Nicht etwa, dass wir zur typischen Konsumentenschicht von Red Bull gehören würden, das „Red Bull“-Fliegen jedoch, war uns schon lange ein Begriff und spukte da und dort in unseren wilden Fantasien herum. So ein Fliegen besteht in der Aufgabe, von einer rund sechs bis acht Meter hohen Rampe möglichst weit über das Wasser zu fliegen – mit einem Selbstbaugerät wohlgemerkt. Das simple Regelwerk erlaubt maximal zehn Meter Spannweite, bis 250 kg Abfluggewicht, einen Piloten und vier Starthelfer.

Im Frühling 2004 erfuhren wir, dass ein Event dieser Art in Basel stattfinden sollte. Einige Vereinskollegen der MG Fricktal und ich beschlossen, daran teilzunehmen. Als die „Womit“-Frage auftauchte, fühlte ich mich in meiner Konstrukteursehre herausgefordert. So kam es, dass ein „LOGO“ und sein Verein sich plötzlich an Personen tragende Fluggeräte heranwagten.

Ich entwarf eine dieser Flügelmaschinen und wählte eine passende Startmethode, die in Kombination eine derart große Flugweite erbringen sollten, dass ein Sieg realistisch in Betracht gezogen werden konnte (...jedenfalls vom selbstbewussten Konstrukteur). Davor stand natürlich eine Aufgabenanalyse mit resultierendem Forderungskatalog. Und es zeigte sich schnell die „Kernaufgabe“: die Schwierigkeit, überhaupt Abhebegeschwindigkeit zu erreichen. Gelöst wurde diese Forderung erstens mit einem speziell entworfenen Flügelprofil, das in etlichen Rechenläufen extrem in Richtung großen Auftriebs optimiert wurde. Zweitens wurde das fast zehn Meter lange Flugzeug natürlich möglichst leicht gebaut. Auch der Pilot wurde weitgehend nach diesem Kriterium gewählt, nebst der nötigen Verwegenheit und Flugerfahrung natürlich. Als dritte Maßnahme wurde die Startmethode optimiert. Diese bestand in der Beschleunigung des Flugzeugs durch die vier erlaubten Starthelfer als „Springer“. Das heißt, sie waren durch Zugseile mit dem Flugzeug verbunden und sprangen über die Rampe ins Wasser. Dafür kamen natürlich nur richtig gut gewachsene Männer in Betracht, denn das Springergewicht geteilt durch das Abfluggewicht ergibt die mögliche Beschleunigung. Unsere Springer hatten das Potenzial, fast 50 km/h Endgeschwindigkeit am Flugzeug zu erzeugen (...die Einzelgewichte sind streng geheim, verraten wird nur, dass sich die Ehefrauen teilweise über den plötzlich gesteigerten Appetit ihrer Helden wunderten).

„Power is nothing without control“ – so warb einst Pirelli für Sportwagenreifen. Klar, Flugleistung will auch kontrolliert werden. Bloß wie? Letztlich kreierten wir eine „fly by wire“-Steuerung, also eine echte Hitech-Lösung. Der Pilot erhielt einen alten Sender als „Steuerknüppel“, der mit direkt an den Klappen sitzenden Servos verkabelt wurde. „So gehört sich das für echte Modellflieger“, dachten wir. Jedenfalls hatten wir auf einfache Weise eine Dreiachssteuerung realisiert, die unserem Piloten eine faire Chance bot, den Ausgang des Fluges mitzubestimmen. Dieser wahre Geniestreich – ich weiß nicht mehr, wer auf die Idee kam – gipfelte dann auch im Namen, unter dem wir uns anmeldeten: „Die Ferngestörten!“ Na ja, wir waren bei dieser Wortschöpfung schon leicht beflügelt...


In den Overalls die strengen Prüfer der technischen Abnahme. Wir haben natürlich auf Anhieb bestanden. Gut sichtbar ist die Höhe unseres Fluggerätes mit Startwagen von 3,99 m (...erlaubt sind 4 m)


Cooles Warten auf die Sekunde der Wahrheit

Der Bau der Maschine wurde also von rund zwanzig „beflügelt“ arbeitenden Modellfliegern ausgeführt, alles ausgewiesene Handwerker, vom Metallbauer über Holzbauspezialisten, bis zum Elektroniker. Der Bau entwickelte sich in der rekordverdächtigen Zeit von weniger als zehn Wochen unter der Koordination und Leitung des Konstrukteurs. Auch eine Werkhalle der Fa. De Maddalena und ein LKW zum Transport am Flugtag fanden sich im Verein. Viele der Materialien kamen auf dem Sponsoringweg zu uns – an dieser Stelle nochmals Danke an alle. Und ein Budget von 2.000,- Sfr stellte der Verein zur Verfügung.


Blick auf die Startrampe von den Tribünen. Nur was für echte Kerle da runterzuspringen


Aufmarsch der Gladiatoren, die todesmutigen „Energiespender“, die sich in das Hafenbecken stürzen

Das Airbrush-Design stammte von einem befreundeten Künstler, dem auch der Pub nahe der Werkhalle gehört. Jeder Bauabend fand seine Krönung in diesem Pub, der den sinnigen Namen „No Limit“ trägt. Dort wuchsen die Flügel zu noch viel größerer Spannweite, als das Reglement je gebilligt hätte und die Flugweiten steigerten sich von Skepsis bis Weltrekord.


Ein Mitbewerber stürzt sich soeben ins Verderben


Unser tollkühner Mann hat seine fliegende Kiste mithilfe einer Bockleiter erfolgreich geentert

Ready for take off! Die Helden der Schwerkraft wiehern schon

Als Flügelholme dienten uns alte Surfmasten, die Rippen wurden aus Baustyropor gefertigt, zum Beplanken verwendeten wir Depronplatten. Einige Carbonrovings auf den Rippen und der Styropornasenleiste versteiften das Ganze. Das Höhenleitwerk wurde analog gefertigt, nur ohne Surfmastholm. An dessen Stelle trat ein Schaumsteg, der mit Carbonrovings belegt wurde. Seitenleitwerk und Winglets (jaja, wir haben sogar noch Flügelchen an die Flügel gebaut) wurden aus einem Styroporblock geschnitten, denn es galt Zeit zu sparen. Der Rumpf wurde aus Alurohren zusammengeschweißt. Ebenso der Startwagen, der sich im freien Flug vom Flugzeug lösen sollte.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Getreu diesem Motto führten wir Testflüge hinter einem Geländewagen durch. Diese bestätigten die errechnete Abhebegeschwindigkeit und die gewählten Grundeinstellungen. Ebenso konnte die Steuerung erfolgreich überprüft werden. Minimale Trimmkorrekturen erfolgten so noch vor dem Ernstfall. Hierbei wurde aber nicht das spätere Einsatzfahrwerk verwendet, weil dieses mit seinen Rennradreifen zu empfindlich gewesen wäre. Wir fertigten eigens eine robustere Ausführung.

Der Fahrer des Zugwagens – dessen Name mir soeben entfallen ist – hatte vor dem dritten Testflug wohl Red Bull getrunken. Jedenfalls lag etwas zu viel Speed an, sodass unsere Kreation ziemliche „Unterluft“ bekam. Plötzlich befand sich unser Pilot Sergio in deutlich mehr als Augenhöhe. Diese hatten wir uns aus Sicherheitsgründen als Maximalhöhe vorgenommen. Das ging glücklicherweise nicht ins Auge, sondern verursachte bei allen Beteiligten derartige Adrenalinschübe, dass wir vernünftigerweise die Tests im Pub weiterführten. No Limit – versteht sich!

Stichtag war der 5. September! Am Hafenbecken 2 in Basel traten bei strahlendem Sonnenschein 34 Teams an. Leichter Rückenwind erschwerte die Aufgabe. Fast alle Mitbewerber taten sich damit schwer, sodass die Bestweite vor unserem Flug mit Startnummer elf knapp zwanzig Meter betrug. Nun musste sich alles beweisen, jede theoretische und handwerkliche Bemühung war auf dem ultimativen Prüfstand angelangt.

Rauchpatronen an und Start! Unser „RC-Bully“ so haben wir unser Luftfahrzeug getauft, beschleunigte dank der gut genährten Prachtkerle wie eine Rakete über das Rampenende...

Letztlich wurde unser Luftfahrzeug mittels Kran geborgen. Die einzigen Schäden am Flugzeug stammen leider von dieser Gelegenheit

... und wurde entgegen unserer Planung weiter nach unten gezogen. Der Startwagen hatte sich nicht gelöst! Dann ein Ruck, der Wagen wurde durch das Springergewicht losgerissen und unserem Helden des Steuerknüppels gelang es, die Kiste abzufangen. Gleichzeitig zog unser „RC-Bully“ nach links, was dank der Steuerung ebenfalls kein ernstes Problem darstellte. Was folgte war ein Ausschweben, sauberes Aufsetzen und tosender Jubel im Publikum. Unser Werk flog! Wirklich! Und wie! Die trotz des Startwagenproblems resultierende Weite von 44 m wurde vom Veranstalter elektronisch gemessen. Das war eine Vorgabe, an der alle weiteren Teams scheiterten. Niemand kam mehr über zwanzig Meter. Und da dem Publikum und der Jury unsere technische Performance gefiel, erhielten wir auch das Maximum an „Showpunkten“. So siegten wir mit fast doppelter Punktzahl vor dem zweitplatzierten Team.

Drei Argumente für mangelnde Konzentration am Veranstaltungstag

Apropos Jury: Da war eine Vielzahl an Promis vertreten, die sich bei diesem Job ablösten. Von Schönheitsköniginnen bis hin zu F1-Pilot Felipe Massa. Das hoch attraktive Bodenpersonal der Organisation verursachte da und dort hormonelle Instabilität, vermutlich waren alle Modelagenturen der Schweiz und aus dem angrenzenden Ausland engagiert.

Die spätere Videoanalyse des Fluges ergab, dass sich der Startwagen tatsächlich nicht erwartungsgemäß vom Flugzeug trennte, daher wurde der „RC-Bully“ nach dem Rampenende nach unten gerissen. Dabei verlor er Höhe und Speed. Diesen Trennungsvorgang konnten wir vorher ja auch nicht realistisch testen. In Interviews mit lokalen TV-Sendern hatten wir vor dem Event frech 60 m Flugweite prophezeit. Im Nachhinein betrachtet wäre das tatsächlich machbar gewesen. Dazu hätte sich aber der Startwagen an unsere Absichten halten und sich sofort ruckfrei lösen müssen. Ob er vor dem Flug wohl Red Bull...?

Nun, gewonnen ist gewonnen, immerhin mit Schweizer Rekord für „Red-Bullonauten“. Soweit dem Autor bekannt, wurden größere Weiten auf früheren Veranstaltungen nur mit kommerziellen Fluggeräten (Drachenflieger) von höheren Rampen geflogen. Möglicherweise war unser Flug sogar der Weltrekord für Eigenbauten? Also werden wir unseren Startwagen für das nächste Mal modifizieren und den allgemeinen Rekord anvisieren.

Uns hat das Ganze gewaltig beflügelt, viel Spaß gemacht und den guten Vereinsgeist gefestigt. Wir empfehlen die Nachahmung. Aber Achtung: Es besteht Suchtgefahr! Red Bull verleiht bekanntlich Flüüügel, was zu beweisen war. Wer mehr Bilder sehen will, findet eine weitere schöne Galerie unter www.mgfricktal.ch.

Reinhard Kaufmann
Fotos: Stefan Möller


Das aufgerüstete Flugzeug, noch ohne Startwagen


Denkarbeit am Winglet. Ob das wohl hinhaut?
Die selbstbewussten Sieger beim obligaten „Huronengebrüll“ – das Publikum half kräftig mit


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