Julia Streich und ihr Freund Andreas Konitzer sind leidenschaftliche Globetrotter und Modellflieger. Mit Zelt, Fluggerät und einem nicht unbeträchtlichen Vorrat an Filmen reisten sie durch Island, um Land und Leute kennen zu lernen. Und natürlich jede Menge Traumhänge zu entdecken:

„Sag mal Julia, weißt du eigentlich, dass es auf einigen Campingplätzen in Island nur fließend kaltes Wasser und keine Duschen gibt?“ Wie bitte? Der Reiseführer fällt mir aus der Hand und ich sehe mich schon, wie ich von einem Berg (Hangflug) zum nächsten Gletscher („Zagi“-Launchen) und weiter zum Campingplatz (Elektrofliegen) ziehe, um mit vor Kälte klammen Fingern Fotos von meinem modellfliegenden Freund zu schießen, ohne die Aussicht, abends von der heißen Dusche wieder aufgewärmt und morgens von einem schnell gekochten Tee geweckt zu werden. Die Insel ist offensichtlich nichts für Weicheier.

Eigentlich hatte sich das Ganze ja auch schon bei der Planung nicht wirklich harmlos angehört. Wir hatten zusammen Urlaubskataloge und Reiseführer gewälzt. Dann hatte Andreas an den DMFV geschrieben, um Kontakt zu isländischen Modellflugvereinen zu bekommen. Zudem hatten wir noch mehr Reiseführer sowie eine Straßenkarte gekauft und versucht, ein paar Brocken Isländisch zu lernen.

Während wir auf Nachricht vom DMFV warteten, buchten wir die Fähre und Andreas sorgte für ein islandtaugliches Auto ebenso wie für ein paar islandtaugliche Flugzeuge. Eine Antwort vom DMFV blieb aus, also machten wir uns im Internet auf die Suche und wurden fündig: Gudjón aus Akureyri schrieb uns zurück, dass wir das Fly-In mit bis zu 50 (!) Modellen so gerade eben verpassen würden. Das Flugfeld des Vereins läge ca. 20 km südlich von Akureyri und „wir müssen es uns mit den großen Fliegern teilen“. Das wird ja spannend!

Die meisten Straßen sind in Island geschottert, von daher also nur für alte Autos oder richtige Jeeps geeignet, nichts für teure Fahrzeuge, die man lieb gewonnen hat. An diesen Grundsatz sollte man sich auch bei der Auswahl der Flugmodelle halten.

Anfang August war es soweit: Nach 1.000 km Autofahrt stehen wir früh morgens um halb sechs in Hirtshals am Fährhafen, nicht mehr ganz frisch und auch nicht die Ersten, dafür aber schrecklich aufgeregt, da es nun mit der ersten Fähre von Dänemark nach Kristiansand in Norwegen geht. Die Überfahrt dauert vier Stunden. Ohne uns lange aufzuhalten, fahren wir nach der Ankunft direkt weiter, 300 km zu unserem nächsten Etappenziel, wo wir abends todmüde ankommen und direkt in die Schlafsäcke krabbeln: Es handelt sich um den 600 m hohen, steil in den Lysefjord hineinragenden Preikestolen (zu deutsch „Priesterstuhl"), den Andreas natürlich, wenn es irgend geht, flugtechnisch einweihen will. Dementsprechend klingelt am nächsten Tag um sechs Uhr der Wecker und wir schaffen es, um immerhin acht Uhr auf dem Parkplatz am Preikestolen zu sein. Wer wirklich auf dem Felsen stehen und die 600 m herunterschauen bzw. drum herumfliegen will, muss zuvor eine Wanderung von bis zu zwei Stunden in Kauf nehmen. Daher wird unser EPP-Modell „Mopsbert“ am Rucksack befestigt und es geht los. Auf dem Campingplatz herrschten beim Aufstehen noch fünf Windstärken, die für den Flug auf dem Priesterstuhl sogar aus der richtigen Richtung kommen, und Andreas ist ein aufgekratztes Nervenbündel, ein absoluter Hangjunkie. Doch der Weg ist steil, steinig und sehr, sehr anstrengend. Mein Freund ist trotz aller Schwierigkeiten so wenig zu bremsen wie ein Elch in der Brunftzeit: Mit „Mopsbert“ auf dem Rücken springt er den Berg hoch; die Vorstellung, als erster Mensch den Preikestolen mit einem Modell zu befliegen, verschafft ihm eine derartig gute Kondition, dass ich nur mühsam hinterherhecheln kann. Leider wird diese Eile bald bestraft: Andreas vergisst seinen vergrößerten „Körperumfang“ und bleibt mit einer Tragfläche an einem Stein hängen. Angesichts dieses Belastungsgrenzentests kapituliert der Flügel – Andreas und „Mopsbert“ sind geknickt. Aber wir müssen weiter, um gegen halb zehn den Felsen in leichtem Nieselregen zu erreichen. Es ist zum Glück noch nicht viel los und die Wolken ziehen von vorne über den Priesterstuhl hinweg. Aber dann stellen wir fest, dass Fjorde nur zwei Windrichtungen kennen: rein oder raus. Der Priesterstuhl steht da zum Befliegen etwas quer und blöd mittendrin. Frustriert machen wir uns auf den Rückweg, der durch die vom Regen nassen Steine noch gefährlicher als der Aufstieg ist.

Plötzlich bleibt Andreas stehen, zeigt auf eine für mich unscheinbare Felskante und prüft Wind und Landemöglichkeiten. Letztere sind spärlich bis gar nicht vorhanden, aber der Wind stimmt und die Sonne scheint jetzt auch wieder ein bisschen. Zum Glück ist „Mopsbert“ flott repariert und kann nun doch noch in die Lüfte steigen. Der Aufwind ist gut, die Aussicht fantastisch und schnell finden sich so an die 20 Zuschauer zusammen. Ich verschieße einen ganzen Film, bevor der Regen uns zwingt, den Rückweg fortzusetzen. Am Campingplatz angekommen sind wir dreckig, nass und müde und wollen nur noch in unsere Schlafsäcke. Gelohnt hat sich der Ausflug aber auf jeden Fall.


Elektrosegeln auf dem Modellflugplatz bei Akureyri. Bei Windstille nutzt auch der schönste Hang nichts: Elektro-„Goofy“ im Anflug.


Schnellreparatur, nicht nur beim Camping wird improv
isiert


Bei Blönduós im Nordwesten

Einige Tage später: Nach einer 60-stündigen Seereise hat uns die Fähre in Seydisfjördur auf Island ausgespuckt. Die Landschaft wirkt auf den ersten Blick karg und eintönig, hält aber erstaunlich viel Geografie auf engem Raum für uns bereit, den es mittels der schon erwähnten Schotterpisten zu überwinden gilt. Nach einigen Kilometern können wir unseren ersten Flieger in Island starten, einen „Nuri 007“. Sogar ich kann hier fliegen, während Andreas fotografiert. Meistens sind die Rollen aber umgekehrt verteilt, und auf dem Weg nach Akureyri, unserem nächsten größeren Ziel, absolviert Andreas zahlreiche Flugstunden, während ich schon den zehnten Film voll knipse. Unter anderem stehen wir an einer Abbruchkante in einem Lavafeld direkt an der Küste, wo es sich erstaunlich gut fliegen lässt. Fotografieren ist dafür umso schwieriger: Um spektakuläre Fotos zu bekommen, kraxle ich unter den Felsen herum, sinke knöcheltief im Sand ein und blicke zu den wie lose aufeinander getürmten Felsbrocken hoch, die den Eindruck erwecken, gleich über mir zusammenstürzen zu wollen.

In Akureyri treffen wir uns mit Gudjón auf dem Modellflugplatz. Den Modellfliegern steht eine asphaltierte Start- und Landebahn mit Zufahrtstrecke zur Verfügung, der Platz liegt direkt neben dem Feld für die manntragenden Segelflieger. Die meisten Modellpiloten sind mit ihren Motormodellen nur auf Flugplätzen anzutreffen, dafür aber sehr aktiv und regelmäßig; wir wandern trotzdem auf einen Berg in der Nähe unseres Campingplatzes und lassen die Flugzeuge durch Thermikbärte jubeln. Zwischendurch sind wir damit beschäftigt, die Blaubeerenbestände zu dezimieren.

Über Blönduós und Holmavík gelangen wir zum westlichsten Punkt Europas, dem Vogelfelsen Látrabjarg. Kaum dort angekommen müssen wir feststellen, dass uns der Wind in diesem normalerweise von Westwind geplagten Gebiet übel mitspielt: Er ist eher ablandig, mit dem Fliegen wird es nichts. Allerdings geben wir so schnell nicht auf: Mit dem Auto machen wir uns auf die Suche und können schließlich an einem kleinen Berg unser Glück wagen. Ein weiteres Mal muss „Mopsbert“ herhalten, doch es dauert nicht lange, und der Hangwart in Form eines Falken erscheint auf dem Plan. Er hat etwas gegen Raubvogelsilhouetten in seinem Revier, auch wenn es sich dabei um stark lädierte EPP-Spaßmöhrchen handelt. Unbeeindruckt von Rollen, Turns und Loopings klebt der Falke so dicht auf sechs Uhr, dass Andreas lieber landet, bevor ich die Objektive wechseln und bessere Fotos machen kann. Tja, Auseinandersetzungen mit Leistungsfliegern können halt sehr kurz verlaufen. Die Landung reicht dem Falken allerdings nicht: Er kreist so lange über uns, bis wir auch als dämliches Fußvolk sein Revier räumen.


Start von einem Lavafeld auf den Westmänner-Inseln

Unsere nächste Station ist Reykjavík. Zunächst fahren wir Richtung Hafen und zeigen den anderen Touristen, dass man am Wikingerdenkmal mehr unternehmen kann als nichts sagend vor Sehenswürdigkeiten rumzustehen: Häändloonschen beispielsweise! Reykjavík ist eine richtig schnuckelige Hauptstadt mit einem Modellflugverein, der über einen Flugplatz mit asphaltierter X-Landebahn von 70 m Länge verfügt. Kein Wunder, dass hier jeden Tag ein paar Modelle durch die Luft brummen.

Nachdem wir die Hauptstadt verlassen haben, machen wir uns auf den Weg zu den Westmännerinseln. Die Wetterstation misst dort an 70 Tagen im Jahr Wind in Orkanstärke und ist damit die windreichste Station Europas. Nun ja, wir scheinen eher einen kontinentaleuropäischen Sommer erwischt zu haben: Als wir auf den Westmännern sind, weht dort nur ein laues Lüftchen. An der Südküste erleben wir aber doch noch ein Flugabenteuer: Wir sind gerade auf einen Hügel gestiegen, als Andreas unten einen Modellflieger entdeckt, zu dem wir erst mal wieder runterlaufen müssen, um ihn nach dem Kanal zu fragen, wie sich das gehört. Er scheint Andreas zunächst nicht zu verstehen und will uns die Fernbedienung erklären. Als ihm klar wird, was wir von ihm wissen wollen, ist er sehr überrascht, da er seit dreißig Jahren Modellflieger ist und noch nie nach dem Kanal gefragt wurde. Manchmal muss es in diesem Land ganz schön einsam sein...

Wovon könnte ich noch berichten? Da war dieser Flughang mit wunderbarem Aufwind, den wir nur durch einen Fehler im bordeigenen Navigationssystem J.U.L.I.A gefunden haben. Auch zum Dynamic Soaring gut, mit Aussicht auf den Gletscher. Leider nicht nur von unseren Modellen umschwirrt, sondern auch von begeisterten Mücken. Oder das „Zagi"-Launchen am Gletscherfuß selbst, wo man ganz nah ausgekalbte Eisberge sieht und es sich anhört, als wäre in jedem Gletscherstück ein Troll gefangen, der sich einen Weg aus dem Eis erkämpft. Oder die Flugkünste der Puffins, dieser Clownvögel, die in der Luft nur ein Tempo kennen: Full Speed! Und schließlich meine Gedanken an einen dieser letzten Urlaubstage, als wir bei acht Grad Außentemperatur, eingehüllt von Nebel und Nieselregen, mal wieder an irgendeinem Berg stehen: Andreas fliegt und ich versuche, mit klammen Fingern den 32. Film in die Kamera einzulegen.

Ach, war das ein Sommerurlaub! Aber ich würde trotz-dem gerne wiederkommen! Schließlich sind wir ja keine Weicheier...
Julia Streich


Bei Blönduós im Nordwesten

Adrenalin pur: der 600 m hohe „Priesterstuhl


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