REPORTAGE

Fliegen beim Spazierengehen

Was sind eigentlich Luftwellengleiter?


Was sind eigentlich Luftwellengleiter?

Oft schwappen neue Ideen, vermeintliche Trends und Innovationen über den Atlantik zu uns herüber. So kam auch die "walkalong glider"-Welle über den großen Teich. Diese Art von Gleitern wird von einer selbst erzeugten Luftwelle getragen, also nennen wir sie treffender und auf gut deutsch "Luftwellengleiter". Ich kam darauf, als ich im Videoportal Youtube Roland Oehmann mit einem leichten Flieger vor der Stirn schwebend durch eine Halle laufen sah. War da Hexerei im Spiel? Oder heiße Luft die von einem überhitzten Kopf abgeht? Nichts dergleichen, partout keine Zauberkräfte!

Und so funktioniert es: Der Körper erzeugt beim Gehen, beziehungsweise Laufen eine Aufwindfront, ähnlich dem Hangaufwind vor einer steilen Wand. Nur kommt in unserem Fall der Wind nicht zum Hang, sondern bewegt sich "der Hang" durch die Gegend! Damit die Luft nicht allzu sehr seitlich ausweicht, benutzt man hilfsweise einen großen Karton oder eine Styroporplatte. Je größer, desto wirkungsvoller. Prinzipiell geht auch ein Regenschirm, ein Tablett, eine breite Stirn oder - im Idealfall - die nebeneinander liegenden Hände.

Wichtig ist, dass das Modell etwa im Schritttempo fliegt, also extrem leicht ist. Der Karton wird dann ziemlich steil, in etwa 70 Grad zur Horizontalen gehalten und zwar mit der Oberkante circa zehn Zentimeter unter dem Modell. Ein zu flach geführter Karton bringt weniger Wirkung - wie auch ein flacher Hang. Karton und Modell müssen einen möglichst konstanten Abstand haben. Im Idealfall steigt dann das Modell über Kopfhöhe. Circa einen Meter Überhöhung habe ich schon gesehen! Wandert der Karton etwas zur Seite, dann beginnt das Modell in die entgegengesetzte Richtung einzukreisen. Auf diese Weise kann man Hindernissen wie Wänden und Möbeln, Personen oder Dingen ausweichen. Vor allem Kinder und Jugendliche lernen das in sehr kurzer Zeit.

Die Aerodynamik dieser kleinen Fluggeräte spielt sich im Bereich der Schmetterlinge ab. Es wurden übrigens auch schon getrocknete Monarch-Schmetterlinge als Luftwellengleiter benutzt! In erster Linie werden Nurflügelgleiter eingesetzt. Das hängt damit zusammen, dass die Aufwindfront nur in einem schmalen Bereich gleichmäßig ist. Das Tragflächenprofil muss demzufolge druckpunktfest sein. Es ist normalerweise eine ebene Platte, die an der Hinterkante oder im Flügelaußenteil etwas hochgezogen ist, um ein positives Nickmoment (Eigenstabilität) zu erzeugen. Meine besten Gleiter haben ein leichtes S-Schlagprofil im Mittelbereich, das außen in eine ebene Platte übergeht, die wiederum hinten circa zwei Millimeter hochgewölbt ist.

Um den Schwerpunkt einzustellen benötigt man etwas Gewicht an der Flügelspitze. Hierfür eignen sich je nach Gleitergröße Stecknadeln, Büroklammern, Kaffeestäbchen oder ähnliche Dinge. Für die Feintrimmung eignet sich zum Beispiel Knete. Ein ganz raffinierter Trick ist der sogenannte "Schmetterlingsrüssel": Ein Kartonstreifen an der Flügelspitze wird nach unten gebogen, sodass er unterhalb des Flügels eine Widerstandsfläche bildet. Somit erzeugt er beim Flug ein kopflastiges Moment. Hierdurch kann man eine Menge Gewicht sparen. Letztlich schwebt ein Gleiter aus 0,7-mm-Styropor mit diesem Rüssel nur noch im Zeitlupentempo durch den Raum. Man hat fast schon den Eindruck, er schwimmt in der Luft!

Die schwierigste Phase ist der Start. Im Wesentlichen gibt es zwei Methoden: Man klemmt das Modell zwischen Zeigefinger und Daumen, führt es in Flugrichtung und lässt los. Die andere Methode arbeitet mit einer Startrampe aus Zeige- und Mittelfinger: Gabel bilden und Modell drauflegen (siehe Bild). Dann beginnt man mit der Platte unter dem Modell zu gehen. Sobald der Auftrieb stark genug ist, hebt der Gleiter von selbst ab.

Als Material zum Bau der Modelle eignet sich am besten grobzelliges, extrudiertes Styropor, das man mit dem Hitzedraht auf Stärken von 0,7 bis 1,5 mm schneidet. Das feinporige Verpackungsstyropor ist nicht so gut geeignet, Depron und Styrodur sind prinzipiell zu schwer. Je langsamer das Modell fliegt, desto entspannender und eindrucksvoller ist das Fliegen!

Im Prinzip sind auch Leitwerksmodelle in der selbst erzeugten Luftwelle zu fliegen. Der Rumpf sollte jedoch kurz sein und das Leitwerk hochgesetzt. Ein tiefliegendes Leitwerk ist nämlich noch näher an der Platte und erfährt mehr Auftrieb. Hierdurch wird das Modell kopflastig. Der Gleiter mit Leitwerk muss deshalb gegebenenfalls leicht schwanzlastig eingeflogen werden, da er mit der Schiebeplatte - der Aufwind ist an der Platte stärker als weiter vorne - immer leicht kopflastig wird. Bei manchen Gleitern ist das aber auch genau anders herum. Die Schiebeplatte wird beim Leitwerksmodell mit der Oberkante etwa zwischen Flügel und Leitwerk geführt. Die günstigste Stelle findet man schnell heraus.

Eine Broschüre zum Thema "Spaß mit Luftwellengleitern" ist von der Webseite des Luftsport-Verbandes Bayern (Schulservice) sowie von der Webseite der Thermiksense herunterladbar.

Dr. Heinrich Eder


Downloads
- Zeichnung Luftwelle
- Zeichnung Rüsselgleiter
- Zeichnung Solo
- Zeichnung Styroschneiden


Was sind eigentlich Luftwellengleiter?


Die Modelle aus dünnem Styropor können nach Belieben verziert und gestaltet werden


Eine sichere Startmethode: Startrampe aus Zeige- und Mittelfinger bilden, Modell drauflegen und losgehen


Selbst eine solche vorbildähnliche DC-3 kann als Luftwellengleiter geflogen werden



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