In den 50-er Jahren scharten sich einige österreichische Modellflieger um den bekannten Aerodynamik-Pionier Erich Jedelsky. Darunter auch der WM-Sieger 1951 Oskar Czepa. Diese Gruppe stand für eine neue Art von besonders leistungsfähigen Modellen. Die so genannte „Wiener Schule“ war damals ein Kristallisationskeim für den Modellflug schlechthin. Auch Gerald Skalla hatte als junger Maschinenbau-Student intensiven Kontakt zu dieser Gemeinschaft. Skalla entwarf zu dieser Zeit einige ausgesprochen extravagante A2-Modelle, die damals schon seine spätere berufliche Bestimmung als Maschinenbau-Professor erahnen ließen. Er war vier Mal WM-Teilnehmer und vertrat 1952 in Graz und 1953 in Lesce-Bled Österreich in der Klasse A2. Das Modell „A2-VB“ (VB steht für Vollbalsa-beplankten Flügel) wurde in Lesce-Bled eingesetzt, hier noch mit dem „FAI-Ei“ am Heck (es war ein Mindest-Rumpfquerschnitt vorgeschrieben). Damals waren drei Durchgänge mit je fünf Minuten Maximalzeit aus 100 Meter Höhe zu fliegen. Leider kam das Modell nach Auffassung der Zeitnehmer im ersten Durchgang angeblich außer Sicht und wurde abgestoppt. Somit war es kein Kandidat mehr das Stechen, obwohl es nach Angaben des Erbauers ausschließlich Maximalflüge absolvierte. Franc Zaic veröffentlichte im „Model Aeronautical Yearbook“ 1955/56 unter „Modern Austrian Design“ die Zeichnung des „A2-VB“-Modells, das kein FAI-Ei mehr besaß, da die internationale Querschnittsregel inzwischen weggefallen war. Der Autor konnte nach umfangreichen Recherchen den Kon?- strukteur Dipl. Ing. Gerald Skalla schließlich im Tiroler Stubaital aufspüren. Auf diese Weise kam er an die Originalzeichnungen des WM-Modells.

Auf Basis der Zeichnungen von Frank Zaic entstand 2007 eine Rekonstruktion, die die Optik des Freiflugmodells weitgehend treffen sollte. Das Modell wurde mit einer kleinen RC-Anlage ausgerüstet, da ein Einsatz beim jährlichen A2-RC-Fliegen in Illertissen geplant war. Die RC-Anlage dient dabei mehr dem Zweck des – wie die Engländer sagen – „radio-assist“-Fliegens, das heißt, der Pilot fliegt nicht das Modell sondern das Modell fliegt weitgehend selbst! Es wird nur korrigiert.

Dazu wurde die Anlenkung von Seiten- und Höhenruder minimalistisch gelöst: die Ruder stehen einseitig unter Leinenzug, der gegen einen Gummizug arbeitet. Der Originalflügel wurde von Skalla auf einer Helling aufgebaut. Dabei bildeten Formrippen auf einem Baubrett die Unterseitenkontur. Die Zwischenräume wurden mit Wachs ausgegossen und abgezogen. Das Mittelteil ging beim Original mit sanfter Rundung in das Ohr über, und nicht wie von Frank Zaic gezeichnet mit einem Knick. Leider war die Rekonstruktion schon im Entstehen, als der Erbauer an diese Information kam. Für RC-Zwecke erschien das Seitenruder etwas zu klein, sodass es gegenüber dem Plan leicht vergrößert wurde.

Als Ziel nahm sich der Erbauer vor, die Optik weitgehend zu wahren, jedoch das Modell statisch so zu verbessern, dass es alltagstauglich wurde. Dort, wo es aus heutiger Sicht unbedingt erforderlich war, wurden konstruktive Veränderungen vorgenommen ohne das Äußere zu beinträchtigen: Der Flügel wurde mit einer D-Box aufgebaut und erhielt einen CFK-Kastenholm, der von außen unsichtbar ist. So wurde das Modell praxistauglicher und lässt sich auch an eine Winde hängen. Der Leitwerksträger besteht beim Retromodell aus einem GFK- und nicht einem gewickelten Balsarohr wie beim Original. Die Flächenzunge wurde durch einen stehenden 6-mm-Flachstahl ersetzt. In der Luft hat das Modell an Optik gegenüber dem Original wohl kaum verloren. Bestimmendes Detail ist die große Finne auf dem Rumpf, die wohl die Funktion einer stützenden Seitenfläche im Kreisflug darstellen soll. Das gesamte Rumpfvorderteil ist aus Fichtenholz hergestellt. Die lange spitze Nase erscheint dabei Waffenschein verdächtig! Um das Fluggewicht mit RC bei maximal 500 g zu halten, musste der relativ lange Leitwerksträger auf Minimalstärke heruntergeschliffen werden. Höhen- und Seitenleitwerk mussten in extremer Leichtbauweise unter sorgfältiger Auswahl des Balsaholzes hergestellt werden, da wegen des extrem langen Leitwerksträgers jedes zusätzliche Gramm rund die fünffache Menge an Ballastblei erfordert. Als Anhaltspunkt: das Höhenleitwerk sollte bespannt nicht über 10 bis 12 g wiegen. Der Schwerpunkt liegt wegen der Vorpfeilung des Flügels bei etwa 22 Prozent der Wurzeltiefe. Das Trimmblei sollte möglichst nicht in der vordersten Rumpfspitze untergebracht werden, da das Massenträgheitsmoment um die Querachse sonst stark ansteigen würde (dieses hängt bekanntlich vom Quadrat des Abstandes vom Schwerpunkt ab).

Zunächst wurde die D-Box des Flügels hergestellt: Die Beplankung besteht aus 1 mm ausgesuchtem Quartergrain-Balsa. Anschließend wurde der Flügel auf einer Unterseitenhelling mit den hinteren Rippenhälften und der Endleiste komplettiert. Dann das Profil unten aufgedickt um die Festigkeit des Flügels zu erhöhen. Mit der sich ergebenden geringeren Wölbung fliegt das Modell flüssiger und lässt sich besser zurückholen. Auch das Höhenleitwerk wurde für RC-Zwecke symmetrisch profiliert. Da das Modell vorne viel Gewicht benötigt, wurde – anstatt es aufzubleien – ein 1.000-mAh-Akku eingebaut, was sich als Vorteil erweisen sollte. Die vier AAA-Zellen liegen dabei in einer Doppelreihe und reichen etwa bis zur Mitte des Rumpfvorderteils. Die Anlenkung der Ruder erfolgt über Dacronleinen. Sowohl das Seitenruder als auch das Höhenpendelruder sind mit Gummis vorgespannt und werden vom Servo nur gezogen. Diese Ansteuerung ist extrem leicht und hat sich für A2-Modelle bewährt. Das Höhenleitwerk wird durch einen einfachen Stahldrahtbügel in Position gehalten.

Das Einfliegen des neuen Modells wurde zum Trauma! Es wollte einfach nicht fliegen. Eine leichte Vorverlagerung des Schwerpunktes und vor allem ein 0,3-mm-Zackenband als Turbulator, dessen Vorderkante bei 16 Prozent der Profiltiefe positio-niert wurde, änderten das Verhalten grundlegend. Allerdings musste der Kurvenflug bisweilen immer noch kontrolliert werden, da das Modell wegen der schmalen Flügelaußenteilen keine hohen Anström-winkel vertrug. Eine Rückfrage bei Gerald Skalla ergab, dass man früher als Turbulenzerzeuger Mehl auf den frischen Lack des Flügels geblasen hatte. Zudem war beim Original eine negative Schränkung der Flügelenden eingebaut. Letztlich wurden die schmalen Ohren aber dann doch durch gewölbte Platten ersetzt, die auch bei geringen Re-Zahlen noch überkritisch arbeiten. Übrigens wurde – laut Konstrukteur – auch das dünne Originalprofil von einer gewölbten Platte abgeleitet.

 


Der Erbauer mit seinem Retro-Modell in Illertissen.

bildDie Eleganz des Modells wirkt bestechend.

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Der charakteristische Rumpfkamm dient der Vergrößerung der Rumpf-Seitenfläche.


Minimalistische Halterung des Höhenleitwerks mit Stahldraht-Steg und Gummizug.


Der Flügelquerschnitt mit CF-Holm, der von außen nicht sichtbar ist.


Das geodätisch aufgebaute Leitwerk hat ein Rohbaugewicht von 8 g.


Die Schleppmannschaft in Illertissen.


Ein Dokument der Akaflieg an der TU Graz: die Originalzeichnung des Modells aus dem Jahr 1954.

In Illertissen war es dann soweit: Bei ruhigem Wetter und idealen Bedingungen musste sich das Modell vor Publikum beweisen. Das ausgefallene Design erregte bei so manchem Teilnehmer Aufsehen. Mit der bewährten Fahrradwinde von Martin Meyr ging der „Skalla“ kerzengerade hoch und klinkte bei rund 150 Meter Höhe aus. Am zweiten Tag herrschte wiederum ideales Flugwetter mit spätsommerlicher Luft und ohne ausgeprägte Windrichtung. Um etwa 9.30 Uhr wurde das Modell gestartet und stieg nach dem Ausklinken aus rund 160 Meter Höhe zusammen mit einem Bussard nach oben weg. Dabei kam es nach kurzer Zeit in einen Dunstschleier und war außer Sicht. Die nahe Autobahn und ein Waldgebiet verhinderten das sofortige Einleiten eines Sturzfluges. Es folgte eine wilde Verfolgungsfahrt mit dem Auto, wobei der Sender ständig aus dem Fenster gehalten wurde. Nach rund einer Stunde wurde die Verfolgung abgebrochen, nachdem ein Spaziergänger berichtete, er hätte das Modell in großer Höhe davonfliegen sehen. Der Sender blieb vorsichtshalber eingeschaltet. Meldung bei der Polizei und eine Suchaktion mit einem UL vom nahen Segelflugplatz aus blieben ohne Erfolg. Der Besitzer hatte sich mit dem Verlust abgefunden!

Drei Wochen später jedoch kam dann die Meldung: Modell auf einer Wiese in etwa 250 Meter Entfernung vom Startort weitgehend unversehrt gefunden! Nun folgten Erklärungsversuche mit den wildesten Theorien! Tatsache ist, keiner hat das Modell während des ganzen Flugtages herunter kommen sehen. Obwohl doch ständig mehrere Modellflieger in den Himmel geschaut haben. Wahrscheinlichste Erklärung: das Modell flog in großer Höhe wegen umlaufender Winde weite Kreise und kam gegen Abend, als sich die Teilnehmer schon auf der Heimfahrt befanden, herunter.

So schließt sich der Kreis zur WM 1953: Modell außer Sicht und nach Erreichen der Maximalzeit wieder aufgetaucht!

Dr. Heinrich Eder


Gerald Skalla mit seinem „A2-VB“ 1953 bei der WM in Lesce-Bled. Am Rumpfende ist das so genannte FAI-Ei sichtbar. Kurze Zeit später entfiel die Regel des Minimal-Rumpfquerschnittes.



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