SEGELFLUG semiscale

Der Himmels-Pinocchio

„Long Fox“ von Staufenbiel



Pinocchio war zunächst nur ein Stück Holz. Unter den geschickten Händen von Geppetto, dem Holzschnitzer, entstand daraus eine Marionette. Doch kaum vollendet, fängt die Puppe an zu reden. Überglücklich nennt Geppetto seine Puppe, oder besser seinen Sohn, „Pinocchio“. Dessen Nase wächst, sobald es der Bengel mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. In unserem Fall geht es jedoch um ein Segelflugmodell im Vertrieb von Staufenbiel. Das sauber lackierte Design fällt sofort ins Auge und wirft die Frage nach der ungewöhnlichen Bezeichnung auf. Eine Internetrecherche endete auf der Seite von Dr. Dietmar Poll in Österreich. Meine Frage nach dem „Long Fox“ beantwortete er wie folgt:

     „Der Pinocchio ist das Flugzeug, das ich 1993 gezeichnet habe. Nachdem ich die komplette Erprobung des „Swift“ für die Serienzulassung gemacht und den ersten „Swift“ für mich gekauft hatte. Die Polen haben daraus den „Fox“ gemacht, der mich nie zufrieden gestellt hat. Ich hatte den ersten, SP-3599, zuerst für mich gebaut. Er wurde dann verkauft, beschädigt, ich habe ihn zurückgekauft und daraus den „Pinocchio“ in Rekord- zeit von viereinhalb Monaten – vom ersten Handgriff bis zum ersten Flug – gebaut. Die Unterschiede zum „Fox“ auf den ersten Blick:

  • Der Rumpf ist vorne wesentlich steifer und 160 mm länger, mit viel Kohlefaser gebaut.
  • Das Fahrwerk ist einziehbar, mit Scheibenbremse, gefedert und im Leerschwerpunkt installiert,  um das Bodenhandling zu erleichtern, keine Hecklast gegenüber den 72 kg beim „Fox“.
  • Ein Bugrad schützt die Nase und erleichtert durch Ablegen der Nase am Boden wesentlich das  Einsteigen.
  • Die Steuerung ist bei weitem präziser und völlig anders konzipiert als beim „Fox“.
  • Der hintere Sitz gewinnt 110 mm und damit genügend Beinfreiheit, der vordere Sitz 50 mm und eine liegende  Position.

Das Modell von Reichard entspricht nicht dem „Pinocchio“, es hat eigentlich einen „Fox“-Rumpf. Ich habe aber auch daraus ein „Pinocchio“-Modell gebaut. Beste Grüße, Dr. Dietmar Poll.“

     Staufenbiels Langnase ist also ein normaler „Fox“ im Maßstab 1:5, der seit kurzem ja auch den „Solo-Fox“ zur Seite hat. Hersteller ist die Firma Reichard. Das Modell hat einen GFK-Rumpf und die Reichard-typischen Tragflächen in Styro/Balsa-Bauweise, verstärkt mit GFK-Gewebe und Kohlerovings. Auf die tra- ditionelle Flachstahlsteckung verzichtete man zu Gunsten eines kräftigen 16-mm-Rundstahls. Die Trag-flächen würden sich auch hervorragend zum Vertreiben von Einbrechern oder den Vertretern religiöser Flugblätter eignen – sind also äußerst stabil. Der Rumpf ist wahrlich glänzend verarbeitet, das „Pino-cchio“-Design ist auflackiert. Alle wichtigen Kleinteile liegen in bester Qualität bei, ebenso eine kurze Anleitung mit den wichtigsten Daten. Der hochwertige Dekorbogen sorgt für das Tüpfelchen auf dem I.

     Die Montage des „Long Fox“ beschränkt sich ARF-typisch auf den RC-Einbau inklusive der Servobretter und der Störklappen. Alle Passungen sind sehr genau gelungen mit schönen Detaillösungen, wie zum Beispiel der Arretierung der Tragflächen durch stabile Inbusschrauben. Der Rumpf ist absolut stabil. Zum ersten Mal habe ich auf zusätzliche Kohlerovings gänzlich verzichtet. Die Querruder werden von jeweils zwei Servos angelenkt. Das ist aufgrund ihrer Länge eine gute Entscheidung. Der Rumpf nimmt die Servos für Höhen- und Seitenruder auf. Die Ruder sollen mit Bowdenzügen angesteuert werden. Hier könnte nachgebessert werden, denn bekanntlich ist das Seitenleitwerk des Fox stark nach hinten gepfeilt – Seilzüge wären hier die erste Wahl. Als Testmodell wird der „Long-Fox“ allerdings ganz nach Vorgabe aufgebaut. Bei Staufenbiel, dem deutschen Exklusivanbieter der Reichard-Modelle, werden solcher Art Verbesserungsvorschläge auf dem „kleinen Dienstweg“ behandelt. Aktuell wird der „Long-Fox“ mit einem GFK-Höhenleitwerk ausgeliefert, dabei sitzt das Servo in der Dämpfungsfläche.

     Der Modellgröße und -auslegung entsprechend haben nur sehr gute Servos und stabile, spielfreie Anlenkungen ihre Daseinsberechtigung. Ich habe auf Servos der „Tiger Karbonite“-Klasse von Multiplex mit 3-mm-Schubstangen und Kugelkopfanlenkungen zurückgegriffen. Eine Doppelstromversorgung ersetzt das Trimmblei in der Nase. Der Bau verlief insgesamt problemlos, die erfreulichen Details und das gute Zubehör machten Spaß.

     Das Modell hat stattliche Maße, lässt sich aber zum Start gut greifen, und ist mit 6,2 kg auch hier noch im grünen Bereich. Ein Modell ist so gut wie die persönlichen Erwartungen es zulassen: Hangflug, besonders an der Küste, bedeutet kräftiger bis starker Wind beim Start, so gut wie keine Notlandemöglichkeit, ein oftmals riesiger Leewirbel und ein Landeplatz von der Größe eines Badetuches. Dazwischen natürlich Auftrieb ohne Ende. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Handlings beim Start, eine gewisse Gutmütigkeit in der Startphase, hohe Festigkeit bei mäßigem Gewicht und funktionierende Landehilfen bei voller Steuerbarkeit in der Endphase – hochgestellte Querruder würden hier nicht helfen!

     Der Erstflug an der Ostseeküste verlief ohne Überraschungen. Nach einem kräftigen Schubs über die Kante erwiesen sich Schwerpunkt und Ruderwege als passend, das „Angstblei“ durfte auch wieder entfernt werden.


Viel Platz im Rumpf, da gibt es auch für einen richtigen Cockpitausbau noch Möglichkeiten.

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Mit Schwung über die Klippenkante zum Erstflug!


Hier ist die doppelte Anlenkung der langen Querruder gut sichtbar.


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Der „Long-Fox“ ist ein Kunstflug-Allrounder für den täglichen Einsatz an Klippe, Hang und in der Ebene.

Fakten

„Long-Fox“ von Staufenbiel

Ein Kunstflug-Allrounder im modernen Design

Spannweite: 3.500 mm
Länge: 1.900 mm
Fluggewicht: 6,2 kg
Profil: E-311

Ruderausschläge:
Querruder: -12/+7 Grad
Höhenruder: +/-15 Grad
Seitenruder: r/l15 Grad

Schwerpunkt: 80 mm

Preis: 529,- Euro; Bezug bei Staufenbiel, Tel. 040/30061950, www.modellhobby.de.

Bei den Flugeigenschaften setzt sich die Reichard-Tradition – der „Lunak“ aus dem glei-chen Hause ist seit Jahren bewährt – des Kunstflug-Allrounders fort: Die direkte Folgsamkeit auf allen Rudern und die gute Neutralität wird durch eine gewisse Gutmütigkeit bei Start und Landung ergänzt. Natürlich lassen sich diese Eigenschaften durch Schwerpunktverschiebung und Änderungen an der Einstellwinkeldifferenz in Richtung „Gleitbombe“ ver-ändern, die Festigkeit ist mehr als ausreichend.

Selbst bei suboptimalen Auftriebsbedingungen kann das Modell an den Start gehen, darunter leidet allerdings der Spaßfaktor ganz erheblich. Bleibt zum guten Schluss die Frage nach Thermikeigenschaften, und die kann mit einem klaren „besser als gedacht“ beantwortet werden, tatsächlich sind schon bei mitt-leren Bedingungen ausgedehnte Thermikflüge mög-lich.

Jörg Kukla



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