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Elektrosegelflug mit "Amazone" von Lenger


Der "Amazone" von Lenger ist ein klassisches Elektro-Segelflugmodell mit 3,3 Meter Spannweite

"Wer eine echte Bastelarbeit sucht, wird mit der Amazone von Modellbau Lenger seine Freude haben", resümiert Martin Atzwanger seine Erfahrungen mit dem Bausatz im Retro-Stil. Herausgekommen ist ein wunderbarer Gleiter mit über drei Meter Spannweite.

Wer bei dem Bausatz alles bereits ausgeschnitten, punktgenaue Angaben und Erklärungen erwartet, wird enttäuscht sein. Es ist vielmehr eine erweiterte Werkstoffpackung mit gefrästen Spanten und Rippen, den benötigten Kleinteilen sowie vielen Brettern, Leisten und Holzklötzen. Bei einigen weiß ich bis heute nicht, wohin sie eigentlich gehört hätten.

Dennoch ist der Zusammenbau der einzelnen Bauteile grundsätzlich einfach. Sinn macht es allerdings, sich vorab Gedanken über Einsatzgebiet, Ausstattung und persönliche Vorlieben zu machen, um diese beim Bau entsprechend zu berücksichtigen. Zur Unterstützung gibt's von Lenger einen Plan mit Ansichten und Schnitten im Maßstab 1:1 und eine Anleitung aus der Schreibmaschine. Auch sind zum Beispiel alle Teile für wahlweise ein T- oder Kreuz-Leitwerk beigelegt. Ich habe mich aber für die dritte mögliche Variante und wesentlichem Charakteristik-Merkmal des Modells entschieden: ein V-Leit- werk.

Begonnen habe ich mit dem Rumpf. Er besteht im Wesentlichen aus vier, sich über die ganze Länge ziehenden 5-mm-Balsateilen, die vorne für den Einbau eines Motors sowie im Bereich der Tragflächenauflage mit Sperrholz verstärkt werden. Bei den Eckleisten habe ich aus Festigkeitsgründen nicht die vorgegebenen Balsa-, sondern Kiefernleisten verwendet. Der Stabilitätsgewinn ist enorm, der Gewichtszuwachs vernachlässigbar. Der Rumpf wurde nach der Fertigstellung mit Parkettlack behandelt. Er bekam zusätzlich eine Kufe und einen Sporn aus dem Rest einer Kieferleiste. Das V-Leitwerk konnte rasch aus den beiliegenden Leisten zusammengebaut werden. Den Öffnungswinkel legte ich mit 110 Grad fest, ein bewährtes Maß.

Für den Tragflächenbau erschien mir aufgrund der großen Spannweite und den doch relativ schmalen Kiefernholmen eine Verstärkung naheliegend. Ich habe deshalb die Beplankung der Flügelunterseite von innen mit Glasgewebe beschichtet. Die Verstärkung und der Aufbau erfolgten im "Nassverfahren": Dabei wird in einem Arbeitsgang ein Streifen Glasgewebe auf die entsprechend ausgerichtete untere Beplankung aufgebracht, die Rippen und der Holm positioniert, der obere Holm eingefädelt und die Balsaholzstege angeklebt. Bei entsprechender Vor- arbeit - entgraten und Probesteckung - ist so ein Flügel an einem Abend machbar. Die Verklebung der Endleisten und der oberen Beplankung erledigte ich mit normalem Holzleim. Das ergab einen robusten Flügel, der auch einfache Kunstflugfiguren erlaubt. Als Landehilfe habe ich noch vorhandene mechanische Störklappen eingebaut. Profiliert wurde das Modell übrigens mit einem "HQ 3.0/11" - eine bewährte Auslegung.

Ursprünglich wollte ich die Tragflächen mit transparenter Folie bespannen. Doch dann fiel mir im Modellbauladen Kirchert in Wien eine Rolle Polyestervlies in die Hände. Ich hatte noch alte Erzählungen über dutzende Lackierdurchgänge im Kopf. Da erfuhr ich, dass sich bei einem modernen Kunststoffvlies die Verarbeitungsabläufe wesentlich vereinfacht haben. Ich war auf Anhieb überzeugt. Mit einer mittleren Dose Spannlack bewaffnet ging es an die Arbeit. Die Werkstatt als Arbeitsplatz ist dazu nicht zu empfehlen. Der Lack enthält Lösungsmittel und das Arbeitsumfeld sollte sehr gut durchlüftet sein. Daher sind Bastelprojekte manchmal im Sommer doch sinnvoller, wenn auch im Freien gearbeitet werden kann.

Als Erstes habe ich sämtliche Flächen die bespannt werden sollten, mit verdünntem Spannlack (ca. 1:4) grundiert. Dann nach zwei bis drei Stunden die Bauteile mit ganz feinkörnigem Schleifpapier geschliffen. Wie beim Folieren wurde nun zuerst die Unterseite bespannt. Dazu habe ich die Holzteile neuerlich lackiert, das zugeschnittene Vlies aufgelegt und mit einem Pinsel in den noch nassen Lack eingedrückt. Zum Abschluss dieses Arbeitsgangs wurde die gesamte Tragfläche gestrichen. Wer nicht an einem Tag fertig sein will und/oder muss, sondern gern jeden Tag etwas Zeit für sein Hobby erübrigt, für den ist die Bespannung mit Polyestervlies eine attraktive Variante. Neben dem in Summe ähnlichen Zeitaufwand liegt der besondere Vorteil des Materials in seiner hohen Festigkeit. Durch den Spannlack geht es mit dem Unterbau aus Holz eine intensive Verbindung ein und wirkt als feste Oberschicht. Blasen und Falten können wie bei der herkömmlichen Folienbespannung ausgebügelt werden. Nach aus- reichender Trocknung können die Endlackierung und eventuelle Verzierungen aufgetragen werden. Die Optik ist einmalig.

Die Finalisierung des Modell erfolgte nach gewohntem Muster: Servos in die vorbereiteten Halterungen schrauben, Verkabelung anfertigen und den Motor samt Regler einbauen. Der Schwerpunkt war leider trotz langer Nase nur mit der Zugabe von rund 150 Gramm Blei und einem wesentlich größerem 3s-Akku als die vorgeschlagenen 4.000 Milliamperestunden zu bewerkstelligen. Das Modell wog nun knapp über 2,4 Kilogramm.

Der Erstflug war dann sehr unspektakulär: Motor auf Halbgas und das Modell leicht nach oben geworfen. Auf Seiten- und Höhenruder reagierte es aufgrund der großen V-Leitwerks-flächen sehr direkt. Da ich die Querruder etwas größer ausgelegt habe, als im Plan vorgesehen, ist deren Wirkungsweise prima. Die Modellgröße von 3,3 Meter Spannweite gibt dem Modell eine gute Erkennbarkeit. Auch wenn man zum Thermikschnüffeln mal weiter weg fliegen muss. Zwischen den Thermikgebieten kann man die "Amazone" auch problemlos etwas flotter fliegen.

Nach den ersten erfolgreichen Flügen ging es dann doch noch mal in die Werkstatt, das Fluggewicht wurmte mich! Hauptgrund für das verhältnismäßig hohe Gewicht war das doch sehr harte, schwere und dick bemessene Balsaholz für die Beplankung des Rumpfes. Also holte ich die Hobelmaschine heraus und die Wandstärke wurde von fünf auf zwei Millimeter gesenkt. Auch die Heckspitze konnte etwas gekürzt werden. In Summe brachte dies rund 400 Gramm weniger Gewicht, was bei einem Fluggewicht von jetzt nur noch knapp zwei Kilogramm doch erheblich ist.

Die Auswirkungen der Modifikation waren spürbar: Der "Amazone" liegt viel "leichtfüßiger" in der Luft, nimmt noch besser Thermik und kleine Aufwinde an. Der Gleitwinkel ist herrlich. Zum Glück sind Störklappen eingebaut, denn meine Landewiese ist nicht sehr groß.

Das Konzept des Modells mag auf den ersten Blick vielleicht altmodisch erscheinen, aber wie heißt es so schön: "Alt, aber bewährt." Nur die Beschreibung sollte mal modernisiert werden und die Fotos besser erkennbar sein. Die "Amazone" ist ein wundervoller Gleiter. Das Modell ist einfach zu steuern und hat ein sehr elegantes Flugbild. Auch einfache Kunstflugfiguren sind möglich. Haupteinsatzgebiet ist aber die Thermik und leichter bis mittlerer Hangwind.

Martin Atzwanger


Fakten

"Amazone" von Lenger
Ein Bausatz der alten Schule

Spannweite 3.300 mm
Länge 1.350 mm
Gewicht 1.994 g
Fläche 69 qdm
Flächenbelastung 28,9 g/qdm
Preis: 189,- Euro
Bezug bei Lenger-Modellbau
Tel.: 08681/9281
www.lenger.de


Geliefert wird eine Werkstoffpackung ganz nach alter Väter Sitte


Der Rumpf besteht im Wesentlichen aus den dicken Rumpfseiten, im Inneren verstärkt durch den Aufbau aus Sperrholz


Auch die Leitwerkshälften werden aus robustem Vollmaterial aufgebaut und später verschliffen


Das große V-Leitwerk ist abnehmbar und wird mit einer Zentralschraube gesichert


Hier hielt die Moderne Einzug: Die Rippen sind CNC-gefräst


Die Störklappen wurden nachträglich eingebaut und haben je ein Servo zur Anlenkung


Das Bespannvlies wird auf die zuvor einmal gestrichene Oberfläche nass aufgepinselt


Überschüssiger Spannlack wird abgerieben


Nach zwei Stunden Trockenzeit kann mit dem Fön nachgespannt werden. Die Geruchsentwicklung dabei ist nicht minder "Retro"


Mit einem einfachen 3s-Antrieb ist der "Amazone" ausreichend motorisiert


Das Modell ist eine klassische Konstruktion und (heutzutage) eine willkommene Abwechslung


Die durchscheinenden Rippenflächen sind einfach herrlich anzuschauen


Landungen sind dank der Störklappen ganz einfach zu fliegen



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