REPORTAGE

F3F-Szene

Zum F3F-Typhoon-Race nach Taiwan

Wer glaubt, dass F3F-Fliegen nur in Europa und vielleicht noch in den USA stattfindet, der wurde bereits im Oktober 2013 eines Besseren belehrt. Diverse Mails und Videos informierten die europäische F3F-Gemeinde, dass im Rahmen des World-Cup-Wettbewerbs in Taiwan am Hang von Longpan der aktuelle Weltrekord gleich mehrfach an einem Tag verbessert und schließlich mit 24,58 Sekunden in Marmor graviert wurde. In allen Berichten war nur von einem mysteriösen "Mister Ô" die Rede, der diesen Hang im äußersten Süden Taiwans wie kein anderer beherrschte. Ist dieser Hang von Longpan einfach etwas Besonderes oder wird hier mit geheimen Rezepten gearbeitet? Was ist so einzig an "Mister Ô" oder kann der vielleicht nur an seinem Haushang so gut fliegen? All diese Fragen standen im Raum. So verwunderte es nicht, dass zum Typhoon Race 2014 nun auch zahlreiche Spitzenpiloten aus aller Welt gemeldet hatten, in der Hoffnung, ebenfalls Bestzeiten oder gar neue Weltrekorde zu erfliegen.

In einer kleinen deutsch/französischen Gruppe mit Arne Finkeldey, Daniel Schneider, Cedric Grandseigne, mit mir (Andreas Fricke) und meiner Frau Gracinda reisten wir frühzeitig an, um zunächst Taiwan als Touristen kennen zu lernen und dann ordentlich zu trainieren. Um es kurz zu machen: Taiwan ist ein begeisterndes Land mit überaus netten und disziplinierten Menschen. Nach einigen Tagen in Taipeh an der malerischen Ostküste Taiwans, kamen wir im Süden der Insel an. Der Wind blies moderat und erlaubte zum Wochenanfang ausgiebige Trainingsflüge, bei denen wir die Wendetechnik intensiv testen konnten. Die Analyse der verfügbaren Videos des Weltrekordflugs von Kuo-Ping Lin (genannt: "Mister Ô") zeigte schon vorweg, dass an diesem Hang mit einem überwiegenden Wind von links geflogen wird. Die linke Wende konnte als relativ einfach bezeichnet werden, da gegen den Wind von links mit einer nach oben gezogenen Steilkurve - dem sogenannten Energie Management (EM) - die besten Ergebnisse erzielt wurden. Die Frage der rechten Wende war dagegen ein deutlich anderes Kapitel und vielen Teilnehmern war klar, dass sich dabei entscheiden- de Vorteile erzielen lassen.

Die Analyse von "Mister Ô" zeigte, dass er auf die eher selten eingesetzte horizontale Kurve setzt, die bei sehr hohen Geschwindigkeiten auch etwas nach oben geflogen werden kann. Das Relief führt offensichtlich zu einem lokalen Auftriebsfeld, das in Felsennähe besonders stark sein musste. Bei dieser speziellen Konfiguration des Hangs war vorherzusehen, dass lokale Piloten hier Vorteile haben werden und mit spektakulären Wenden vor dem Felsen zu rechnen war. Ein intensives Training war also dringend erforderlich, um nicht von den Lokalmatadoren vom Tisch gewischt zu werden.

Unsere Trainingsflüge zeigten schnell die Vorzüge dieses einzigartigen Hangs, der in Sichtweite zum pazifischen Ozean liegt und eine Überhöhung von geschätzten 80 Metern aufweist. Der Wind wehte erstaunlich konstant und bei wenigen Turbulenzen konnte mit einer ordentlichen Wolframzuladung geflogen werden. Trotz eines überraschenden Andrangs von zeitig angereisten Piloten schafften wir es, ein ordentliches Trainingsprogramm hinzulegen und etliche Kurventechniken auszuprobieren sowie verschiedene Ballastkonfigurationen zu testen.

Das eher ruhige Anfangstempo mit Tourismus und intensivem Training ging damit zu Ende und der erste Wettbewerbstag begann mit einem Wind zwischen 13 und 15 Metern/Sekunde. Allen Piloten standen zahlreiche Fragen in den Gesichtern: Wie gut ist "Mister Ô" wirklich und wie wird er unter dem Druck der angereisten Spitzenpiloten fliegen? Und wie würden sich die europäischen Spitzen Lukas Gaubatz und Andreas Herrig in Szene setzen? Dominieren oder dominiert werden? Oder sollte es noch weitere Überraschungen aus Asien, den USA oder Europa geben?

Der Wettbewerb begann zunächst mit recht gemäßigten 40-er Zeiten, doch die erwarteten Spitzenpiloten standen natürlich noch aus. Der erste Paukenschlag kam von Tuba Wong aus Hong Kong mit einer 34-er Zeit. Andreas Herrig hatte recht wenig Gelegenheit Trainingserfahrung zu sammeln und musste sich zunächst mit einer 40-er Zeit zufrieden geben. Lukas startete übereifrig und machte vorzeitig Bekanntschaft mit dem schon erwähnten Felsen. Als nun "Mister Ô" seinen Flug begann, schauten alle Piloten gespannt auf den Weltrekordhalter. Völlig unbeeindruckt legte er mit 33 Sekunden die zweitbeste Zeit des ersten Durchgangs hin und bestätigte die erwartete Dominanz. Ich selbst überhörte in der Nervosität das Signal des Ausflugs und somit startete meine Zeit unerwartet früh. Ergebnis des darauf folgenden nervösen Flugs waren lediglich eine 43-er Zeit und ein Platz 44 nach dem ersten Durchgang.

In den darauf folgenden Durchgängen behielt "Mister Ô" seine Nerven und eine deutliche Führung, die selbst durch eine 100-Punkte-Strafe im 6. Durchgang nicht gefährdet werden konnte. Auch der Meister macht halt mal Fehler und der Felsen auf der berüchtigten rechten Seite forderte seinen Tribut, der "Needle DS" verlor. Mit Teilen jenseits der Sicherheitslinie bestätigte die schnell einberufene Jury die 100 Strafpunkte. In der darauf folgenden Runde wurde dann halt eine 30,67-Sekunden-Zeit nachgelegt und das Klassement wieder hergestellt - meisterlich!

Die konstanten Bedingungen im Verlaufe der drei Tage führten zu einer Stabilisierung der Rangliste. Ich setzte die Teamarbeit mit Reto Blumer (Schweiz) und Philippe Lanes (Frankreich) konzentriert um und flog konstante Zeiten unter 40 Sekunden. Lukas flog durchwegs sauber, kam aber an die Zeiten von "Mister Ô" nicht heran und wurde Zweiter. Andreas Herrig erwischte zu unserer großen Überraschung in der 13. und letzten Runde eine 100-Punkte-Strafe für einen Wiedereinflug. Die Diskussion mit dem ansonsten sauber aufgestellten Organisator half nichts und so rutschte Andreas letztlich auf den 5. Platz ab.


Somit ergab sich das nachfolgende Endergebnis:
Platz Punkte Pilot (Land)
1 11.507 Lin, Kuo-Ping (TWN)
2 11.256 Gaubatz, Lukas (AUT)
3 11.125 Tseng, Kuo-Tung (TWN)
4 10.943 Chung, Tsung-Yi (TWN)
5 10.935 Herrig, Andreas (GER)
6 10.887 Chang, Chang-Tai (TWN)
7 10.742 Monte, Brandon (USA)
8 10.714 Ziegler, Martin (AUT)
9 10.681 Fricke, Andreas (FRA)
10 10.656 Blumer, Reto (SUI)
.
13 10.454 Grandseigne, Cedric (FRA)
14 10.439 Finkeldey, Arne (GER)
19 10.249 Torp, Espen (NOR)
22 10.209 Austen, Andre (GER)
24 10.172 Edenhofer, Helmut (GER)
25 10.133 Lanes, Philippe (FRA)
27 10.059 Hortzits, Armin (GER)
28 10.054 Kiely, Brandon (USA)
30 9.924 Cortina, David (USA)
33 9.752 Schneider, Daniel (GER)
36 9.714 Kolb, Philip (TUR)
37 9.709 Moro, Fernando (ESP)
63 6.267 Alvarez, Jose (ESP)
64 2.469 Elizondo, Inaki (ESP)

(Tabelle mit den 10 besten Piloten sowie den angereisten Europäern)

An Modellen wurde eigentlich alles gesehen was auch in Europa nicht unbekannt ist: "Freestyler 3" und "Freestyler 4" von TUD-Modellbau, zahlreiche "Pitbull", "Ceres", "Cyril", "Jedi" und "Fosa" von Baudis, "Pike Precision" von Samba, "Stinger" von VV-Models, "Shinto" und "Crossover" von Aer-O-Tec, "Secret" aus asiatischer Konzeption und Produktion, "Respect" aus Polen, "Radical Jazz" von Weberschock und natürlich "Needle 100 DS" und "Needle 100 DSL", der ja den Weltrekord an diesem Hang hält, aber auch "Needle 115 V" von Thuro, "Viper" von Tecnoepoxy und "Caldera R" von LE-Composites.

Andreas Fricke
Fotos: Daniel Schneider


Team-Arbeit (von links): Lukas Gaubatz und Espen Torp mit seinem "Radical Jazz"


Warten auf den Trainingsflug


Viva Espagna.in Taiwan


Ein traumhaftes Panorama: Der Hang von Longpan im Süden Taiwans


Ein perfektes Manöver: F3F Wende mit "Energy Management"


Fliegerlager in taiwanesischer Graslandschaft


Ein sympathischer und sehr netter Sieger und Weltrekordhalter: Kuo-Ping Lin (Mister Ô)


Glückliche und sehr sympathische Organisatoren (von links): Michael Lee und Steve Chang


Die Sieger (von links): Gordon Tseng (3), Kuo-Ping Lin (1) und Lukas Gaubatz (2)


Unser Logo: Europe meets Typhoon Race



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