrenner wie auch mit Elektromotor geflogen werden kann. Außerdem können die Flügel sowohl oben am Rumpf befestigt werden, dann ist der Trainer ein gutmütiger Schulterdecker, oder in der Mitte, dann ist es ein ziemlich neutral fliegender Trainer für alle Kunstflugfiguren. Das Modell ist seit der Spielwarenmesse im Katalog und ab sofort lieferbar. Und das ist nun wirklich ein Kulturschock im Hause Graupner. Die Zeit zwischen Vorstellung und Auslieferungsbeginn dauerte bei Graupner-alt oft genug länger als ein Jahr. "Wir haben den Kunden den Mund wässrig gemacht", sagt Bastian Hummel dazu, "dann kam und kam das Modell nicht und am Ende haben sie ein ähnliches Modell bei der Konkurrenz gekauft."

Hummel, selbst bis vor einigen Jahren noch begeisterter F3B-Wettbewerbspilot, kann sich durch- aus vorstellen, auch wieder Segler ins Sortiment aufzunehmen. "Das Problem ist aber, einen loyalen Hersteller zu finden, der eine Qualität liefert, die zu Graupner passt", betont er. Denn das ist in jedem Fall der Anspruch von Graupner/SJ: "Wenn einer irgendwo ein Graupner-Modell sieht, sich dann den Baukasten kauft, dann kann er sich drauf verlassen dass es gut fliegt!" Dazu gehört übrigens auch, dass alle Bauanleitungen von Graupner-Modellen überarbeitet werden und nun mit vielen Fotos auch so aussehen, dass man ein Modell nach der Anleitung bauen kann.

Weiter geht es auch im Bereich der Fernsteuerungen, wo einige seit langem angekündigte Produkte, zum Beispiel die HoTT-Empfänger mit integriertem Vario, endlich lieferbar sind. Auch wurde das Servo-Sortiment um einige Hochvolttypen erweitert. Und es wurde eine neue Senderfamilie vorgestellt, die bereits lieferbar ist. Während die bisherigen Graupner/SJ-Sender mit Vornamen "MC" (Pultsender) und "MX" (Handsender) hießen, ist nun einer neuer Name dazugekommen: "MZ". Es gibt eine "MZ-10", "MZ-12", "MZ-18" und "MZ-24". Die "MZ-10" ist ein Einfachsender ohne Display und Programmiermöglichkeiten, die "MZ-12" hat ein Monochromdisplay und bietet einfache Programmiermöglichkeiten. "MZ-18" und "MZ-24" sind äußerlich baugleich, haben ein Farbdisplay mit Touchscreen und bieten zu einem interessanten Preis Programmiermöglichkeiten für anspruchsvolle Flächenmodelle und Hubschrauber. Allerdings werden sie nicht mehr im System der Graupner-Anlagen programmiert, sondern orientieren sich an dem Futaba-System. Damit will man Piloten zurückholen, die Futaba fliegen, beziehungsweise in der Zeit, als Graupner kein funktionierendes 2,4-GHz-System anbieten konnte, zu Futaba gewechselt sind. Entsprechend wurde die mz-24 zuerst in China und in Korea auf den Markt gebracht, dann in den USA und Großbritannien und Deutschland zeitgleich. Hier sei, berichtet Ralf Helbing, die Nachfrage zu Beginn so groß gewesen, dass die "MZ-24" schnell ausverkauft gewesen sei.

Bei den Servos wurde noch nicht aufgeräumt. Zwar findet sich auf der Graupner-Website jetzt ein sogenannter Servofinder, aber auch mit ihm findet man, zum Beispiel auf der Suche nach einem 13-mm-Servo mit Metallgetriebe zehn unterschiedliche Typen zwischen 37,30 und 101,20 Euro. Übrigens reagierten auch manche Fachhändler in der Vergangenheit mit Schulterzucken, wenn sie dem Kunden erklären sollten, welches nun die beste Wahl für seine Anwendung ist. Geschäftsführer Ralf Helbing: "Graupner/SJ will ein umfangreiches Servo-Sortiment bieten und weitere Verbesserungen der Übersichtlichkeit werden folgen."

Neuer Eigentümer von Graupner ist seit der Insolvenz bekanntlich die koreanische Firma SJ, mit der die Kirchheimer schon zuvor bei der Entwicklung des HoTT-Fernsteuersystems zusammengearbeitet hat. Für die Gespräche mit SJ war vor der Insolvenz der damalige Elektronikentwickler Ralf Helbing zuständig. Und die Zusammenarbeit war damals so gut, dass SJ beschloss, dass Helbing künftig Geschäftsführer sein soll. Er spricht jetzt von einer sehr "partnerschaftlichen Beziehung zu unserer Muttergesellschaft", das Verhältnis sei "vertrauensvoll und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt". Die zeige sich unter anderem an einem "weitgehenden Handlungsspiel- raum". Mit anderen Worten: Die Muttergesellschaft schaut den Kirchheimern nicht bei jeder Entscheidung auf die Finger, sondern vertraut auf das vorhandene Know-how. Bei der Entwicklung des "HoTT-Trainer" beispielsweise, so berichtet Bastian Hummel etwa, habe man sich zu Beginn über das Projekt geeinigt. Und dann hätte er jede Freiheit bei der Umsetzung gehabt. Das habe dazu geführt, dass das fertige Modell am Ende deutlich schneller auf dem Tisch gestanden sei, als das bei Graupner-alt der Fall war.

Es würde zwar bei Graupner/SJ niemand so sagen, aber bei Graupner-alt entschied der Chef über alles. Und das machte manche Entscheidungen schwierig. Selbst wenn es bei den Experten in der Entwicklung längst eine Lösung gab, dauerte die Umsetzung lang und länger. Es scheint also ein gewisses Aufatmen zu geben, dass das mit den neuen, schlankeren Strukturen anders geworden ist - obwohl der Eigentümer am anderen Ende der Welt sitzt. Das ist dann vermutlich auch der Grund, warum Stefan Graupner nicht, wie ursprünglich angedacht, als Berater für Graupner/SJ auftritt. Die Grüße von Ralf Helbing in Richtung des früheren Firmenchefs fallen jedenfalls denkbar kühl aus: "Wir bedanken uns für seine Unterstützung und wünschen ihm alles Gute für seine berufliche und private Zukunft."

Wirtschaftlich scheint es im Augenblick gut auszusehen. "Trotz der Einmalaufwände zum Beispiel für Serverumzug oder Systemanpassungen", so Ralf Helbing, "entwickelt sich das Geschäftsergebnis positiv". Die Umsätze im ersten Wirtschaftsjahr hätten sich stabilisiert und lägen im Plan, und zwar in allen Produktkategorien. Außerdem wurden seit den insolvenzbedingten Kündigungen inzwischen schon wieder drei neue Mitarbeiter eingestellt - darunter auch der neue kaufmännische Leiter Stephan Bingel. Er ist zwar, im Unterschied zu so gut wie allen anderen Graupner-Mitarbeitern selbst (noch) kein Modellbauer. Aber er versteht etwas von Marketing und Verkauf, von der sich verändernden Fachhändlerschaft und davon, dass auch die Fachhändler im Modelbaubereich mittlerweile 70 bis 80 Prozent ihres Umsatzes übers Internet machen. "Wir wollen", sagt er, "künftig zunehmend der Partner und der Dienstleister und so etwas wie der Eventmanager für unsere Fachhändler sein." Dazu gehört natürlich, dass Graupner selbst auch künftig wieder auf wichtigen Modellflugveranstaltungen präsent ist und sie unterstützt. In diesem Jahr zum Beispiel bei den Modellflugtagen Dettingen/Teck am 14. September, wo Graupner/SJ vertreten sein will.

Michael Brandt


In Vietnam wird unter anderem der "Amigo IV" produziert - die Fortsetzung eines Klassikers


Modellentwickler Bastian Hummel mit seinem neuen "Hott-Trainer", einem universellen Motorflugmodell


Modellentwickler Bastian Hummel mit seinem neuen "Hott-Trainer", einem universellen Motorflugmodell


Eine der vielen Spritzgussformen, die nun mühsam katalogisiert werden müssen


In diesem Gebäudeteil am alten Firmensitz ist nun auch die neue Graupner/SJ präsent



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