REPORTAGE

Mit zwei Achsen zum Glück

Der "Sapphire" von RC-Europe - Teil 2


Mit einem leichten Schubs wird der "Sapphire" bei halber Motorleistung in sein Element entlassen

Philipp Gardemin hat in AUFWIND 3/2019 die Modelle dieser bemerkenswerten und einfachen Modellklasse vorgestellt. Nun konnte er sich mit seinem eigenen "Sapphire" einen nachhaltigen Eindruck verschaffen.

Zugegeben, ich habe den Rohbau meines "Sapphire"-Modells nie gewogen - ich kam einfach nicht dazu. Doch so viel sei gesagt, die Material-Minimalisierung des Modells hat der Konstrukteur absolut auf die Spitze getrieben. "Gefühlt" haben die Tragflächenhälften "so gut wie nix" gewogen. Gleiches gilt auch für den mächtigen Rumpf. Mangels großer Holzoberflächen verblieb dann auch kaum Schleifarbeit. So musste ich nur noch das Modell bespannen und ein wenig Fernsteuerung einbauen. Dann war es auch schon bereit zum Fliegen.

Bespannt wurde mit "Oracover"-Produkten. Warum? Weil sie sich in meinem Modellbaualltag bewährt haben. Das transparente Magenta harmoniert hervorragend mit dem gelben "Orastick". Wenn auch einige Kollegen meinten, ich hätte da einen "Mädchenflieger" gebaut. Doch dazu stehe ich - meine Tochter Laura freut es! Mit vorab zugeschnittenen Teilen ging das Bespannen sehr locker von der Hand. Vorher habe ich alle Bauteile sorgfältig entstaubt und leicht feucht abgewischt. Die Farbübergänge der Folie wurden nur wenige Millimeter überlappt. Damit sie wirklich gut verkleben, habe ich betont heiß gebügelt. Die drei Millimeter breiten Streifen bestehen aus "Oratrim" von der Rolle. Ein wenig tricky war das Bespannen des stark verrundeten Rumpfvorderteils - was aber dank der Schrumpf- stärke der Folie unterm Strich ganz gut gelang. Im Bereich des Cockpitrahmens hatte ich zuvor noch Balsaklötze eingesetzt, um einen Verzug des Kabinenbodens durch die Folienspannung zu verhindern. Da will RC-Europe künftig entsprechende Laserteile beilegen. Das Einziehen einiger Leistenabschnitte durch die Spannung ließ sich leider nicht vermeiden. Es macht dafür optisch einen gewissen Charme aus.

Für den Einbau der Fernsteuerung musste ich noch drei Brettchen einsetzen, auf denen Servos, Empfänger und Empfängerakku montiert wurden. Die beiden 13-g-Servos ("HS-225MG") von Hitec bekamen ihren Platz weit oben im Rumpf, direkt unter der Tragflächenendleiste. Aus Schwerpunktgründen wären sie weit vorne besser platziert gewesen. Doch so weit nach vorne gehen die Bowdenzugrohre nicht. Wer das ändern will, sollte beim Bau bereits 1,5 Meter lange Rohre einziehen. In meinem Fall sind die Servos nur schwer sichtbar, was dem Gesamteindruck des Modells entgegen kommt. Der Empfänger dagegen hat eher einen zentralen Platz zugewiesen bekommen. Nicht ganz grundlos, so musste ich weder Akku- noch Servokabel verlängern. Der vierzellige NiMh-Empfängerakku mit 1.500 Milliamperestunden befin- det sich fast ganz vorne im Rumpf. Warum nur fast ganz vorne? Damit noch Platz für ein Trimmbleipäckchen bleibt! Dies habe ich in rotem Schrumpfschlauch eingefasst, so ist es durch die Folie kaum sichtbar. Die ganze Verkabelung im Modell habe ich komplett mit Kabelbindern gesichert verlegt - das sieht im Ergebnis alles sauber aus. Die Anlenkungen von Seiten- und Höhenruder waren dann nur noch Formsache. Und für den Einbau eines Hochstarthakens hatte ich vor dem Bespannen eine Verstärkung auf dem unteren Rumpfholm montiert. Hier wurde der Haken mit Gegenplatte und Einschlagmutter eingedreht. Die kleine Windschutzscheibe kam aus der "Kruschtl-Kiste" und stammt noch von der japanischen "Ka-8b". Treue AUFWIND-Leser werden sich erinnern können. Die Haube passt einfach gut zum Modell, sie wurde mit "UHUplus endfest" aufgeklebt. So entstand ein Cabrio-"Sapphire".

Mit genau 1.820 Gramm Fluggewicht und damit sagenhaften 21,4 Gramm/Quadratdezimeter Flächenbelastung erreichte ich mein Vorhaben, deutlich unter zwei Kilogramm zu bleiben. Und das, inklusive des erwähnten Trimmbleipakets mit zunächst 315 Gramm - einiges davon als "Angstblei" klassifiziert. Soweit war also al-les bereit zum Erstflug.

Eines Morgens kam mir beim Frühstück dann die Idee, einen Motoraufsatz für den "Sapphire" zu bauen. Wer erinnert sich nicht gerne an die legendären "Zechmann-Tanks" mit kreischenden "COX"-Motoren? Das wäre doch Retro pur. Ich griff kurzerhand noch einmal in die Restekiste und holte einen 30-er Außenläufer Dymond AL-3530 V3 (1.100 kv) hervor. Komplett mit 30-A-BEC-Regler, 10 x 7 Zoll Propeller und einem 3s-LiPo 1.300 mAh. Um diese Komponenten herum konstruierte ich einen Motoraufsatz aus 4-mm-Pappelsperrholz. Der Motor wurde mit drei Grad Zug nach oben montiert. Den gesamten Motoraufsatz legte ich so aus, dass alles darin untergebracht wird und nur das Reglerkabel an den Empfänger gesteckt werden muss. Der im Modell befindliche Empfängerakku bleibt dann ausgeschaltet. Der Motoraufsatz wird einfach zwischen die Tragflächenhälften gesteckt und kann mit einem Handgriff abgenommen werden. Der Schwerpunkt des Modells verändert sich nicht. Mit dem Motoraufsatz erhöhte sich das Gewicht auf 2.260 Gramm und 26,6 Gramm/Quadratdezimeter.

Komplett bespannt und ausgestattet lag da nun ein mächtiges Modell vor mir. Schwer beeindruckt ging es damit zum Erstflug auf den Thermikplatz der MFG Pfinztal. Mein Freund und Helfer Chris schubste den "Sapphire" für mich in sein Element. So war ich gleich am Sender. Sicherheitshalber mit nur halber Motorleistung, um ein Abtauchen des Modells im Ansatz verhindern zu können. In der Tat zog das Modell auch erst einmal leicht nach unten. Mit gezogenem Höhenruder ging es dann jedoch sauber aufwärts: Nun den Motor aus, das Modell tauchte wieder ab, war also noch kopflastig! Mit Höhenrudertrimmung bekam ich "das Problemchen" in den Griff und segelte einfach drauf los.

Dieser erste Flug bewies, was ich auch erwartet hatte: Der "Sapphire" flog eigenstabil um-her, ließ sich erstaunlich dynamisch bewegen und zeigte jeden noch so kleinen Thermikbart durch Wackeln der Tragfläche an. Die Motorleistung reichte aus für einen stabilen Steigflug. Dabei war ein schwaches Nickmoment spürbar, die drei Grad Motorzug nach oben zeigten ihre Wirkung. Für den Steigflug braucht es dann auch keine Höhenruderunterstützung. So einfach wie der Erstflug verlief, so locker gelang auch die erste Landung. Meine Begeisterung kannte kaum Grenzen. Ein zweiter Flug an diesem Tag zeigte ein noch einfacheres Startverhalten, denn nun stand das Höhenruder schon ent- sprechend. Meinem Freund Chris entschwebte das Modell förmlich aus den Händen. Das war ein gelungener Tag!

Zu Hause wurden 100 Gramm Blei entnommen. Am zweiten Flugtag zeigte sich schon der Erfolg: Mit auf Null stehendem Höhenruder flog das Modell locker und easy herum. Es war eine Wonne dabei zuzusehen und hin und wieder mal korrigierend mit Seitenruder einzugreifen. Auch mit 30 Prozent Motorleistung lässt sich der "Sapphire" ganz leicht fliegen, tiefe Vorbeiflüge sehen toll aus. Und das Brummen des mächtigen Modells ist eine Wohltat für die Ohren.

Was nun noch fehlte war der Segelflug ohne Motoraufsatz. Also: den Motor abnehmen, den RES-Gummi ausziehen und den "Sapphire" einhängen. Schnurgerade stieg der Gleiter steil nach oben! Der reine Segelflug war nun das Tüpfelchen auf dem "i". Alleine das Anfliegen und Landen ist die reine Freude. Und eine Wonne wenn "das große Ding" vor den Füßen liegt und sich erst nach dem Stillstand sanft auf eine Seite neigt.

Das Fliegen mit einem Modell wie dem "Sapphire" macht süchtig und Vorfreude auf mehr. Wer schon mal die YouTube-Videos von John Greenfield gesehen hat, wie er mit diesen Modellen an der britischen Küste im Hangaufwind herumfliegt, wird verstehen was ich meine. RC-Europe gilt mein Dank, mich auf dieses Modell aufmerksam gemacht zu haben - Klasse!

Philipp Gardemin
Fotos: Pascal Fempel



Fakten

"Spahhire" von RC-Europe
Ein Zweiachs-(Elektro-)Segler

Spannweite: 2.440 mm
Länge: 1.900 mm
Gewicht Segler: 1.720 g
Gewicht Elektro: 2.160 g
Fläche: 85,05 qdm
Flächenbel. Segler: 20,2 g/qdm
Flächenbel. Elektro: 25,4 g/qdm
Preis: 279,- Euro
Bezug bei RC-Europe
Tel.: 0031/33/8878888
www.rc-europe.eu


Die großen Tragflächen bügeln war ein Vergnügen


Die Rumpfkonturen waren schon etwas aufwändiger, gelangen aber ganz gut


Der Motoraufsatz wurde als Ergänzung selbst konstruiert


Das Erscheinungsbild kann man als "speziell" bezeichnen


Mit dem Motoraufsatz lässt sich auf herrliche Art und Weise herumfliegen


Eine gewisse Wendigkeit steht dem Modell sehr gut


Der Start am RES-Gummi sorgte für ein tolles Retro-Gefühl


Im reinen Segelflug legt das Modell noch mal an Gleitleistung und Wendigkeit zu


Die durchscheinenden Modellteile sehen faszinierend aus



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