Mitte Februar, es ist kalt. Zäher, farbloser Nebel liegt über dem Meiersberg, „meinem“ Flugplatz. Kein Lüftchen regt sich. Plötzlich pfeift es leise in der diesigen Suppe. Es wird lauter, kommt näher – und dann rauscht ein F3K-Modell haarscharf an meiner Nasenspitze vorbei, verschwindet Sekundenbruchteile später im Grau. Handlauncher im Frost – ja geht denn das? Und ob!

Handlaunchen geht eigentlich immer. Wenn nur das Modell mitspielt. Ein robustes F3K-Modell, das solche Übungen bei „leicht perversem“ Wetter aus dem Effeff beherrscht, ist der „Long Shot“ aus der konstruktiven Feder von Ivan Horejsi. Bei uns im Lande seit drei Jahren bei Modellbau Bichler im Vertrieb. Seit ein paar Wochen gibt es nun den „Long Shot 2“.

Und das ist neu: Die coole Rumpfkeule aus Kevlar/Kohle fällt sofort auf – sie ist ausgesprochen fest. Nicht weniger neu ist das profilierte GFK-Höhenleitwerk mit Schaumfüllung. Das Ruder ist schon angeschlagen. Darunter gehört natürlich stilecht ein CFK-Pylon – auch der ist mit dabei. Geblieben ist die von allen Seiten hoch gelobte Glas/Styro/Kohle-Tragfläche, mit einem Profil von Mark Drela. Eine weitere Neuerung ist unter der Tragfläche: Die Servos sind eine handbreit näher an die Wurzelrippen gerückt und nun vor dem Kohleholm. Das freut einerseits den Schwerpunkt, beziehungsweise den, der ihn einstellen muss, und das Servo an sich. Denn im dicksten Bereich der extrem schlanken Fläche bekommt das Servo wenigstens im Flug keine kalten Füße.

Kommen wir zum Bau: Jeder, der mit 5-Min.-Epoxy so umgehen kann, dass hinterher nicht der ganze Tisch versaut ist, der dürfte mit dem „Long Shot 2“ null Probleme haben. Für alle Fälle gibt es im Netz unter www.modellbau-bichler.de die passenden Baustufenfotos. Und da wir gerade beim Thema sind: Die Anleitung ist kurz und gut und international – Englisch! Als Erstes werden die beiden Tragflächenhälften zusammengeharzt. Die Wurzelrippen aus Balsa geben den passenden Winkel von sechs Grad pro Seite vor. Super! Dabei kann selbst ein Bastler mit zwei linken Händen nichts vermasseln. Jetzt oben und unten in der Flächenmitte kleine Stücke aus Kohlegewebe auflaminieren – auch die liegen bei. Das klingt komplizierter als es in Wirklichkeit ist: Das Gewebe klebt bereits auf braunem Paketband. Ausschneiden, mit Harz tränken, an die passende Stelle legen und mit Tesa und leichtem Druck der Fingerspitzen reiben. Sparsam mit dem Harz umgehen, dann kann eigentlich nichts schief gehen. Nach dem Trocknen Tesa abziehen und das Paketband mit einer scharfen Klinge abfummeln. Und schon strahlt uns eine perfekt laminierte Sichtkohle an. Gleiches noch einmal im Bereich der linken Tragfllächenspitze, wo später bei Rechtshändern der Wurfstift reinkommt. Nun noch die Servos einschrumpfen, in die Tragfläche kleben und von außen mit einem Stück Strapping-Tape sichern.

An dieser Stelle ein Wort zu den Servos: Üblicherweise sitzen beim „Long Shot“ 9-g-Servos mit 11 mm Dicke in der Tragfläche. Aber da ich im harten Dauereinsatz mit diesen Servos immer häufiger ein zunehmendes Spiel an den Querrudern feststellen durfte – da flattern die Ruder und die Wurfhöhe verpufft – habe ich im „Long Shot 2“ erstmals „HS-65HB“-Servos mit Karbonite-Getriebe von Hitec eingepflanzt. Die sind knapp 2 g schwerer und um 1 mm dicker – was aber vor dem Schwerpunkt nicht wirklich dramatisch ist. Natürlich habe ich dabei nicht an windschlüpfrig fliegende Aerodynamik-Puristen gedacht: Die bekommen bei jedem Blick unter meine Tragfläche eine Existenzkrise, denn die Hitec-Servos stehen gut 1,5 mm nach unten aus der Tragfläche raus. 6-g-Servos, die unsichtbar in der Tragfläche verschwinden, kann ich nicht empfehlen: Die tiefen Flaps schlagen mit ihrer Masse den kleinen Rudermaschinen gern die winzigen Zähnchen aus.

Weiter am Rumpf: Der Leitwerksträger wird auf die passende Länge gekürzt und am schmalen Ende mit Säge und Feile für die Aufnahme des Seitenleitwerks geschlitzt. Wenn ich einen Wunsch frei hätte: Kann das nicht ab Werk erfolgen? Mich nervt dieses Rumgefeile und besonders Einsteiger raspeln sich leicht ein schiefes Leitwerk an das Modell. Das beiliegende Seitenleitwerk ist schön gemacht: 3-mm-Balsa, vorbildlich oben und unten abgesperrt, senkrecht steht ein Kiefernholm mittendrin und waagerecht halten zwei hauchzarte Kohleplättchen alles zusammen. Dass das alles unbespannt gerade einmal 7 g auf die Waage bringt, ist schon erstaunlich. Und als wäre das noch nicht genug, ist obendrein die Nasenleiste rund verschliffen.

Jetzt den CFK-Pylon für das ebenfalls bereits fix und fertige Höhenleitwerk an die runde Form des Leitwerksträgers anpassen (Schleifpapier um einen Kohlestab wickeln), mit ein paar Zentimetern Kohleroving annähen und mit reichlich Sekundenkleber sichern. Vorher natürlich die Leitwerke senkrecht zueinander ausrichten. Dann wird der Träger an die Rumpfkeule geklebt.

Der Rest ist „business as usual“: zwei 6-g-Servos für Höhen- und Seitenruder werden mit dem Servobrettchen in die Rumpfkeule gesetzt, das gleichzeitig den Rumpf verstärkt. Hier also nicht einsparen. Dann in die Nase einen inline verlöteten Akku aus vier 350-mAh-KAN-Zellen und obendrauf den Schulze-Empfänger „alpha 4“. Schließlich werden die Ruder mit Anglerfaden und 0,3er- oder 0,5er-Stahlfeder in den Rudern angelenkt und der Schwerpunkt bei 80 mm mit einem winzigen Stückchen Blei in der Nase eingestellt. Okay, ganz so flott, wie es sich hier liest, geht der Bau im richtigen Leben nicht über die Bühne: Etwa 14 Stunden darf im Keller gewirbelt werden.

Endlich ab in die Luft: Da pendelt sich der Zeiger langsam bei 330 g ein. Doch das schockiert mich nicht wirklich, gehören die „Long Shot“-Modelle seit Jahren schon eher zu den robusteren Vertretern der Gattung Schleudersegler. Der Aufdruck auf der Packung „ab 280 g“ ist demzufolge zwar nett formuliert, aber doch etwas sehr optimistisch. Ich habe die letzten zwei Jahre sechs „Long Shot“ gebaut – und keiner kam der 300-g-Schallgrenze besonders nahe. Was aber auch kein Fehler ist, denn es gibt ja nicht nur das perfekte Floater-Wetter, sondern auch häufig Wind. Und dann hat man mit etwas mehr Gewicht bessere Karten. Ja, die Stabilität: Ivan Horejsi meint es fast zu gut, aber dafür sind die „Long Shot“-Modelle kaum kaputt zu kriegen. Mein erstes Modell, mit einer Rumpfkeule aus weichem Glas und ein paar Kohlerovings, ist mittlerweile zwei Jahre alt und hat über 3.000 Starts und ein paar Wettbewerbe auf dem Buckel. Fragen Sie doch mal in der Szene rum, wie lange ein superleichtes Wettbewerbsmodell mit hauchzarter Schalenfläche so hält...

Doch jetzt nichts wie raus auf den Platz. Flugplatz? Für einen HLG? Ja, sicher! Ich kann es nicht oft genug sagen: Schleudersegler gehören nicht auf Parkplätze, in Parks oder auf Wiesen mitten in der City mit Laufpublikum. Das Risiko ist einfach zu groß! Sicher, es sind „nur“ etwa 300 Gramm. Aber bei einem trainierten Werfer mit einer Startgeschwindigkeit von jenseits der 120 km/h. Und bitte nicht über die Köpfe anderer Piloten starten, selbst wenn die Windrichtung das so vorgibt. Ich habe mal ein landendes F3K-Modell in den Nacken bekommen – und das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.


Bodenturnen


Als Querruderservos setzte ich erstmals „HS-65HB“ mit Karbonite-Getriebe von Hitec ein. Sie sind aber etwas dicker und stehen aus der Tragfläche heraus


Das Seitenleitwerk ist höchste Modellbaukunst: 3-mm-Balsa, abgesperrt, mit Kiefernholm und waagerecht Carbonverstärkung


Der CFK-Pylon für das Höhenleitwerk wurde mit ein paar Zentimetern Kohlerovings angenäht und mit reichlich Sekundenkleber gesichert.

Die ersten Starts erfolgten in der klassischen Speerwurftechnik. So konnten in Ruhe die genaue Einstellwinkeldifferenz (EWD) und der dazu passende Schwerpunkt ermittelt werden. Ausgebuffte Profis lassen sich dazu einige Dutzend Flüge Zeit. Die beim „Long Shot 2“ durch den neuen Pylon vorgegebene EWD passte – serienmäßig! Jetzt wurden erste Drehstarts probiert, ohne „wilde Gewalt“, nur mit Technik. Schnell stieg der neue „Long Shot 2“ in einem nicht zu steilen Winkel in den stahlblauen Himmel. Kein Pendeln, kein Flattern – ja, so muss das aussehen! Am oberen Punkt kurz nachgedrückt, schon glitt er auf der Suche nach Thermik durch die Lüfte. Zum gemütlichen Einkreisen wurden die Klappen auf Thermikstellung gesetzt, also gut 3 mm nach unten. Einmal artig im Bart zentriert, wurde die Thermik gemütlich mit dem Seitenruder ausgesteuert. Und dies alles bei einem Test im Januar und Februar. Zugegeben, die Hammerthermik aus dem Frühjahr fehlte noch. Aber selbst bei den frostigen Bedingungen waren Flüge von zwei bis drei Minuten nicht selten. Landungen waren mit dem „Long Shot 2“ ein Genuss: Die großen Klappen wurden 30-40 mm nach unten gestellt, dann stieg das Modell im Schritttempo und im 45-Grad Winkel aus dem Himmel herab. Auf den letzten Metern wurde noch leicht gezogen und schon landete es leicht wie eine Feder in die Hand.

Alles bestens also? Nicht ganz, es gibt auch Kritik: Die muss sich Ivan Horejsi für den trendig flachen, aber unprofilierten Wurfstift gefallen lassen. Das nur 2 mm dicke Carbon-Teil ist nicht nur scharfkantig, sondern löst sich auch alle 20 Würfe aus der Tragfläche, das nervt Vielflieger wie mich! Also raus damit und einen 6-mm-Kohlestift rein. Der hält die ganze Saison.

Keine Frage, Ivan Horejsi hat es raus. Der „Long Shot 2“ hat die guten Anlagen seines Vorgängers geerbt und setzt mit sinnvollen Detailverbesserungen noch eins drauf. Bei allen Highlights, und der großen Qualität der einzelnen Bauteile, ist der Preis ein echtes Angebot. Für das Geld bekommen Sie ein gut durchdachtes Modell, an dem Sie lange Spaß haben werden. Ein echtes „Allwetter“-F3K-Modell, das nicht gleich vor der ersten Böe zurückschreckt. Die Tragfläche nimmt auch Regen und Schnee nicht krumm. Und sollte eine Landung mal daneben gehen, ist alles mit 5-Min.-Epoxy schnell wieder repariert.

Torsten Falk, Fotos: Ute Atzwanger




Der „Long Shot 2“ ist ein stabiler F3K-Floater, der auch bei ungünstigen Bedingungen noch einsetzbar ist · Dank der großen Klappen sind Landungen in die Hand ein Kinderspiel


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