Test

Tiroler Nurflügel

„Holiday“ von Robert Schweissgut


Der Konstrukteur und sein Modell.

Ich muß gleich gestehen, dass ich, was den Konstrukteur betrifft, nicht ganz unvoreingenommen bin. Über die vielen Jahre meiner „chronischen Erkrankung Segelflug“ haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt, ohne jedoch, dass wir uns je persönlich kennen gelernt haben. So hatte ich neben dem bekannten „Zorro“ einige Modelle von Robert Schweissgut in meinem Hangar und in seinen Publikationen lese ich immer wieder gerne die Geschichten von Greifvögeln, von Thermik und Nurflügeln, die im Lechtal ihre Kreise ziehen. Also habe ich das Angebot, etwas über den neuen „Holiday“ zu schreiben, gerne angenommen. Allerdings wollte ich die Gelegenheit nutzen und Robert endlich mal persönlich kennen lernen. So ist es also ein Bericht über einen Nürflügel und seinen Konstrukteur geworden – und über die Freude, mit einem hölzernen Vogel die Natur zu erkunden.

Bevor wir uns zum Fliegen ins schöne Lechtal begeben, muss der „Holiday“ allerdings noch zusammengebaut werden. Und im Gegensatz zu vielen Berichten, in denen Bau und Montage als „Hürde“ vor dem Flugvergnügen bezeichnet werden – sollte der Spaß doch schon beim Aufbau beginnen: Neben einer ausführlichen Bauanleitung mit vielen Zeichnungen und Fotos finden sich im Bausatz präzise geschnittene Holzteile und das für den Bau nötige Kleinmaterial. Alles von ausgesuchter Qualität – vorwiegend Balsa, das geschickt durch Sperrholz und Kieferleisten da verstärkt wird wo es auch sinnvoll ist. Die Tragflächen werden aus gefrästen Profilbrettern erstellt und erhalten ihre Festigkeit durch hochkant eingeleimte Kiefernleisten. Ein Bauprinzip von Erich Jedelsky entwickelt und für seine Gutmütigkeit und Leistungsfähigkeit bekannt bei einem Nurflügel. Man darf gespannt sein, ob und wie die Qualitäten dieses Profils bei einem Nurflügel umgesetzt werden können.

Der Rumpfbau ist schnell erledigt. Die großzügige Dimensionierung der Hölzer erlaubt es den Rumpf schön zu verrunden. Es entsteht ein gleichermaßen elegantes wie stabiles Bauteil. Man kann (...und sollte!) sich dabei getrost an die Bauanleitung halten. Eine witzige Idee ist die Befestigung der Kabinenhaube mit dem beiliegenden Druckknopf aus dem Nähbedarf – einfach und sehr praktisch. Der „Holiday“ kann als Segler gebaut werden, mit dem beiliegenden Motorspant aber auch als Elektrosegler. Ich habe einen vorhandenen Antrieb, bestehend aus einem „Axi 2212/34“ und einem 3s-Lipo mit 1.800 mAh Kapazität, eingebaut. Sicher kein Powerantrieb, aber schön leicht und sicher ausreichend für lange Flüge. Das Modell ist ja ausdrücklich als Thermiksegler konzipiert und nicht für Speedflüge oder Kunstflug. Auffallend beim Motoreinbau ist der vorgegebene starke Motorsturz, der auf die besonders kurzen Hebelverhältnisse beim Nurflügel Rücksicht nimmt.

Parallel dazu beginnt der Tragflächenbau mit dem Einleimen der Kiefernholme und der Steckung. Die Verbindung der Flügel und die Positionierung auf dem Rumpf werden einfach und effektiv über stabile Formteile aus massivem Kiefernholz bewerkstelligt. Diese Teile geben dem Flügel zusätzlich Stabilität und legen den Winkel der Endfahne fest. Diese wird nach dem Aufkleben der sauber gefrästen Nasenleiste auf einem geraden Baubrett gemeinsam mit den Mittelstücken verleimt. In der Bauanleitung wird darauf hingewiesen mit dem Leim sparsam umzugehen und die Oberflächen mit Kreppband zu schützen um Leimflecken zu vermeiden – das spart viel Ärger und Zeit beim Verschleifen, beziehungsweise beim Finish. Ich war ein wenig skeptisch, ob das etwa 3 cm breite Formstück an der Flügelwurzel reichen würde, um den richtigen Winkel von Profilbrett und Endfahne über die ganze Länge hinzubekommen, weitere „Rippen“ gibt es ja nicht. Es klappt! – Wenn man die Endfahne mit Gewichten beschwert oder mit Nadeln befestigt, am Baubrett auflegt und das mit 5-Min.-Epoxy geklebte Mittelteil gut mit Zwingen einspannt. Eine der Endfahnen hatte einen Verzug sowohl der Länge nach, als auch quer. Aber das war kein Problem, denn durch die Verklebung mit Profilbrett und Formklotz hat man am nächsten Tag einen geraden Flügel in der Hand. Wenn das erledigt ist, wird der Tragflügel an den Rumpf angepasst. Die Steckung und die Befestigung am Rumpf haben mich sehr beeindruckt. So einfach und problemlos, allerdings muss man erst mal drauf kommen. Als Verbinder dient ein 5-mm-Stahl, die Flächen werden mit einer Metallschraube quer durch die massiven Kiefermittelteile zusammengeschraubt. Diese Verbindung ist bereits vom Hersteller perfekt passend eingebaut.

So sind gerade mal acht Stunden entspannter Bautätigkeit vergangen und der Rohbau ist komplett. Nun folgen einige Balsastaubwolken (die übrigens nicht als Ausrede gelten können – das Ganze ist in einer halben Stunde am Balkon oder im Freien schnell erledigt) und schon geht es ans Finish. Der Hersteller empfiehlt die Holzteile zu beizen und dann mit wasserlöslichem Parkettlack zu streichen. Bügelfolie sollte nicht verwendet werden da eine „raue“ Oberfläche deutlich bessere Flugleistungen bringt. Mit Beizen habe ich persönlich keine so guten Erfahrungen. Überall dort, wo das Holz mit Klebstoff in Berührung kommt, nimmt es die Beize nicht an und es gibt hässliche Flecken. Ich greife für den Farbanstrich gerne zur Holzlasur, die nicht so empfindlich ist. Nach einem Anstrich zur Färbung verwende ich – wie in der Bauanleitung vorgesehen – wasserlöslichen Parkettlack, der mit einem Zwischenschliff zwei- bis drei Mal aufgetragen wird. Das ergibt eine schöne und homogene Oberfläche mit Holzoptik. Wasserlöslicher Parkettlack ist übrigens fast geruchlos und die Werkzeuge lassen sich einfach und schnell mit Wasser reinigen.

Nach Trocknung der Teile kann die Endmontage erfolgen. Die Querruder sind bereits vorgefräst und werden mit Klebeband angeschlagen. Meine anfängliche Befürchtung, dass sich die Flügel und besonders die dünnen Querruder verziehen könnten, hat sich nicht bewahrheitet. Natürlich kann es sein, dass sich da oder dort eine leichte Welle einschleicht, aber getreu meinem Motto „die Summe der Baufehler muss 0 ergeben“ hat so was meistens keine Auswirkungen auf das Flugverhalten. Holz ist eben ein „lebendiger“ Werkstoff. Wichtig ist, dass man darauf achtet, die Teile möglichst spannungsfrei zu verkleben und während der Trocknung gut zu fixieren – dann kann nicht mehr viel passieren.

Die Querruderservos werden einfach mit Doppelklebeband auf der Flügelunterseite befestigt. Wer möchte, kann sie strömungsgünstig verkleiden, notwendig ist das laut Bauanleitung nicht, weil die Fluggeschwindigkeit sehr niedrig ist. Die Kabel werden dann in vorgefrästen Nuten in den Rumpf geführt. Ich habe sehr dünne Dymond-Servos „D-60“ verwendet. Die wenigen Euro Mehrkosten gegenüber Billigservos sind auf jeden Fall gut investiert. Die Rückstellgenauigkeit und Spielfreiheit ist sehr gut und das Wichtigste – das nervige Brummen mancher Billigservos – ist kein Thema. Hitec-Servos „HS-81“ haben sich laut Robert Schweissgut auch bewährt. Metallgetriebe muss nicht sein.

Das Modell wurde nun nach Bauanleitung eingestellt. Dort finden sich übrigens auch einige gute Tipps für die ersten Flüge. Der genaue Schwerpunkt muss erflogen werden, Ruderausschläge und die Anstellung der durchgehenden Querruder sind genau beschrieben. Spätestens jetzt wird auch erkennbar, wie das Ganze aerodynamisch ausgelegt ist. Die Ruder werden so angestellt, dass sich ein S-Schlag ergibt, der für die erforderliche Längsstabilität sorgen soll.

Angesichts von knapp 1.200 Gramm hatte ich eigentlich etwas weniger Gewicht erwartet, aber die sehr stabile Konstruktion fordert doch ihren Tribut. Auf jeden Fall habe ich mit dem „Holiday“ kein filigranes Holzgebilde, das beim Hinschauen schon Schäden davonträgt, sondern ein robustes Modell, das – wie sich hoffentlich zeigen wird – Nehmerqualitäten hat. Allerdings machte mir jetzt doch die Motorisierung ein wenig Sorgen. Eigentlich sollte der Erstflug noch vor dem Besuch bei Robert erfolgen. Regen hatte dies jedoch verhindert. So wird nun der erste Flug gleich unter den kritischen Augen des Herstellers absolviert. Es ist ein traumhaft schöner Sonntagnachmittag im Spätsommer. Ein kurzer Aufstieg bringt den Kreislauf in Schwung. Dann stehen wir auf einem Hang, der eine Mischung aus dynamischem und thermischen Aufwind bietet und das vor einer malerischen Kulisse in den Lechtaler Alpen. Es kann eigent- lich nichts mehr schief gehen.


Feine Holzteile aus Tirol.


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Das ganze Modell wurde mit Holzlasur behandelt und mit Klarlack versiegelt.


Eine witzige Idee ist die Befestigung der Kabinenhaube mit dem beiliegenden Druckknopf aus dem Nähbedarf – einfach und sehr praktisch.


Wirklich beeindruckend sind die Gutmütigkeit und die Präzision im Kreisflug.

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Der „Holiday“ ist ein gemütlicher Feierabendflieger.


Fakten

„Holiday“ von Schweissgut
Ein Thermik-Nurflügel ganz aus Holz

Spannweite: 2.000 mm
Gewicht: 850 g(Segler)
1.190 g (Elektro)
Fläche: 45 qdm
Profil: Jedelsky mod.
Preis: 89,- Euro;

Bezug bei Robert Schweissgut, Tel. +43/5678/5792, www.wing-tips.at




Ich bekomme von Robert eine kurze Hangeinweisung und teste die Gegebenheiten zuerst mit einem vertrauten Modell. Nach einem entspannten Thermikflug ist dann der „Holiday“ an der Reihe. Wir gehen die Einstellung kurz durch, dann wird der Nurflügel über den Wald hinausgestartet. Ich gönne mir zur Sicherheit einige Sekunden Motorlaufzeit, dann geht es gleich nach rechts, parallel zum Hang in Richtung Hausbart. Eigentlich gebe ich nicht wirklich viel auf die Streckenleistung von Brettnurflügeln – der „Holiday“ weiß davon aber nichts, zieht in Schleichfahrt über die Baumwipfel. In einiger Entfernung wird das erste Mal eingekreist. Der Schwerpunkt ist ziemlich weit hinten – ich habe kein Blei zum Auswiegen verwendet – trotzdem zeigt der „Holiday“ keinerlei Tendenz zum Abschmieren. Dieser kleine Nachteil im Geradeausflug (man muss ein wenig mehr knüppeln) wird jetzt zum Vorteil und das Modell steigt sehr schnell in weiten Kreisen nach oben. Es genügt, mit dem Querruder die Neigung des Flügels zu bestimmen – der Rest wird durch beherztes Ziehen erledigt. Robert erklärt, dass ich das Höhenruder ruhig voll durchziehen könne, da passiere nichts, außer dass der Kreisradius enger wird. Da ich mittlerweile genug Höhenreserve habe, muss ich das natürlich sofort ausprobieren. Später dasselbe Spiel im Geradeausflug, aber die Strömung reißt nicht ab – das Modell bleibt bei erhöhtem Sinken voll steuerbar.

Nach einiger Zeit übergebe ich den Sender an Robert damit ich Fotos machen kann. Und er zeigt, was mit seiner Konstruktion alles machbar ist. Ausgelegt als Thermikmodell sind natürlich die maximale Fluggeschwindigkeit und die Kunstflugtauglichkeit eingeschränkt. Gegen den Wind setzt sich das Modell dennoch erstaunlich gut durch. Loopings oder Abschwünge sind problemlos zu fliegen, ohne dass man Sorge um die Festigkeit haben muss. Wirklich beeindruckend sind aber die Gutmütigkeit und die Präzision im Kreisflug. Ob eng und steil oder flach gekreist wird – wenn es nach oben geht, ist der „Holiday“ dabei. Und in dieser Disziplin gehört er sicher zu denen, die als Erste die Sichtgrenze erreichen. Die großen Querruder über die gesamte Flügellänge machen das Modell sehr wendig, ohne dass dabei Hektik aufkommt. Mit Unterstützung an seiner Seite kommt auch ein Anfänger mit dem Modell zurecht. Reparaturen sind dank der Bauweise schnell erledigt. Etwas Sekundenkleber und Klebeband sollte man aber dabei haben – dann kann man weiterfliegen, selbst wenn bei der Landung mal ein Baum im Weg war.

Noch ein Wort zum Thermikfliegen: Es gibt kein „Rezept“ wie man zum Erfolg kommt. Zwar gibt es „Hotspots“, die berühmten Hausbärte, die einigermaßen berechenbar sind, aber selbst da erlebt man oft sein blaues Wunder. Robert Schweissgut hat zu dem Thema ein kleines Buch im Eigenverlag herausgebracht, in dem ich immer wieder gerne lese: „Aufwind gibt es überall“! Der Autor zeigt darin anhand seiner Erlebnisse während vieler Jahre, wie man mit Spaß und Freude ein Gespür für Thermik entwickeln kann. Und er hat dabei alles getan um Thermik zu erfahren: Segelflug manntragend und mit Modellen, Paragleiten und die intensive Be- obachtung von Greifvögeln. In diesem Sinne sind seine Nurflügel in Jedelsky-Bauweise entwickelt worden – und genau das darf man sich von ihnen erwarten, wobei ein Elektroantrieb als Rückholversicherung wohl kein Nachteil ist (...obwohl das Zurückholen manchem – mich eingeschlossen – nicht schadet).
Zurück zum „Holiday“: Wer keine Ambitionen zum Thermikcrack hat, findet mit diesem Modell einen echten Feierabendflieger, der zusammengelegt kaum Platz im Auto beansprucht und binnen Minuten einsatzbereit ist. Für diejenigen, die vorwiegend im Flachland fliegen, würde ich aber zu einem etwas stärkeren Antrieb raten. Ein „Axi 2217/20“ mit 3s-LiPo an einer 12x6“-Luftschraube bringt einen besseren Steigflug bei moderaten 18 Ampere Strom. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Modelle wirklich in Handarbeit hergestellt werden. Die Teile werden von Hand geschnitten und die Bausätze werden im Haus zusammengestellt und versandfertig gemacht.

Walter Wachtler



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