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Voll Retro

Mit dem "RESoholic" von AR auf Thermiksuche


Das Fliegen von Segelflugmodellen mit Start am Gummiseil hat nichts an Faszination eingebüßt

Eigentlich sind ja eher die Elektro-Motorflieger das Spezialgebiet von Philipp Gardemin. Doch mit den RES-Modellen fühlte er sich in seine Anfangszeiten als Modellflieger zurück versetzt. Und mit dem "RESoholic" von AR-Flugmodelle war genau der richtige Segler zur Aufarbeitung der Vergangenheit gefunden.

Rückblende: Niedersächsische Osterferien 1983. Als knapp 13-jähriger Schüler packte ich jeden Morgen um 7 Uhr meine "ASW-15b" von Robbe (wer kennt sie noch?) in den Fahrradanhänger und strampelte die elf Kilometer zum Modellflugplatz des MSC Osnabrück zwischen Hunteburg und Schwagstorf. Dort war es bis circa 11 Uhr windstill. Optimale Bedingungen also, um mit unzähligen Gummiseilstarts das Modellfliegen zu erlernen. Erst später kamen die Motorflieger und das Elektrofliegen. Doch die Anfänge mit Gummiseilstarts und Vier-Minuten-Gleitflügen habe ich nie vergessen. Vor wenigen Jahren dann erreichten mich erste Bilder der heute so populären RES-Klasse. Diese zweiachsgesteuerten Holzsegler mit zwei Metern Spannweite begeisterten mich auf Anhieb. Der Gedanke, wieder mit Gummiseil und Handsender auf dem Flugplatz zu stehen, ließ alte Erinnerungen wach werden.

Blick auf die Segelflugmesse 2015: Mit dabei am AUFWIND-Stand waren die sympathischen Österreicher Roman Fraisl und Andreas Ursprunger. Die Gewinner des AUFWIND-Bauplanwettbewerbs 2010 haben sich mit ihren Holzbau- sätzen einen guten Namen gemacht. Erstmals vorgestellt wurde der "RESoholic", ein typisches RES-Modell aus eigenem Entwurf und eigener Herstellung. Begeistert haben mich auf Anhieb die durchdachte Konstruktion, stabil und filigran zugleich, aber auch die gelungen Formen des Modells. Deshalb "verschwand" am Sonntagabend auch ein Bausatz in meinem Auto.

Wenige Tage später, ein verregneter Freitagabend, startete ich mit dem Bau des "RESoholic", mit einer Bauanleitung auf CD. Vielleicht bin ich ja altmodisch, aber ausgedruckt auf Papier wäre sie mir lieber gewesen. Also lud ich die pdf-Datei auf mein Tablet und konnte so auf Fingerdruck agieren. Den Plan klebte ich auf ein großes Baubrett. Damit ließen sich alle Teile gleichzeitig fertig stellen und - mit Sekundenkleber und Express-Holzleim - das Modell nonstop bauen. Das Ergebnis: am Samstagmorgen um 2 Uhr stand der Rohbau komplett da. Ich war begeistert von Passgenauigkeit und Konstruktion: kein Nacharbeiten und kein Modifizieren! Auch wenn es in den Fingern juckte, an manchen Stellen doch ein wenig stabiler zu bauen - aber die beiden Österreicher verstehen ja ihr Handwerk und ich vertraue ihren Künsten blind. Dass der Plan nicht an allen Stellen mit den Größen der gefrästen Teile übereinstimmte, konnte ich verschmerzen. Das kennen wir ja noch von alten Graupner-Baukästen.

Gebügelt wurde mit "Oracover"-Resten aus dem Vorrat, orange- und rot-transparent. Hier galt es vorsichtig zu hantieren, damit die Konstruktion sich a) nicht verzieht und b) man nichts kaputt drückt. Auch das Spannen mit dem Heißluftfön bedurfte einer gewissen Vorsicht, um keine Verzüge zu produzieren.

Zwei 5,5-Gramm-Servos für die Bremsklappen habe ich direkt in den Flügel geklebt. Für die Kabel mussten noch Löcher in Rippen und Beplankung gebohrt werden, das war mir beim Bau gar nicht aufgefallen. Eigentlich unverständlich, dass man bei AR die nicht gleich gelasert hat. Oder wurde hier schon an die nächste Generation Servos mit WLAN-Ansteuerung gedacht? Im Rumpf fanden dann zwei 9-Gramm-Servos ihren Platz, ebenso ein "Eneloop"-Empfängerakku mit 800 Milliamperestunden und ein 10-Gramm-JR-Empfänger hinter den Servos. Auch ein Vario/Höhe-Telemetrie-Modul (4 g) ging dort rein. Klar ist, dass dieses für einen etwaigen Wettbewerbseinsatz wieder herausgenommen werden muss.

Der Schwerpunkt ließ sich in dieser Konfiguration exakt einstellen. Und so lag ich mit meinem "REShoholic" bei genau 476 Gramm Gewicht. Das war durchaus gut.

Man möge es mir verzeihen, doch mangels RES-Hochstartvorrichtung ging es zum Erstflug an den Nordosthang. Der Wind blies mit wenigen Windstärken genau auf den Hang. Mit einem leichten Schubs übergab ich das Leichtgewicht dem Hangaufwind. Schnell stieg der "RES- oholic" auf zehn Meter Startüberhöhung, mit ein wenig Tiefenruder ging es dann vorwärts. Positiv überrascht war ich, dass das Modell sehr gut gegen den Wind penetrierte und sich flott bewegen ließ. Die Profilwahl (S-4083 mod.) kann da wohl als gelungen bezeichnet werden! Das war kein Rumgestehe und kein Herumhampeln im Wind, sondern ein richtig dynamisches Fliegen. Auch die Landungen waren eine sichere Sache, die Bremsklappenwirkung zeigte sich brachial und war mit Vorsicht zu genießen. Zwei Millimeter Tiefenruderbeimischung brachten das Modell in einen stabilen und gut kontrollierbaren Sinkflug.

Wenige Wochen nach diesem schönen Hangflugtag folgten die ersten Gummiseilstarts. Eine (gebrauchte) RES-Hochstartvorrichtung wurde angeschafft. Doch wo war eigentlich der Hochstarthaken? Weder im Bausatz noch im Plan war etwas dabei, beziehungsweise vermerkt. Eine Kiefernleiste 15 x 5 mm habe ich auf den Rumpfboden geklebt, die Mittellinie abgezeichnet und einen Schraubhaken eingedreht. Seine Position setzte ich auf 15 Grad vor den Schwerpunkt fest.

Langsam wurde es ernst, ich fühlte mich mehr als 30 Jahre zurückversetzt: laufen in die entfernte Platzecke, den Spieß eintreiben und das Seil abrollen. Dann das Modell einhängen und mit zunehmender Seilspannung zur anderen Platzecke laufen. Modell in der einen Hand, den Sender in der anderen, Rudercheck - und raus damit! Noch ein wenig zu flach, aber zügig zieht der "RESoholic" nach oben. In 45 Meter Höhe ausklinken und lossegeln! Den Tiefenrudertrimm vom Erstflug musste ich komplett zurücknehmen, denn jetzt hieß es abgleiten. Das Variometer zeigte 0,2 bis 0,3 Meter pro Sekunde Sinken an, die ersten thermischen Lupfer nahm der Segler sofort mit. Nach knapp über zwei Minuten Gleitzeit die Landung. Dann sofort wieder das Seil geholt, ausgezogen und gestartet. Die ersten Thermikkreise wurden gezogen, das Variometer jubelte mit immer wieder mal fünf Meter Steigen pro Sekunde. Beste Flugzeit an dem Tag: 14 Minuten. Da fehlte mir einfach das Training fürs Kurbeln und Thermik aufspüren. Die Ausklinkhöhe konnte ich auf 60 Meter steigern - musste mich nur trauen das Gummi weiter auszuziehen. Später habe ich den Haken noch um 15 Millimeter zurückversetzt. Damit stieg das Modell steiler und noch mal ein paar Meter höher. 80 bis 100 Meter waren nun Standard. Fünf Minuten Segeln waren nun immer drin, meist jedoch erheblich mehr.

Und da war sie wieder, die Freude an der wohl natürlichsten Form des Modellfliegens. Stundenlang in der Wiese herumlaufen, Thermik suchen und die erreichten Höhen genussvoll absegeln. Das hatte mit damals schon Spaß gemacht und macht es heute wieder. Womit sollte es auch besser gehen als mit einem RES-Modell? Der "RESoholic" hat es mir einfach gemacht, das Naturerlebnis wieder zu entdecken. Der nächste Wettbewerb kommt bestimmt. Und für die Elektrofans bietet AR nun auch eine Elektroversion des Gleiters an.

Philipp Gardemin
Fotos: Philipp Gardemin, Pascal Fempel


Sinnvolles Zubehör

So richtig Spaß macht das Hobby nur mit dem richtigen Zubehör. Das dachte sich auch Rudolf Buchacher in Feldkirchen (Kärnten) und hat zum Fliegen mit RES-Modellen eine Handspule zum Aufwickeln der Hochartvorrichtung und einen praktischen Modellständer entwickelt.

Die Handspule besteht aus 6,5-mm-Birkensperrholz, hat einen Außendurchmesser von 260 mm, einen Kerndurchmesser von 170 mm und eine Breite von 80 mm innen. Als Drehachse wird eine kugelgelagerte Laufrolle verwendet, die über eine Schraube und einer Einschlagmutter stabil mit dem Gehäuse verbunden ist. Als Kurbel kommt ebenfalls eine kugelgelagerte Laufrolle zum Einsatz. Die Laufrollen besitzen eine rutschfeste, hautfreundliche Oberfläche. Im Seitenteil auf der Kurbelseite sind Ausnehmungen zum Einhängen des Seiles vorhanden. Damit ist das Hochstartseil (15 m Gummi, 100 m Schnur) in wenigen Minuten eingerollt.

Der Modellständer besteht ebenfalls aus Buchensperrholz, wobei die Auflagen mit Schaumbändern belegt sind. Zwei Befestigungsmöglichkeiten mit Zelthäringen sind ebenfalls gegeben. Die Seitenteile werden mit den Rundhölzer mit eingelassenen Gewindestiften und Flügelmuttern verschraubt. Zum Transport werden sie mit den Seitenteilen zusammengelegt und wieder verschraubt.

www.rb-modellbau.at


Sinnvolles Zubehör aus Österreich, von RB-Modellbau

Der Modellständer ist ideal für RES-Modelle und sehr sinnvoll durchkonstruiert

Mit der Handspule lässt sich das Seil in wenigen Minuten aufrollen


Die Laserteile des Bausatzes sind sauber und präzise gearbeitet

Der Rumpf wird in Kastenform und dank Unterlegkeilen verzugsfrei aufgebaut

Die Tragfläche wird beidseitig auf Stützfüßchen aufgebaut

Die Dreh-Bremsklappe passt saugend und kann in Profilform verschliffen werden

Klassisch, sauber und stabil ist auch die Rumpfnase. Sie bietet ausreichend Platz für alles

Die Randbögen sind aerodynamisch sauber und lassen sich gut zurechtschleifen

Das V-Leitwerk wird nach dem Bügeln aufgeklebt. Wer noch ein wenig Arbeit investiert, kann es auch leicht abnehmbar machen

Der kleine Empfänger ist ideal für das Modell, der Akku reicht für tagelange Flüge

Das Klappenservo wird eingeklebt und steuert die Klappe direkt an

In der Luft zeigt sich der "RESoholic" von seiner besten Seite - optisch wie fliegerisch

Auch die flottere Gangart liegt dem Modell gut, es penetriert hervorragend



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 5/2016

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