Eauze ist nicht nur die Stadt des bekannten Armagnac, sondern auch der magische Ort, in den seit über 15 Jahren Mitte August die Modellsegelflieger aus allen Teilen Frankreichs pilgern. Als Mitarbeiter eines größeren Flugzeugherstellers in Toulouse und intensiver Modellflieger kann auch ich dieser magischen Anziehungskraft nicht widerstehen – seit über zehn Jahren!

Die Gascogne liegt etwa zwischen Toulouse und Bordeaux, im schönen Südwesten Frankreichs. Sie hat ihren Namen von den Vasconen, einem iberischen Volk, das ungefähr im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Pyrenäen überschritt und sich in den Hochtälern der Gegend niederließ. Die Gascogne, seit Napoleon verwaltungstechnisch in Departements aufgeteilt, besitzt nicht nur eine außergewöhnliche landschaftliche Vielfalt, sie hat auch allerlei Helden hervorgebracht. So zum Beispiel die berühmten Musketiere, deren Heldenstücke Alexandre Dumas in einem Buch erzählt, das Kinder der ganzen Welt gelesen haben.

Bedingt durch die geografische Nähe zum Atlantik und den Pyrenäen zieht dieses Segler-Treffen viele Piloten und ihre Familien an, die im weiteren Verlauf ihren Urlaub in Frankreich oder auch in Spanien genießen wollen. Anzu­merken ist dabei, dass der 15. August (Mariä Himmelfahrt) ein gesetzlicher Feiertag in Frankreich ist und üblicherweise zu einem verlängerten (Flieger-) Wochenende führt.

Bereits das Fluggelände ist eine Attraktion: In der Mitte des stattlichen Pferderennplatzes von Eauze sind zwei Landebahnen für den Modellflugbetrieb eingerichtet. Davon ist eine asphaltiert und ausschließlich dem Start der Schleppgespanne sowie dem Landen der Schlepper vorbehalten. Die Rasenpiste dagegen ermöglicht das Landen auch der größten Segelflugmodelle.

Die Infrastruktur auf solch idealem Gelände ist natürlich entsprechend: Die zentrale Zuschauertribune ermöglicht einen majestätischen Blick über die Flug­aktivitäten auf beiden Pisten und bietet einen herrlichen Sonnenschutz für mitgereiste Familienmitglieder. Ein großes Dach hinter der Tribune bietet ebenfalls Schutz vor hochsommerlichen Wetterkapriolen und ermöglicht bewachtes „Parken“ der Flieger. Die Übernachtungsmöglichkeiten reichen vom rustikalen Campen unter den Bäumen des großen Parkplatzes bis hin zum Camping-Platz von Eauze (etwa 10 km entfernt), mit seinem erfrischenden Schwimmbad für die ganze Familie. Natürlich laden in dieser touristischen Hochburg auch malerische Hotels und die bekannten französischen Gäste-zimmer (Gîtes) ein.

Und was wären Frankreich und die Gascogne ohne das sprichwörtliche gute Essen? So bildet das traditionelle samstägliche „Banquet“ einen kulinarischen Höhepunkt des Treffens. Aber Achtung! Hier geht es rustikal zu. Gemeinsam mit den spanischen Fliegerfreunden, die schon seit Jahren Stamm­gäste sind, werden leckere Entenspezialitäten und Rotwein genossen – in drei Gängen. Eine besondere Stimmung kommt immer dann auf, wenn die Galizier ihre „Quemada“ brauen. Eine Art Feuerzangenbowle, bei der zu magischen Beschwörungen und unter Zuhilfenahme einer Tonschöpfkelle der Alkohol in grünen und blauen Farben brennend erhitzt wird. An Autofahren ist nach dem Genuss nicht mehr zu denken. Auf dem Flugplatz gestaltet sich das anschließende Nachtfliegen häufig sehr spektakulär und das morgendliche Aufstehen gehört zu den ersten Anstrengungen des Tages.

Bleibt eigentlich bei all diesem Schwärmen für Riten und Gebräuche der „Eingeborenen“ auch Zeit zum Fliegen? Aber natürlich! Unter der Regie von Michel Bador, dem Initiator und stimmgewaltigen „Motor“ der Veranstaltung, orchestrieren die wenigen Mitglieder des Vereins „Elusa“ diese „Feria des grandes plumes“ (Fest der großen Flügel). Angenehm ist die gute Organisation, die eine sinnvolle Mischung aus Flexibilität, Sicherheit und Effizienz darstellt, mit dem sichtbaren Ziel, möglichst viele Flüge für die angereisten Piloten zu ermöglichen. Nach den Formalitäten und der Senderkontrolle sowie einem Brie- fing geht es nahtlos zum Schleppbetrieb über. Das Fliegen mit 35 Mhz ist übrigens kein Problem, da der Veranstalter natürlich über eine entsprechende Sondergenehmigung verfügt. Aber aufgepasst: wer nicht mit seinem Modell und Sender in der Schlage aufrückt, wird schnell von den flugbesessenen Spaniern überholt. Da unsere iberischen Freunde hier auf effiziente und überdurchschnittlich leistungsstarke Schlepper treffen, wird natürlich jede Gelegenheit genutzt, das Flugstundenkonto ordentlich zu erwei­tern. So ist selbstverständlich, dass ein Pistenchef den parallelen Einsatz von zwei Schleppern koordiniert, um die Wartezeiten möglichst klein zu halten.

Bei einem Umfeld mit wechselndem Bewuchs aus Wein, Mais, Getreide und Bäumen sowie der kräftigen Sonneneinstrahlung im Monat August ist leicht vorstellbar, dass es schon am späten Vormittag an ordentlichen Bärten nur so wimmelt. Bei herrlicher Sicht und ausgerüstet mit meiner „Variometer-Spürnase“, habe ich es schon auf diverse Flüge von mehr als zwei Stunden gebracht. Begrenzt werden diese jeweils von der Flughöhe und dem Hunger des Piloten. Den „einheimischen“ Kollegen ist schon mein lauter Ruf nach meinem Campingstuhl geläufig und der eine oder andere schaut mal bei mir vorbei, um zu prüfen, ob ich schon eingeschlafen bin.

Besonders in Erinnerung geblieben ist allen Piloten das Treffen von 2006: Etwa gegen Mittag stellte sich leicht versetzt zum Landefeld eine kräftige und stabile Thermikblase ein, in der es in den folgenden zwei Stunden nur noch hoch ging. Just nach dem Essen startete ich zunächst mit einem 5-m-Ventus und da es so gigantisch trug, habe ich einfach den Flug kurzfristig mit einem rasanten und nicht ganz scale-mäßigen Kunstflug beendet. Bei solchen Verhältnissen muss natürlich das Großkampfgerät in die Luft! Der sonst so muntere Schlepper von deutlich mehr als 100 ccm schluckte doch sehr tief, als sich plötzlich 9 m Spannweite und 40 kg Gewicht anhängten. Bedingt durch Erfahrung ergab der Schlepp von meiner zugelassenen „ASH-26“ im Maßstab 1:2 kein größeres Problem und so konnte ich einen Flug von über eineinhalb Stunden verbuchen. Es war einer dieser Flüge, von denen man nur wenige im Leben macht. In dessen Verlauf durfte auch mein Pariser Freund Jean-Michel Yvé (AUFWIND-Autor des „Motopou“-Bauplans – siehe Heft 3/2008) diesen Brocken mal fliegen. Jean-Michel (auch Nyhalin genannt) ist ja durch sein wiederholtes Antreten beim Teckpokal sowie seinen Artikeln in der französischen Fachpresse kein Unbekannter.

 


„Warten auf Godot“ - beziehungsweise, auf einen kräftigen Schlepper.

bildOb Oldtimer oder Schalentier, klein oder ganz groß. Jeder ist willkommen.

bild
Ein prüfender Blick in das Nachtquartier der Modelle. Am nächsten Morgen soll es ja gleich weiter gehen.


Auch die Großen kommen in die Luft. Die „ASH-26“ (9 m Spannweite, 40 kg) des Autors am Start.


So stellt man sich einen französischen Schlepp-Piloten vor: Michel Bador greift auch selbst in das Geschehen ein.


„Le grand patron“ (Michel Bador) beim Briefing, um alle Piloten häufig und heil in die Luft zu bekommen.


Leben (und Fliegen) wie Gott in Frankreich. Die Toulouser Truppe hat es sichtlich schwer (von links): Dumoulié, Loubeyre, Roumiguéres, Fontes, Rémy und Fricke.


Das Symbol von Eauze. Eine Anspielung auf die große Zeichentrickausstellung und die Stierkämpfe (Corrida) im nahen Vic Fezensac.

Während ich das Fliegen meinem „Copiloten“ überließ konnte ich beobachten, wie Julio Santasmarinas mit seiner „Lo-100“ ein Kunstflugprogramm nach dem anderen trainierte – ohne zu landen! Es war schon beängstigend.

Und da uns Flugbegeisterten die zwei offiziellen Tage oft nicht ausreichen, ging es an den darauf folgenden Tagen noch im kleinen Kreise weiter.

Die Mischung aus freundschaftlichem Empfang, kulinarischen Köstlichkeiten und ausgedehntem Fliegen ziehen mich seit vielen Jahren nach Eauze und haben mich dazu angeregt, einige Zeilen über dieses Schlepptreffen zu schreiben. Die Fotos verdanke ich übrigens meinem Freund und Copiloten Jean-Michel Yvé (Nyhalin) sowie Laurent Vidal (www.aerololo.fr) und Marcos Martinez (www. livef3.com). Wer nun seine Urlaubsreiseroute etwas umbiegen möchte, um am 16. und 17. August diesen Jahres in den Lüften der Gascogne zu schweben, dem kann ich gerne einige nützliche Infos geben (E-Mail: a.fricke2@gmx.de). Den wichtigsten Tipp gleich vorweg: das Segelflugmodell nicht vergessen!

Andreas Fricke
Fotos: Jean-Michel Yvé, Laurent Vidal, Marcos Martinez


Gleich geht’s los. Der „Swift“ von Frederic Remy wartet auf seinen Start, um einige Figuren in den Himmel zu zeichnen.



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