Es war soweit! Nach längerer Zwangspause wegen Reparaturarbeiten flog mein „Habicht“ wieder. Ein fantastischer Kunstflug-Oldtimer – gutmütig, wendig mit einwandfreien Flugleistungen und einem Flugbild, das so schnell von keinem anderen Segler erreicht wird. Doch irgendwann im Laufe des Nachmittags kam mir eine Idee: „Der müsste auch als Nurflügel super aussehen.“ Das war der Startschuss für meine neueste Konstruktion: „Habicht“-Nurflügel.

Schnell war aus einer „Habicht“-Dreiseitenansicht der Rumpf zwischen Fläche und Leitwerk herausgeschnitten. Nun rückte das Seitenleitwerk direkt hinter die Fläche. Tja, das sah schon mal recht gut aus. Um die zukünftigen Proportionen des „Habicht“-Nurflügels besser beurteilen zu können, baute ich auf der Grundlage der Dreiseitenansicht ein etwa 60 cm großes Standmodell mit einer Lackierung in den originalen Habichtfarben.



Vor dem Bau des eigentlichen Modells musste ich erst noch ein paar Rumpfspantenrisse, Übersichtszeichnungen und eine einfache Helling für die Knickfläche anfertigen: Die in einfacher Holm-Rippen-Bauweise gehaltene Tragfläche bekam, wie beim „Habicht“ üblich, riesige Querruder, innen liegende Höhenruderklappen und Schempp-Hirth-Störklappen. Als Profil wählte ich das bewährte „EH-2/10“. Den Flächenrohbau bespannte ich mit Oracover, die Zierstreifen wurden aus Orastick zurechtgeschnitten und aufgeklebt. An einem etwa 50 cm großen Balsagleiter mit dem „Habicht“-Flügelgrundriss erprobte ich vorher die exakte Position für die Störklappen, denn sie sollten lastigkeitsfrei wirken, um unnötige Höhenruderbeimischungen zu vermeiden. Bei 1/3 der Flügeltiefe aufgesteckte Miniklappen aus Karton wirkten wie erwartet kopflastig. Eine Position bei 50 Prozent der Flügeltiefe war dann optimal – es war keine Lastigkeitsänderung feststellbar.

Der Rumpf setzt sich aus zwei Halbschalen zusammen. Sie sind aus Balsaleisten und einigen Füllstücken im Rumpf/Flügel-Übergang aufgebaut. Den mit Papier bespannten Rumpfrohbau habe ich mehrmals mit Schnellschleifgrund behandelt und danach mit Kunstharzlack gerollt.

Das Modell ist also recht einfach aufgebaut, doch das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Jetzt war ich aber auf die Reaktionen meiner Modellflugkollegen gespannt, wenn sie den „Habicht“-Nurflügel das erste Mal sehen sollten. Wie bei den eingefleischten „Normalmodell“-Piloten nicht anders zu erwarten, entsetztes Kopfschütteln: „Wie kann man einem Flugzeug so etwas antun.“ Die Nurflügelfans dagegen waren hellauf begeistert: „Eine solche Konstruktion hätte es in der Zeit des „Habicht“ ohne weiteres geben können“, so die einhellige Meinung der Nurflügelpiloten.

Die Flugeigenschaften können sich sehen lassen. Ein Modell mit „Aha“-Effekt – am Boden und in der Luft gleichermaßen

Am Tag des Erstflugs herrschten glücklicherweise optimale Bedingungen. Leichter Wind auf den Hang und kräftige Thermik. Ein gleichzeitig gestarteter Hängegleiterpilot schraubte sich in kürzester Zeit nach oben, ging auf Strecke und kam erst Stunden später zurück. Genauso mein neuer „Habicht“. Nach problemlosem Start und ein paar Runden vor dem Hang reichte die Höhe locker, um gleich alles Mögliche zu testen.

Was mir sofort auffiel: Die innen liegenden Höhenruder haben für meinen Geschmack eine recht bescheidene Wirkung, insbesondere für einen Kunstflugsegler. Deshalb wurden sie später stillgelegt und die Querruder erhielten zusätzlich die Höhenruderfunktion. So eingestellt ist ein weiches und rundes Fliegen möglich und die Wendigkeit, besonders auch die Rollwendigkeit, lässt trotzdem nichts zu wünschen übrig. Loopings und Turns gelingen wunderbar, obwohl es ja allgemein heißt, dass ein Seitenruderausschlag bei einem Brett wenig Wirkung zeigt. Der Rückenflug wiederum gehört allerdings nicht zu der Paradedisziplin des „Habicht“-Nurflügels. Hier braucht er viel Tiefenruderausschlag um die Fluglage zu halten. Bei vielen anderen Brettern, die ich auch schon mit dem Profil „EH-2/10“ gebaut hatte, ist mir dieses Verhalten noch nicht aufgefallen. Vielleicht liegt es an den Knickflächen? Dafür aber wirken die Landeklappen hervorragend und, wie beim Balsagleiter getestet, lastigkeitsfrei.

Ich denke alles in allem eine gelungene Konstruktion mit „Aha“-Effekt und einem begeisternden Flugbild. Wer hat jetzt Lust bekommen einen Leitwerkler zu kürzen? Es gibt bestimmt noch einige Typen, die in Frage kommen würden. Ein „Rhönsperber“ wäre zum Beispiel nicht die schlechteste Wahl.

Ernst Faller




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