Erinnerungen an die Wurzeln, beziehungsweise an die Anfänge einer Epoche scheinen in unserer hektischen Hightech-Welt wieder mehr an Bedeutung zu gewinnen. Dieser Eindruck entsteht zumindest beim Anblick von mehr als 70 Nachbauten manntragender Segelflugzeuge, die vor 1970 ihren Erstflug hatten.

Die dritte Auflage der „Segler-Classics“ am 3. und 4. September auf dem Segelfluggelände der LSG Bietigheim-Löchgau bestätigte eindrucksvoll den Aufwärtstrend in der Sparte Oldtimer-Modellsegelflugzeuge. Klar, die Richtung geht auch hier immer mehr hin zu groß, größer am größten. Nachbauten in den Maßstäben 1:3 bis 1:2 mit Spannweiten von bis zu neun Metern sind fast schon Standard – es gab aber auch beeindruckend gebaute „kleinere“ Oldtimer zu bewundern.
Was aber macht Oldtimer so faszinierend? Unter den Teilnehmern an den „Segler-Classics“ gab es da unterschiedliche Ansichten. Einerseits ist da die pure Lust an den Werkstoffen Holz und Metall und die Lust etwas Einmaliges und Ausgefallenes zu schaffen. Andererseits die Möglichkeit, sich mit den teilweise ausgefallenen und zur damaligen Zeit oft revolutionären Details der Vorbilder zu beschäftigen und diese maßstabsgetreu und funktionsfähig nachzubauen. Da einige Segelflugzeuge aus den 20er und 30er Jahren nicht gerade über die gutmütigsten Flugeigenschaften verfügten, stellt sich dem Modellbauer oft auch die Frage, inwieweit ein Nachbau über die selben „Eigenarten“ verfügt, beziehungsweise, wie diese umgangen werden können. Aus heutiger Sicht ausgefallene Tragflächen- und Leitwerksgeometrien sowie Rumpfformen, erhöhen zusätzlich den Schwierigkeitsgrad und den Anreiz.


Der Doppelraab von Adolf Geier im Maßstab 1:2,5 (vgl. AUFWIND 6/2005) ist mit einer Rumpfhöhe von über 80 cm ein stattlicher Oldtimer


Höchst erfreulich: Dieses Treffen entwickelt sich immer mehr zum Stelldichein der „echten“ Modellbauer. Die Anzahl der Eigenkonstruktionen und Einzelstücke erhöht sich von Jahr zu Jahr. Somit sind die „Segler-Classics“ inzwischen schlechthin die Informationsbörse für Oldtimer-Modellsegelflieger. Außerdem zeigte eine große Anzahl neuer und auch jüngerer Gesichter, dass das Oldtimervirus immer mehr Freunde infiziert. So zum Beispiel Carlo Simeoni aus Trient (Italien), der es sich nicht nehmen ließ, mit seinem „Kranich III“ teilzunehmen.

Festzustellen war auch, dass die Modelle immer perfekter und detailgetreuer gebaut werden. Das jährliche Treffen bietet eben auch das perfekte Umfeld um sich gegenseitig anzuspornen.


Werner Zerahn auf dem Rückweg von einem Flug mit seiner Eigenbau-„SHK“ im Maßstab 1:3. Das Modell verfügt über ein originalgetreues Pendel-Leitwerk mit Massenausgleich


Eine besondere Augenweide war dieser Nachbau einer polnischen „Orlik“ aus dem Jahre 1939


Die „L-23 Super Blanik“ von Werner Zerahn im Maßstab 1:3 (Spannweite 5,4 m), mit Ansteckflächen 6 m groß und mit einem HQ 3/14 als Tragflä-chenprofil. Werner Zerahn zeigte mit diesem Modell perfekten Kunstflug


AUFWIND-Autor Arnold Hofmann beteiligte sich mit dem Nachbau eines ausgefallenen US-Seglers, dem „BJ-1b Duster“ im Maßstab 1:2,06 (Spannweite 6,30 m). Außergewöhnlich ist die Gestaltung des Rumpfvorderteiles

Und nicht zuletzt begeistert das einzigartige Flugbild der Oldtimer-Großsegler, wenn sie bei herrlichem Sonnenschein in der Thermik ihre Kreise am Himmel ziehen. Wer erliegt da nicht der Faszination sonnendurchfluteter, transparenter Rippentragflächen?

Professionell hatte die Mannschaft um DMFV-Referent Walter Peter für das erste Septemberwochenende ideales Oldtimer-Wetter bestellt: Ruhiges, warmes Spätsommerwetter mit viel Blauthermik bis spät in den Abend. Verpflegung, Fluggelände und Organisation waren wieder topp. Und die geflogenen Modelle zeigten die ganze Entwicklungspalette des europäischen Segelfluges von den Anfängen bis zur ersten Generation GFK-Maschinen. Auch bei den Schleppmaschinen – den Schlepppiloten an dieser Stelle für den unermüdlichen Einsatz vielen Dank – verstärkt sich das Interesse an Oldtimer-Nachbauten. So wurden in Bietigheim zeitgemäße Schleppgespanne gesehen. Und am freiwilligen „Segler Classics“-Wettbewerb – bewertet werden dabei subjektiv das Modell sowie die Flugvorführung, die passend zum Flugzeugtyp zu erfolgen hat - beteiligten sich aus dem Teilnehmerfeld 19 Piloten. Die vierten „Segler-Classics“ von DMFV und AUFWIND finden im nächsten Juni in Eversberg (Sauerland) statt.


Der Cockpitbereich des „Super Blanik“ mit seinem aufwändigen Klappmechanismus. Nur ein Beispiel dafür, wie Detaillösungen an einem Original den ganzen Modellbauer fordern können


Während eine „K-8b“ auf eine Schleppmaschine wartet, verfolgen im Hintergrund die Piloten voll konzentriert ihre teilweise einzigartigen Großsegler

Die vereinseigene „Segler-Classics“ der Modellfluggruppe Wächtersberg im Nordschwarzwald findet vom 19. bis 21. Mai statt. Die Wächtersberger Modellfluggruppe hat sich entschlossen die Baujahresgrenze – bisher musste das Original seinen Erstflug vor 1970 absolviert haben – auf das Erstflugjahr 1975 auszudehnen. Kontakt für diese Veranstaltung bei Falk Waidelich, Tel. 07051/2647, E-Mail: falkwaidelich@aol.com.

Redaktion Großsegler


Die Mannschaft um Arnold Hofmann gönnt sich und ihren Oldtimern eine kleine Pause


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