Das Angebot erwachsener Elektro-Motorflugmodelle wächst beständig. Damit sind Modelle gemeint, die jenseits der 1.100 mm Spannweite groß sind und nicht aus geschäumten Baustoffen bestehen. Zwar sind die meisten Typen dieser Klasse noch für Verbrenner ausgelegt, die zunehmende Zahl bezahlbarer Elektroantriebe im bürstenlosen Bereich jedoch macht den Antrieb dieser Modelle leicht.

Ein besonders schönes Exemplar der erwachsenen Motorflugmodelle habe ich in den Anzeigen bei Staufenbiel entdeckt: Eine „Bellanca Decathlon“ mit 1.600 mm Spannweite, zu einem günstigen Preis und zudem sehr leicht. Dieses Modell sollte es ein. Geliefert wurden komplett bespannte Bauteile in absolut ordentlicher Qualität. Das aufwändige Design ist so sauber aufgebracht, wie es zum Selbermachen einige Stunden Zeit der Schneid- und Klebarbeit in Anspruch nehmen würde. Die Detailverliebtheit des Herstellers geht sogar so weit, dass er den Rumpf im Bereich der Kabine von innen schwarz eingefärbt hat, was nicht nur beim fertig gestellten Modell einen begeisternden Eindruck hinterlässt. Auch beim Gewicht waren die Teile dieser „Bellanca Decathlon“ völlig im grünen Bereich: der Rumpf mit 426 g, der komplette Flügel 470 g und das Höhenleitwerk alleine sogar nur 59 g. Dabei sind es aber keine „Labberteile“, sondern entsprechen durchaus einem Ergebnis handfester Modellbaukunst. Auch das Zubehör lag der Lieferung vollständig bei, inklusive Aluminiumfahrwerk, einem Paar leichter Räder, dem gelenkten Spornrad und allen Anlenkungsteilen.

Ein großes Lob gebührt der deutschen Bauanleitung, die ausführlich und ordentlich übersetzt eine echte Hilfestellung bietet. Der Bau des Modells nahm dann auch nur ein Wochenende in Anspruch. Die Passgenauigkeit der Flügelhälften zueinander und der vorbereiteten Aufnahmeschlitze für Höhen- und Seitenleitwerk hätte besser nicht sein können. Der Servoeinbau war ebenso perfekt vorbereitet: je ein „HS-125MG“-Flächenservo von Hitec für die Querruder und zwei 13-mm-Servos von Blue Bird Technology für Seiten- und Höhenruder. Ein betagter aber noch immer zuverlässiger „C12“-Empfänger von Graupner passte genau dazwischen.


Für die Akkuentnahme muss leider immer die Tragfläche abgenommen werden – was aber mit den Gabelkopf-Strebenanschlüssen nur wenig Zeit benötigt und ohne Werkzeug erfolgen kann


Eine große Änderung musste jedoch die Strebenbefestigung über sich ergehen lassen. Die Streben sollten auf Tragflächenseite mit Blechschrauben in das Holz gedreht werden. Das geht aber bestimmt nur zehnmal gut, dann sind die Schraublöcher garantiert ausgeleiert. Daher klebte ich abgeschnittene Servoarme in den Flügel, sägte die platt gedrückten Enden der Rohrstreben ab und setzte M2-Gabelköpfe ein. So lassen sich die Streben nun auf eine einfache und zuverlässige Weise aus- und einklipsen und übernehmen sogar eine tragende Funktion.

Die Frage nach dem Motor: Die „Compact“-Außenläufermotoren von Graupner sind preisgünstige und vor allem leistungsfähige Antriebe. Nach Betrachtung der verschiedenen Größen und Anwendungsbeispiele im Graupner-Katalog wurde der „Compact 440“, ein 12-V-Motor, ausgewählt. Zusammen mit zwölf Zellen und einer 13x6,5”-Luftschraube zog dieser Antrieb 34 A. Und die „gefühlten Schubwerte“ versprachen einiges. Mit dem „Compact Control 40“-Regler mit BEC konnte auch der Empfängerakku eingespart werden. Dann der Motoreinbau. Hier habe ich wohl die einfachste der möglichen Varianten gewählt: Ein kreisrunder Sperrholzspant wurde mit 5-Min.-Epoxid direkt in die Motorhaube geklebt und der Motor darin festgeschraubt. Die Motorhaube selbst wurde schließlich mit Zug und Sturz ausgerichtet und mit stabilen Blechschrauben an vier Punkten festgeschraubt. Die Schraublöcher im Motorspant schließlich habe ich noch mit dünnflüssigem Sekundenkleber gefestigt.
Blieb da noch die Frage des Akkuwechsels. Sollte ich wirklich immer die Streben lösen und die Tragfläche abschrauben müssen? Ganz offensichtlich ja. Denn eine weitere Lösung, den Akku anders entnehmen und einsetzen zu können, ist mir bis dato nicht eingefallen. Einziger Lichtblick des Dilemmas: Die modifizierte Strebenbefestigung an der Tragfläche versprach ein unkompliziertes Abrüsten.


Zwei 13-mm-Servos von Blue Bird Technology sind am Seiten- und Höhenruder tätig. Davor der betagte „C12“-Empfänger von Graupner


Selbst für den Schlepp kleiner Segler wurde die „Decathlon“ mit Erfolg eingesetzt. Den hier abgebildeten „Harlekin“ von Krick Modelltechnik spürte der Schlepper nicht wirklich, vier sichere Schlepps bis an die Sichtgrenze waren mit einer Akkuladung möglich


Das Flugbild ist wunderschön und das Folienfinish des ARF-Modells außergewöhnlich gut gelungen

Flugfertig kamen nun erstaunlich geringe 2.574 g zusammen, davon 1.098 für den Rumpf mit Antrieb, 566 g für die Tragfläche und 554 g für den Flugakku (12x Sanyo CP-1700). Doch kein Erstflug ohne Schwerpunktkontrolle. Aber wo ist die Bauanleitung hingekommen? Irgendwo zwischen Baukeller und Büro verschollen. Was tun? Kurzerhand das erste Drittel der Flügeltiefe ausgemessen und den Schwerpunkt noch um fünf „Angstmillimeter“ nach vorne gelegt. Für den Flugakku wurde ein Akkuschacht aus 4-mm-Balsaholz zusammengeklebt, der schließlich in dem für den Tank ausgeschnittenen Spant exakt Platz fand und am vorderen Ende von einer 10x10-mm-Leiste abgestützt wurde.

Der erste Start klappte so, wie es immer gehen müsste – es aber kein Leser wirklich glaubt: Schnurgeradeaus ging die kleine „Decathlon“ aus der Wiese und stieg mit 40° in den stillen Abendhimmel. Die erste Kurve zeigte gleich, dass dieses Modell mit Seiten- und Querruder gesteuert werden muss, da sonst keine sauberen Kurven möglich sind. Ein Fall für Combi-Switch? Halte ich für eine Geschmacksfrage. Ich selbst setze ihn nicht ein, bevorzuge die manuell gesteuerten Kurven. Im Gegenanflug wurde auf 55 Prozent gedrosselt, damit war nun ein ausgeglichener Horizontalflug möglich. Auch Schwerpunkt und Ruderausschläge stimmten auf Anhieb. Zwei tiefe Vorbeiflüge ließen mich das Flugbild des schicken Hochdeckers genießen.


Rückenflug ist eine der Paradedisziplinen des schönen Modells


Je ein „HS-125MG“-Flächenservo von Hitec sind für die Querruder zuständig

Doch halt, war die „Decathlon“ nicht auch zum Motorkunstflug konzipiert? Also los: Kurz Vollgas und rein in den ersten Looping. Wunderbar rund ging das Modell da durch. Dann den zweiten Looping und im Scheitelpunkt das Höhenruder neutral. Zu meiner großen Freude war nun beinahe ohne Tiefenrudereinsatz ein stabiler Rückenflug möglich. Das Modell lag stabil wie das sprichwörtliche Brett. Tiefe Vorbeiflüge im Rückenflug sind eine Schau für sich! Auch Rollen – langsam und schnell je nach Ausschlagsgröße – kamen auf Anhieb wie am Schnürchen. Und in jeder Situation hatte ich von Anfang an das Gefühl, die Bewegungen des Modells immer exakt einschätzen zu können. Nach sieben Minuten die ersten Ermüdungserscheinungen des Flugakkus. Also weit ausgeholt, den Motor auf fünf Prozent Leistung herunter gedrosselt und die „Decathlon“ an den Platz herangezogen. Ohne Springtendenzen setzte sich das Modell auf die Wiese und rollte exakt geradeaus bis zum Stillstand. Dann, mit ein wenig Gas zurück zum Piloten – Klasse! So sollte es immer sein...

Die nun folgenden Wochenenden brachten es endgültig an den Tag: Die elektrische „Decathlon“ ist ein Paradestück von Alltagsmodell, dabei wunderschön anzusehen und mit Flugeigenschaften, die man zunächst nicht erwarten würde. Auch der Aufwand an Elektrifizierung hält sich stark in Grenzen – sowohl finanziell wie auch materiell. Denn da sind keine Spezialmotoren und abenteuerlichen Akkukonfigurationen notwendig, um modellgerechte Leistungen zu erzielen. Vielleicht rüste ich noch auf vier 3.200-mAh-LiPo-Zellen von Kokam um, die deutlich weniger als die zwölf Zellen wiegen und zudem fast die doppelte Kapazität aufweisen. Das verspricht dann absoluten Flugspaß pur.

Philipp Gardemin
Fotos: Stephan Fitz


Der gelungene Scale-Nachbau spiegelt die Eleganz des Originals wieder


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