Elektro-Motorkunstflug hat sich etabliert – keine Frage. Nicht zuletzt durch preisgünstige Außenläufer-Motoren und leistungsfähige LiPo-Zellen erfreuen sich die quirligen Klein-Modelle vom Schlage „Katana, Raven & Co.“ einer schon fast beängstigenden Beliebtheit. Warum auch nicht? Sie sind erschwinglich und zumeist nicht schwer zu fliegen. Durch ihre (gewollte) 3D-Tauglichkeit, ihre leichte und damit empfindliche Bauweise sowie ihre Wetterempfindlichkeit – was einen großräumigen dynamischen Motorkunstflug nicht zulässt – sind die Leichtgewichte allerdings nicht jedermanns Sache. Auf der anderen Seite stehen die Großmodelle aus dem F3A-X-Lager. Motoren und Akkupacks dieser Größen- und Preisklasse sind jedoch auch nicht bei jedem Piloten beliebt. Doch was ist mit der Mittelschicht? Jene Modelle bis etwa 150 cm Spannweite, die seit Jahrzehnten schon mit 10-15 ccm großen Motoren durch die Luft gescheucht werden. Die Modellbauindustrie bietet zahlreiche solcher Modelle an, die aber bis dato von den Elektrofliegern nicht im größeren Stil entdeckt wurden.

Die Suche nach der Möglichkeit eines großräumigen, dynamischen Motorkunstflugs ließ bei mir den Wunsch reifen, ein etwa 150 cm großes Kunstflugmodell zu fliegen. Also habe ich im Internet recherchiert und bin auf unerwartet viele Modelle der gewünschten Größenklasse gestoßen. Insbesondere auf den amerikanischen Modellbauseiten fiel mir der „Groovy 50“ von World of Models auf, hierzulande im Vertrieb von Pichler. Durch den „Fun World“ (vgl. AUFWIND 3/2005) gab es ja bereits Erfahrungen mit einem Produkt dieses Herstellers – also war der Entschluss schnell gefasst, den „Groovy 50“ zu bestellen.

Bereits bebügelte Holzteile in tadelloser Bauausführung kamen bei der Lieferung zum Vorschein. Das Folienfinish ist aufwändig gestaltet, leider jedoch an einigen Stellen nicht allzu präzise gebügelt. So musste erst das eigene Bügeleisen ran, um dem Modell den perfekten Schliff zu geben. Auffallend an den Modellen von World of Models ist, dass die Klebeflächen für die Montage der Leitwerke bereits von der Folie befreit sind. Ich konnte mit dem Montieren sofort loslegen. Auch dass alle Kleinteile in durchnummerierten Tütchen beiliegen – die gemäß der Anleitung geöffnet und verbaut werden – steigerte den Spaßfaktor bei der Fertigstellung des neuen Modells. Die zweiteilige Tragfläche wird über ein Rohr zusammengesteckt und mit zwei Schrauben gesichert – keine Klebearbeiten notwendig. Nach nur vier Stunden eines verregneten Sonntagnachmittags mit mehrheitlich Schraub- statt Klebearbeiten stand der „Groovy 50“ schon auf seinen Rädern.

Die Servoausschnitte in den Tragflächen und im Rumpf sind für Standardservos ausgelegt. Allzu billig sollten die Servos aber nicht sein, denn immerhin will man ja mit dem Modell präzise fliegen und auch mal einem höheren Ruderdruck gelassen entgegenblicken können. Im Gespräch mit der Servicehotline von Kyosho fiel die Wahl auf die „IQ-510MG“ (0,11s bei 6 Volt, 64 Ncm, 63 g) für Höhen- und Seitenruder sowie die Low-Profile-Servos „IQ-500BB“ (0,12s bei 6 Volt, 30 g, 54 Ncm) für die Querruder. Diese zwei Typen sind robust und schnell und kräftig genug, um sich auch von den etwas schwergängigeren Fernost-Schubstangen nicht beeindrucken zu lassen. Generell mal ein Wort zu den Anlenkungen am „Groovy 50“: Wer schon mehrere ARF-Modelle gebaut hat, hat in punkto Anlenkungen und Zubehör ja schon die tollsten Dinger erlebt. Aber hier waren alle Anlenkteile vom Feinsten, passend abgelängt und vollständig. Auch waren die Stahldrähte nicht so übermäßig gefettet und geölt, dass deren Handling dem Einbau eines alten Benzinmotors gleich kam. Lediglich Tank und Motorträger habe ich gleich entsorgt und die im Motorspant eingelassenen Einschlagmuttern einfach mal drin gelassen – was sich später noch auszahlen sollte.

Zur Motorisierung sollte es ein kräftiger Außenläufer sein. Am besten in Heckmontage, damit die schlanke Motorhaube auch noch drüber geht. Was lag also näher, als sich mal wieder bei Aeronaut umzuschauen? Die „Actro“-Motoren sind völlig zu Unrecht in der ganzen LRK-Flut ein wenig ins Hintertreffen geraten. Nicht zu vergessen ist, dass sie – noch als „Newtor“ bekannt und bei ihren Entwicklern Frank und Reto Köhler erhältlich – die ersten bürstenlosen Außenläufer in Serienfertigung waren. Das war schon 1996! Im Gespräch mit Frank Köhler war dann auch schnell der richtige Kandidat gefunden: ein „Actro 24-4“ mit fünf LiPo-Zellen 3.300 mAh („Lemon-RC“ von Pichler) dreht eine 13x7”-Luftschraube mit 29,5 A. Das sollte wohl passen. Als Regler empfahl mir Frank Köhler den neuen „Actronic HD 45 BEC“. Dieses Prachtstück von einem Regler hat große Kühlelemente und einen eigenen Lüfter – geradezu prädestiniert für diese Anwendung. Die leistungsstarke BEC erübrigt den Empfängerakku. Ausgiebige Tests am Boden mit belasteten Servos schafften Vertrauen in die Technik – die BEC hielt klaglos durch.

Zur Heckmontage des Motors wird er mit einem GFK-Spant mit drei Befestigungspunkten geliefert. In der Breite passten die Löcher kurioserweise perfekt auf die ab Werk angebrachten oberen zwei Löcher im Motorspant für den Plastikmotorträger. Nur für die untere Befestigung habe ich mittig im Motorspant neu gebohrt und ebenfalls eine 4-mm-Einschlagmutter eingesetzt. Der freie Abstand von 56 mm zwischen dem GFK-Spant und dem Motorspant des Modells wurde mit 4-mm-Gewindestangen überbrückt. Damit lassen sich auch nachträglich noch Sturz und Zug stufenlos einstellen. Für den Regler wurde schließlich ein geradezu idealer Platz zwischen Motor und Fahrwerksbügel gefunden, direkt unter dem Rumpfboden und nur von der Motorhaube abgedeckt. Für den LiPo-Akku fand sich schließlich ein Plätzchen im ursprünglichen Tankraum. Durch den werksseitig vorgesehenen Deckel auf der Rumpfunterseite lässt er sich problemlos rein- und rausziehen. Eine Sperrholzunterlage mit Klettpunkten und einem Klettverschluss sorgt für Standhaftigkeit. Der Propeller wurde mit einem Stahlmitnehmer von Aeronaut für 6-mm-Wellen befestigt. Der beim „Groovy 50“ mitgelieferte Spinner kam ebenfalls zum Einsatz.

Und wie es halt mit so leichten Antriebskomponenten ist, war der Schwerpunkt leider nicht ganz ohne Blei einzustellen: 85 g mussten noch am Motorspant befestigt werden, damit sich die Empfehlung des Herstellers von 115 mm umsetzen ließ. Das Fluggewicht des „Groovy 50“ betrug damit nun exakt 2.849 g – nur 249 g über der Empfehlung des Herstellers für das Modell mit Verbrennungsmotor. Mit vollgeladenem LiPo-Pack stand das neue Modell also erstmals auf der Wiese. Zügig beschleunigte es, schoss geradeaus über die Wiese, wollte aber mit deutlichem Höhenruderausschlag abgehoben werden. Fast senkrecht stieg der „Groovy 50“ in den Himmel. In einem Anfall von Überheblichkeit habe ich gleich mal eine schnelle Aufwärtsrolle vollzogen. Dann auf die Hälfte heruntergedrosselt. Und schon zeigte sich ein stabiles und sicheres Flugverhalten. Lediglich ein paar Zacken Höhenruder mussten eingetrimmt werden. Auch fiel auf, dass sich dieses Modell nicht selbstständig aufrichtete oder gerade legte, sondern in jeder Fluglage gesteuert werden musste – ganz so, wie es für einen exakten Kunstflug gefordert ist.

Die erste Rolle, der erste Looping und ein paar Turns bestätigten die hervorragenden Flugeigenschaften. Nach sieben Minuten mehr oder weniger unkoordiniertem Herumfliegen mit ein paar Turnübungen die erste Landung: Unglaublich langsam und mit hoher Anstellung ließ sich der „Groovy 50“ einlanden. In Dreipunktlage aufgesetzt stand das Modell nach ein paar Metern Rollstrecke still. Der prüfende Griff an Motor, Regler und Akku ergab keinen Anlass zur Besorgnis. Erst das Nachladen des LiPo-Akkus offenbarte eine Überraschung: Der Akku war noch nicht einmal halb leer geflogen!

 


Der „Groovy 50“ ist ein Kunstflugmodell in klassisch-populärer Form und Bauart. Ideal für den modernen Elektroantrieb.


Das große Seitenruder wurde beidseitig mit Litze angelenkt



Die kurze Querruderanlenkung ist spielfrei und präzise. Für die Anlenkungen wurden die Teile aus dem Lieferumfang verwendet

 


Hinter der Motorhaube ist ein abnehmbarer Rumpfdeckel, um dort den Flugakku entnehmen zu können. Die großen Luftöffnungen lassen Akku und Regler kühl bleiben

 


Die kräftigen GWS-Servos haben sich als ideal im Preis- und Leistungsverhältnis für dieses Modell erwiesen

 


Modell erwiesen. 3 Die kurze Querruderanlenkung ist spielfrei und präzise. Für die Anlenkungen wurden die Teile aus dem Lieferumfang verwendet. 4 Der „Actro 24-4“ und der neue BEC-Regler „Actronic HD 45 BEC“. Mit fünf LiPo-Zellen 3.300 mAh dreht dieser Antrieb eine 13x7“-Luftschraube mit 29,5 A

 


Der Motorspant an der Motorrückwand wurde mit kurzen Gewindestangen am Motorspant befestigt. Der Regler sitzt genau im Luftstrom der Zwangskühlung unter der Motorhaube

 

20 Minuten und eine Volladung später der nächste Flug: Der Start klappte deutlich besser und es musste auch nicht mehr so stark gezogen werden. Diesmal ging es im flachen Winkel und stark beschleunigend weiter. Sofort nach dem Abheben eine schnelle Rolle rechts und eine schnelle Rolle links. Dann ein Aufschwung mit halber Rolle auf den Rücken, dann voll durchgezogen und im Horizontalflug tief über den Platz zurück. Am anderen Platzende das Gleiche noch einmal. So ging es ein paar Mal hin und her – zwischendurch auch einmal Negativ. Die einsetzende Vertrautheit mit dem Modell beim erst zweiten Flug war begeisternd. Die Kollegen am Platz wollten nicht glauben, dass es wirklich erst der zweite Flug war. Ausgedehnte tiefe Rückenflüge mit Minimal-Tiefenruder und Speed-Überflüge machten gleichermaßen Spaß. Nach elf Minuten die Landung. Leider ist ein „Motorflug-typisches“ Zurückrollen auf der Wiese fast unmöglich – da sind die Räder zu klein und die Radverkleidungen störend. Aber wir haben es hier ja auch nicht mit einem Rollzeug sondern einem Flugzeug zu tun.

In den Folgemonaten mit weiteren rund 40 Flügen habe ich mit dem „Groovy 50“ den Motorkunstflug intensiv trainiert und verfeinert. Insbesondere der dynamische und großräumige Motorkunstflug mit ausschließlich Wendefiguren macht mit dem Modell richtig Freude – nicht zuletzt auch wegen der hervorragenden Antriebsleistung des „Actro 24-4“. Auch der kräftige Sound des Antriebs passt perfekt zum Flugbild des Modells.

Ein herrliches Kunstflugmodell also (nicht nur) für den Einstieg in den anspruchsvolleren Elektro-Motorkunstflug. Preis und Ausstattung des ARF-Modells gehen ebenfalls absolut in Ordnung. Und rechnet man die Elektro-Antriebskomponenten zusammen, ist das im Vergleich zum Verbrennermodell nur unwesentlich teurer. Als Flugzeit mit ausschließlich Kunstflug mit intensivem Leistungswechsel haben sich schließlich 12,5 Minuten herauskristallisiert – ich liebe diese Technik!

Philipp Gardemin



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 1/2007

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