Kleine Elektro-Funflyer gibt es wie Sand am Meer: ARF, ARC, aus Schaum usw. Warum also sollte jemand auf die Idee kommen, ein solches Modell in vielen Stunden Arbeit selbst aufs Papier zu bringen? Zudem „nach alter Väter Sitte“ aus Holz aufgebaut. Soll ich ehrlich sein? Ich weiß es nicht, warum es jemand machen sollte. Ich kann nur sagen, warum ich es selbst getan habe.

     Rückblick (vgl. AUFWIND 2/2008): Mit der niegelnagelneuen CNC-Fräse von Step-Four im Kofferraum befinde ich mich zwischen München und Karls-ruhe auf der A8. Seit der Abfahrt in Salzburg sinniere ich lautstark über Projekte, die mit der neuen Fräse angestellt werden könnten. Plötzlich kommt mir dieser EPP-Funflyer „Poly 3D“ des französischen Herstellers Polymodel (www.polymodel.fr) in den Sinn, den ich vom Elektromeeting in Epinal mitgebracht habe. Mein Sohn hat immer noch eine Mordsfreude mit dem Modell. Es hat hervorragende Flugeigenschaften und ist preisgünstig zu motorisieren. Warum also nicht das Konzept übernehmen und aus Holz konstruieren? Alle Einzelteile gefräst, schön stabil und alltagsgerecht aus Pappelsperrholz. Das wäre doch eine Bank! Zudem eine fantastische Gelegenheit, sich mit CAD und CNC intensiv zu beschäftigen und erste Erfahrungen zu sammeln.

     Also ran ans Werk: Unter Mitnahme der grundlegenden Maße (Länge,   Spannweite, Flächentiefe, Leitwerksabstand) wurde der „Poly 3D“ auf den Bildschirm gebracht. Auch der Name wurde nun kreiert: „Poly“ in Anlehnung an das französische Konstruktionsvorbild und „Wood“ aufgrund des verwendeten Materials – „Polywood“! Klingt doch ganz gut, oder?

     Zunächst der Flügel: Ein selbst gezeichnetes vollsymmetrisches Profil und große Querruder aus 4 mm dickem Brettmaterial. Der Holm ist stehend als so genannter Kamm-Holm ausgeführt. Das heißt, die Rippen werden von oben eingesteckt. Zwischen den Rippen wird der Hauptholm großzügig ausgeschnitten. Die Holmober- und -unterkante ist zwischen den Rippen leicht konkav ausgeschnitten. Das dient dazu, dass nach der Bespannung keine aerodynamischen Stolperkanten entstehen, wenn die Folie zwischen den Rippen leicht einfällt. Die Nasen- und Endleisten werden ebenfalls in die Rippen eingesteckt. Mit den Frästeilen lässt sich der ganze Flügel innerhalb einer halben Stunde aufbauen. Aber auch beim Bau nach Plan geht es schnell, denn alle Rippen haben die gleiche Größe. Die Querruder werden in Stabbauweise aufgebaut. Für einen stabilerem Sitz und vergrößerter Klebefläche werden die Querstäbe halbrund in Nasen- und Endleiste eingelassen. Wegen weitest möglicher Vereinfachung des Modells ist die Tragfläche einteilig und fest im Rumpf verklebt – bei 80 cm Spannweite ein legitimes Mittel. Und weil es mir immer zuwider ist beim Bau dieser Art Modelle Servoverlängerungen löten zu müssen, wurden die Querruder bis in den Rumpf hinein geführt und werden dort direkt von je einem Servo angesteuert.

     Der Rumpf ist eine einfache und offen aufgebaute Kastenkonstruktion. Angesichts leichter Brushlessmotoren habe ich das Rumpfvorderteil im Ver-    gleich zum „Poly 3D“ um einige Zentimeter verlängert. Die Spanten werden zwischen die Seitenteile geklemmt und mit Rumpfboden, beziehungsweise  Rückengurt fixiert. Ein langer Rumpfdeckel gewährleistet optimalen Zugang zu Motor, Akku und Servos. Beplankt wird er mit einem Streifen 0,4-mm-Sperrholz. Um den Nachbau des Modells zu erleichtern wurde auf eine Kabinenhaube verzichtet. So ein offenes Cockpit mit beispiels-weise einer Silhouettenfigur sieht doch auch viel besser aus – oder? Der Sporn ist ein einfaches Sperr-holzteil. Das Fahrwerk kann aus Reststücken 1,5-mm-Stahldraht gebogen und direkt an den Spant angeklebt werden. Alternativ kann auch aus einem 2x15-mm-Aluminiumflachmaterial aus dem Baumarkt ein Fahrwerk gebogen werden. Das sieht ungleich besser aus und bietet auf unebenem Gelände viele Vorteile.

      Die Leitwerke bestehen aus 3 mm dickem Pappelsperrholz: Höhenleitwerk und -ruder werden wieder in Stäbchenbauweise aufgebaut, Seitenleitwerk und -ruder dagegen „aus dem Vollen“ gefräst, bezieh-ungsweise geschnitten. Keine Panik übrigens – und das gilt auch für die Querruder – wenn die dünnen Teile sich beim Bau stark verziehen. Beim Bügeln lässt sich das einfach korrigieren.

     Dank CAD-Konstruktion und CNC-Fertigung konnten am „Polywood“ sehr umfangreiche Steck- und Verbindungsdetails kreiert werden, die den Aufbau des Modells erleichtern und die Stabilität fördern. Wer das Modell nach Bauplan bauen will, muss diese Details natürlich nicht alle übernehmen – glauben Sie mir, es ist eine Heidenschnippelei! Selbstverständlich kann der Bauplanbauer auch die Materialauswahl frei wählen. So lassen sich mit dem Materialtausch einzelner Teile auf Balsaholz bestimmt noch einige Gramm sparen. Der Frästeilesatz des Modells wird ganz in Pappelsperrholz angeboten. Und gleich vorweggenommen: Mit rund 700 g Fluggewicht ist alles im grünen Bereich! Haben Sie schon mal ein Mo-dell ausschließlich mit Pappelsperrholz gebaut? Das ist eine herrliche Sache.

      Zum Finish wird gebügelt. 1,5 m „Oracover“-Folie reichen bei sorgfältigem Zuschnitt locker aus. In transparent sieht so ein Modell immer stark aus. Etwas tricky ist das Bügeln des Übergangs vom Seiten- zum Höhenleitwerk. Hier hilft ein „Trockendurchgang“ weiter, bis man sich über die Reihenfolge im Klaren ist und darüber, wo genau was festgebügelt wird.

      Den Antrieb und die Servos wurden bei Lippis Aviation Shop (www.l-a-s.com) bestellt. Der Shop bie-tet auch den originalen Frästeilesatz an. Der Motor ist ein „A-2212/10“ von Jamara, mit 40-A-Regler und 8x4”-Luftschraube. Ein 3s-LiPo mit 2.000 mAh reicht für über 40 Minuten Flugspaß. Die Servos sind 9-g-Exemplare. Der Empfänger – im Prototyp ein „Pico 4/5“ von Multiplex – passt zwischen Hauptholm und Nasenleiste im Rumpf.

      Der Anbau des Motors erfolgt Open-Air. Das heißt, er wird einfach von ganz vorne mit Rückwandbefestigung an den Spant geschraubt. Dies sorgt für eine gute Kühlung, den richtigen Schwerpunkt und sieht auch herrlich technisch aus. Wer will, kann sich aus einem Joghurtbecher oder Ähnlichem eine Motorhaube dran basteln. Der LiPo-Akku wird einfach in den Rumpf gelegt – er liegt ohne weitere Sicherung fest genug.

     Da stand er also nun, der kleine „Polywood“. Mit 712 g Fluggewicht. Kann ja eigentlich nichts schief gehen, bei dieser Auslegung. Da ist nichts Experimentelles dran. Der Erstflug war dann auch so unspektakulär wie erwartet: Direkt von der Wiese gezogen und steil nach oben. Die Motorleistung ist mehr als ausreichend und gut für zügige, fast senkrechte Steigflüge. Die Rollrate ist enorm! Trotzdem fliegt „Polywood“ eigenstabil“ und zügig dynamisch. Kein Vergleich zum EPP-Pendant. Rückenflug ist ohne viel Tiefenruder möglich. Insgesamt lässt sich mit dem „Polywood“ ein fließender Kunst-flugstil absolvieren. Und die erreichbare Topgeschwindigkeit ist auch nicht zu verachten. Aber auch im Langsamflug ist das Modell völlig unproblematisch: Keine Abrisstendenzen, kein nervöses Gewackel. Und selbst bei auffrischendem Wind zieht das Modellchen noch hervorragend durch. Hat man keine ebene Fläche für den Start zur Verfügung, so lässt sich „Polywood“ auch von Hand starten. Dazu wird der Rumpf von oben direkt hinter dem Cockpit gegriffen. Mit einem leichten Schwung aus dem Unterarm heraus wird er dann in sein Element befördert.

     Zwei Wochen nach dem Erstflug des Prototypen stieg dann auch das zweite Modell in den Himmel, gebaut für meinen Sohn. Auch dieses Modell flog vom Stand weg geradeaus und ohne Zicken. Es macht uns einen Heidenspaß, mit den beiden Modellen durch die Lüfte zu jagen. Was wird erst werden, wenn die anderen „Polywood“ bereit sind, die gerade im Verein gebaut werden? Kurzum: Mit „Poylwood“ habe ich ein neues Lieblingsmodell gewonnen. Wann treffen wir uns zum Vergleichsfliegen?

Philipp Gardemin


Komplett aus Pappelsperrholz wird der „Polywood“ aufgebaut.

bildDie Rippen werden von oben in den Holm eingesteckt. Das ausgeschnittene Randbogenbrett dient der Torsionssteifigkeit.

bild
Das Aluminiumfahrwerk wird aus Alu-Stangenmaterial aus dem Baumarkt gebogen. Dort kostet 1 m knapp 2,- Euro – ausreichend für fünf bis sechs Fahrwerke.


Vier 9-g-Servos und ein einfacher Außenläufermotor mit passendem Regler. Alternativ reicht auch ein einziges Servo für die Querruder.


Der Motor wird „Open-Air“ mit Rückwandbefestigung and en vordersten Spant geschraubt. Eine einfache und praktische Lösung.


Durch den abnehmbaren Rumpfdeckel ist der ganze Antriebs- und RC-Einbau gut zugänglich.


Der Handstart aus dem Unterarm heraus ist problemlos. Für den Bodenstart sollte es schon mindestens eine gut gemähte Wiese sein.


Flott, flink und wendig ist
„Polywood“ unterwegs.


Auch auf dem Rücken macht es Spaß. Dahinter huscht übrigens das EPP-Pendant heran.


„Polywood“
Ein 3D-Elektromodell
Spannweite: 800 mm
Länge:   850 mm
Fluggewicht: 720 g
Motor:     A-2212/10
Flugakku: 3s-LiPo 2.000 mAh
Propeller:   APC-E 8x4“
Ruderausschläge: Höhenruder: +/- 20 mm
  Seitenruder: l/r 30 mm
Querruder: +/- 25 mm
Schwerpunkt: 60 mm
   
  • Der Bauplan des Modells besteht aus einem Blatt mit bebilderter Bauanleitung und einer Aufstellung aller Einzelteile. Preis: 19,50 Euro; Bezug bei AUFWIND-Media, Tel.: 07204/947450, www.AUFWIND-media.de.
  • Der komplette Frästeilesatz mit Bauanleitung und Zubehör (Einführungspreis: 49,50 Euro) sowie das Antriebs- und Servoset sind erhältlich bei Lippis Aviation Shop, Tel.: 07204/934555, www.l-a-s.com.
  • Registrierte Mitglieder des Step Four-Clubs können die fertig aufbereiteten Fräsdaten und die Bauanleitung auf der Internetseite von Step Four runterladen. www.step-four.at


Mit gleich mehreren Exemplaren macht es doppelt Spaß. Hier sind übrigens auch die zwei verschiedenen Fahrwerke zu sehen.



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