Es ist Altweiberfasnacht. Eine Windvorhersage meldet 80 Stundenkilometer in Richtung auf unseren auserwählten Spot. Ideale Vorraussetzungen für drei „DS-Besessene“, um bei Temperaturen knapp über Null zum Hangfliegen zu starten. Hannes Niethammer stand eigens um halb fünf auf, um wenigstens noch für drei Stunden seinen Arbeitsplatz einzu-nehmen. Von den zu fahrenden 840 Autokilometern mal ganz abgesehen. Als wir endlich um 14 Uhr unser Ziel erreicht hatten, stand auch gleich die erste Windmessung an: Spitzen von 92 km/h sahen viel versprechend aus.

Kurz zu den Modellen: Der „SRTL“ von Dietmar Metz hat 2,4 m Spannweite und wiegt 3,45 kg – inklusive 200 g Ballast im Rumpf. Die Flügelschale ist mit zweimal 200-g/qm-Gewebe außen aufgebaut, dann Stützstoff und dann 90-g/qm-CFK-Gewebe. Der Rumpf besteht komplett aus Kohle und hat einen Steg hochkant. Die „DS-Diva“ von Hannes Niethammer, ein Gemeinschafts-projekt mit Patrick Häusler, hat 2,66 m Spannweite, die Flügelschale ist wie folgt aufgebaut: 49-g/qm-Glas, 200-g/qm-CFK, 1,2-mm-Airex und 49-g/qm-Glas. Die D-Box ist abgestuft bis auf 800-g/qm-CFK. Der Holm ist aus UMS-Faser. Der Rumpf ist abgestuft bis zu 800-g/qm-CFK in der Röhre, zusätzlich bis zu 15 UMS-Rovings und einen durchgängigen senkrechten Steg. Das Modell wiegt 3,7 kg.

Hannes flog als erster mit der selbst gebauten „DS-Diva“ und erreichte auch gleich über 383 km/h (239 mph; Meilen pro Stunde). Anschließend startete Joe Mnich. Ihm gelang mit dem „Opus“ nach kurzer Eingewöhnungszeit eine neue persönliche Höchstgeschwindigkeit von 214 mph, musste nach einer Baumberührung aber zum Modellcheck landen. Erstaunlich, was so ein „Opus“ aushält: bei weit über 300 km/h einen Ast gestreift. Nach der Landung konnte die genaue Stelle nicht mal ausgemacht werden. Dietmar Metz flog als Dritter mit dem „SRTL“ und erreichte 398 km/h (249 mph). Es war kaum zu glauben! Nun waren alle drei Piloten richtig heiß auf einen neuen Rekord!

Während Hannes zum zweiten Flug startete wurde Artur Blömker (www.dynamic-soaring.de) angerufen um einen neuen Europarekord anzukündigen. Den bis dahin aktuellen von 421 km/h stellte sechs Tage zuvor Jaromir Ufer mit einem selbst gebautem Modell auf. Und nun flog Hannes permanent um 240 bis 250 mph und erreichte in einer Böe sogar 263 mph, also 423 km/h. Damit war er neuer Europa-Rekordhalter. Seine „DS-Diva“ zeigte dabei keinerlei Schwächen und wendete trotz enormer Geschwindigkeit unheimlich eng ohne Fahrt zu verlieren.

Der Wind nahm gegen Nachmittag weiter zu, glücklicherweise blieb der gemeldete Regen aus. Daher konnte Joe im zweiten Versuch den „Opus“ auf 242 mph beschleunigen, für das „leichte“ Modell eine erstaunliche Leistung. Überaus zufrieden landete Joe das Modell trotz Sturm in die Hand. Jetzt war Dietmar mit dem „SRTL“ wieder an der Reihe. Dank Wind konnten 265 mph geflogen und gemessen werden. Ein neuer Europarekord!

Das Messen erwies sich bei dieser Geschwindigkeit als schwierig. Bei vielen sehr schnell geflogenen Runden wurde keine Geschwindigkeit angezeigt. Die Zeit, die das Modell auf den Erfasser zuflog, war sehr knapp gemessen an der Erfassungszeit der Radarpistole. Setzte man diese Fahrt in Höhe um, schoss man locker über 400 Meter hoch. Theoretisch sind sogar 715 Höhenmeter möglich. Nach solch einem Schuss war es schwierig vor dem Hang zu bleiben. Nur ein Sturz mit dem Wind und anschließendem Vorfliegen machten dies möglich.

Wir jedenfalls waren mehr als zufrieden, hatten wir den neuen Europarekord doch endlich in der Tasche. Damit rückten wir auch an den aktuellen Welt­rekord heran, der Anfang des Jahres in den USA mit 313 mph geflogen wur­­de. Auf der Rückfahrt ließen wir eine kleine Party steigen und freuten uns über die zahlreichen Glückwunsch-SMS und die Anrufe. Eine weitere Steiger­ung der Geschwindigkeiten wäre nach unserer Erfahrung nur bei höheren Wind­geschwindigkeiten und einer höheren Flächenbelastung möglich.

Die 426,5 km/h Grundgeschwindigkeit ergeben beim Durchfliegen der Grenzschicht in rund 100 km/h Gegenwind über 500 km/h „Airspeed“. Welche Auswirkungen in diesem Geschwindigkeitsbereich ein unnötiger Luftwiderstand am Modell anrichten kann, muss wohl nicht erläutert werden. Eine schnellere Radarpistole (Erfassungszeit) ist ebenso empfehlenswert, da viele schnelle Kreise nicht gemessen werden konnten.

Trotz allem Spaß und der Freude über die Geschwindigkeiten darf man die Qualität des Materials nicht unterschätzen. Bei solch extremen Geschwin-digkeiten muss alles hundertprozentig stimmen. Die Modelle müssen für diese Belastungen ausgelegt sein. Zusätzlich sollte man beim Fliegen einen ausrei-chenden Sicherheitsabstand zu sich und vor allem zu seinen Helfern einhalten.

Hannes Niethammer, Dietmar Metz


Der „SRTL“ von und mit Dietmar Metz

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Die selbst gebaute „DS-Diva“ von und mit Hannes Niethammer



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