REPORTAGE

"Wir leben unser Hobby"

Zu Besuch bei Modellbau Lindinger in Österreich


Das beeindruckende Betriebsgebäude in Inzerdorf bei Kirchdorf (Oberösterreich)

Wer in Oberösterreich auf der A9 in Richtung Graz fährt, dem kann es passieren, dass neben ihm eine Staffel "F-86"-Jets im Formationsflug zur Landung ansetzt. Kein militärisches Manöver sondern eine Modellflugvorführung! Warum? Das hat Martin B. Atzwanger herausgefunden.

2009 hat sich Modellbau Lindinger in Inzersdorf bei Kirchdorf - direkt an der Autobahnabfahrt - angesiedelt, um näher am Kunden, aber auch an den Logistikrouten zu sein. Das moderne Geschäftszentrum umfasst eine Verkaufsfläche von 1.000 Quadratmetern sowie ein Logistikzentrum mit 2.000 Quadratmetern. Angrenzend ist auch noch genügend Platz für Erweiterungen vorhanden. Zudem wurde eine Grünfläche angemietet, die als firmeneigenes Fluggelände dient, auf der den Interessenten neue Produkte vorgeführt werden.

Begonnen hatte Firmengründer Fritz Lindinger 1985 mit einer kleinen Sortimentsecke im Gemischtwarengeschäft seiner Eltern in Molln. Zu dieser Zeit war auch ich das erste Mal im Geschäft und erstand einen "Amigo". Schon drei Jahre später startete Fritz Lindinger mit dem Versand von Modellbauartikeln. Dazu wurde mühsam der erste Katalog herausgegeben. Bereits 1991 zählte das Unternehmen rund 2.500 Kunden und setzte vermehrt auf die damals noch in den Kinderschuhen steckende EDV zur Auftragsabwicklung - quasi die Basis des heutigen Webshops, der nun wesentlich zum Bekanntheitsgrad des Unternehmens beiträgt und zentraler Bestandteil ist.

Eine Institution ist der gedruckte Katalog: Zu Beginn mit etwa 500 Artikeln auf über hundert Seiten, umfasst er heute bei einer Auflage von 80.000 Exemplaren rund 600 Seiten. Außerdem zählt seit Anbeginn zum wesentlichen Merkmal von Modellbau Lindinger die kompetente Beratung. Die übernahm zuerst der Chef persönlich. Dann übertrug sich diese Aufgabe auf den ständig zunehmenden Mitarbeiterstab. Inzwischen ein bedeutendes Standbein des Unternehmens. Um dies authentisch zu vermitteln gilt bis heute die Devise: das Hobby zum Beruf machen! Zumindest sollte bei den Mitarbeitern ein persönlicher Bezug zum Modellbau bestehen. Im neuen Betriebsobjekt wird dies durch eine eigene Lehrwerkstatt gefördert. In der müssen beispielsweise auch Verkaufslehrlinge selbst Modellbau- produkte zusammenbauen. Darüber hinaus wird einmal im Jahre ein Ausflug mit allen Mitarbeitern organsiert, bei dem auch die Mitarbeiterinnen der Buchhaltung oder der Telefonzentrale per Lehrer-Schüler-System angeleitet werden, ein Modell zu steuern. So finden sich unter den Mitarbeitern Staats- und Landesmeister der verschiedenen Sparten und Klassen. Einer von ihnen ist Bernhard Wimmer, nach 2013 amtierender österreichischer Staatsmeister in der Klasse F3N (Hubschrauberflugmodelle Freestyle). Um genügend Zeit für Training und Wettbewerbe zu haben ist er nur halbtags beschäftigt, berät und verkauft dann in der Hubschrauber-Abteilung.

Ein besonderer Service für alle Modellbauer ist die Telefonhotline. Den Bereich "Flug" betreut Robert Schröder, ein gebürtiger Sachse. Mit sechs Jahren baute er aus dem Styropor für die Wärmedämmung des Elternhauses seinen ersten Segler mit zwei Metern Spannweite. Seitdem lässt ihn der Modellbau nicht mehr los. Zwischen 80 bis 100 Anrufe werden von ihm pro Tage betreut. Immer wieder kommen überraschende und spannende Fragestellungen. Und dabei geht es nicht nur um Produktberatungen, sondern auch um Auslegung, Einstellungen und Nutzungstipps. Privat fliegt Robert Schröder alles, wobei der Schwerpunkt zunehmend zum Scale-Modellbau wandert.

In der Flugabteilung ist Michael Allmer das gelebte Beispiel für das Unternehmensmotto: Von der einfachen "Schaumwaffel" bis zum ausgereiften Turbinenjet wird alles nicht nur verkauft, sondern auch selbst geflogen. Seine Laufbahn als Pilot: Mit fünf Jahren der Einstieg mit einem "Panda" von Multiplex, später Motorflieger bis hin zur Teilnahme an Wettbewerben. Mit seinem Vater bildet er ein eingespieltes Team, das auf den heimischen Modellflugplätzen gern gesehen ist. Und wenn im Geschäft nicht alles ausreichend erklärt werden kann, wird gerne die Möglichkeit ergriffen, das eine oder andere Modell gegenüber am hauseigenen Fluggelände vorzufliegen. Zur Sicherheit ist immer ein Modell im Kofferraum. Auch nach Dienstschluss sind dort regelmäßig Mitarbeiter bei einer Feierabendrunde anzutreffen.

Ende 2014 übergab Fritz Lindinger die Prokura des Unternehmens an seine Tochter Marion Lindinger und die Geschäftsführung an Matt White. Seitdem ist Fritz Lindinger wieder vermehrt als Pilot anzutreffen. Hierbei kann er abschalten und aus dem Hobby neue Ideen für das Unternehmen schöpfen, für das er immer noch als Berater agiert.

Aktuell beschäftigt Modellbau Lindinger rund 50 Mitarbeiter. Diesen stehen rund 20.000 Produkte gegenüber, die im Geschäft oder über den Online-Handel bezogen werden können. Durch das vollautomatische Lagersystem mit etwa 1.000 Paletten-Stellplätzen können täglich mehr als 800 Bestellungen und Pakete ausgeliefert werden. Dabei richtet sich der Fokus wieder mehr Richtung traditionellem Modellbau. Denn die zunehmende Globalisierung des Marktes ist auch hier spürbar. Dem begegnet Modellbau Lindinger mit dem Ausbau der Kundenbetreuung, wobei als Schwerpunkt Mitteleuropa definiert wird. In Österreich wird, so Marion Lindin- ger, vermehrt auf Nachwuchs- und regionale Projektförderung gesetzt: Workshops in und mit Schulen, Unterstützung von Vereinen und nationalen Bewerben.

Und damit die Kundenbetreuung schlüssig ist, gibt's am Firmenstandort Inzersdorf auch ein hauseigenes Café, das - ganz aktuell - auch Mittagsgerichte anbietet. Und wer Glück hat, wird von der Chefin persönlich bedient, die dort bei der Zubereitung des Mittagsmenüs mithilft. Der üppige Salat am Tag meines Besuches war jedenfalls hervorragend!

Martin B. Atzwanger


Fakten

Modellbau Lindinger GmbH
Industriestraße 10
4565 Inzersdorf im Kremstal
Österreich
Tel: +43-7582/81313-0
E-Mail: office@lindinger.at
www.lindinger.at


Der große Verkaufsbereich lädt auch zum Stöbern ein.

Herzstück im Versand: Das automatische Lagersystem mit etwa 1.000 Paletten-Stellplätzen

Direkt gegenüber des Unternehmens befindet sich das hauseigene Fluggelände

Bernhard Wimmer, Abteilung "Hubschrauber" und amtierender Österreichischer Staatsmeister F3N

Robert Schröder ist die Stimme der Telefonhotline "Flug"

Michael Allmer ist ein ruhiger und grandioser Pilot sowie geschätzter Tippgeber bei den Kunden

Juniorchefin Marion Lindinger legt auch gerne selbst mal Hand an



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