TECHNIK

Faszination Offene-Klasse

Eine "ASH 30 Mi" im Maßstab 1:6,2

Maßstäbe von 1:2 bis 1:3 gelten ja schon fast als Standard in der Großsegler-Szene. Dass es auch mit weniger Spannweite geht, beweist Thomas Wingert mit seinem Nachbau der "ASH-30 Mi". Bewusst hat er ein Vorbild aus der offenen Klasse gewählt.

Die sogenannte Offene Klasse ist eine Wettbewerbsklasse für Segelflugzeuge, in der es fast keine Beschränkungen gibt. Die Spannweiten liegen inzwischen bei weit über 20 Meter, die Flugzeuge haben unter anderem Wölbklappen, Einziehfahrwerk, veränderbare Flügelflächen und Wasserballast. Das einzige Handicap das so mancher Spannweitenriese mit sich herumschleppt, ist das Gewichtslimit von 850 Kilogramm. Damit ist die maximal mögliche Flächen- belastung nicht so hoch wie bei kleineren Flugzeugen und im schnellen Vorflug bei "Hammerwetter" ein Nachteil.

Wer schon einmal beispielsweise bei einer Meisterschaft die Segelflugzeuge der Offenen Klasse beobachtet hat, kann die Faszination, die von diesen Flugzeugen ausgeht nachvollziehen. Als ich 2008 bei der WM in Lüsse war, standen dort über 20 dieser Orchideen am Start. Diese Segelflugzeuge haben so ein bisschen was von einem Albatros: am Boden eher schwerfällig, in der Luft elegant und wunderschön anzusehen. Inspiriert durch diese Eindrücke entstanden bei mir im Laufe der Jahre einige dieser Flugzeuge als Modellnachbau.

Die "ASH-30 Mi" ist ein Nachfolger der legendären "ASH-25". Von diesem Typ wurden in über 20 Jahren 266 Flugzeuge verkauft - so viele wie von keinem anderen Flugzeug der Offenen Klasse. Nun kann man sich gut vorstellen, dass in den vergangenen 20 Jahren eine enorme Entwicklung im Segelflugzeugbau stattgefunden hat. Unter all den Verbesserungen, die die "ASH-25" über die Jahre erfahren hat, sind die Vergrößerung der Spannweite, die Winglets und ver- schiedenen Motorisierungen nur einige Dinge. Neue dünnere Profile sowie mehr Sicherheit und Komfort im Cockpit ließen sich in dieser Konstruktion jedoch nicht mehr verwirklichen. So entstand mit dem Entwicklungsteam um Dipl. Ing. Martin Heide ein neues Flugzeug: die "ASH-30 Mi". Ganz oben auf der Agenda stand bei der Konstruktion des neuen Hochleistungsseglers mit 26,5 Metern Spannweite, die Sicherheit im Cockpit, gutmütige und ausgewogene Flugeigenschaften, deutlich gesteigerte Flugleistungen und die Eigenstartfähigkeit. Auch an das Handling am Boden wurde gedacht: Alle Trennstellen erhielten automatische Ruderanschlüsse. Und im vierteiligen Flügel sind die Störklappen jetzt im Innenflügel, wodurch die Außenflügel deutlich leichter werden. Aufgerüstet ohne Außenflügel benötigt die neue ASH fast weniger Hallenplatz als ein 15-Meter-Flugzeug. Auf dem Flugplatz sind nur die Außenflügel aufzustecken und schon ist das große Flugzeug startklar.

Fasziniert durch die hohe Streckung von Segelflugzeugen der Offenen Klasse baute ich in der Vergangenheit einige dieser Flugzeuge als Modell nach. Bis heute sind es zwei "ASW-22" und eine "EB-28" mit Spannweiten zwischen 2,4 und über sechs Metern. Allen gemeinsam ist die original übernommene Streckung. Nun sollten alle Erfahrungen, die ich mit diesen Modellen sammeln konnte, in die Konstruktion der neuen "ASH-30 Mi" einfließen.

Erst einmal galt es genaue Pläne der "ASH-30 Mi" zu bekommen. Nur eine Dreiseitenansicht reichte mir für das Projekt nicht. Also nahm ich Kontakt mit der Firma Schleicher Segelflugzeugbau auf, mit der Bitte, mir Zeichnungen aller Bauteile für den Bau eines Modellflugzeuges zur Verfügung zu stellen. Schnell kam eine Information von Manfred Münch - der im Hause Schleicher auch die Dokumentation erstellt - dass es zur Zeit leider noch keine Werkstattzeichnungen gibt. Dies ist darin begründet, dass der nicht so aufwändige Einsitzer "ASH-31" vor der "ASH-30" flog. Und jetzt galt es, zuerst für dieses Muster alle Fertigungszeichnungen und die Dokumentation für die Musterzulassung zu erstellen.

So musste ich noch einige Monate bis zum Frühjahr 2013 warten, bis die lang erhoffte E-Mail kam: Herr Münch bedankte sich für die Geduld der Modellflieger, scheinbar war ich nicht der Einzige, der dieses Flugzeug nachbauen wollte. Im Anhang sandte er einige pdf-Dateien mit einer exakt bemaßten Bauteileübersicht und Fotos vom Prototyp. Das war genau das, was ich für die Konstruktion des Modells benötigte. Auf diesem Wege noch einmal vielen Dank für die Unterstützung durch die Firma Alexander Schleicher.

Nach dem Studium der Pläne wurde schnell klar, dass die Umsetzung im Maßstab 1:6,2 eine echte Herausforderung wird. Doch nach 40 Jahren Modellbauerfahrung baut man eben auch keine Balsagleiter mehr. Als ich Kollegen von dem neuen Projekt erzählte, warnten die Experten gleich: Viel zu klein, fliegt nicht, das wird eine unbeherrschbare Zicke und und und. So motiviert ging ich also frisch ans Werk.

Ich gebe ja zu, dass die Maße der Flügel extrem sind: Spannweite 4,27 Meter, Flügeltiefe am Rumpf 13,5 Zentimeter, am Winglet gerade noch 3,5 Zentimeter. In den Flügel sollte eine Steckung mit 10-mm-Rundstahl passen, zudem je zwei Servos für Wölbklappen und Querruder. An der Flügelwurzel wählte ich ein HQ-Profil mit 15 Prozent Dicke und zwei Prozent Wölbung, zur Mitte hin mit 13 Prozent Dicke und im schlanken Außenflügel das für geringe Re-Zahlen geeignete HQ-Winglet-Profil.

Die Tragflächenbauweise an sich ist nichts Besonderes, außer dass man sehr genau arbeiten sollte. Flächenkerne aus sehr dichtem Styropor, Kohlefaser-Rovingholm mit Sperrholz-Verkastung und Diagonal-Glasgewebe zwischen Kern und 1-mm-Abachifunierbeplankung. Servoschächte waren keine vorgesehen. Die Servos wurden im Styrokern verklebt, komplett unter der Beplankung. Nur für die Servohebel wurde ein kleiner Schlitz gefräst, damit dieses filigrane Bauwerk nicht unnütz geschwächt wird.

Der formschöne Rumpf des Doppelsitzers wurde samt Seitenleitwerk in Positivbauweise angefertigt. So ein Modell sollte auch eine Kabinenhaube bekommen, den Kern dafür baute ich selbst, die Haube ließ ich professionell von der Ulmer Kunststofftechnik anfertigen. Fehlte noch das Höhenleitwerk. Es entstand ganz einfach aus Vollbalsa, aber profiliert.

Da ich ein alltagstaugliches Modell wollte, wurde auch ein Klapptriebwerk eingebaut - selbst gebaut: Mein Bruder Hans-Jürgen kam mir zur Hilfe, der gerade mit kleineren Klapptriebwerken experimentierte. Die Konstruktion ist vom Prinzip her ein Parallelogramm mit zwei Drehpunkten, sodass Motor und Propeller in der Waage bleiben. Einige Frästeile konnten übernommen werden, nach viel Tüftelei funktionierte es perfekt und verschwand vollständig im Rumpf der ASH. Als Antrieb wählte ich einen bewährten Multiplex-"Himax 3516" mit 11 x 4,5 Zoll Klappluftschraube an 3s-LiPo mit 5.000 Milliamperestunden. Da sieben Servos am BEC ein bisschen viel sind und man immer damit rechnen muss, dass das 14-kg-Servo des Klapptriebwerks mal blockiert, wäre ein Absturz vorprogrammiert. Also bekamen das Triebwerk und die Wölbklappen-Servos eine externe Stromversorgung mit einem vierzelligen Eneloop-Akku 800 mAh. So bin ich nun auf der sicheren Seite und der kleine Akku muss auch nur alle zehn Flüge nachgeladen werden.

Zum Finish wurden alle Holzoberflächen mit Folie bebügelt und der Rumpf bekam Lack aus der Sprühdose. Als Design wählte ich das des Prototypen mit der Kennung D-KMAS.

Mit rund 3,5 Kilogramm war auch das Gewicht absolut im Bereich des Erwarteten. Mangels Einziehfahrwerk und wegen zu holpriger Piste für den Startwagen wurde zum Start geflitscht. Belohnt wurden all die Mühen mit tollen Flugeigenschaften: Total normal, überhaupt nicht zickig und auch nicht zu schnell. Die "ASH 30 Mi" zeigt geringstes Steigen sofort an, durch positive Verwölbung vermeidet man hohe Anstellwinkel, kann aber mit hohem Auftrieb langsam in der Thermik kreisen. Im Streckenflug zwischen den Bärten zeigt die "ASH 30 Mi" ihren hervorragenden Gleitwinkel. Wird es oben mal zu langweilig, schön Fahrt aufholen und im Tiefflug über den Platz gleiten, anschließend in einer hochgezogenen Fahrtkurve wieder in die Thermik. So macht man sich zwar keine Freun-de, aber Spaß bringt es schon. Und wenn es zur Landung steil und langsam von oben nach unten gehen soll, das Klapptriebwerk als Bremshilfe ausfahren und die Tragflächenklappen in Butterfly-Stellung bringen. So gelingen Ziellandungen auch auf kleinen Landeflächen.

Das Flugbild der 41-er Streckung sieht bereits schön aus, dazu der Rumpf des Doppelsitzers - ein Traum. Und es macht irre viel Spaß ein Modell zu konstruieren und zu bauen, das ganz persönlichen Wünschen entspricht. Eben keines von der Stange, von dem schon drei auf dem Flugplatz liegen, bevor man selbst ausgepackt hat.

Thomas Wingert


Fakten

"ASH 30 Mi" im Maßstab 1:6,2
Ein 4-m-Segler im Eigenbau

Spannweite: 4.270 mm
Länge: 1.500 mm
Gewicht: 3.500 g
Fläche: 43,8 qdm
Flächenbelastung: 49,58 g/qdm


Transportfreundlich - so kommt das Modell aus dem Auto

Die Streckung ist an der Grenze des Machbaren: innen 13,5 und außen 3,5 Zentimeter

Die Montage ist schnell erledigt und absolut bediensicher

Steckung ganz klassisch: 10-mm-Rundstahl und zwei Torsionsstifte

Wölbklappen und Querruder in Landestellung

Das Klapptriebwerk wurde selbst konstruiert und gebaut Bild11-18 Im Flug

Im Fluge zeigt sich das 4-m-Modell ausgesprochen gutmütig und leistungsfähig



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