REPORTAGE reise

Irische Erlebnisse

Zu Besuch am Traumberg Mount Leinster



Traumberg? Nun, um ein solches Superlativ zu vergeben muss man schon einiges gesehen und beflogen haben, was ich nun wiederum nicht für mich in Anspruch nehmen kann. Aber dass der Mount Leinster auf der Piloten-Hitliste sicherlich ganz oben steht, dessen bin ich mir trotzdem sicher.

     Fred Maire, den Retroplane-Fans unter dem Namen „Loopingfred“ sehr wohl bekannt, ist ein nach Irland ausgewanderter Franzose und gleichzeitig passionierter Modellbauer und -flieger. Auf der Suche nach Gleichgesinnten traf er relativ schnell auf Joe Doyle, einen waschechten Iren. Manchen Rockfans mag dieser Namen vielleicht bekannt vorkommen: Joe ist Bassist und Background-Sänger der Gruppe „The Frames“. Joe wusste es schon lange und Fred entdeckte es recht schnell: die irische Hang-flugszene ist etwas verstaubt, obwohl in einem gar paradiesischen Land, was das Hangfliegen betrifft. Also riefen die beiden den Modellflugklub „Island Slope Rebels“ ins Leben. Wann immer es ihr Kalender erlaubt, machen sie die Hänge Irlands „unsicher“. Es ist übrigens der einzige Modellflugklub in Irland, der sich ausschließlich um die „leisen Flügel“ kümmert (The Silent Wings) und keine Klubgebühr verlangt. Jedes Meeting ist für alle offen und die Teilnahme kostenlos, was laut Fred für Irland ein absolutes Novum ist. Außerdem ist es auch der einzige Klub, der Kontakte nach Nordirland unterhält.

     Immer Mitte Mai wird das „Island Slope Rebels Fly In“ am Mount Leinster veranstaltet. Ein schneller Blick in den Kalender und der „da muss ich hin“-Faktor stieg ins Unermessliche: Das Pfingstwochen-ende stand bevor! Eine Recherche im Internet ergab eine günstige Flugverbindung über Bremen mit Ryanair, ohne einen Tag Urlaub zu nehmen. Damit war es eigentlich schon beschlossene Sache, außer dass mit der „Chefin“ noch um Freigabe des Budgets und Entbindung aller Familienpflichten während der Feiertage verhandelt werden musste. Aber auch das konnte unter Zusage einiger notwendiger Verbesserungsarbeiten am Haus schnell erledigt werden.

     Damit nahm das Abenteuer seinen Lauf. Normalerweise bin ich ja kein Billigairline-Fan, aber hier konnte ich nicht anders. Der Spaß sollte ja finanzierbar bleiben. Also schnell ins Internet auf die Ryanair-Seite und die Bedingungen studiert: Ein 10 kg Bord- gepäckstück ist erlaubt und im Preis inbegriffen, drei Gepäckstücke darf man zusätzlich buchen, natürlich jedes mit einem Aufpreis versehen. Aber oh weh, 15 kg sind die Grenze, nicht pro Gepäckstück, sondern pro Person. Und größer als 120x90x90 cm dürfen sie auch nicht sein. Gut dachte ich, das wird wohl langen und ging in den Keller. Die genaue Vermessung meiner Segler ergab das enttäuschende Ergebnis, dass keines der Modelle in meinen größten und von Ryanair noch akzeptierten Koffer passte.

     Also musste was Neues her – wie es sich gehört natürlich selbst gebaut. Der „Hai 1“ von Wolf Werling unter der Vorsaussetzung, dass er mit geteilten Flächen gebaut wird, sollte die Kriterien ziemlich gut treffen. Nurflügler sind eigentlich nicht mein Geschmack, aber schließlich hat der „Hai“ ja noch einen Rumpf, wenn auch nur einen kurzen und am Ende ist es dem Zweck dienlich. Gut, das Flugzeugthema war jetzt gelöst, als Nächstes ging es ans Buchen. Alles ganz einfach, immer den Aufforderungen folgend. An einem Punkt muss ich allerdings geschlafen haben, oder er wurde gar nicht genannt: Ich habe weder einen Screenshot gemacht mit der Buchungsnummer, noch dieselbe irgendwo vermerkt. Ich verließ mich nämlich auf die Bemerkung, dass nach Abschluss des Buchungsvorganges alles per Email bestätigt wird. Weit gefehlt, besagtes Mail kam bei mir erst eine Woche vor dem eigentlichen Flugtermin an. Bis dahin hatte ich nur die Bestätigung, dass der Betrag abgebucht wurde. Einen Anruf bei der Hotline kann sich übrigens nur leisten, wer die Telefonkosten nicht selbst tragen muss. Sonst wird bei den Minutenpreisen der Billigflug recht schnell sehr teuer. Allerdings muss ich auch sagen, dass letztendlich beim Check-In, der Sicherheitskontrolle und dem Boarding alles problemlos verlief und Dank Priority-Boarding ich sowohl beim Hin- als auch Rückflug einen schönen Gangplatz am Notausgang hatte, mit viel Beinfreiheit. Noch ein Tipp zur Ausrüstung: Akkus sollten sich grundsätzlich im Koffer befinden, damit geht man jeglicher Diskussion aus dem Weg und der akkulose Sender stellt so im Handgebäck keinerlei Probleme mehr dar.

     Inzwischen kam der Zeitpunkt des Events immer näher, der „Hai“ hatte seinen Erstflug erfolgreich absolviert, nur seine Gleiteigenschaft glich eher dem eines Steines. Aber gut, da ich in Irland ohnehin Hammerbedingungen erwartete, störte mich das nicht weiter. Die Bestätigung des Fluges war inzwischen auch eingetroffen und ich konnte nun ungeduldig, ständig den Wettervorhersagen lauschend auf den wichtigen Tag warten.

     Am 9. Mai war es endlich soweit. Da ich wie üblich noch keine Koffer gepackt hatte, musste ich mich etwas früher von der Arbeit verkrümeln. Es war mit starkem Reiseverkehr zu rechnen und ich kannte die Verhältnisse am Flughafen Bremen noch nicht. Beim Kofferpacken kam dann die erste Überraschung, die Waage ergab 15,5 kg. Nach einer halben Stunde reduzieren auf das Nötigste, kam ich endlich auf 14,5 kg. Ein halbes Kilo Reserve sagte ich mir, das langt und der Koffer wurde geschlossen. Auch hier wird übrigens unbarmherzig zugeschlagen: jedes Kilo Übergewicht schlägt mit 15 Euro zu Buche, so geschehen bei einem Passagier vor mir in der Schlange. Aber sage keiner, das sei nirgends vermerkt: es steht deutlich auf der Homepage. Und glaube keiner den Stimmen, die ich oft im Wartesaal hörte: „Die werden bei ein paar Gramm wohl nicht so kleinlich sein“!

     In Dublin angekommen, machten wir uns am Samstag auf den Weg zum Mount Leinster, von Dublin aus gen Süden circa zwei Stunden mit dem Auto. Die Moral wurde durch den strömenden Re-gen etwas erschüttert, doch Fred versicherte uns, dass für den Nachmittag eine Wetteränderung vor-hergesagt war und der Sonntag sehr sonnig ausfallen würde. Nur der Wind mache ihm Sorgen, der war leider recht schwach angesagt. Die ersten 100 Kilometer der Strecke waren recht schnell zurückgelegt, war doch die Autobahn zum Teil vollkommen neu. Zuerst die M50 um Dublin herum und dann die M11 gen Süden bis Ferns. Danach lief es deutlich langsamer. Es wurde auch enger. Spätes-tens die 20 Kilometer Auffahrt zum Mount Leinster sollte man wirklich vorsichtig angehen. Das ungewohnte Linksfahren und die Tatsache, dass man in Irland keine Führerscheinprüfung ablegen muss, taten ihr Übriges zum leicht erhöhten Adrenalinspiegel. Die Auffahrt zum Mount Leinster ist nicht zu verfehlen, wenn man von Dublin kommend das Städtchen Bunclody durchfährt und kurz nach dem B&B Pub Rayn’s Moss House links abbiegt. Der Pub war für die Nacht von Samstag auf Sonntag auch unser Basislager.

  Die Spannung wuchs, der Regen hatte sich inzwischen verzogen und sanfte Bergkuppen taten sich zwischen den noch zahlreichen Wolkenfetzen auf. Der Mount Leinster ist mit 796 Metern der höchste Berg im Massiv „Black Stairs Mountains“ und befindet sich an den nördlichen Ausläufern. Geflogen wird jedoch in der vorgelagerten Bergkuppe, am „Nine Stone“ mit circa 500 Metern. Er lässt sich direkt von dem Parkplatz an der Passhöhe erreichen. Fliegen kann man bei nahezu allen Windrichtungen. Rund einen Kilometer vor der Passhöhe kommt man am Westhang vorbei. Weite Flächen und gute Außenlandemöglichkeiten auf den Wiesen am Fuß des Hanges erlauben auch bei zweifelhaften Bedingungen einen Versuch. Wir fuhren jedoch weiter auf den Parkplatz an der Passhöhe, da der Wind eher aus nördlicher bis nordwestlicher Richtung kam. Inzwischen schaute auch schon ab und zu die Sonne hervor und eine erste Messung der Windstärke ergab im Durchschnitt 12 km/h – also wie geschaffen für die Floater. Im Verlauf des Tages legte der Wind noch etwas zu und drehte leicht gen Westen, sodass wir nicht mehr direkt am Parkplatz fliegen konnten sondern die zehn Minuten Marsch in Kauf nahmen und die südlich gelegene Bergkuppe hochstiegen.

    Doch wer war nun eigentlich gekommen? Nun, die Irländer bildeten mit sechs Teilnehmern knapp die stärkste Truppe, dicht gefolgt von den Franzosen, alle aus dem Retroplane-Bereich, jedoch wie schon erwähnt aufgrund der Transportprobleme ohne Oldtimer und ich als einziger Deutscher. Erstaunlich für uns Ausländer war das geringe Interesse der Irländer an dem einzigen Hangflugtreffen im Jahr.


Der Parkplatz auf der Passhöhe zwischen Mount Leinster und Nine Stone, mit Blick Richtung Nine Stone.


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Gruppenbild der Teilnehmer.



Der „Hai 1“ des Autors – die schnell gebaute Notlösung für das Irland-Abenteuer.



Zwar nicht vorbildgetreu, aber trotzdem „Vintage“: „Dandy“ von Graupner.

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Fred flog seine wunderschöne „Ka-3“ (1:4) am Hang.


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Das gut gefüllte Fliegerlager.



Blick vom Nine Stone auf den Mount Leinster. Die Straße zur Fernmeldeantenne ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt.




Doch dass die Szene etwas unflexibel ist, hatten wir ja schon. Des Weiteren fiel auf, dass die Irländer selbst Floater wohl nur bei Hammerwind rausschmeißen, anders ist es nicht zu erklären, dass die leistungsmäßig besten Maschinen für die herrschenden Bedingungen am Boden blieben. So waren es letztendlich die Franzosen, die ununterbrochen Hang oder Himmel bevölkerten. Und das bei selbst für Hangflug manchmal grenzwertigen Bedingungen. Am Sonntag waren diese, bezüglich der Windverhältnisse sogar noch schwächer. Dafür herrschte eine derartig gute Thermik, dass sogar mir mit dem „Hai“ mehrere längere Thermikflüge gelangen, die nur dadurch unterbrochen wurden, dass ich die Fluglage nur noch schwer erkennen konnte und Angst hatte, das Modell in den Wolken zu verlieren. Neben „Flamingo“, „Alpina“ und „Dragonfly“ waren trotz allem „Easy Glider“ und Freds betagter „Hi-Fly“ die absoluten „Langflug-Könige“. Der „Hi-Fly“ wollte sich zum Schluss selbst durch Trudeln nur unwillig zum Abstieg überreden lassen. Er war auch insgesamt das Modell mit der längsten Flugzeit. Über sechs Stunden in der Luft, sowohl am Samstag, bei nur sehr bescheidener Thermik, als auch Sonntag.

     Genächtigt haben wir am Samstagabend in besagtem Pub am Fuße des Mount Leinster. Die über dem Pub gelegenen Zimmer waren ein Vierbett- und vier Dreibettzimmer, mit Dusche und WC. Sie waren frisch renoviert und als sehr sauber zu bezeichnen. Ein Aufenthaltsraum mit großer Küche, fürs Frühstück entsprechend gefüllt, rundete das positive Bild ab. Gezahlt wird pro Kopf und nicht pro Zimmer: 30 Euro die Nacht. Einen Wehrmutstropfen gab es allerdings: die Geräusche aus dem Pub. Entweder man ist hundemüde und schläft trotz des Lärms sofort ein, oder man geht nochmals einen Stock tiefer und trinkt ein oder zwei Guinness mehr.

      Viel zu schnell waren die zwei Tage vorbei und es ging sonnenverbrannt und überglücklich zurück nach Dublin. Abends hatte Fred noch ein Schman-kerl für uns, was jeder Tourist mindestens einmal erlebt haben muss: Ein Abend- essen im Jonnie Fox’s Pub auf einem Berg oberhalb Dublins, mit gutem Essen, Livemusik und Guinness. Montagabend ging es dann zurück nach Deutschland. Mit vielen schönen Erinnerungen im Gepäck und der Gewissheit, bald weitere Hänge in Irland zu entdecken. Bedauert hab ich nur, dass ich meine, für diese Verhältnisse besten Segler nicht dabei hatte. Mit dem „Climaxx“ (vgl. AUFWIND 2/2008) hätte ich, was die Flugdauer betrifft, sicherlich ganz vorne mitgekämpft. Den Flugzeugtransport werde ich auf jeden Fall nochmals genau unter die Lupe nehmen, vielleicht könnte man das Modell ja als Fahrrad oder Golfbag deklarieren, dafür gibt’s nämlich extra Konditionen im Bereich von 30 bis 40 Euro.

     Nächstes Jahr treffen wir uns ziemlich sicher am Mount Leinster wieder zum Rétroplane-Treffen, aber dann natürlich ausschließlich mit den Oldies. Für weitere Infos über Hangflugmöglichkeiten in Irland empfehle ich die Modellbauseiten von Fred Maire und Joe Doyle www.gliderireland.net. Dort findet man viele interessante Tipps oder fragt sie über das Forum an.

Stephan Siemund

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