Fast schon schien verloren, was Generationen von Flugmodellbauern als selbstverständlich ansahen: Der Start in das neue Hobby erfolgt mit einem aus Holz gebauten Flugmodell. Denn das Aufkommen geschäumter Flugmodelle mit all ihren Vor- und Nachteilen brachte eine Generation neuer Flugmodellbauer hervor, die, so scheint es, mit dem Werkstoff Holz nichts anfangen können oder wollen.

Die zum Teil unglaublich niedrigen Preise der so genannten „Schaumwaffeln“ unterstützen den vermeintlichen Trend. Viele der großen Anbieter fügten sich diesem Spiel und stellten Jahr für Jahr ihre Schaummodelle vor – im Wettlauf mit den unzähligen Internet- und Auktionshausanbietern. Auch die bebügelten Holzmodelle aus Fernost erlebten ihre Blüte – so mancher Einsteiger war überrascht zu sehen, was unter der Glanzfolie hervor kam, wenn das Modell mal zerbrach. Reparatur in Eigenleistung? Fehlanzeige.

Statt sich dem Schicksal zu ergeben stellte Aeronaut Anfang des Jahres mit „Rocky“ ein Einsteigermodell in Holzbauweise vor. Nicht nur, dass das Modell rohbaufertig geliefert wird und in althergebrachter Bauweise erstellt wurde, gilt auch der Verkaufspreis von 79,- Euro als Kampfansage gegen die Styropor-, EPP- und sonstigen Schaum-Modelle.

Der „Rocky“ bietet eine dreiteilige Rippentragfläche mit Kieferholzholmen, einen formschönen Kastenrumpf mit Aussparungen und Brettchenleitwerke. All dies vermittelt dem Einsteiger sehr anschaulich, wie sein neues Modell aufgebaut ist. Und er tut gut daran sich alles ganz genau anzuschauen, damit er mitreden kann, wenn über Holme, Rippen, End- und Nasenleisten sowie Spanten und Beplankungen gesprochen wird. Der Lieferumfang umfasst außerdem die Stahldrähte und Kleinteile für die Ruderanlenkungen sowie eine Kabinenhaube mit gestelltem Schnellverschluss. Eine A3-Zeichnung mit Bauhinweisen und eine ausführliche Bauanleitung sollten für den Einsteiger kaum noch Fragen offen lassen.

Selbst wenn jeder Bauschritt zweimal durchdacht wird, ist die Fertigstellung des Modells eine Sache von maximal zwei Nachmittagen. Einzig das Rundschleifen der Nasenleisten und Randbögen an den Leitwerken hält zu Beginn etwas auf und sollte zwecks Einhaltung des Familienfriedens nach außerhalb oder in den Keller verlegt werden. Mit Weißleim und 5min-Epoxid sind die Klebeschritte dann schnell gemacht: die Tragflächenaußenteile an das Mittelteil, die Leitwerke in das Rumpfende und die Kabinenhaube auf das Bodenbrettchen – fertig! Zum Finish wird empfohlen das Modell zu bebügeln – dem schließen wir uns an dieser Stelle an. Jedoch sollte der erfahrene Modellbauer die Bauteile des Modells vor dem Zusammenbau bebügeln um später die Kanten und Verbindungen sauber zu haben. Doch wirklich nur der, da der Einsteiger oftmals froh ist, wenn er seine Holzteile noch bearbeiten kann. Zuletzt wird noch die Kabinenhaube an ihren Markierungen ausgeschnitten und mit dem Brettchen verklebt. Dieses hat einen aufgeharzten GFK-Streifen auf der Unterseite, der zur Fixierung auf dem Rumpf dient. Vor dem Verkleben mit der Haube sollte in jedem Fall getestet werden, in welche Richtung sich die Einheit am besten auf- und zuschieben lässt.


Feine Teile aus Holz lassen ein ansprechendes Modell entstehen


Auch im Detail, hier die Rumpfnase, lässt die Bauqualität keine Wünsche offen


Die drei Teile der Tragfläche werden stumpf miteinander verklebt. Der erfahrene Modellbauer kann auf dieser Basis die Fläche dreiteilig zum Stecken bauen, zum Beispiel als Urlaubsmodell im Reisekoffer



Flottes Fliegen in Bodennähe sind eine Paradedisziplin des kleinen „Rocky“. Im Segelflug offenbarte der Kleine unerwartete Gleiterqualitäten.


Grüner Flieger in grüner Wiese. Der „Rocky“ ist ein handlicher Elektrosegler für jeden Tag und zu jedem Anlass

Zwei 9g-Servos werden für die Ansteuerung von Seiten- und Höhenruder eingesetzt. Die Stahldrähte für die Anlenkung sind bereits einseitig gekröpft und werden am Servo mit Gestängeanschlüssen fixiert – eine gängige und funktionale Lösung. Der erfahrene Modellbauer kröpft die Drähte auch servoseitig passend ab und stellt (s)eine kleine Ungenauigkeit mit dem Mittentrimm des Senders ein. Der Ausschnitt im Servobrettchens ist in der Länge ein wenig knapp geraten, kann aber mit einem scharfen Messer problemlos nachgeschnitten werden. Ein nicht allzu kleiner Empfänger findet seinen Platz unter der Akkurutsche und kann dort mit ein wenig Schaumstoff festgestopft werden.

Für den Antrieb des Modells wird ein 400er-Motor mit 7,2 Volt Nennspannung empfohlen. Mit sieben Zellen 600 mAh NiCd, 1.100 mAh NiMh oder zwei LiPo-Zellen 1.500 mAh ist das ein ausreichendes Kraftwerk für das kleine Modell – und zudem sehr preisgünstig. Der Motorspant ist für den 400er-Motor exakt passend gebohrt. Auch an die Lüftungsschlitze wurde bei Aeronaut gedacht. Optisch gewöhnungsbedürftig dagegen ist die viereckige Rumpfform am Motorspant, die so gar nicht zum runden Spinner passen will. Doch hier den Ästheten zufrieden zu stellen, würde einen erheblichen Produktionsaufwand bedeuten, was sich auf den Preis auswirken würde. So muss der jeweilige „Rocky“-Besitzer selbst entscheiden, wie es ihm gefällt. Sein Fachhändler wird ihm sicherlich ein paar Spinner-, Mittelteil- und Luftschraubenalternativen vorschlagen können. Direkt unter der Kabinenhaube findet schließlich der Regler mit BEC sein Plätzchen. Und der Flugakku (7x HeCell 1.100 mAh NiMh) wird auf der Akkurutsche mit Klettpunkten von www.tolle-kletten.de befestigt.

Mit lediglich 491 g Fluggewicht – deutlich unter der Herstellerangabe – sowie nach Anleitung eingestellten Ruderausschlägen und Schwerpunkt ist der kleine Holzflieger nach wenigen Stunden genüsslicher Bauarbeit bereit zum Erstflug. Dank der abnehmbaren Kabinenhaube lässt sich der Flugakku leicht einsetzen. Es muss nur darauf geachtet werden, dass die Anschlusskabel den Sitz der Kabinenhaube nicht behindern. Letztere mit ihrem GFK-Streifen aufzusetzen ist beim ersten Mal eine ziemliche Fummelei. Hat man aber den Dreh raus, klappt es schnell(er).



Sieben Zellen HeCell 1.100 mAh sorgen für langes und kraftvolles Flugvergnügen. Dem Spinner würden ein paar Millimeter weniger Durchmesser besser stehen.

Und was soll ich sagen? Mit voll laufendem Motor und einem kleinen Schubs ist „Rocky“ in seinem Element und beginnt einen Steigflug. Nur leicht muss mit Seitenruder korrigiert werden. Der Steigwinkel stellt sich von alleine ein und kann mit etwas Höhenruder sogar noch verstärkt werden. Die Wirksamkeit des Seitenruders ist unerwartet direkt und lässt das kleine Modell äußerst agil fliegen. Der Einsteiger sollte jedoch die Ausschläge deutlich kleiner machen oder mit mindestens 40 Prozent Expontential unterlegen.

Nach knapp 20 Sekunden ist vorerst genügend Höhe erreicht und der Motor wird ausgeschaltet. Beim Übergang in den Segelflug taucht „Rocky“ kurz ab, fängt sich aber von alleine nach wenigen Metern und beginnt einen langsamen Segelflug. Absolut eigenstabil fliegt er dahin. Kurven mit Seitenruder alleine gelingen, wenn sie nicht zu eng geflogen werden. Mit Unterstützung durch das Höhenruder klappt das dann auch eng und mit wenig Höhenverlust. Drückt man das Modell an, ist es erstaunlich flott unterwegs, setzt Überfahrt wieder in Höhe um und kommt auch noch gut gegen auffrischenden Wind an. Trimmt man dagegen auf „Hoch“, wird das alles sehr langsam, bei Gegenwind auch bis zum Stillstand. Übertreibt man, nickt „Rocky“ leicht nach unten und nimmt sich die Geschwindigkeit, die er zum Segeln braucht. So lässt sich anhand der Höhenrudertrimmung die Fluggeschwindigkeit und Gleitleistung ganz nach eigenem Gusto einstellen. Richtig viel Freude bereitet „Rocky" bei (abendlicher) Windstille. Dann lässt er sich bodennah mit laufendem Motor herumscheuchen. Langsame Vorbeiflüge in Minimalhöhe, weite Vollkreise mit wenigen Prozent Gasstellung und selbst einfache Kunstflugfiguren sind dank der hohen Eigenstabilität des Modells kein Problem.

Kurzum: ein Modell für jeden Tag, jeden Anlass und für jeden Piloten – vom Einsteiger bis zum Profi. Bravo Aeronaut, für dieses gelungene Holzmodell!
Philipp Gardemin



Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 4/2006

Das komplette Inhaltsverzeichniss 4/2006
Zur Heftbestelluwng bitte hier entlang.

© AUFWIND 2006