TEST

Gelbe Schönheit

Der "Moswey-4" von Choco-Fly


3,9 Meter Spannweite und eine große Flügeltiefe ergeben einen beeindruckenden, aber dennoch handlichen Großsegler

Bitte erzählen Sie es nicht weiter, aber genau genommen war ich nie ein Fan der Segelfliegerei. Mein Herz gehörte ausschließlich den elektrisch angetriebenen Motorfliegern. Warum? Kann ich gar nicht sagen - es war halt immer so. Doch das änderte sich, als mein Freund Markus Waltenberger damit begann, sich intensiv mit der Elektroschlepperei auseinanderzusetzen. Einen potenten Elektroschlepper nach dem anderen baute er auf. Doch was ihm fehlte waren "Schleppopfer". Hand aufs Herz: Könnten Sie einem Freund so einen Wunsch abschlagen? Ich nicht. Mein erster Schritt zur Wunscherfüllung war daher die Anschaffung der "ASK-21" von Derkum (vgl. AUFWIND 5/2014). Mit ihr gewann ich Freude an der antrieblosen Fliegerei. Steigern konnte ich die als ich damit begann mir Aufgaben zu stellen, wie zum Beispiel dem Abfliegen von Dreiecken wie im GPS-Triangle. Das wollte ich nun unbedingt ausbauen - aber mit adäquatem Material.

Wo kann man auf der Suche nach einem tollen Segler mehr erkunden als auf der Segelflugmesse in Schwabmünchen? Da hatte im vergan- genen Jahr auch die sympathische Familie Aeberli aus der Schweiz einen Stand aufgebaut. Firmenchef Daniel Aeberli bietet unter seinem Label Choco-Fly ausgezeichnete Segler an - darunter den Schweizer Oldtimersegler "Moswey-4". Nach drei Tagen Segelflugmesse stand für mich fest, dass es genau diese gelbe Schönheit sein musste, um mich in der Segelfliegerei weiterzubringen.

Mit Daniel Aeberli stand ich nun laufend in Kontakt und zu Jahresbeginn trudelte meine "Moswey-4" bei mir ein. Dieses Voll-GFK-Modell aus tschechischer Fertigung ist etwas ganz Besonderes: Da haben die Formenbauer nicht nur einen schönen und sauber durchgeformten Rumpf gebaut. Sie haben auch rigoros die Stoffbespannung, die Nähte, die Rippenabdrücke und sogar die eine und andere Falte mit abgeformt. Die Illusion eines klassisch aufgebauten Oldtimerseglers ist perfekt.

Mit ihren 3,9 Metern Spannweite (Maßstab: 1:3,75) und dem vom Hersteller mit rund fünf Kilogramm angegebenen Gewicht sollte das Flugzeug ein beeindruckender Segler für meinen alltäglichen Modellsegelflug werden. Daniel Aeberli gab mir noch den Rat, die EWD am Höhenleitwerk durch Unterlegen zu reduzieren - eine Maßnahme - die seiner Aussage nach - bei späteren Serienmodellen nicht mehr gemacht werden musste.

Die Qualität der GFK-Teile hat mich begeistert: Kanten, Nähte, Ausrundungen, Durchfärbung der Teile - alles perfekt. Die Ruder alle bereits angeschlagen und in Hohlkehle gelagert. Auch ein Paar 255 Millimeter lange Doppelstörklappen sowie die Schleppkupplung waren eingebaut. Die Kabinenhaube war aufgezogen, sie wird mit einem eingebauten, versteckten Bowdenzug-Verschluss gesichert. Ein weiteres Highlight ist die Tragflächensteckung: Originalgetreu schwimmend ausgeführt, wird sie mit einem gewinkelten Stahlstift gesichert. Übergänge, Steckpassungen und Profilanformungen haben perfekt gepasst.

Motiviert durch die gebotene Qualität machte ich mich an die Ausstattung: Zwei Servos in das Höhenleitwerk zur getrennten Ansteuerung der Höhenruder und zwei größere Servos ganz vorne in den Rumpf um Schleppkupplung und Seitenruder anzusteuern. Das entsprechende Servobrett schnitt ich aus 4-mm-Pappelsperrholz zu. Auch der Empfänger, ein "RG-813" von JR-Propo, erhielt dort seinen Platz. In punkto Telemetrie montierte ich einen Vario/Höhe-Sensor und einen Staudrucksensor zur Ermittlung der Geschwindigkeit von JR auf das Brettchen (vgl. Bericht in diesem Heft). Das Staudruckrohr erhielt seinen Platz auf der Rumpfspitze, direkt vor der Kabinenhaube.

Für den Einbau von je einem Querruder- und einem Störklappenservo waren entsprechende Plätze in den Tragflächen vorgesehen. Die Ausschnitte galt es später mit runden und eingefärbten GFK-Deckeln zu verschließen. Die Tragflächenoberschale hatte vom Hersteller in den Bereichen eine großflächige Kohlelage spendiert bekommen. Also flugs die Servos eingeschrumpft und mit 5-Min.-Epoxy eingeklebt - Halt, Stopp! Das wäre bei einem Standardmodell ausreichend. In dieser Preis- und Leistungsklasse jedoch für mich ein "No-Go". Also konstruierte und fräste ich kreisrunde Servorahmen, in die schließlich die Servos eingeschraubt wurden. Knapp eine Stunde brauchte ich dazu - ein sich überaus lohnender Mehraufwand. Das Herstellen der Verkabelung mit sechspoligen Goldsteckern war dann auch nur noch Routine. Rumpfseitig klebte ich die Buchsen ein, in der Tragfläche blieben die Stecker lose liegen.

Für die Empfängerstromversorgung kamen erstmals die im vergangenen Jahr vorgestellten Lithium-Ionen-Zellen von iRC/Emcotec zur Anwendung: In 2s2p-Ausführungen bietet das Päckchen bei 205 Gramm Gewicht stolze 5.800 Milliamperestunden Kapazität. Das Päckchen wurde auf einem Sperrholzbrett ganz vorne in der Rumpfnase verschraubt. Ein "DPSI Micro Single-Bat"-Magnetschalter reduziert die Spannung und wird von außen mit einem Magnet geschaltet. Sicherer und unauffälliger geht es nicht.

Zum Cockpitausbau hat der Hersteller der Moswey ein einfaches Cockpitpanel und eine Sitzschale mitgeliefert. Die passende Pilotenpuppe fand ich im Sortiment von TUN-Modellbau in der Schweiz (www.tun.ch). Sie wurde komplett mit Gurtzeug, Fallschirm, Mütze, Brille, Hedset geliefert und passt einfach perfekt zur "Moswey". Ein wahrhaft professionelles Panel bietet Hannes Schmalzer aus Österreich (www.modell-technik-schmalzer.at) an. Das kann man nicht beschreiben, man muss es gesehen haben. Den Vorbau des Panels erstellte ich aus einem Sperrholzspant und bog etwas Balsa her-um. Anschließend mit Papier beschichtet und dann Schwarz lackiert sieht das wirklich klasse aus. Steuerknüppel, Griffe sowie ein Schwanenhals-Mikrofon fand ich im großen Sortiment von Gromotec (www.gromotec.de), ebenso das Schiebefenster. Ich konnte mir den Einbau nicht verkneifen, wenn gleich es auch recht knifflig war und locker zwei Stunden Zeit in Anspruch nahm - das Ergebnis jedoch ist überzeugend.

Nach rund 15 Stunden genüsslicher Arbeit konnte ich sagen: die "Moswey-4" ist flugfertig! Mit 1,24 Kilogramm Trimmblei kam ich auf knapp 4,5 Kilogramm Gesamtgewicht - stolze 1,5 Kilogramm unter (!) der Herstellerangabe. Die EWD hatte ich auf 1,7 Grad korrigiert, den Schwerpunkt demzufolge auf 98 Millimeter eingestellt (Herstellerangabe: 95 mm). Rund 44 Gramm Flächenbelastung stimmten mich zusätzlich freudig.

Zum Erstflug der gelben Schönheit ging es zu Markus nach Pfaffenrot. Sein "Plan-B"-Elektroschlepper durfte die "Moswey-4" erstmals in die Luft ziehen. Also Seil eingehängt, straff gezogen und "ab die Post". Schon nach wenigen Metern hob die "Moswey-4" ab und folgte dem Schlepper artig. Mit halb ausgefahrenen Störklappen hielt ich das Hochsteigen in Grenzen. Ansonsten kein Gewackel, keine Ausbruchtendenzen - nichts! Zügig ging es auf 200 Meter Höhe, dann wurde ausgeklinkt. Sogleich bremste sie sich ab und nahm eine optisch vorbildgetreue Fluggeschwindigkeit ein. Die Telemetrie zeigte mir Werte zwischen 65 und 70 Stundenkilometern (Staudruck) an, das Variometer pendelte zwischen 0,5 und 0,9 Meter pro Sekunde Fallen. Der kalte Ostwind an diesem Apriltag ließ keine Thermik aufkommen. Langsam ließ ich das Modell die Höhe abgleiten, flog dann eine lang ausgeholte Landekurve, die Klappen raus...abgefan- gen und aufgesetzt.

Sofort ging es wieder hinter den bereit ste- henden Schlepper. Diesmal stieg meine "Moswey-4" auf 300 Meter Höhe. Nach dem Ausklinken ließ ich das Modell ein bisschen mehr laufen, zwei Zacken Tiefenruder reichten dazu. Das Flugbild begeisterte mich, die Flugdynamik ebenso. Die Geschwindigkeit stellte ich jetzt auf 85 bis 90 Stundenkilometer ein. Damit ließ sich herrlich herumkurven, das sah sehr elegant aus. Auf 100 Meter Höhe angekommen stach ich das gute Stück mit Rückenwind an. Am Ende dieses Bahnneigungsfluges zeigte die Telemetrie 164,1 Stundenkilometer an. Mit dieser Geschwindigkeit wurde auf 75 Meter zurück hochgezogen. Zwei große Vollkreise waren noch drin, dann die nächste Landung - alles in Butter. Acht weitere Flüge machten wir an diesem Abend. Mit der "Moswey-4" von Choco-Fly habe ich meinen Traumsegler gefunden und werde nun so oft wie möglich die Schleppdienste meines Freundes in Anspruch nehmen - da freuen wir uns beide. Auf der Segelflugmesse in Schwabmünchen werde ich das Modell ebenfalls fliegen. Und Daniel Aeberli kann ich nur ermutigen, noch mehr solche tollen Konstruktionen ins Programm aufzunehmen.
Philipp Gardemin
Fotos: Philipp Gardemin, Danica Waltenberger


Wechselvolle Geschichte

Die HB-520 wurde konstruiert und gebaut von George Müller, Moswey Flugzeugtechnik Zürich. 1947 beschloss Renè Comte sich an der Herstellung des ersten "Moswey-4" finanziell zu beteiligen. Am 25. Juni 1950 führte er den Erstflug durch und nahm gleich im Juli an den Weltmeisterschaften in Schweden teil. Im Herbst 1951 zogt Renè Comte mit seinem Flugzeug nach Johannesburg (Südafrika) um. Am 30. Dezember flog er damit einen Höhenrekord mit 10.962 Meter über dem Meer, beziehungsweise 9.056 Meter Startüberhöhung. Bis 1957 nahm er an südafrikanischen Wettbewerben teil und führte ausgedehnte Streckenflüge an verschiedenen Orten in Südafrika durch, bis er seinen "Moswey-4" schließlich verkaufte. Von 1957 bis 1964 gewann der Südafrikaner Eduard Domisse damit sieben Mal in Folge den Titel des südafrikanischen Meisters. Von 1964 bis 1988 wechselte der "Moswey" mindestens zehn Mal seine Halter, sie alle flogen damit FAI-Höhen- und -Streckendiamanten in Südafrika. Nach spektakulären Außenlandungen und einem Bruch war das Flugzeug 1981 in einem dermaßen schlechten Zustand, dass die damaligen Besitzer sich entschlossen, es zu verbrennen. Ruedi Schurkes aus Johannesburg schließlich rettete den "Moswey-4" vor dem Flammentod und brachte das Modell wieder in einen flugfähigen Zustand. 1988 kaufte Fritz Gull das Flugzeug und brachte es mit der finanziellen Unterstützung der Brüder Fritz und Willi Fahrni nach beinahe 40 Jahren Exil wieder in die Schweiz zurück. Bis 1999 erfolgte eine Totalrevision in Münster und in Brünn (Tschechien). Im Mai 2000 schließlich flog HB-520 wieder. Der Heimflugplatz ist Hausen am Albis.
Quelle: www.moswey4.ch


Fakten

"Moswey-4" von Choco-Fly
Ein Oldtimersegler in Voll-GFK

Maßstab: 1:3,75
Spannweite: 3.900 mm
Länge: 1.700 mm
Gewicht: 4.480 g
Fläche: 102 qdm
Flächenbelastung: 44,1 g/qdm
Profil: HQ 3/13
Ruderausschläge:
Höhenruder: +/- 12 mm
Seitenruder: l/r 25 mm
Querruder: +10/-17 mm
Preis: x.xxx,- Euro
Bezug bei Choco-Fly
Tel.: 0041/78/7126252
<www.chocofly.com


Die Qualität der GFK-Fertigung am Beispiel des Höhenleitwerks. Hier übrigens im unangetasteten Lieferzustand


Die Höhenruderblätter werden von zwei 13-mm-Servos mit Metallgetriebe angesteuert


Die vorbildgetreue Flügelsteckung. Gesichert wird mit einem Metallstift durch die mittlere Bohrung


Die 255-mm-Doppelstlrklappen sind bereits eingebaut, können aber leicht raus geclipst werden


Für den reversiblen Einbau der Querruder- und Störklappenservos wurden eigene Servorahmen gefräst


Eine der Querruderanlenkungen, eingebaut und mit kurzer 2-mm-Anlenkung versehen


Das Empfangsequipment auf einen Blick. Die Servos stammen von Derkum, LiIon-Akku und Schalter von Emcotec (hier noch die 2s1p-Variante)


Das vordere Einbaubrett beherbergt den 2s2p-Empfängerakku und die beiden Telemetrie-Module für Geschwindigkeit und Höhe/VArio von JR


Das ausgebaute Rumpfvorderteil. Die unterschiedliche Einbauhöhe der Bretter ist wegen der Pilotenfüße erforderlich


Der Pilot stammt von TUN-Modellbau (www.tun.ch). Die Gliedmaßen sind sehr beweglich und das Zubehör ist komplett bis ins Detail


Die Kleinteile stammen von Gromotec (www.gromotec.de). Das Unternehmen bietet eine große Auswahl in verschiedenen Maßstäben an


Das fantastische Instrumentenpanel kommt von Hannes Schmalzer (www.modell-technik-schmalzer.at)


Die Illusion der Rippenbauweise ist perfekt gelungen. Es ist ein wunderschönes Modell


Bereit zum Start. Vorne auf der Rumpfnase das Staudruckrohr für die Geschwindigkeitstelemetrie


Im F-Schlepp geht es nach wenigen Metern in die Luft. Brav folgt der "Moswey-4" dem Elektroschlepper


In der Luft zeigt sich das Modell von der allerbesten Seite - sowohl was die Optik wie auch Flugleistungen und -eigenschaften betrifft


Die Landungen gelingen dank der Störklappen zielsicher, ein Genuss für Auge und Ohren



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 4/2015

Das komplette Inhaltsverzeichnis 4/2015
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