REPORTAGE

Schleudern in San Diego

Zu Besuch beim 19. International Handlaunch Glider Festival


Eng ging es teils zu am IHLGF. Hier ein "Concept CX2" und ein "FW5 Flow" im engen Kreisflug

In den vergangenen Jahren machte "The Bruce", der Wettbewerb von HLG-Urgestein Bruce Davidson, dem IHLGF den Rang des wichtigsten HLG-Events in den USA streitig. So verstand es Bruce ei- nige Spitzenpiloten in seinen Garten zu locken und im dritten Jahr hatte er schon mehr Anmeldungen als jeder andere Wettbewerb in den USA. Dieses Jahr allerdings schienen mehrere Topleute sich wieder für den Klassiker IHLGF - einer der ältesten HLG-Wettbewerbe der Welt - in San Diego zu interessieren. Es half sicher, dass Weltmeister Joe Wurts früh seine Teilnahme ankündigte, was wiederum Mike Stern, den WM-Dritten auch dazu bewog, von London nach Kalifornien zu kommen. Mit George Morris waren damit schon mal die Plätze 1 bis 3 der letzten WM vertreten. Als dann auch die brasilianische Nationalmannschaft und Andrey Yakovlev aus Russland sich anmeldeten, war klar, dass es ein gut besetzter und auch wirklich internationaler Wettbewerb sein würde.

Mit gemischten Gefühlen bin ich dann am Freitagabend nach San Diego geflogen. Ich hatte vom vergangenen Jahr noch ziemlich klare Erinnerungen an sehr selektives Wetter, das sollte vor allem Joe Wurts sehr gut gefallen. Darüber hinaus hatten sich die Veranstalter ein fantastisches Programm ausgedacht: Als erste Aufgabe stand gleich "Poker" auf dem Programm. Man wollte sehen, wer gleich "all in" gehen und damit einen Streicher riskieren würde. Eine angenehmere Überraschung war die Ankündigung eines neuen Online-Scoring-Systems: Nach jedem Flug können die Resultate direkt in ein Smartphone eingegeben werden. Die Resultate werden dann auf einer Website verarbeitet und live online angezeigt. Wow! Daran hätte selbst Steve Jobs seine helle Freude gehabt.

Am Samstagmorgen war es vollkommen windstill, erste Testflüge zeigten kaum, bis nur schwache Thermik. Da wird doch keiner 9:58 Sekunden ansagen? Doch gleich im ersten Durchgang wurde diese Zeit nominiert und auch irgendwie geflogen. Damit war der Tarif bekannt gegeben, insgesamt neun Leute gingen "hero or zero". Thermik und etwas Wind setzten ein und die ersten spannenden Überlebenskämpfe in Bodennähe fanden statt.

Damit war der Wettbewerb gleich heiß gestartet, einige hatten nach einem Durchgang schon eine Null als Streicher. Die weiteren Durchgänge am Morgen fanden bei leichtem Wind mit stärkerer thermischer Aktivität statt. Im Vergleich zu Europa sind die Thermikblasen hier generell stärker, aber das Saufen ist auch entsprechend massiver. Das bedeutet, dass Wagemut (weit weg fliegen) in manchen Fällen auch reich belohnt wird, wenn man denn einen Anschluss findet.

Die neue Aufgabe "die letzten drei Flüge" (jeder Flug maximal drei Minuten lang), erwies sich dann auch als eine harte Nuss: Hatte man in einem Flug Thermik gefunden, konnte man fast darauf wetten, dass der nächste Flug im Sinken stattfinden würde. Da die letzten drei Flüge zählen, kann man sich keinen Restart erlauben, wenn man mit seiner Intuition mal danebenliegt. Eine taktisch interessante Aufgabe, die eine Bereicherung für F3K-Wettbewerbe darstellt.

Am Nachmittag wurde es windiger und man musste zusehends mit der Thermik tief ins Lee fliegen. Allerdings schienen sich die Thermikblasen nach einigen Minuten plötzlich in nichts aufzulösen und dann hieß es entweder schnell wieder zurückfliegen oder Nerven behalten und noch tiefer im Lee einen neuen Bart suchen.

In dieser Hinsicht hat Joe Wurts den Vogel abgeschossen. Bei "letzter und vorletzter Flug" war er bei seinem letzten Versuch zwei Vögeln tief ins Lee gefolgt, allerdings war das dann doch etwas zu extrem. So kam sein "Stobel" sehr weit weg auf Baum- wipfelhöhe. Anstatt das Modell dort zu landen, flog er zu unserem Erschrecken über die Bäume hinweg noch weiter ins Lee. Dort kam dann der Anschluss an die Thermik, aber das Modell war kaum noch zu erkennen. Auch der Rückflug war ein Kampf, da das Modell im idealen Gleitflug nicht mehr zu se-hen war und nur durch kurzes Ziehen am Höhenruder wieder sichtbar wurde. Joe nahm es gelassen und hat den weißen "Stobel" nach der Landung gleich mit einem Filzstift bunt angemalt für den nächsten Ausflug ins Lee. Dank der zerrissenen Thermik und dem einsetzenden Wind gab es mit Ausnahme von Mike Stern und Joe Wurts für fast alle ein oder mehrere Streichresultate durch Außenlandungen oder sehr kurze Flüge. Bei der traditionellen Pizza-Party in Downtown Poway am Sams- tagabend war dann aber so mancher Frust vergessen und man konnte viel über DLG-Modelle diskutieren und neue Kontakte knüpfen.

Sonntag dann die Ausnahme: wolkenverhangen und kühl. Das kann doch nicht Kalifornien sein! Allerdings sorgten die tief hängenden Wolken für leicht steigende Luft und machten die ersten zwei Aufgaben einfach. Damit wurde auch die mit Spannung erwartete neue Aufgabe "3x 200 Sekunden" entschärft und es kam mehr auf schnelle Durchstarts an. Doch auf den Wind war Verlass und die letzten zwei Aufgaben in der Vorrunde wurden wieder ganz schwierig und sorgten noch für einige Punktverluste. Dies gefährdete nicht nur die Fly-Off-Teilnahme für einige, sondern auch das Endresultat. Denn am IHLGF zählt die Summe der Vor- runde und des Fly-Offs. Das Fly-Off selbst war erfreulich international, besetzt mit einem Neuseeländer, einem Engländer, einem Brasilianer, einem Schweizer und sechs Amerikanern.

Trotz Wind wurden die ersten Flüge von fast allen voll geflogen. Teilweise wurde hinter Bäumen gekreist, was zu kurzzeitigen Sichtverlusten führte. Bei der Aufgabe "3x 200 Sekunden" ging der Tausender für eine Bodenzeit von fünf Sekunden an drei Piloten. Kurze Durchstarts waren bei dieser Aufgabe wichtig, allerdings musste man aufpassen, immer noch eine gute Starthöhe zu erreichen. Diese Aufgabe wird sicherlich noch für viel Spannung an kommenden Wettbewerben sorgen. Die Entscheidung fiel dann beim vierten Flug in "all up last down" (AULD). Beim Start kollidierten die Modelle von Oleg Golovidov und des Autors. Olegs Flieger ging dabei zu Bruch, er war somit aus den Titelrennen. Mit Ausnahme von Joe Wurts flogen alle in Richtung Osten ins Lee. Einzig Joe Wurts erkannte, dass dies das fast sichere Verderben war und flog quer zum Wind in Richtung Norden. Während die Modelle im Lee wie tote Fliegen vom Himmel fielen, machte Joe gut Höhe. Dies hatte beinahe Parallelen zum Fly-Off der WM, wo er auch im entscheidenden AULD sein eigenes Ding durchzog. Nur Mike Stern konnte diesen Flug neben Joe vollmachen, etliche kassierten eine Außenlandung oder eine schlechte Zeit. Einzig Paul Crittenden und der Autor konnten mit 2:45 und 2:20 den Schaden noch etwas in Grenzen halten.

Damit waren die Plätze 1, Joe Wurts, und 2, Mike Stern, vergeben, da die zwei eine super Vorrunde geflogen hatten. Auf Rang drei landete am Ende Donnie Langdon aus Arizona, der in der letzten Saison immer stärker geflogen ist und auch einen ganz ansehnlichen Wurf hat.

Vom Wettbewerb mal abgesehen, was gab es Neues im Westen? Die größte Neuerung war das Online Scoring. Das hat ein gigantisches Potential. Im Prinzip braucht man keine Helfer mehr, die die Ergebnisse manuell eintragen, die Resultate können zudem in Echtzeit eingesehen werden. Sicherlich macht es weiterhin Sinn, die Resultate auf einen Zettel zu schreiben um ein Backup der Daten und ein offizielles Dokument für jeden Flug zu haben.

Bei den Modellen sorgte vor allem der "XXlite" von Mike Stern für großes Aufsehen. Es ist ein Modell mit sehr hoher Streckung und irrwitzig dünnem Profil. Trotz des geringen Gewichts von 230 Gramm ist das Modell in Vollkohle sehr stabil, ist aber alles andere als ein Floater. Es marschierte auch ohne Ballast wacker gegen den Wind und überzeugte auch mit sehr guten Start- und Streckenflugleistungen. Ansonsten flogen die meisten Spitzenleute Voll-CFK-Modelle, teils mit Voll-Schaumkern. So hat der neue "Validol" von Oleg Golovidov eine Dreifachlage Spreadtow im Flügel, um bei seinem dünnen Profil den Powerwürfen standzuhalten. Der "Polaris", gebaut von Momentum Model Technologies (MTT) in Schweden, ist schon an der WM positiv aufgefallen. Auch dieses Modell wird in Formen mit einem Schaumkern gefertigt. Trotz mehrerer Lagen Kohle-Gelege sind die Flügel erstaunlich leicht. Der "Polaris" war in größerer Anzahl am IHLGF vertreten und erwies sich als guter Allrounder.

Beim Start haben viele noch etwas an Höhe zugelegt und an der Technik gearbeitet. Die besten Werfer haben sich eine ganz feine und elegante Technik angeeignet: Ohne Reißen oder sonderlich viel Kraft werden die Modelle schön flüssig beschleunigt, was die Modelle schont und auch Verletzungen vorbeugen kann.

Nächstes Jahr ist das 20. Jubiläum des IHLGF. Über die 20 Jahre haben sich die Modelle enorm weiterentwickelt und doch scheint kein Ende der Entwicklung in Sicht zu sein. Wir dürfen also gespannt sein, welche Neuerungen nächstes Jahr zu bestaunen sein werden. Detaillierte Resultate und weitere Informationen des letzten Wettbewerbes können unter www.ihlgf.com eingesehen werden.

Reto Fiolka
Bilder: Brian Furutani


Der neue "Validol" von Oleg Golovidov. Man beachte das überdimensionierte Seitenleitwerk


"Na komm schon!" Charlie, Bruder des Vizeweltmeisters George Morris, fängt seinen "Concept CX2"


Greg Norsworthy fängt seinen brandneuen "Twister III" für einen schnellen Turnaround


Der "Concept CX2" hat sich in den USA schnell unter den Spitzenpiloten etabliert


Weltmeister Joe Wurts wirft seinen "Stobel V3". Er flog in einer eigenen Liga und kam mit dem Wetter am besten zurecht


Joe Wurts während seines letzten 4-Minuten-Fluges. Zu diesem Zeitpunkt befand sich sein Modell im Lee an der Sichtgrenze auf Baumwipfelhöhe, was eine leichte Anspannung in seinem Gesicht hervorgerufen hat


Der "Polaris" aus Schweden hat weite Verbreitung gefunden. Das Modell ist sehr robust, dennoch leicht mit guten Allroundeigenschaften


Der Himmel über Poway war teils voller DLG-Modelle


Mike Seid wirft kraftvoll seinen "Polaris"


Jun Catacutan, nur einen Sekundenbruchteil vor einem seiner schnellen Turnarounds


Charlie Morris wirft seinen "Concept CX2", während Vizeweltmeister George Morris die Zeit stoppt.


Nun werden auch F3K-Modelle mit hoher Streckung ausprobiert. Mike Stern flog mit dem revolutionären "XXlite" sehr souverän



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 4/2012

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