TEST

Flugsimulator

Der "Aerofly RC7" von Ikarus


Mit der bekannten und beliebten "Alpina" beim Windenstart

Seit kurzem ist die neueste Version des seit Jahren bekannten und recht weit verbreiteten Modellflugsimulators "Aerofly" auf dem Markt, nunmehr "RC7" genannt. Wie heute fast schon üblich, kann der "Aerofly RC7" nicht nur auf Datenträgern, sondern auch als Download erworben werden. Man sollte dazu jedoch entweder eine recht schnelle Internetverbindung haben oder viel Geduld mitbringen. Zunächst erhält man per Download nur ein gerademal 0,5 Megabytes Mini-Programm namens "AeroflyRC7 Downloader". Wie der Name schon sagt, kümmert sich dieses Programm dann um alles Weitere und hat damit auch reichlich zu tun. Von nichts kommt halt nichts, drum wandern fast 7,15 Gigabyte nach und nach auf den heimischen Rechner.

Die anschließende Installation dieser Datenmengen nimmt dann auch auf schnellen Rechnern einige Minuten in Anspruch. In unserem Test verlief dies sowohl unter Windows 7 (32bit und 64bit) als auch unter Windows 8 (32bit) völlig problemlos. Nach der Installation muss zur Aktivierung eine beim Kauf erhaltene Seriennummer eingegeben werden, die offensichtlich online verifiziert wird. "Aerofly RC7" bricht hier mit umständlichen Traditionen, endlich ist kein wie auch immer gestaltetes Hardwaredongle mehr notwendig! Stattdessen kann das Programm mit nahezu jedem bekannten USB-Steuergerät gesteu- ert werden. Im Test hatten wir einen Joystick, einen "Realflight Interlink Plus" älteren Datums und den aktuellen "Aerofly USB Game Commander". Alle Geräte arbeiteten nach einmaliger Konfiguration im Simulator ebenfalls völlig problem- los. Mein Favorit ist seit Jahr und Tag jedoch die drahtlose Steuerung mit dem eigenen Sender, in diesem Fall mit der Kombination Jeti-"DC16", Jeti-"RSat2"- Satellitenempfänger und "RX2SIM"-Interface. Mit dieser Kombination lassen sich übrigens auch alle anderen Computerspiele steuern, die auf Joystickeingaben reagieren. So profitieren beispielsweise Rennsimulationen sehr von der Präzision der "DC-16"-Knüppelaggregate!

"Aerofly RC7" erleichtert die Konfiguration der jeweils angeschlossenen Steuerung enorm durch ein Assistenzprogramm, das den Nutzer innerhalb einer knappen Minute zum Erfolg führt - sehr gut gemacht! Für tiefer gehende Wunschkonfigurationen sind ebenfalls Menüpunkte vorhanden; man kann dort so ziemlich alles abbilden, was man steuerungstechnisch auch am eigenen Modell eingestellt hat!

Hat man Installation und Konfiguration erst hinter sich gelassen, so fällt als nächstes die enorme Auswahl an Modellen auf: Motorflugzeuge und Segler, Jets, Wasserflugmodelle und Hubschrauber in vielen Größen von winzig bis manntragend - da ist serienmäßig schon mehr dabei, als manches Konkurrenzprodukt per Zusatz-DVD bietet und dann teuer bezahlt werden will! Gleiches gilt für die Modellflugplätze, auf denen man sich im "Aerofly RC7" bewegen kann, Szenerien genannt. Neben einer großen Zahl tatsächlich existierender Modellflugplätze in Panoramatechnik und einigen, eher spielerisch ange- legten Orten - wie beispielsweise ein Flugzeugträger - findet man hier auch gezeichnete Szenerien, die mit dem Buzzword "4D" glänzen wollen. Dahinter versteckt sich ein optisches Schmankerl: die Umgebung reagiert etwa auf Tageszeiten und Windbedingungen. So ändert sich zum Beispiel mit zunehmender Uhrzeit der Sonnenstand und der Schattenwurf und selbst die Windkraftanlagen in der Nachbarschaft drehen sich realistisch im Wind. Auf vielen dieser Szenerien existieren auch gleich mehrere Startstellen unterschiedlicher Art bis hin zu Orten für Wasserflug oder Dynamic-Soaring.

Die ersten Flüge mit dem bereits vorgegebenen, typischen Trainermodell auf einem nordamerikanischen Modellflugplatz zeigten sofort die Stärke der neuen "Aerofly"-Version: Sehr fein detaillierte Modelle fliegen in hoch aufgelöster Umgebung mit absolut realistischen Licht- und Schat- teneffekten - grafische Opulenz allenthalben! Auch die für eine Videokamera typischen "Lens Flares" beim Blick nahe an der Sonne vorbei sind wunderschön anzusehen. So recht realistisch sind Letztere aber nicht, wir schauen ja beim Fliegen eher selten durch die Kamera. Puristen wird es freuen, dass diese Effekte individuell ein- und ausgeschaltet werden können. Bei den Lichtreflektionen auf den Modellen hat Programmierer Ipacs vielleicht ein wenig zu viel des Guten getan, manchmal wirkt ein Modell in greller Sonne wie von einer Albedo umgeben.

Die Liebe zum optischen Detail spiegelt sich im akustischen Bereich dann leider nicht mehr so recht wider. Abgesehen von den 1:1-Modellen klingen die Elektro- wie auch Verbrenner-Motoren sehr synthetisch, teilweise sogar ein wenig nervtötend, sodass man nach einiger Zeit die Lautstärke freiwillig zurück dreht. Schade eigentlich, denn die eher aerodynamisch verursachten Geräusche sind wiederum recht gut dargestellt.

Wo wir gerade beim Begriff Aerodynamik angekommen sind: Hier hat man sich erneut viel Mühe gegeben, die Flugeigenschaften der Modelle realitätsnah abzubilden. Wie in allen uns bislang unter gekommenen Simulatoren sind die Modelle allerdings eher nach Herstellerangaben vorkonfiguriert. Es empfiehlt sich also, das gewählte Modell nach einigen Proberunden zumindest beim Antrieb, dem Schwerpunkt, bei den Ruderausschlägen und den Exponentialwerten mit einigen Mausklicks im einfach zu bedienenden Modelleditor zum Beispiel an sein eigenes Modell anzupassen. Spätestens dann kommt das Flugverhalten der Realität schon recht nahe.

Im Langsamflugverhalten macht es "Aerofly" dem Nutzer bei den meisten Modellen dann doch etwas arg leicht - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Eine 3,2 Meter spannende "Extra 260" bei 15,3 Kilogramm Abfluggewicht zu erhalten, entspricht wohl eher dem Wunsch einer Marketingabteilung als dem tatsächlichen Modell. Im Langsamflug ähneln solche Konfigurationen einem Heißluftballon und scheinen die Möglichkeit des plötzlichen Strömungsabrisses überhaupt nicht zu kennen. Hier ist gewiss noch Potential für zukünftige Updates vorhanden, die übrigens auf der Höhe der Zeit - soll heißen: online und automatisch - auf den Rechner kommen können. Der Realitätsgrad lässt sich in "Aerofly RC7" noch enorm steigern, wenn die Umgebungsbedingen eingestellt werden. Bei Windstärke und Windrichtung hören die Möglichkeiten noch längst nicht auf. Böen, Turbulenzen und thermische Einflüsse sind in weiten Grenzen und mit wenigen Mausklicks einstellbar und wirken sich realistisch aufs Modellverhalten und teils sogar auch auf die Umgebung aus.

Spätestens hier kommt "Aerofly RC7" aus dem reinen Unterhaltungsbereich heraus und zeigt sich als echtes Übungswerkzeug. So kann der Modellfluganfänger seine Starts und Landungen mit zum Beispiel Seitenwind gestalten und der Fortgeschrittene wird beim Torquen an realistischen Windböen aus wechselnden Richtungen am Monitor ebenso verzweifeln wie auf dem heimischen Modellflugplatz und sich dann vermutlich doch dem integrierten Torquetrainer zuwen- den - toll gemacht! Sollten wir an dieser Stelle erwähnen, dass sich die "Aerofly"- Modelle fast so effektvoll in ihre Bestandteile zerlegen können, wie ihre tatsächlichen Pendants? Allerdings sind die Folgen naturgemäß preiswerter als es in der Realität der Fall wäre.

Wer dann vom ernsthaften Modellflugtraining genug hat, kann sich noch an den vielen Extras des Simulators erfreuen. Je nach Szenerie lädt "Aerofly RC7" zu Landewettkämpfen ein, veranstaltet Air-Race, Limbofliegen und Ballonstechen, um nur einige der Möglichkeiten zu nennen. Wie wäre es zum Beispiel mit F-Schlepp? Auf dem dann geteilten Bildschirm können zwei Modellflieger mit natürlich zwei Steuerungen jeweils ihr eigenes Modell steuern und so tatsächlich Segler virtuell schleppen. Leider funktioniert dieses Feature derzeit nur am heimischen Rechner, aber wir hoffen und wünschen uns, dass wir vielleicht auch bald online schleppen können. Die naturgemäß beschränkte Sicht des geteilten Bildschirms kann man übrigens erweitern: an zwei Monitoren im Betrieb als "erweiterter Desktop" kann "Aerofly RC7" im Fenstermodus soweit aufgezogen werden, dass Schlepp- und Seglerpilot quasi einen eigenen Bildschirm bekommen. In unserem Testfall kamen zwei 21-Zoll-TFT-Bildschirme mit jeweils 1600 x 1200 Bildpunkten Auflösung zum Einsatz. Damit kann man dann auch eine Grafikkarte der "Nvidia Geforce 650"-Klasse gut auslasten. Die Bildrate ging dabei nur selten unter 60 FPS, allerdings hörte man nach kurzer Zeit am Lüftergeräusch der Grafikkarte, dass selbige so langsam ins virtuelle Schwitzen kam.

Abgesehen vom Betrieb mit zwei Monitoren sind die Hardwareanforderungen der neuen "Aerofly"-Version eher konservativ. Dass so ein Modellflugsimulator beispielsweise auf einem alten P4-Laptop mit "on Board Grafik" nicht sinnvoll zu betreiben ist, dürfte jedoch nicht wirklich überraschen. Während unseres Tests kam ein relativ preiswerter AMD-2,8-GHz-Vierkern-Rechner mit acht Gigabyte RAM zum Einsatz. Die bis dahin benutzte ältere "Nvidia Geforce 9400"-Grafikkarte zeigt sich beim Test in mancher Situation erwartungsgemäß überfordert, also wurde kurzerhand eine Grafikkarte der "Nvidia 650 GTX"-Klasse mit einem Gigabyte RAM dienstverpflichtet, die alle genannten Situationen meisterte. Letztendlich fällt unser zum Test benutzter Rechner in dieser Ausstattung unter die "circa 500 Euro"-Klasse und bekommt von Windows7 (64 bit) einen internen Leistungsindex von 6,8 bescheinigt. Es muss also nicht die neueste, opulent bestückte Spielemaschine mit vierstelligem Preisschild sein, um dauerhaft hoch aufgelöste Freude am "Aerofly RC7" zu haben!

Während der gesamten Testphase überzeugte der Simulator mit durchweg stabilem Lauf; wir hatten keinen einzigen Programmabsturz zu verzeichnen. Hier hebt sich Ipacs angenehm von anderen Beispielen des Marktes ab und liefert eben keine "Bananenware" (".reift erst beim Kunden!"), sondern ein sehr weit ausgereiftes Produkt, das von Anfang an so voll nutzbar ist, wie man es als Kunde auch zu Recht erwarten darf.

Und was macht man bei kaltem, nassem Winterwetter, wenn noch nicht einmal ein Hallentermin ansteht und man alle "Aerofly"- Extras schon durchprobiert hat? Man entsinnt sich des Menüpunkts "Mehrspieler" und trifft sich mit anderen Gleichgesinnten auf virtuellen Modellflugplätzen via Internetverbindung! Entweder tritt man bereits vorhandenen "Aerofly"-Servern bei oder erstellt seine eigene Sitzung als Server. "Aerofly RC7" bietet herbei ein Extra, das man bis dato hauptsächlich von FPS-Spielen kennt: eine integrierte Sprachkommunikation! So kann man also nicht nur virtuell zusammen fliegen, sondern sich auch gleich noch via Mikrofon mit seinen Mitfliegern unterhalten. Nur den Weg in die Küche muss noch jeder selbst finden, da wir bei aller Suche noch keinen virtuellen Flugplatzgrill entdecken konnten.

Mein Fazit: Viel Licht und wenig Schatten bei moderaten Hardwareanforderungen; der "Aerofly RC7" präsentiert sich in der aktuellen Version auf der Höhe der Zeit. Hinzu kommt ein größtenteils gut gelungener Spagat zwischen unterhaltsamem Spiel und ernsthaftem Trainingswerkzeug. Bezug bei Ikarus und im App-Store, www.ikarus.net.

Frank Steinmetz


Handstart am Hang in der 4D-Szenerie


Mehrfarbiger Rauch ist nur eine der vielen digitalen Zusatzfunktionen


Virtueller Regen und Sturm? Macht nichts, dann gehen wir eben Hallenfliegen


Das Wasserflugzeug spiegelt sich im See - hier hat der Programmierer voll hingelangt


Was wäre eine Simulation ohne kleine Fehler?




Die Auswahl an Flugzeugen und Szenerien ist groß


Die Modellparameter können individuell eingestellt werden


Für die Senderkonfiguration gibt es einen Assistenten


Man mag Querwind und Turbulenzen? Kein Problem.


Fliegen im Team macht auch virtuell Spaß


Hat man nur einen Bildschirm, muss dieser für den F-Schlepp geteilt werden



Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 4/2014

Das komplette Inhaltsverzeichnis 4/2014
Zur Heftbestellung bitte hier entlang.

©AUFWIND 2014