Die Vorgeschichte zu diesem Modell ist wahrhaft „filmreif“: Irgendwann 1968 flog der Schauspieler Steve McQueen in dem Kinostreifen „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ ein gelbes und irgendwie knubbeliges Segelflugzeug so durch eine Szene, dass bei mir sofort das Verlangen nach einem Modellnachbau entstand.

Eine Drei-Seiten-Ansicht und ein paar Daten aus einer alten OSTIV-Veröffentlichung hatte ich per Zufall zur Hand. Die einfache Linienführung würde den Bauaufwand in Grenzen halten und im Übrigen war da noch die „Konkurrenz“ in Person von AUFWIND-Autor Arnold Hofmann, der uns schon damals im Verein mit seinen ersten Scalemodellen „die Zähne lang zog“. Ihm wollte ich es gleich tun! Aber wie es nun mal so geht: Eintritt ins Berufsleben, verschiedene Ortswechsel, Heirat und einiges mehr nahmen mich total in Anspruch. Das Hobby blieb – nicht aber die Zeit zum Nachbau eines solchen Scale-Modells. Daran änderte sich nichts bis zum Jahr 2005. Da geriet die Website des Amerikaners Thomas Martin (www.tmrcsailplanes.com) in mein Blickfeld, mit eben jener „Schweizer 1-23“ als lasergeschnittener Holzbausatz. Und das war es dann! – Endlich!

Thomas Martin hat sich vor wenigen Jahren vorgenommen, die amerikanischen Segelflugzeugentwicklungen, anfänglich mit Schwerpunkt auf jene der Brüder Schweizer, nicht ganz im Dunkel der Geschichte verschwinden zu lassen. Dazu erarbeitet er bis heute maßgerechte Pläne und setzt sie in Datensätze für Laserschnitte um. Er übernimmt auch Pläne anderer Scale-Modellbauer. Die Brüder Schweizer waren in der Zeit der 30-er bis 60-er Jahre erfolgreiche Segelflugzeugentwickler und -hersteller in den USA. Die Firma existiert noch heute, konzentriert sich aber nur noch auf Hubschrauber und leichte Spezialflugzeuge. Die „1-23“ hatte ihren Erstflug 1948 und wurde dann über 15 Jahre lang in verschiedenen Versionen gebaut.

Im Vergleich zum hiesigen Interesse an „4 m und größer“-Modellen scheinen die amerikanischen Modellflieger mehrheitlich den Maßstäben 1:5 und kleiner den Vorzug zu geben. Die 3 m Spannweite der „1-23 H 15“ war demnach anfänglich enttäuschend gering und führte zu der Überlegung, einfach nur den Plan entsprechend zu vergrößern. Eine gewisse „Scheu“ bezüglich der Teileherstellung und das gute Zureden der AUFWIND-Redaktion, die das Projekt von Anfang an mit Interesse verfolgte, haben dies verhindert und es blieb beim originalen Bausatz. Dazu kam außerdem, dass wegen der relativ großen Flächentiefe und des hohen Rumpfes die Sichtbarkeit bei thermischen Höhenflügen jenen von größeren Modellen hätte entsprechen müssen.

Der Bausatz kam als „half-kit“ nach Deutschland, bestehend aus geschnittenen Rippen, Spanten und anderen Formteilen für Tragflächen und Rumpf, zusammen mit einiger Hardware, konisch auslaufenden CFK-Bändern (!) zur Holmverstärkung und gerollten Bauplänen. Zuzukaufen waren Leisten und Beplankungsmaterial, wobei ich gleich darauf hinweisen will, dass die Vermischung von Zoll- und metrischen Maßen kein Problem darstellte. Die Rumpfgurte waren vollständig als Formteile vorhanden und der Flächenhauptholm aus 1/8x3/8”-Leisten ist auch auf dem Plan schon mit 3x10 mm ausgewiesen. Lediglich die Endleiste (optional auch für die Querruder) aus 5/16x 11/2”-Vollbalsa bereitete Kopfzerbrechen, kann aber auch als Sonderanfertigung von größeren Balsahändlern bezogen werden. Ich habe aber den Weg mit kleinen Hilfsrippen und dem Aufbau mit der sowieso vorgesehenen Vollbeplankung beschritten, was auch eventuelle Probleme des Materialverzugs ausschloss und den Einbau von etwa 2° Schränkung erleichterte.


Ein wenig mehr Holzbauroutine ist beim Beplanken des Rumpfes gefragt, wenn die Arbeit sauber und ordentlich werden soll.

Eine ausführliche Bauanleitung in englischer Sprache war beigefügt, jedoch nicht immer ganz logisch und im Übrigen überflüssig für jemanden, der sich im Holzbau schon etwas auskennt. Das Modell war nicht schwierig zu bauen. Grunderfahrungen sollten aber schon vorhanden sein. So ein Modell ist in jedem Fall bestens geeignet für jene, die sich dem (wieder langsam?) wachsenden Trend zu wirklich selbst gebauten Modellen zuwenden wollen. Einige spezielle Anmerkungen sind aber vielleicht von Interesse:

Der Flächenbau kam zuerst, ganz konventionell: untere Beplankung, unterer Holm, Rippen, Verkastungselemente, oberer Holm, Nasenhilfsleiste, obere Beplankung. Die gelieferten CFK-Bänder in 10 mm Breite wurden nicht verwendet, weil Holz und Faser im Grunde völlig unvereinbare E-Moduli haben. Darüber hinaus ist seit den Zeiten der ersten Elektromodelle (deren Leichtbau teilweise zu weit getrieben war) bekannt, dass Hauptholme (z.B. bei der Belastung beim Abfangen) eher durch Schubversagen des oberen Holmes brachen, als durch Zugversagen auf der Unterseite. Nach guten früheren Erfahrungen wurde die damalige Technik wieder aufgegriffen: 10-mm-Balsa, stehende Faser, zwischen die ersten Rippen und Holme, weiter außen dann abgestuft mit 6- und 3-mm-Balsa. Durch den vollständigen Formschluss ist eine völlig hinreichende Steifigkeit und Festigkeit gegeben. Der Bauplan dagegen sah seitlich angeklebte 1,5-mm-Verkastungen vor. Der Einbau der CFK-Bänder hätte außerdem erfordert, alle Holmausschnitte an den Rippen individuell nachzuarbeiten.

Ein weiterer Punkt der Änderung war die Tragflächensteckung: Beigepackt war ein 3/8”-Aluminium (!) -Rundmaterial, das in Luftfahrtqualität diese Funktion erfüllen soll – und dies auch einwandfrei tut! Dazu gab es ein passendes Stück Messingrohr, aber eben nur in der Länge für die Steckung in der Tragfläche. Anleitung und Planbeschriftung waren sich nicht ganz einig, ob der Stab für die 3,5° große V-Form je Seite entsprechend gebogen und in den Rumpf eingeklebt werden sollte, oder ob die Rohre durch entsprechend schrägen Einbau in der Tragfläche für den Winkel sorgen sollten. Letzteres ging aus Platzgründen zwischen den Holmen nicht und Ersteres, vielleicht wegen zu zaghafter Biegeversuche, auch nicht. Die Lösung war ein über den Alustab laminiertes GFK-Rohr, das mittig getrennt wurde (ebenso wie der Stab) und dann in einem „Holmkasten“ unter entsprechendem Winkel im Rumpf eingebaut wurde. Dieser Holmkasten bildet jetzt die Steckungsaufnahme. Zum Transport können die Stäbe auch noch entfernt werden. Noch ein Detail: Die Störklappen bestehen aus einem vorgeschnittenen 1,5-mm-Sperrholzteil, das im wahrsten Sinne des Wortes „natürlich“ nicht gerade bleiben kann und damit sich nur mäßig in die Flächenkontur einschmiegen lässt. Ein dickeres, verleimtes Teil oder ein Stück Epoxi-Platine wären hier besser.


Die Tragflächensteckung besteht aus 3/8”-Aluminium-Rundmaterial, für das passendes GFK-Rohr la
miniert, mittig getrennt und so im Rumpf eingebaut wurde


Markant, kompakt – und ganz aus Holz! AUFWIND-Autor Herbert Eberbach hat sich mit seiner amerikanischen „Schweizer 1-23“ einen Jugendtraum erfüllt und viel Spaß bei der Holzarbeit gehabt


Als schließlich der Rohbau in der Auffahrt lag, machte sich ein Gefühl des Stolzes breit



Der Rumpf wurde auf einer Helling aufgebaut, auch wenn das im Grunde nicht erforderlich gewesen wäre

Der Rumpf wird auf den noch wenig erfahrenen Holzbauer vielleicht den Eindruck größerer Schwierigkeit machen – jedoch weit gefehlt! Die Genauigkeit der Laserschnitte ist hervorragend und alle Rumpfgurte, Kielbrett und Seitenteile sind formgefräst vorhanden. Wieder entgegen der Anleitung (zusammenpuzzeln der Frontpartie mit Gummibändern und Leimzwingen und dann verkleben) lässt sich der Rumpf sehr einfach aufbauen, indem der Kabinenhauptspant sauber winklig mit dem Kielbrett verklebt wird. Nach Leimtrocknung kann von dort ausgehend der ganze Rumpf, Stück für Stück und im Grunde ohne Helling, präzise zusammengesetzt werden. Diese Erkenntnis kam aber erst, nachdem Helling und Rumpfbau schon voll im Gange waren.

Etwas mehr Routine wird verlangt, wenn es an das Beplanken des Rumpfes geht. Die hinteren Bereiche lassen sich in größeren Stücken erarbeiten, jedoch muss die Frontpartie mit schmalen Balsastreifen und unter Verwendung von UHU-hart (oder Ähnlichem) beplankt werden. Die Verwendung von Weißleim, wider besseres Wissen hat bestätigt, dass die anschließende Schleiferei der Leimfugen unerfreulich wird.

Das Finish besteht aus Folie für Tragfläche und Leitwerk und Papier mit Füller und Lack für den Rumpf. Die Farbe und Beschriftung entsprechen – so gut es eben aus einem Videomitschnitt des oben genannten Filmes möglich war – dem genannten Vorbild.

Noch einmal war genaue Überprüfung angesagt, bei Schwerpunkt und Einstellwinkeldifferenz (EWD). Der sehr kurze Rumpfhebelarm und das recht kleine Höhenleitwerk ließen vermuten, dass das Modell empfindlich auf die Schwerpunktlage reagieren würde. Aus dem Plan war eine EWD von etwa 4° heraus zu messen, was nach bisherigen Erfahrungen eher zu viel schien. Eine Nachprüfung der Schwerpunktposition mit dem sehr einfachen Programm „Win_Schwer“ ergab auch eine weiter rückwärtige Schwerpunktlage, als im Plan angegeben. Also entstand ein Kompromiss: Die EWD wurde auf 1,3° eingestellt und der Schwerpunkt etwa 9 mm hinter die Planangabe gelegt. Gleich vorweggenommen: Der Erstflug bestätigte die geglückte Abschätzung, denn 10 g mehr Blei vorne und ein kleines bisschen Hochtrimm war alles, was zu korrigieren war.

Das Novemberwetter 2006 war gnädig und so fand der Erstflug im F-Schlepp statt. Die Spannung war ausnahmsweise ein klein wenig höher als normal, da auch keine Einstellwerte für die Ruder vorhanden waren. Doch alles verlief bestens. Die Seiten- und Höhenruderausschläge wurden noch reduziert und bei den ersten simulierten Thermikkreisen war festzustellen, dass einerseits die Seitenruderwirkung durch die V-Form sehr gut ist und auch das Höhenleitwerk allen aerodynamischen Belastungen standhält. Damit ist auch klar, dass das Thermikfliegen eine angenehme Übung sein wird. Die Bremswirkung der Klappen ist nicht gerade gewaltig, aber für die Landeeinteilung völlig hinreichend.

Die Entstehungsgeschichte dieses Modells war zwischen mehreren Modellbauern auch Thema im internationalen Internetforum auf www.rcgroups.com in der Rubrik „Scale Sailplanes“. Das Thema „1-23A from TMRC“ kann dort noch einmal mit mehr Einzelheiten und Baustufenfotos nachgelesen werden.

Kompakt, leicht zu transportieren, nicht überall anzutreffen, eine Freude zu bauen: die Vorfreude auf viele schöne Flüge in der neuen Thermiksaison ist groß. Ein „Jugendtraum“ ist in Erfüllung gegangen – auf zum nächsten Holzbau!

Herbert Eberbach





Die Tragflächen ganz in altbewährter Rippenbauweise ließen sich zügig aufbauen


Der „half-kit“ bestand unter anderem aus geschnittenen Rippen, Spanten und anderen Formteilen für Tragflächen und Rumpf


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