TECHNIK

Pappe im Aufwind

Ein Hausgiebel, der fliegen lernte


Zwei zufriedene Pappenheimer nach erfolgreicher Mission

AUFWIND-Autor Horst Fenchel ist bekannt für seine verrückten Ideen. In diesem Artikel berichtet er, wie aus einem Einkaufsbummel ein Bastel- und Fliegerprojekt der besonderen Art wurde.

Mir geht es wie den meisten Männern: Das Einkaufen im Supermarkt ist für mich ein lästiges, aber notwendiges Übel. Während meine Fay systematisch die Einkaufsliste abarbeitet, trotte ich mit dem Einkaufswagen hinterher. Dabei stelle ich mir dann vor, wieviel schöner es doch wäre an einem Hang zu stehen und ein Segelflugzeug zu steuern.

Als ich eines Tages meinem Tagtraum nachhänge, fordert plötzlich der Werbe-Stand eines Kaffeeherstellers meine Aufmerksamkeit: Das Display war aus Pappe und in Form eines Hauses gestaltet. Der Giebel hatte die natürliche Form eines Dreiecks. Ich blieb wie angewurzelt stehen und kombinierte: Dreieck = Delta = Flugmodell!

Die Papp-Konstruktion machte einen äußerst soliden Eindruck. Während ich in Gedanken schon über den RC-Einbau grübelte, kam meine Frau zurück, die mich bereits vermisst hatte. Ich zeigte auf das Giebel-Dreieck, sie schüttelte verständnislos den Kopf und meinte, ein Papp-Haus stünde nicht auf ihrer Liste. Verrückte Einfälle ist sie von mir ja gewöhnt. Also schnappte sie sich den Einkaufswagen und wünschte mir noch viel Glück beim Marktleiter.

Was dieser sich bei meiner recht ungewöhnlichen Bitte gedacht hat, weiß ich nicht. Jedenfalls versprach er, das Giebel-Dreieck für mich zurückzulegen, sobald der Stand abgebaut werde. Und er hielt Wort: Eine Woche später war ich stolzer Besitzer eines "Fast-Fertig-Modells" aus solider Pappe, mit zwei Metern Spannweite. Zuhause angekommen, stellte sich damit sogleich ein Problem ein: Der Platz im Bastelkeller reichte nicht aus. Komfortables Werkeln wäre nur im Wohnzimmer und mit ausdrücklicher Zustimmung der Hausfrau möglich. Doch mein Schatz zeigte Verständnis für meine Situation. Dafür werde ich ihr wohl ewig dankbar sein.

Nachdem die erste Hürde genommen und das Wohnzimmer zum temporären Bastel-Hangar umfunktioniert war, galt es einen "Schlachtplan" zu entwerfen. Das bedeutete: eine Liste des notwendigen "Zubehörs" aufzustellen. Die fiel erfreulich kurz aus: zwei Servos, Empfänger, Akku (alles vorhanden), 6-mm-Depron für Ruder und Leitwerk (Baumarkt) sowie eine Nasenleiste. Hatte mein Papp-Delta schon kein Profil, sollte die Flügelvorderkante doch wenigstens rund und nicht stumpf sein. Wer möchte schon freiwillig Flugleistung verschenken? Eben.

Stabil, leicht und preiswert musste die Nasenleiste sein. Nach gründlicher Inspektion des Baumarkt-Sortiments fiel meine Wahl auf Wellrohr (.ich gebe zu, das Wort existierte bis dato nicht in meinem Wortschatz) mit 15 Millimetern Durchmesser. Da der Kern der Wellpappe sich unter dezenter Kraftanwendung eindrücken ließ, konnte das Rohr mühelos in die Flügelvorderkante integriert und mit Klebeband fixiert werden. Zwei Ruderblätter aus Depron und eine Leitwerksflosse waren in null Komma nichts zurechtgeschnippelt. Fast genauso schnell ging der RC-Einbau über die Bühne. Im Prinzip mussten ja nur die Aussparungen für Servos, Empfänger und Akku in die Platte geschnitten und der Kram hineingestopft werden. Binnen eines Nachmittags war das Modell fertiggestellt. Ein Blick auf die Waage: 2.000 Gramm, 400 davon Trimmblei. Nicht unbedingt ein Leichtgewicht, das Delta. Ob der frei Schnauze ermittelte Schwerpunkt passt und ob solch eine Riesenpappe überhaupt flugtüchtig ist? Die Antwort auf diese beiden Fragen konnte nur ein Start am Hang geben.

Bei der Suche nach einem geeignetem Fluggelände - und weil ein Besuch dorthin eh längst überfällig war - fiel meine Wahl auf die Rhön, die Geburtsstätte des Segelfluges. Mein Fliegerkumpel Andreas wollte sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Und da auch ausgewachsene Spielkinder einer steten Beaufsichtigung bedürfen, waren unsere treuen Modellfliegerfrauen ebenfalls an Bord.

Am Weiherberg, nicht weit entfernt von der Wasserkuppe herrschte erwartungsgemäß reger Flugbetrieb. Der Wind stand genau zur Kante, wehte allerdings nur mäßig. Prima zum Einfliegen, aber wohl kaum genug, um eine geschätzte Gleitzahl von "1:Bierdeckel" zu kompensieren. Während Andreas das Modell mit perfektem Schubs in die Luft beförderte (und meine Frau das luftfahrthistorische Ereignis für die Nachwelt im Bild festhielt), war ich auf das Schlimmste gefasst. Und was passierte? Nichts! Die Riesenpappe flog einfach! Natürlich recht träge und behäbig (verglichen mit meinen "richtigen Modellen"), aber extrem gutmütig. Regelrechtes "Einparken" an der Kante war möglich und selbst eine Fang-Landung gelang auf Anhieb. Der Wind flaute indes immer weiter ab und zu allem Überfluss kam der Regen. Der drohte, mein schönes Delta in ein Häufchen Pappmaché zu verwandeln. Unsere kleine Truppe feierte den gelungenen Erstflug in der nahegelegenen Enzianhütte.

An der Wand hinter unserem Tisch hingen statt Hirschgeweihen die Leitwerke von "abgeschossenen" Segelflugmodellen. Ein Fetzen Pappe hätte sich dazwischen als Trophäe auch nicht wirklich gut gemacht.

Horst Fenchel
Fotos: Fay Butler, Horst Fenchel



Fakten

Spannweite 2.000 mm
Länge 990 mm
Gewicht 2.000 g
Fläche 99 qdm
Flächenbelastung 20,2 g/qdm


In diesem Bild versteckt sich ein Delta


Glücklich: Der Autor und sein Objekt der Begierde


Das ist noch solide Papp-Qualität


Praktisch gedacht: Nasenleiste aus Wellrohr


Mit Sondergenehmigung der Hausfrau: Modellbau im Wohnzimmer


Starthelfer Andreas: nicht von Pappe, dieser Wurf


Kommt ein Papp-Dreieck geflogen...



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