„Da-damm-damm-da-damm - ahaaa - sees reflections on the water. Golden Eye, he’ll do what I please...“ Erkannt? Das ist Tina Turner im Duett mit Bond, James Bond. Und was hat das alles mit dem Test des Kult-Mini hier in AUFWIND zu tun? Einiges! Denn Dieter Bär, Chefent-wickler bei Tangent, musste ausgerechnet meinen Test-„Kult“ im „Golden Eye“-Design designen. Gemein! Und immer, wenn ich das Modell auch nur ansehe, geht bei mir im Kopf Tina Turners „da-damm-damm-da-damm – ahaaa“ wieder los. Versuchen Sie mal, unter diesen Umständen einen halbwegs lesbaren Artikel zu schreiben.

     Fangen wir ganz vorn an, beim Transport: Wenn der Postmann mit dem „Kult“ zweimal klingelt, hat der Sie schon gefressen. Das niedliche Päckchen, in dem das Modell sanft vor sich hin schlummert, ist satte 2,1 m lang. Klar geht das ohne Anecken durch die Tür – diagonal! Gierig, wie ich bin, kann ich es nicht abwarten: mit dem Cutter flott die Klebestreifen durchtrennt, hoch mit der Pappklappe und Erstaunen – ja ist das Teil denn schon komplett, oder was? Donnerwetter, das nenne ich mal einen hohen Fertigungsgrad „Made in Germany“. Die (ungeteilte; aber neuerdings auch geteilt bestellbare) 2-m-Tragfläche ist schon bebügelt, die Ouerruder sind fix und fertig angeschlagen, die Leitwerke warten nur noch darauf, flott zusammengesteckt zu werden und am Rumpf fehlt nur die Haubenverriegelung. Lächerlich – wirklich Arbeit ist das nicht.

      Okay, in zwei oder drei Stunden ist der „Kult-Mini“ trotzdem nicht an der traumhaft angeströmten Kante. Zwei Hitec-„HS-125MG“ in die Tragfläche (viel fetter darf es nicht sein, sonst liegen die Gehäuse an der frischen Luft), zwei „normale“ Servos und das Servobrettchen in den Rumpf und das V-Leitwerk rucksacktauglich und zum Wandern abnehmbar anmontieren – das war es eigentlich schon. Bevor Sie so richtig in Bastelstimmung kommen, liegt der „Kult-Mini“ eigentlich schon einsatzbereit auf dem Tisch.

     Ein Wort noch zur Tragfläche: Unglaublich, wie steif die ist. In der von mir getesteten „Contest“-Variante des „Kult-Mini“ liegt zur Verstärkung ein dicker Kunststoffholm mitten drin. Da biegt sich nichts!       Leichtgewichte probieren das aus, indem sie sich, die Fläche mit den Flächenspitzen auf zwei Stühlen, lässig mittig auf die frei schwebende Tragfläche setzen. Wahnsinn, die will einfach nicht brechen. Aber Vorsicht, die Betonung liegt auf „Leichtgewichte“ – und das hört bei 50 kg auf!

     „You’ll never know how I watched him from the shadows as a child...“ Endlich startbereit? Nein, erwischt! Ich habe die Lötarbeiten unterschlagen. Und ja, ich gebe es zu, ich hasse das brutzelnde und zi-schende Zeug! Mir ist es selbst nach gut einem Jahrzehnt Modellbau echt ein Rätsel, wieso die Kabel so hartnäckig aneinander pappen. Haben die etwa Angst vor diesem heißen Ding, diese Art verbogenem Schraubenzieher? Warum fasse ich in Eile immer an das falsche (heiße!) Ende und warum ist die Erde keine Scheibe? Fragen über Fragen. Nun, wie auch immer, zu meinem allergrößten Erstaunen ist von meinen mittlerweile rund 100 Fliegern noch nie einer wegen einer defekten Lötstelle abgestürzt. Ein Wunder! Also, Augen zu und durch. Der grüne Multiplex-Hochstromstecker ist als verbindendes Teil zwischen Tragfläche und Rumpf eh schnell gemacht. Übrigens liegen die Kabel serienmäßig in der Fläche. Gut so!

     Aufatmen, flugbereit! Sollte Ihnen das alles zu wenig Arbeit sein, dann können Sie Ihren „Kult-Mini“ natürlich auch unbebügelt bestellen. Aber unter uns, ich würde das keinesfalls tun. Denn erstens sparen Sie nicht wirklich ein Vermögen (es sei denn, Sie sitzen an einer wild sprudelnden gratis „Oracover“-Quelle und haben obendrein Zeit satt), zweitens sind Tragfläche und Leitwerke schlicht perfekt gebügelt. Da bin ich ehrlich, das müssen Sie erst einmal in der vorbildlichen Tangent-Qualität hinkriegen.

     Und drittens, „Da-damm-damm-da-damm - ahaaa...“  – Ja, das „Golden Eye“-Design. So was ma­chen Sie sowieso nicht mal eben aus dem Handgelenk. Eigentlich eher gar nicht. Tangent hat nämlich eine Technik entwickelt, mit der man jedes beliebige Motiv digital auf eine Fläche bringt. Oder besser gesagt, auf die Folie druckt. Bereits ab Werk ist der „Kult-Mini“ so in einem halben Dutzend Design-Varianten lieferbar. Und jetzt aufgepasst: Ihren persönlichen Wünschen sind mit dieser Design-Idee gegen Aufpreis so gut wie keine Grenzen gesetzt: phantastisch bunte Schriftzüge, vielleicht ein Bussard-Vogelfeder-Design? Ein nettes Foto von der Liebsten oder aber der Schwiegermutter? Alles machbar! Und die Optik ist wirklich wie la-   ckiert. Dann aber bitte in Zukunft konsequent gut gehende Bärte verweigern, schließlich wollen Sie das spektakuläre Design ja nicht aus den Augen verlieren.

     „You’ll never know the days and the nights, the tears, the tears I’ve cried...“ So, der „Kult-Mini“ liegt flugtauglich auf dem Tisch, wir stellen nur noch den angegebenen Schwerpunkt ein. Potztausend, was ist das denn? Das Leitwerk, es zieht den Schwerpunkt böse nach hinten. Kunststück, erstens ist es massiv aus Balsa, fast so dick wie mein kleiner Finger, üppig bebügelt und dann auch noch mit zwei M4-Schrauben an den Rumpf fixiert. Das bringt Stabilität ohne Ende, aber übles Übergewicht auf die Waage. Was sagt der Arzt dazu? Es muss Blei in die Nase, und das nicht zu knapp. Nachdem der Schwerpunkt so ungefähr für die ersten Starts auf der Werksangabe liegt, finden sich über 160 g Blei in der „Kult“-Nase. Mehr habe ich nicht! Aha, denke ich mir, das Modell ist im Hinterkopf der Tangent-Mannen eigentlich als Elektrovariante konstruiert. Mit fettem Brushless müsste es ohne Trimmblei gehen.

     Sei es drum, der Schwerpunkt passt jetzt, raus zu den ersten Gleitversuchen an meinen kleinen Haushang. Ab in die bewegte Luft mit dem Teil und – hoppala! Leichte bis mittelschwere Panik in meinen vor Schreck geweiteten Augen. Da stimmt was nicht! Der „Kult-Mini“ hängt in der Luft wie der viel zitierte Schluck Wasser in der Kurve. Da ich den Schwerpunkt nach Vorgabe eingestellt habe, hapert es offensichtlich mit der korrekten EWD. Hätte ich ja auch mal nachmessen können, aber die offensichtlich passgenaue Leitwerksanformung am Rumpf schreit geradezu danach, diesen lebensnotwendigen Schritt salopp unter den Tisch fallen zu lassen. Das war knapp, so eben noch gut und ohne fiesen Kratzer gelandet.

     Den Angstschweiß von der Stirn gewischt, raus mit dem Modell aus dem feuchten Gras und rauf auf den heimischen Operationstisch. Schnell nachgemessen: die serienmäßige EWD liegt bei jenseits der 2,5 Grad. Beim alten „Amigo“ macht das nichts, der „Kult“ aber kann damit nicht fliegen. Gut, dass das Leitwerk demontierbar ist. Zwei Sperrholzplättchen unter der vorderen Verschraubung minimieren die EWD auf knapp 0,5 Grad. Heureka, der zweite Versuch. Und jetzt geht das Modell gescheit.

 


Läuft nicht von alleine, der „Kult-Mini“ will um alle drei Achsen gesteuert sein.


bildSo etwas hat nicht jeder: die Kult-Flächen im „Golden Eye“-Design.

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Volle Kraft voraus! Natürlich ist der „Kult“ kein HLG, lässt sich aber angenehm aus der Hand starten.


Da der „Kult-Mini“ eine kaum messbare V-Form hat, besitzt er eine sehr schlanke Silhouette. Die Rumpfform ist klassisch, aber dynamisch.


Das Leitwerk hat auf der Oberseite „Golden Eye“ und ist von unten gelb. Das übersieht keiner!


Die Anlenkung der Leitwerksruder erfolgt ganz klassisch mit Stahldrahtkonstruktionen.


Zwei stabile M6-Schrauben halten die Fläche unverrückbar am Rumpf.

     „Golden Eye, I found his weakness – Golden Eye, no time for sweetness...“ Apropos gescheit gehen: der „Kult-Mini“ ist nichts für Einsteiger, obwohl die Größe fast dazu verleitet. Aber er will korrekt um alle drei Achsen gesteuert sein. Nur mit Querruder um die Ecken „mogeln“, das klappt beim „Kult“ partout nicht! Und obwohl die Tragfläche mit ihrer relativ großen Flächentiefe auf den ersten Blick gemütlich und nach Thermikschleicher aussieht, ist sie das ganz sicher nicht! Der „Kult-Mini“ braucht Tempo. Und das ordentlich. Zu geringe Fahrt quittiert das Modell ganz schnell mit einem Abkippen über die Tragfläche – ein Flugzustand, den man speziell beim Landeanflug nicht besonders gern hat. Doch wenn die Strömung dann doch einmal abreißt, keine Panik: der 2-m-Mini ist so stabil, meist bleibt alles ohne erkennbaren Schaden. Speziell die „Kult“-Tragfläche übersteht mittelschwere Steck-Attacken in einer steinigen Wiese am Lieblingshang, und das recht locker. Problematischer ist der GFK-Rumpf. Der kommt mit der Tragfläche in punkto Härte nicht ganz mit und honoriert böse Landungen und stehende Neunen mit spontanen Rissen. Was einerseits normal, aber andererseits schnell mit einer Matte repariert ist. Wieso nicht vorsichtig fliegen? Nun, die Tragfläche des „Kult-Mini“ ist halt so außergewöhnlich stabil, dass es geradezu zu den gemeinsten Spielchen an den Knüppeln verleitet. Strecke macht der „Kult“, das ist erstaunlich. Es muss an dem speziellen „TA-Strak“ liegen, mit dem er profiliert ist. Besser nicht unter die Fläche gucken, die hat nämlich keine gerade Unterseite, sondern einen leichten S-Schlag! Sehr ungewöhnlich, aber die Praxis zeigt, dass der Mini damit flott am Hang unterwegs ist. Lediglich das Auskurbeln von Thermik hat mich nicht wirklich überzeugt. Aber wozu? Wer am Hang unterwegs ist, der turnt lieber rum. Ein entspannter Thermikgleiter ist der „Kult-Mini“ sicher nicht.

     So, und das beantwortet gleich die Frage, für wen der „Kult-Mini“ gemacht ist. Auf jeden Fall für den Piloten, der einen perfekt vorbereiteten Segler zu schätzen weiß, dessen Herz für ein außer-gewöhnliches und individuelles Design schlägt, und der flottes Herumgeturne an kleineren Hängen mehr mag, als langsames Herumgeeiere am Strömungsabriss. So stabil, wie die „Kult“-Tragfläche ist, taugt sie sicher auch für mäßiges Dynamic Soaring - es muss halt nicht immer 100-Prozent-Kohle sein. „With a Golden Eye - golden - Golden Eye...“

Torsten Falk
Fotos: Markus Schilling



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